Störungen · Existentielle Dynamik

Existentielle Dynamik · Personwerdung verstellt

Auf existentieller Ebene ist Hysterie eine Störung der Personwerdung — die Person geht sich verloren, weil sie sich nicht gegenübertreten kann und von anderen nicht gesehen wurde.

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Längles Kernsatz: „Hysterie verstehen wir als Störung der Personwerdung durch Mißachtung der Person durch andere und/oder durch sich selbst." Der tiefste Prozess: sich nicht gegenübertreten und von anderen nicht gesehen werden. In der Mitte liegt ein „Grauen" — darum die Ich-Ferne, das Leben „auf der Grenze", Wunsch statt Wille, Suggestibilität, Naivität, Parasitärsein. Längles Formel: „Je weniger man weiß, was man will, desto wichtiger wird die Freiheit."

Die sechs personalen Grundaktivitäten — wo sie blockiert sind

1

Fühlung mit sich · innerer Dialog

Nicht gehaltene Nähe zu sich selbst — in der Mitte besteht ein „Grauen". Die Person „hat" sich nicht, geht sich verloren; es fehlt das „innere Gegenüber". Folge: Ich-Ferne, Leben „auf der Grenze" (ein Auge auf die Wirkung, ein Auge aufs eigene Erscheinungsbild), Veräußerlichung, innere Leere, Gefühllosigkeit, dissoziative Störungen des Körpers.

2

Sich-gegenübertreten · sich einschätzen (3. GM)

Nicht getroffene Stellungnahme zu sich → fehlende echte Wertschätzung für sich. Daraus das Mittelpunktstreben: ein Kampf um Anerkennung, Bestätigung und Lob — um von außen die Antwort zu bekommen, die er sich selbst nicht geben kann. Hysterische Menschen sind selbstunsicher, ohne innere Festigkeit.

3

Grenzen ziehen · für sich eintreten (1. GM)

Grenzen werden nicht gezogen und nicht eingehalten → Schutzlosigkeit, Überforderung, Übertreibung im Handeln, Enge und Druck („Symptom des letzten Augenblicks") — eine Strukturschwäche des Ich.

4

Verletzlichkeit in Intimität und Integrität (2. GM)

Nicht integrierte (abgespaltene) Schmerzen; Verletzungen der Schamgrenzen, der Würde, der Autonomie — die Erfahrung, übergangen und überfahren worden zu sein. Die Intimität ist so verletzt, dass die Person sich in ihr nicht mehr aufhalten kann → die Mitte wird nicht gehalten, es kommt zum Ausweichen in die Extreme.

5

Ursprünglichkeit im Eigenen

Das Eigene ist nicht gefunden, nicht ausgedrückt, nicht gelebt — Selbstsein erlischt, wenn man „von den anderen her" lebt. Das Hysterische ist darin parasitär: angewiesen, benutzend. Folgen: innere Einsamkeit, existentielle Leere, Suggestibilität, Naivität — Wunsch steht für Wille.

6

Person als soziales Wesen (3. GM)

Nicht gelungene personale Auseinandersetzung mit dem anderen, Fehlen echter Begegnungen → Verlassenheit und Einsamkeit mit Reaktionen wie Manipulieren, Druck machen, Erpressen bzw. Verführen, Beziehungen-Testen; Egozentrik — und die doppelte Angst, gesehen und nicht gesehen zu werden.

Ausweichen in die Extreme — die Mitte hält nicht

Weil in der Mitte der Schmerz sitzt, springt der hysterische Mensch zwischen den Polen — keine Stelle des Maßes, sondern Wechsel zwischen Schwarz und Weiß. Beides ist Veräußerlichung; beides erspart die Mitte.

1

Askese ↔ Hedonismus

Entweder ganz verzichten oder ganz genießen.

Strenge Diät, Verzicht, Selbstdisziplin als Identität.
Genuss-Exzesse, Konsum, „mir steht das zu".
2

Selbstlosigkeit ↔ Egoismus

Entweder ganz für andere oder ganz für sich.

