Existentielle Dynamik · Personwerdung verstellt
Auf existentieller Ebene ist Hysterie eine Störung der Personwerdung — die Person geht sich verloren, weil sie sich nicht gegenübertreten kann und von anderen nicht gesehen wurde.
Die sechs personalen Grundaktivitäten — wo sie blockiert sind
Fühlung mit sich · innerer Dialog
Nicht gehaltene Nähe zu sich selbst — in der Mitte besteht ein „Grauen". Die Person „hat" sich nicht, geht sich verloren; es fehlt das „innere Gegenüber". Folge: Ich-Ferne, Leben „auf der Grenze" (ein Auge auf die Wirkung, ein Auge aufs eigene Erscheinungsbild), Veräußerlichung, innere Leere, Gefühllosigkeit, dissoziative Störungen des Körpers.
Sich-gegenübertreten · sich einschätzen (3. GM)
Nicht getroffene Stellungnahme zu sich → fehlende echte Wertschätzung für sich. Daraus das Mittelpunktstreben: ein Kampf um Anerkennung, Bestätigung und Lob — um von außen die Antwort zu bekommen, die er sich selbst nicht geben kann. Hysterische Menschen sind selbstunsicher, ohne innere Festigkeit.
Grenzen ziehen · für sich eintreten (1. GM)
Grenzen werden nicht gezogen und nicht eingehalten → Schutzlosigkeit, Überforderung, Übertreibung im Handeln, Enge und Druck („Symptom des letzten Augenblicks") — eine Strukturschwäche des Ich.
Verletzlichkeit in Intimität und Integrität (2. GM)
Nicht integrierte (abgespaltene) Schmerzen; Verletzungen der Schamgrenzen, der Würde, der Autonomie — die Erfahrung, übergangen und überfahren worden zu sein. Die Intimität ist so verletzt, dass die Person sich in ihr nicht mehr aufhalten kann → die Mitte wird nicht gehalten, es kommt zum Ausweichen in die Extreme.
Ursprünglichkeit im Eigenen
Das Eigene ist nicht gefunden, nicht ausgedrückt, nicht gelebt — Selbstsein erlischt, wenn man „von den anderen her" lebt. Das Hysterische ist darin parasitär: angewiesen, benutzend. Folgen: innere Einsamkeit, existentielle Leere, Suggestibilität, Naivität — Wunsch steht für Wille.
Person als soziales Wesen (3. GM)
Nicht gelungene personale Auseinandersetzung mit dem anderen, Fehlen echter Begegnungen → Verlassenheit und Einsamkeit mit Reaktionen wie Manipulieren, Druck machen, Erpressen bzw. Verführen, Beziehungen-Testen; Egozentrik — und die doppelte Angst, gesehen und nicht gesehen zu werden.
Ausweichen in die Extreme — die Mitte hält nicht
Weil in der Mitte der Schmerz sitzt, springt der hysterische Mensch zwischen den Polen — keine Stelle des Maßes, sondern Wechsel zwischen Schwarz und Weiß. Beides ist Veräußerlichung; beides erspart die Mitte.
Askese ↔ Hedonismus
Entweder ganz verzichten oder ganz genießen.
Selbstlosigkeit ↔ Egoismus
Entweder ganz für andere oder ganz für sich.
Starre ↔ Anschmiegsamkeit
Entweder ganz fest oder ganz weich.
Gefühllosigkeit ↔ Sensibilität
Entweder taub oder hauchempfindlich.
Eiseskälte ↔ Verletzlichkeit
Entweder Distanz oder zerbrechlich-offen.
„Schau mich an, aber sieh nicht, wer ich wirklich bin!"
Die Doppelbotschaft des hysterischen Beziehungsverhaltens — Längle formuliert sie so paradox. Der Patient braucht den Blick (sonst kollabiert das Selbsterleben), und er fürchtet den Blick (denn er könnte das treffen, was nicht da ist). Genau deshalb wirkt hysterische Nähe so eigentümlich: sehr intensiv und doch nie ganz präsent. Therapeutisch heißt das: der echte Blick ist beides — heilsam und bedrohlich. Er muss erst aushaltbar werden.
Fall-Beispiel
„Jede neue Partnerin wird zur Mitte"
Patient, 42, drei abgebrochene Ehen, derzeit verliebt. Im Zuge der PEA-Arbeit erkennt er das Muster: jede neue Partnerin wird zur „Mitte" — solange sie ihn spiegelt, lebt er auf, ist charmant, voller Pläne. Beim ersten Konflikt kollabiert er, wird vorwurfsvoll oder weint. Therapeutische Wendung: „Was wollen Sie eigentlich von dieser Beziehung — unabhängig davon, ob sie es will?" Der Patient bleibt minutenlang still. Erste eigene Stellungnahme der Therapie beginnt zu wachsen.
Verbindungen
Längle, A. · Skript 2012, Kap. 8.2 · Existentielle DynamikLängle, A. (1997/01) · Handout: Psychopathogenese der Hysterie auf existentieller EbenePersonale Existenzanalyse (PEA) als Korrektur-Methode