Tor des Todes · Angstkonfrontation
Längles dreischrittige Methode zur konfrontativen Bearbeitung der Angst. Sie folgt der Struktur der Personalen Positionsfindung und führt den Patienten an seine eigene Vernichtungsangst heran — bis sich am Grunde des Abgrunds ein Boden zeigt.
Was ist die Methode?
A. Längle hat die Angstkonfrontation zum „Tor des Todes" 1996/2008 als Variante der Personalen Positionsfindung (PP) für die Angsttherapie ausgearbeitet. Sie ist die methodische Schlüssel-Operation der existenzanalytischen Angstbehandlung — und ein Gegenstück zum „Tor des Sterbens" in der Depressionsbehandlung.
Die Methode setzt voraus, dass die Angst im Raum bleiben darf — sie wird nicht vermieden und nicht beruhigt, sondern bewusst zu Ende gedacht. Erst wenn der Patient durch die Angst hindurchgegangen ist, kann sie ihre Vernichtungsdimension verlieren.
„Angst ist immer zugleich Todesangst (eigentlich Vernichtungsangst) und Lebensangst. Ist die Angst, nicht gelebt zu haben, es nicht ganz verwirklicht zu haben und deshalb vernichtet zu sein."
— A. Längle 1996/2008
Schritt 1 · „Was würde real passieren?"
Kognitiver Schritt. Einschalten der Wahrnehmung; Hinschauen auf die Realität → zum Realismus und zur Weltoffenheit.
Die Pointe dieses Schritts: Die Angst lebt davon, alles in der Sphäre des Möglichen zu halten. von Gebsattel hat den Ängstlichen als „Möglichkeitsmenschen" beschrieben, der gebannt ist vom Schrecken, was im Leben alles möglich ist. Er „macht um die Möglichkeit denselben Bogen wie um das Wirkliche". Schritt 1 reduziert die Phantasien zur konkreten Realität und gewinnt damit Boden.
Was diese Frage bewirkt — zehn Effekte
- Bezug zur Realität und Zurückstellen der Phantasien. „In der Angst sind die Phantasien meistens schlimmer als die Realität. Die Realität enthält etwas Triviales."
- Bezugnahme auf Fakten — auf das „numerisch Gegebene" und damit Kalkulierbare. Heraustreten aus dem Reich der Möglichkeiten, in dem für den Ängstlichen das Mögliche „fast Wirklichkeit" ist.
- Konkretheit der Angst gewinnen — Faßbarkeit, weil sie an die Realität angebunden wird. „Aha, das ist es, was ich befürchte" — etwa: Studienabbruch → Eltern enttäuscht → nicht mehr geliebt.
- Es bleibt Positives — auch nach der „Explosion der Bombe" bleiben Dinge bestehen. Die Welt geht trotzdem weiter.
- Ende des Schreckens: Schlimmeres kann es nicht mehr geben. Die phantasierte Wirklichkeit ist im allgemeinen schlimmer als die reale.
- Boden gewinnen — fester Halt im Gefüge einer Realität, die für sich besteht, auch wenn sie nicht erwünscht ist. „Boden am Grunde des Abgrunds." Die Realität operiert nicht zufällig.
- Blick für reale Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten — was trotz allem offen bleibt an Wegen und Mitteln.
- Ein Keim von Mut wird gelegt: „Daß ich das so anschauen kann, läßt ein Gefühl entstehen, daß ich mich der schlimmsten Angst stellen kann."
- „Ich könnte mich dem Angstmachenden gewachsen fühlen." Allein der ausgehaltene Blick mobilisiert Kraft.
- Beginn einer Gelassenheit, Lösung von den Gefühlen. „Zunahme von Sachlichkeit, existentielle Ernüchterung."
Wenn dieser Schritt nicht zur existentiellen Ernüchterung führt, ist die Zuwendung zu den Gefühlen (Schritt 2) wichtig.
„Sich am Grunde des Abgrundes wieder auf die Welt beziehen, weil sie der Ort ist, in dem wir uns befinden."
— A. Längle, Zusammenfassung Schritt 1
Schritt 2 · „Wie wäre das für mich, was wäre das Schlimmste für mich?"