Sich verausgaben, anderen alles geben, sich aufopfern.
Manipulativ alles für sich beanspruchen.
3

Starre ↔ Anschmiegsamkeit

Entweder ganz fest oder ganz weich.

Prinzipienreiterei, Unbeweglichkeit, „so bin ich nun mal".
Sich an jede neue Person anpassen, Suggestibilität.
4

Gefühllosigkeit ↔ Sensibilität

Entweder taub oder hauchempfindlich.

„Mir macht das gar nichts." — la belle indifférence.
Auf jeden Blick, jedes Wort reagieren — überzogen.
5

Eiseskälte ↔ Verletzlichkeit

Entweder Distanz oder zerbrechlich-offen.

Plötzlich abweisend, kein Zugang mehr.
Tränen, Zusammenbruch, „ich kann nicht mehr".

„Schau mich an, aber sieh nicht, wer ich wirklich bin!"

Die Doppelbotschaft des hysterischen Beziehungsverhaltens — Längle formuliert sie so paradox. Der Patient braucht den Blick (sonst kollabiert das Selbsterleben), und er fürchtet den Blick (denn er könnte das treffen, was nicht da ist). Genau deshalb wirkt hysterische Nähe so eigentümlich: sehr intensiv und doch nie ganz präsent. Therapeutisch heißt das: der echte Blick ist beides — heilsam und bedrohlich. Er muss erst aushaltbar werden.

Vertiefung · Frustraner Überwindungsversuch der Individualität/Sozietät-Spannung

Jeder Mensch lebt in der unaufhebbaren Spannung zwischen dem Eigenen und dem anderen, das sich gegenseitig befruchtet, aber auch beengt und begrenzt. Die hysterische Thematik ist in diesem Feld angesiedelt: Wie kann ich ich selbst sein — mit mir und mit dir, in der Gemeinschaft? Die Hysterie ist ein Leiden an der Enge und Begrenztheit menschlicher Existenz, weil sich das Ich nicht weiten kann am Du — und so in sich eingeschlossen bleibt. Sie ist ein frustraner Versuch, diese Problematik zu überwinden: der Weg über Beziehungslosigkeit und Grenzenlosigkeit führt nicht zur wirklichen Freiheit, sondern in die Verlorenheit.

Vertiefung · Personale Geburt als therapeutisches Fernziel

Längle nennt den Endpunkt der Hysterie-Therapie die personale Geburt: erstmals erlebt der Patient, dass er ist — unabhängig vom Blick des anderen. Diese Geburt geschieht am „Tor des Todes/der Auflösung": man hält den Schmerz aus, bis die scheinbare Auflösung kommt — und entdeckt, dass darunter etwas trägt. Aus diesem ersten „Sich-Sein" wächst Stellungnahme, Wille, Mitte.

Fall-Beispiel

Fall· Beziehungsthematik

„Jede neue Partnerin wird zur Mitte"

Patient, 42, drei abgebrochene Ehen, derzeit verliebt. Im Zuge der PEA-Arbeit erkennt er das Muster: jede neue Partnerin wird zur „Mitte" — solange sie ihn spiegelt, lebt er auf, ist charmant, voller Pläne. Beim ersten Konflikt kollabiert er, wird vorwurfsvoll oder weint. Therapeutische Wendung: „Was wollen Sie eigentlich von dieser Beziehung — unabhängig davon, ob sie es will?" Der Patient bleibt minutenlang still. Erste eigene Stellungnahme der Therapie beginnt zu wachsen.

Quellen
  • Längle, A. · Skript 2012, Kap. 8.2 · Existentielle Dynamik
  • Längle, A. (1997/01) · Handout: Psychopathogenese der Hysterie auf existentieller Ebene
  • Personale Existenzanalyse (PEA) als Korrektur-Methode