Paradoxe Intention
Eine der bekanntesten Frankl-Techniken — und keine bloße Methode der Angstkonfrontation. Die Person nimmt sich paradoxerweise genau das vor, wovor sie sich fürchtet. Damit unterbricht sie den Teufelskreis der Erwartungsangst und erfährt sich als jemand, der dem Bedrohlichen etwas entgegensetzen kann.
Wie sie wirkt
Die Paradoxe Intention dreht die Angst-Logik um: Wer Angst hat, dass etwas Schlimmes passiert, vermeidet — und die Angst wird größer. Wer paradox wünscht, dass es passiert, durchbricht die Vermeidung. Damit:
- wird der Erwartungsangst durch mutiges Provozieren der Boden entzogen,
- wird der unrealistische, überhöhte Anteil der Angst aufgedeckt,
- wird das realistische Scheitern-Können angenommen,
- wird die Grenze des Willens und die Notwendigkeit des Lassens geübt,
- wird das Erleben der Ohnmacht vor der Angst aufgehoben.
Frankl: „Die Angst wird unverrichteter Dinge nachgeben.“ (Frankl 1983). Der Betroffene erfährt sich wieder als jemand, der dasein, den Selbstanforderungen standhalten und dem bedrohlich Erlebten etwas entgegensetzen kann — diese Erfahrung stärkt das Grundvertrauen. Die PI ist deshalb im Kern keine symptomorientierte, sondern eine „grund“-legende, strukturbildende Vorgangsweise.
Das versteckte Wirkprinzip — Längle 2003
In „Im Bann der Angst“ legt Längle das Wirkprinzip phänomenologisch frei: Angst hat ihren Grund darin, dass wir das Gefühl haben, unter den gegebenen Umständen nicht sein zu können. Wer das mögliche Geschehen nicht lassen kann, will es kontrollieren, muss es kontrollieren — und gerät in den Teufelskreis: „Je weniger man kann, desto mehr beginnt man zu wollen. Je weniger Macht man hat, desto mehr strebt man nach ihr.“ Das ängstliche Wollen fixiert mit starrem Blick das Ergebnis — aber der Wille kann Realität nicht auf direktem Weg erschaffen oder verhindern. Genau dieses Wissen macht die PI fruchtbar:
- Umkehrung der Wollensintention: Da man mit dem Wollen einen Kollaps nicht verhindern kann, kann man ihn auch nicht herbeiführen. Die PI setzt die Ohnmacht des Wollens gegen die Angst ein — und steht damit „auf sicherem Boden“: es ist keine Provokation des Schicksals, sondern des eigenen Mutes.
- Übung im Lassen-Können: „para-dox“ heißt wörtlich „wider Erwarten“ — von der Meinung absehen und an ihr vorbei die Realität neu in Empfang nehmen. Es geht um ein Lernen von Lassen-Können, nicht um ein Lernen von Kontrolle.
- 1. Grundmotivation: Die Erfahrung, dass „nichts geschieht“, gibt Halt — letztlich jenes „Urvertrauen ins Dasein“ (Frankl). So verhilft die PI zu den drei Grundbedingungen der ontologischen Dimension: Schutz, Raum und Halt.
- Existentielles Paradox: „Daß sich die Freiheit auftut, wenn wir uns den Bedingungen unterwerfen.“ Frei ist, wer sich darauf einstellt, begrenzt zu sein, versagen zu können, sterben zu können.
Existenzanalytisch gesehen ist die PI damit mehr als eine Technik der Selbst-Distanzierung (so Frankl): sie ist eine Einstellungsänderung — die Akzeptanz der Abgründigkeit der Existenz und der Begrenztheit des Willens.
Beispiel (nach Frankl)
„Sie sollen umfallen — möglichst auffällig.“
Eine soziophobe Patientin hat Angst, durch ihren „torkeligen Gang“ aufzufallen und ob ihres Schwindelgefühls zu kollabieren. Sie lernt, sich vorzunehmen: täglich einen besonders auffälligen Ausgang zu unternehmen, dabei am besten gleich mehrmals zu kollabieren — vor der Wohnung der „heuchlerischen“ Nachbarin, dann im Geschäft, dann auf der Straße. Wie ein Stehaufmännchen wird sie zum Schrecken aller umfallen, alle sollen es bemerken und denken: „welch eine arme, verrückte Person …“
Voraussetzungen für den Einsatz
- Exakte Diagnose: Erwartungsangst (nicht generalisierte oder psychotische Angst).
- Vertrauensbasis zwischen Therapeut und Klient.
- Verständliche Information über Entstehung und Aufrechterhaltung der Angst.
- Ontologische Vorarbeit am Grundvertrauen (1. GM).
Praktisches Vorgehen — sechs Schritte (Längle 1987/2000)
Ansatzpunkt ist das Objekt der Angst (das „Wovor": der Kollaps, die Bakterien, die Situation) — nicht das Symptom (das Waschen, das Fliehen). Längles Formel: EA = „Haltungs-Therapie", VT = „Verhaltens-Therapie".
Indikation und Kontraindikation
Verhältnis zu anderen Methoden · Abgrenzung
Zwei häufige Verwechslungen (Lexikon):
- Symptomverschreibung: Der Patient erhält den Auftrag, das Symptom bewusst zu wiederholen (z.B. beim Waschzwang die Hände statt fünfmal zwanzigmal zu waschen). Die PI setzt dagegen nicht am Symptom an, sondern am „Wovor" der Angst.
- Paradoxe Intervention (Systemische Therapie, VT): Der Therapeut interveniert paradox mit einer Verhaltensanweisung von außen, das Problem zu erhalten. Bei der PI soll dagegen der Patient seine (innere) Einstellung zur Angst — die Erwartungs-Haltung — selbst ändern und mit der eigenen „Trotzmacht des Geistes" die Automatik der Vermeidung durchbrechen. Existenzanalytisch: Lernen von Lassen-Können statt Lernen von Kontrolle (Längle 2003).
In der Praxis wird der PI meist die Angstkonfrontation zum „Tor des Todes" vorangestellt (ontologischer Unterbau); komplementär steht die Dereflexion (bei Hyperreflexion), stützend die PP. Bei tieferer Bearbeitung später PEA.
Verbindungen
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichwort: Paradoxe Intention (Verfasser: L. Tutsch, A. Längle, in: Stumm/Pritz 2000).
- Frankl, V.E. (1938). Zur medikamentösen Unterstützung der Psychotherapie bei Neurosen (Erstpublikation); ausgearbeitet in Frankl (1982): Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, München; Frankl (1983): Ärztliche Seelsorge, 185f.
- Längle, A. (1987/2000). Paradoxe Intention — Handout (Definition, Geschichte, sechs Schritte der Anwendung, Wirkungen).
- Längle, A. (2003). Im Bann der Angst. Das versteckte Wirkprinzip der Paradoxen Intention von V. Frankl. In: Existenzanalyse 20/2, 4–11.
- Längle, S. (2001). Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. In: Existenzanalyse 19, 2+3 — PI als ressourcenprovozierende Methode (Erwartungsangstzirkel).