Wahrnehmen der inneren Realität: der möglichen Gefühlsüberschwemmung vorbeugen → sich einfinden bei sich selbst, in der eigenen Realität, um nicht von sich überrascht und überrumpelt zu werden.
Wichtig ist, dass man sich traut, das zu fragen; dass man sich den Schock anschaut. Es geht nicht primär um Gefühle (in der Angsttherapie geht es um Wahrnehmung von sachlicher, haltgebender Realität), sondern um das Beleuchten der inneren Strukturen: Was würde das auslösen? Was wäre so schlimm? Was würde ich verlieren?
Indikation für Schritt 2
- Wenn die Lösung von den Angstgefühlen in Schritt 1 nicht gelingt — Annäherung an die Angstgefühle, sie fassen und anfühlen, um sie dann besser lassen zu können. Grundprinzip der Psychotherapie: erst nehmen, dann lassen.
- Bei Isolierung und Einsamkeit: Mit der Angst ist oft das Gefühl von Isolierung verbunden. Schritt 2 macht das Gefühl erlebbar, ermöglicht das Klagen — „wie furchtbar" diese Angst ist.
- Bei Ausweichen: Wenn jemand Angst hat, sie aber ständig wegdrängt. Schritt 2 aktualisiert das Angstproblem.
Konkrete Fragen
- „Kann ich mir überhaupt vorstellen, wie ich darauf reagiere? Womit muß ich bei mir rechnen? Kenne ich mich so weit?"
- „Kann ich mich so annehmen und mich aushalten?"
Ergebnis: Nimmt der Angst viel vom Schrecklichen, Unbekannten, Unvertrauten — wenn man seine Gefühle und Copingreaktionen kennt oder erahnt. Man wird sich selbst vertraut und weiß um die möglichen Konsequenzen.
Schritt 3 · „Was würde ich dann tun?"
Restrukturierung der Person und Finden des inneren Halts. „Es gibt keinen Zugang zum Sein ohne das Können."
Dies ist die wichtigste Frage der Angstkonfrontation. Der Patient wird fortlaufend konfrontiert: „Was würden Sie dann tun?" — und immer weiter, bis zum Äußersten, zum Tod. „Und was würden Sie dann tun?"
Konkret: Was würde ich in der ersten Minute, in der ersten Stunde, am ersten Tag, in der ersten Woche tun, wenn das Äußerste eingetreten wäre?
Auch das Schwere darf benannt werden: weinen, schreien, erstarren, sich betäuben. Und schließlich:
„Und wenn ich darüber sterben würde, in ein paar Tagen, in ein paar Wochen — weil ich es nicht ertragen konnte — könnte ich das akzeptieren? Wie wäre das dann für mich, wenn mein Leben so enden würde? — Könnte ich sagen: ‚Das also war mein Leben. Ich hab es mir anders vorgestellt, anders gewünscht, aber so war es.'"
— A. Längle, Schritt 3 in äußerster Konsequenz
Hermann Hesse: „… nimm Abschied, Seele, und gesunde!" Dieser Schritt ist Hinführung zum Lassen-Können.
Vier Auswirkungen — der Halt durch alle vier GMs
Freiraum durch Bewusstwerden eigener Fähigkeiten
Sich abstimmen auf die Möglichkeiten, die sich in der Situation auftun. „Kann man da noch etwas tun?" ist die ungläubige Frage des Ängstlichen in seinem Ausgeliefertsein. Antwort: „Wir haben noch immer etwas, auch wenn wir nichts mehr tun können — die Entscheidung; uns selbst."
Restrukturierung des Person-Seins durch Akthaftigkeit
Übergang vom passiven Opfer-Sein zum aktiven Mitgestalter des Lebens bis zum Tod. „Ich werde mir meines Person-Seins bewußt, selbst in der Angst." — Das Tun meint kein Aktivismus, sondern ein Sich-Stellen der Realität. Lassen, annehmen und entscheiden ist auch Tun.
