Störungen · PS-Entstehung

PS · Entstehung

Eine PS entsteht nach Längle nur, wenn alle GMs in die Verarbeitung involviert sind. Das primär traumatisierte Thema bildet die Eintrittsstelle; von dort erschüttert die Störwirkung das ganze Gefüge.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle (1999): „Von einer PS kann nur gesprochen werden, wenn alle Grundbedingungen des Existierens in die Verarbeitung involviert sind." Die Eintrittsstelle ist die Ebene des traumatisierenden Themas. Durch Massivität, Dauer und dispositionelle Schwäche erfasst die Störwirkung alle anderen GMs als sekundäre Erschütterung — es bilden sich Epizentren. Trauma-Forschung (Freyd): Beziehungstraumata sind besonders perfide bei Abhängigkeit und vorgespiegeltem Vertrauen.

Schichtenmodell der PS-Entstehung

1

Eintrittsstelle

Die Ebene des primär traumatisierenden Themas. Kann in jeder GM liegen: Halt-Verlust (1.), Beziehungsabbruch / Wertverlust (2.), Selbstwert-Verletzung (3.), Sinn- / Kontextverlust (4.). Dispositionelle Schwäche dieser Ebene macht den Menschen besonders verletzbar.

2

Auswirkungs-Trias · Massivität · Dauer · Disposition

Ob aus einer akuten Verletzung eine PS wird, hängt von drei Faktoren ab: Massivität des Übergriffs, Dauer der Belastung (Wiederholung, Chronizität) und dispositionelle Schwäche der Eintrittsstelle. Erst die Kombination führt zur strukturellen Verformung.

3

Sekundäre Erschütterung aller GMs

Die Störwirkung breitet sich aus: ein verletztes Selbst (3. GM) lässt auch Beziehungen unsicher werden (2. GM), erschüttert den Halt (1. GM) und entwertet die Sinnaussicht (4. GM). Die fraktale Durchdrungenheit wird zur Krankheitsmechanik.

4

Bildung von Epizentren

Innerhalb des erschütterten Gefüges bilden sich Epizentren — Ebenen, in denen die Störung besonders virulent wird (z.B. Beziehungsbeben bei Borderline, Grandiositätsbeben bei Narzissmus). Diese Epizentren strukturieren das klinische Bild.

5

Verfestigung der Coping-Reaktionen

Die ursprünglich situativen Coping-Reaktionen (Flucht, Aktivismus, Aggression, Reflex auf 1. GM; Rückzug, Leistung, Resignation auf 2. GM usw.) werden zur stehenden Persönlichkeitsform. Die PS ist geboren.

Therapieordnung — von außen nach innen

Aus dem Schichtenmodell ergibt sich eine zwingende Ordnung der Therapie:

Vertiefung · Freyds Beziehungstrauma-Theorie (Betrayal Trauma)

Jennifer Freyd (1996) hat gezeigt, dass Traumata in Abhängigkeitsbeziehungen (Kind–Eltern, Patient–Arzt, Klient–Therapeut) eine besondere Pathogenität haben: das Opfer muss die Realität der Verletzung verdrängen, um in der notwendigen Beziehung weiterleben zu können. Diese Verdrängung erzeugt strukturelle Spaltungen — Vorbedingung vieler PS-Bilder, besonders Borderline und dissozialer Formen. Längle übernimmt diese Linie und ergänzt sie um die Frage nach der GM-Eintrittsstelle.

Vertiefung · Warum frühe Trauma-Arbeit retraumatisiert

Wer in den ersten Monaten der PS-Therapie das primäre Trauma „aufdeckt", reißt die noch nicht vorhandene Tragstruktur ein. Die Patientin / der Patient erlebt einen Zusammenbruch des Wenigen, was halt gegeben hatte — und identifiziert oft die Therapie selbst als Quelle der Verschlimmerung (mit folgendem Abbruch oder schwerer Krise). Erst eine belastbare Basis in allen vier GMs erlaubt das Trauma-Aushalten. Diese Regel gilt für alle PS, besonders für Borderline mit Missbrauchsgenese.

Fall-Beispiel

Fall· Verlauf

„Erst nach 14 Monaten kam das Trauma"

24-jährige Patientin mit Borderline-Diagnose berichtet erst nach 14 Monaten Therapie von sexuellem Missbrauch durch den Stiefvater (9.–13. Lebensjahr). Eintrittsstelle: 3. GM („ich bin falsch, weil verletzt"). Epizentrum: 2. GM (Beziehungen zerreißen regelhaft, Therapeut wird idealisiert und abgewertet). Sekundäre Erschütterung: 1. GM (kein Halt, körperliche Schmerzen, Schlafstörungen) und 4. GM (Sinnlosigkeit, wiederkehrende Suizidalität). Die Reihenfolge der Stabilisierung — erst Halt und Affektregulation, dann Beziehung, dann Selbstwert — hat die Tiefenarbeit erst möglich gemacht.

Quellen
  • Längle, A. (2005) · Persönlichkeitsstörungen und Traumagenese
  • Freyd, J. (1996) · Betrayal Trauma
  • Längle, A. (1999) · Voraussetzungen für die Diagnose einer PS