Störungen · PS-Einteilung

PS · Einteilung · ICD/DSM

Die deskriptive Klassifikation (DSM-IV Cluster, ICD-10 Liste) wird durch die existenzanalytische Einteilung nach Grundmotivationen ergänzt, nicht ersetzt.

Meta · 60-Sekunden-Take

DSM-IV: Cluster A sonderbar (paranoid, schizotypisch, schizoid), Cluster B dramatisch (antisozial, Borderline, narzisstisch, hysterisch), Cluster C ängstlich (vermeidend, dependent, zwanghaft). Längle ordnet nach GM: 1.GM „ängstliche Gruppe", 2.GM „depressive Gruppe", 3.GM „hysterische/soziopathische Gruppe" — die PS des Selbst (hysterisch, Borderline, narzisstisch, paranoid; dazu paraexistentiell und „(anti-)dissozial?" als Sonderfälle), 4.GM „existentielle Gruppe" (dependent, fraglich). Die häufigsten PS finden sich im Bereich der 3. GM. Allgemeine ICD-10-Leitlinien: tiefgreifendes, andauerndes, unpassendes Verhaltensmuster mit Beginn in Kindheit/Jugend, subjektivem Leiden und Leistungseinschränkung.

DSM-IV-Cluster

A

Cluster A · „sonderbar"

sonderbar, exzentrisch

Paranoide PS · Schizotypische PS · Schizoide PS. Tiefes Misstrauen, sozialer Rückzug, exzentrisches Erleben. Längles Anmerkungen: die paranoide PS gehört existenzanalytisch zur 3. GM — im Cluster A vielleicht angesiedelt, weil häufig mit Schizophrenie gekoppelt; die „schizoide" PS ist eigentlich eine „beziehungs-kalte" (2. GM), obwohl der Begriff sie der 1. GM zuordnen würde.

B

Cluster B · „dramatisch"

dramatisch, emotional, launisch

Antisoziale PS · Borderline-PS · Histrionische PS · Narzisstische PS. Affektive Instabilität, Beziehungsdrama. Anbindung: 3. GM, vier Untertypen (gesehen/gefühlt/bestätigt/integriert werden wollen).

C

Cluster C · „ängstlich"

ängstlich, furchtsam

Vermeidend-selbstunsichere PS · Dependente PS · Zwanghaft-anankastische PS. Anbindung nach Längle (2000): ängstlich-vermeidend → 1. GM; zwänglich → 1. GM (+ 3. GM? — „Enge"); dependent → 4. GM (mit Fragezeichen).

Allgemeine diagnostische Leitlinien einer PS (ICD-10)

Nach Längles Lehrskriptum (2005/2023) — die allgemeinen Kriterien nach ICD-10 (DSM-5 ist ganz ähnlich), mit seinen Kommentaren:

1

Inhalt

Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen: Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken, Beziehungen zu anderen. Längle: Reagibilität — die Dinge kommen schnell an die Grenze des Erträglichen.

2

Andauernd und gleichförmig

Das abnorme Verhaltensmuster ist nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt.

3

Tiefgreifend und unpassend

In vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend. „Tiefgreifend" heißt: die „Substanz" betreffend — die Psyche, die in ihrer Struktur hier zum Vorschein kommt (Tiefenstruktur).

4

Beginn

Die Störungen beginnen „immer" (Längle: das ist übertrieben — oft!) in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter.

5

Subjektives Leiden

Deutliches subjektives Leiden — manchmal erst im späteren Verlauf.

6

Folgen

Meistens deutliche Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit — Längle: nur bei schweren Störungen.

Möller/Laux/Deister (1996) definieren PS als „tiefverwurzelte, anhaltende und weitgehend stabile Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen". PS sind kaum Störungen einer isolierten Person, sondern in der Regel Störungen der zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation. Klassisch Kurt Schneider (1923): eine Störung der Persönlichkeit liegt vor, wenn der Betroffene und/oder die Umgebung darunter leidet.

Vertiefung · ICD-11: dimensionale Diagnostik statt Kategorien

Die ICD-11 (WHO 2019, gültig ab 2022) ersetzt die kategoriale Einteilung durch eine dimensionale Diagnostik: Erfasst werden Schweregrade der Funktionsbeeinträchtigung (leichte – mittlere – schwere PS, davor die Vorstufe „personality difficulty") und fünf prominente Persönlichkeitsmerkmale (Negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Anankasmus). Kern der Diagnose: überdauernde Störung des Selbst-Funktionierens (Identität, Selbstwert, Selbststeuerung) und/oder der interpersonellen Beziehungen, manifestiert in maladaptiven Mustern von Kognition, emotionalem Erleben und Verhalten über viele Situationen hinweg, mit deutlichem Leiden oder Funktionseinschränkung. Das alte Stabilitätskriterium entfällt — an seine Stelle tritt eine Mindestdauer von zwei Jahren. Einzige Ausnahme von der Auflösung der Kategorien: Borderline bleibt kategorial erfasst, weil sie als eigene, gut untersuchte und behandelbare Störform gilt (Kernberg).

