PS · Einteilung · ICD/DSM
Die deskriptive Klassifikation (DSM-IV Cluster, ICD-10 Liste) wird durch die existenzanalytische Einteilung nach Grundmotivationen ergänzt, nicht ersetzt.
DSM-IV-Cluster
Cluster A · „sonderbar"
sonderbar, exzentrisch
Paranoide PS · Schizotypische PS · Schizoide PS. Tiefes Misstrauen, sozialer Rückzug, exzentrisches Erleben. Längles Anmerkungen: die paranoide PS gehört existenzanalytisch zur 3. GM — im Cluster A vielleicht angesiedelt, weil häufig mit Schizophrenie gekoppelt; die „schizoide" PS ist eigentlich eine „beziehungs-kalte" (2. GM), obwohl der Begriff sie der 1. GM zuordnen würde.
Cluster B · „dramatisch"
dramatisch, emotional, launisch
Antisoziale PS · Borderline-PS · Histrionische PS · Narzisstische PS. Affektive Instabilität, Beziehungsdrama. Anbindung: 3. GM, vier Untertypen (gesehen/gefühlt/bestätigt/integriert werden wollen).
Cluster C · „ängstlich"
ängstlich, furchtsam
Vermeidend-selbstunsichere PS · Dependente PS · Zwanghaft-anankastische PS. Anbindung nach Längle (2000): ängstlich-vermeidend → 1. GM; zwänglich → 1. GM (+ 3. GM? — „Enge"); dependent → 4. GM (mit Fragezeichen).
Allgemeine diagnostische Leitlinien einer PS (ICD-10)
Nach Längles Lehrskriptum (2005/2023) — die allgemeinen Kriterien nach ICD-10 (DSM-5 ist ganz ähnlich), mit seinen Kommentaren:
Inhalt
Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen: Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken, Beziehungen zu anderen. Längle: Reagibilität — die Dinge kommen schnell an die Grenze des Erträglichen.
Andauernd und gleichförmig
Das abnorme Verhaltensmuster ist nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt.
Tiefgreifend und unpassend
In vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend. „Tiefgreifend" heißt: die „Substanz" betreffend — die Psyche, die in ihrer Struktur hier zum Vorschein kommt (Tiefenstruktur).
Beginn
Die Störungen beginnen „immer" (Längle: das ist übertrieben — oft!) in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter.
Subjektives Leiden
Deutliches subjektives Leiden — manchmal erst im späteren Verlauf.
Folgen
Meistens deutliche Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit — Längle: nur bei schweren Störungen.
Möller/Laux/Deister (1996) definieren PS als „tiefverwurzelte, anhaltende und weitgehend stabile Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen". PS sind kaum Störungen einer isolierten Person, sondern in der Regel Störungen der zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation. Klassisch Kurt Schneider (1923): eine Störung der Persönlichkeit liegt vor, wenn der Betroffene und/oder die Umgebung darunter leidet.
Längles GM-Einteilung
1. GM · Ängstliche Gruppe
Ängstliche PS · zwängliche PS (+ 3. GM? — „Enge") · hypochondrische PS (+ 2. GM? — Lebensbezug). Zentrales Erleben: „die Welt trägt nicht".
2. GM · Depressive Gruppe
Depressive PS (z.B. ICD-9, DSM-IV) · zyklothyme PS. Untergruppen nach dem Zweitthema: depressiv-ängstlich (1. GM), rein depressiv — Schuldgefühle, Ordentlichkeit, Defizitgefühle (2. GM), depressiv-ärgerlich (3. GM), depressiv-dependent (4. GM); ev. die „schizoide" = eigentlich „beziehungs-kalte" PS.
3. GM · Hysterische / soziopathische Gruppe
Die PS des Selbst — hysterisch, Borderline, narzisstisch, paranoid. Dazu als Sonderfälle: die paraexistentielle PS (keine Störung des Selbst, sondern des Weltbezugs — Rücksichtslosigkeit im Handeln, Durchbrechen des Sinnzusammenhangs) und die „(anti-)dissoziale PS?" (Problem ist nicht das Selbst, sondern die Schädigung der Gesellschaft). Hier finden sich die häufigsten PS-Bilder.
4. GM · Existentielle Gruppe
Dependente PS — von Längle mit Fragezeichen versehen. Zentrales Erleben: „ich tauge zu nichts, mein Leben hat keinen Ort".
Unreife Persönlichkeitsstörung
Alle vier existentiellen Ebenen sind in ihrer Entfaltung gleichermaßen retardiert.
Mischformen — klinisch häufig
PS treten selten in „reinen" Formen auf. Längle (2000) nennt als Beispiele für Mischungen:
- Passiv-aggressive PS
- Narzisstisch-dependente PS
- Ängstlich-depressive PS (1. + 2. GM)
Auch innerhalb der GM-Gruppen markiert Längle Querverbindungen mit Fragezeichen: die zwängliche PS (1. GM + 3. GM? — „Enge"), die hypochondrische PS (1. GM + 2. GM? — Lebensbezug). Die „schizoide" PS liest er gegen den Begriff: sie ist eigentlich eine „beziehungs-kalte" PS — Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Beziehungen und eingeschränkte emotionale Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit entsprechen der 2. GM, obwohl das Wort „schizoid" sie der 1. GM zuordnen würde (1. GM? — Sachlichkeit).
Fall-Beispiel
Anankastische PS — Cluster C oder 3. GM?
Patient mit ICD-Diagnose Anankastische PS (Cluster C): zwanghafte Ordnung, Perfektionismus, exzessive Listen, Schwierigkeit, Aufgaben zu delegieren. Existenzanalytisch ist zu klären: Leitthema Halt-Suche (1. GM — Ordnung als Boden gegen Bodenlosigkeit) oder Selbstkontrolle gegen Entwertung (3. GM — Perfektion als Schutz gegen Kritik und Scham)? Die Therapie verläuft sehr unterschiedlich: bei 1. GM Stabilisierung, Halt-Aufbau, Vertrauen in tragende Strukturen; bei 3. GM Selbstwert-Arbeit, Wertbegegnung, Reduktion des Perfektionsdrucks.
Verbindungen
Längle, A. (2000) · Einteilungsvorschlag der PS nach den GrundmotivationenLängle, A. (2005/2023) · Diagnostische Leitlinien ICD-10/ICD-11 (Lehrskriptum 3.2)Furnica, C. (2006) · Die paraexistentielle PSAPA · DSM-IV · WHO · ICD-10 · ICD-11 · Möller/Laux/Deister (1996) · Schneider (1923)