Methoden · klassisch (Frankl)

Paradoxe Intention

Eine der bekanntesten Frankl-Techniken — und keine bloße Methode der Angstkonfrontation. Die Person nimmt sich paradoxerweise genau das vor, wovor sie sich fürchtet. Damit unterbricht sie den Teufelskreis der Erwartungsangst und erfährt sich als jemand, der dem Bedrohlichen etwas entgegensetzen kann.

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Von Frankl 1929 entwickelt, 1938 publiziert. Die Angstkonfrontation wird übertrieben, übersteigert, humorvoll-spielerisch ausgestaltet — der Patient wünscht sich genau das, wovor er sich fürchtet, in besonders eindrücklicher Form. Wirkt durch Selbstdistanzierung und Ausdruck der „Trotzmacht des Geistes“ (Frankl). Indikation: Erwartungsängste, Zwangsstörungen, Schlafstörungen. Kontraindiziert bei generalisierten und psychotischen Ängsten.

Wie sie wirkt

Die Paradoxe Intention dreht die Angst-Logik um: Wer Angst hat, dass etwas Schlimmes passiert, vermeidet — und die Angst wird größer. Wer paradox wünscht, dass es passiert, durchbricht die Vermeidung. Damit:

  1. wird der Erwartungsangst durch mutiges Provozieren der Boden entzogen,
  2. wird der unrealistische, überhöhte Anteil der Angst aufgedeckt,
  3. wird das realistische Scheitern-Können angenommen,
  4. wird die Grenze des Willens und die Notwendigkeit des Lassens geübt,
  5. wird das Erleben der Ohnmacht vor der Angst aufgehoben.

Frankl: „Die Angst wird unverrichteter Dinge nachgeben.“ Sie ist im Kern eine strukturbildende Methode, keine symptomorientierte.

Beispiel (nach Frankl)

Therapie· Soziale Phobie

„Sie sollen umfallen — möglichst auffällig.“

Eine soziophobe Patientin hat Angst, durch ihren „torkeligen Gang“ aufzufallen und ob ihres Schwindelgefühls zu kollabieren. Sie lernt, sich vorzunehmen: täglich einen besonders auffälligen Ausgang zu unternehmen, dabei am besten gleich mehrmals zu kollabieren — vor der Wohnung der „heuchlerischen“ Nachbarin, dann im Geschäft, dann auf der Straße. Wie ein Stehaufmännchen wird sie zum Schrecken aller umfallen, alle sollen es bemerken und denken: „welch eine arme, verrückte Person …“

Sichtbar: die übertriebene, fast komische Ausgestaltung. Sie löst die Angst-Identifikation auf — die Patientin lacht über sich selbst und gewinnt Distanz. Das ist die Trotzmacht des Geistes im Vollzug.

Voraussetzungen für den Einsatz

Indikation und Kontraindikation

Indiziert
Erwartungsängste, Angststörungen, Zwangsstörungen, Schlafstörungen, unangemessene Angst- und Absicherungsphänomene.
Kontraindiziert
Generalisierte Angst (zu wenig konkrete Hypothese), psychotische Ängste (Realitätsprüfung erschüttert), Depressionen mit Suizidalität, schwere Persönlichkeitsstörungen ohne Stabilität.
Voraussetzung
Humor-Fähigkeit beim Klienten — wenn die übertriebene Ausgestaltung nur Angst macht, ist die Methode verfehlt.

Verhältnis zu anderen Methoden

Die PI ist nicht Exposition im verhaltenstherapeutischen Sinn. Exposition zielt auf Habituation; die PI zielt auf Selbstdistanzierung und Trotzmacht. In der Praxis oft kombiniert mit PP (Stabilisierung) und Dereflexion (Aufmerksamkeitsumlenkung). Bei tieferer Bearbeitung später PEA.

Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichwort: Paradoxe Intention
  • 3_Angst_-_13_-_Paradoxe_Intention_Lexikon.pdf · 3_Angst_-_14_-_Paradoxe_Intention_01.pdf
  • Frankl V.E. (1938): Erstpublikation; ausgearbeitet in Frankl (1982): Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, München.