Längles GM-Einteilung

1

1. GM · Ängstliche Gruppe

Ängstliche PS · zwängliche PS (+ 3. GM? — „Enge") · hypochondrische PS (+ 2. GM? — Lebensbezug). Zentrales Erleben: „die Welt trägt nicht".

2

2. GM · Depressive Gruppe

Depressive PS (z.B. ICD-9, DSM-IV) · zyklothyme PS. Untergruppen nach dem Zweitthema: depressiv-ängstlich (1. GM), rein depressiv — Schuldgefühle, Ordentlichkeit, Defizitgefühle (2. GM), depressiv-ärgerlich (3. GM), depressiv-dependent (4. GM); ev. die „schizoide" = eigentlich „beziehungs-kalte" PS.

3

3. GM · Hysterische / soziopathische Gruppe

Die PS des Selbst — hysterisch, Borderline, narzisstisch, paranoid. Dazu als Sonderfälle: die paraexistentielle PS (keine Störung des Selbst, sondern des Weltbezugs — Rücksichtslosigkeit im Handeln, Durchbrechen des Sinnzusammenhangs) und die „(anti-)dissoziale PS?" (Problem ist nicht das Selbst, sondern die Schädigung der Gesellschaft). Hier finden sich die häufigsten PS-Bilder.

4

4. GM · Existentielle Gruppe

Dependente PS — von Längle mit Fragezeichen versehen. Zentrales Erleben: „ich tauge zu nichts, mein Leben hat keinen Ort".

5

Unreife Persönlichkeitsstörung

Alle vier existentiellen Ebenen sind in ihrer Entfaltung gleichermaßen retardiert.

Mischformen — klinisch häufig

PS treten selten in „reinen" Formen auf. Längle (2000) nennt als Beispiele für Mischungen:

Auch innerhalb der GM-Gruppen markiert Längle Querverbindungen mit Fragezeichen: die zwängliche PS (1. GM + 3. GM? — „Enge"), die hypochondrische PS (1. GM + 2. GM? — Lebensbezug). Die „schizoide" PS liest er gegen den Begriff: sie ist eigentlich eine „beziehungs-kalte" PS — Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Beziehungen und eingeschränkte emotionale Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit entsprechen der 2. GM, obwohl das Wort „schizoid" sie der 1. GM zuordnen würde (1. GM? — Sachlichkeit).

Vertiefung · ICD-10 Spezifikum „Emotional instabile PS"

ICD-10 trennt die F60.3 in zwei Untertypen: den Impulsiven Typ (F60.30) — emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; Ausbrüche von gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten sind häufig, vor allem bei Kritik durch andere — und den Borderline-Typus (F60.31), der zusätzlich Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der „inneren Präferenzen", chronisches Leeregefühl, intensive aber unbeständige Beziehungen und selbstschädigendes Verhalten mit parasuizidalen Handlungen aufweist.

Vertiefung · Paraexistentielle PS (Furnica)

Furnica (1999/2006) hat das Konzept der „paraexistentiellen PS" eingeführt: eine PS, deren Hauptstörung im Weltbezug selbst liegt — der Mensch findet keinen Zugang zur Wirklichkeit als gemeinsam geteilte. Klinisch verwandt mit schizoiden, schizotypischen und stark dissozialen Bildern, aber existentiell eigenständig zu fassen. Die Therapie zielt auf die Wiederherstellung des Realitätsbezugs durch Begegnung und kontextuelle Einbindung.

Fall-Beispiel

Fall· DD-Beispiel

Anankastische PS — Cluster C oder 3. GM?

Patient mit ICD-Diagnose Anankastische PS (Cluster C): zwanghafte Ordnung, Perfektionismus, exzessive Listen, Schwierigkeit, Aufgaben zu delegieren. Existenzanalytisch ist zu klären: Leitthema Halt-Suche (1. GM — Ordnung als Boden gegen Bodenlosigkeit) oder Selbstkontrolle gegen Entwertung (3. GM — Perfektion als Schutz gegen Kritik und Scham)? Die Therapie verläuft sehr unterschiedlich: bei 1. GM Stabilisierung, Halt-Aufbau, Vertrauen in tragende Strukturen; bei 3. GM Selbstwert-Arbeit, Wertbegegnung, Reduktion des Perfektionsdrucks.

Quellen
  • Längle, A. (2000) · Einteilungsvorschlag der PS nach den Grundmotivationen
  • Längle, A. (2005/2023) · Diagnostische Leitlinien ICD-10/ICD-11 (Lehrskriptum 3.2)
  • Furnica, C. (2006) · Die paraexistentielle PS
  • APA · DSM-IV · WHO · ICD-10 · ICD-11 · Möller/Laux/Deister (1996) · Schneider (1923)