Innerer Halt — fühlbar durch alle vier GMs
Mobilisierung eigener Kräfte. Halt wird fühlbar durch:
1. GM · Halt des Gegebenen, Erfahren des Seinsgrundes
2. GM · Halt durch Beziehungen bis zum Gefühl für den Wert des Lebens
3. GM · Halt im Zu-sich-selbst-Stehen — selbst in der Not bin ich bei mir
4. GM · Halt durch existentiellen Sinn und letzten Sinn
Eröffnung einer Zukunft
Wenn ich etwas tun kann, stehe ich nicht mehr an, es geht weiter. Selbst wenn ich daran sterben würde, steht das nun an und ist meine Zukunft. „Das Finden von Aktivität in der großen Angst ist gewissermaßen der Beginn eines Lebens nach dem Tode — nach einem Tod, der in der Angst gesehen wurde. Das Leben nach dem Tod ist reine Gelassenheit."
Vier Wirkungen — Σ
- Unbekanntes und Neues macht mehr Angst als Bekanntes → das wird abgebaut.
- Das Verfahren verbindet mit der Realität → gibt Boden.
- Innere Kräfte werden mobilisiert.
- Erfahren der Grenze und Umgang mit ihr: Grenze ↔ Lassen.
Existenzphilosophischer Hintergrund
„Ich bin mir des Lebens erst bewußt durch den Tod. Das Nichts individualisiert, stößt uns zurück ins Sein." Heidegger: Das Nichts ist revelatorisch für das Sein, wie der Hintergrund für den Vordergrund. Es gibt dem Sein seine Form, seine Grenzen — nicht räumlich, sondern zeitlich. Sein und Zeit ist dasselbe, Sein und Nichts ist auch dasselbe. Sein ist ein Übergang zum Nichts.
„Der Tod ist die Ermöglichung des Lebens. Sterben = voll-enden: ‚Das war das Ganze' → Angst: ‚Soll das das Ganze sein? Sonst nichts mehr?'"
Indikation und Kontraindikation
Fallbeispiel · Prüfungsangst
Die Studentin mit der Vernichtungs-Kaskade
Studentin mit massiver Prüfungsangst — sie kann nicht lernen, weicht aus, kommt mit körperlichen Symptomen.
Schritt 1 — Was würde real passieren?
Th: „Was würde im schlimmsten Fall passieren, wenn Sie zur Prüfung gehen?"
K: „Ich würde durchfallen."
Th: „Und dann?"
K: „Ich würde das Studium nicht fertig machen."
Th: „Und dann?"
K: „Ich würde meine Eltern enttäuschen."
Th: „Und dann?"
K: „Ich wäre nichts mehr wert. Ich würde nicht mehr geliebt."
Th: „Und dann?"
K (stockt): „Ich würde nicht mehr wissen, was ich überhaupt will."
Die Kaskade läuft nicht ins Beliebige, sondern landet an einem konkreten Punkt: Verlust des eigenen Weges. Aus diffuser Bedrohung wird ein präziser Schmerz.
Schritt 2 — Wie wäre das für mich? Was wäre das Schlimmste?
K: „Es wäre, als ob ich nicht mehr ich selbst wäre. Ich hätte mein Leben verloren, bevor es richtig begonnen hat."
Th: „Können Sie das aushalten — sich selbst so zu sehen?"
K (weint): „Es ist schrecklich. Aber jetzt, wo ich es sage, ist es nicht mehr so unheimlich. Ich weiß jetzt, wovor ich Angst habe."
Schritt 3 — Was würden Sie dann tun?
Th: „Angenommen, das tritt ein — Sie fallen durch, brechen ab, sind nicht mehr Sie selbst. Was würden Sie dann tun? Was würden Sie am ersten Tag tun?"
K: „Ich glaube, ich würde lange spazieren gehen. Mir Zeit lassen. Mit meiner Schwester reden."
Th: „Und in der ersten Woche?"
K: „Vielleicht — ich weiß nicht — eine Arbeit suchen. Etwas mit den Händen. Mir die Frage stellen, was ich eigentlich will."
Th: „Und wenn Sie daran sterben würden? Wenn Sie es nicht ertragen?"
K (still, lange): „Dann wäre das eben so. Aber ich glaube — ich würde das nicht. Ich habe gerade gemerkt, ich habe schon einen Plan."
Verbindungen
- Längle, A. (1996/2008): „Angstkonfrontation zum Tor des Todes" — Methodisches Handout, GLE-Lehrunterlagen (PDF:
3_Angst_-_4_-_Fragen_zum_Tor_des_Todes.pdf). - Längle, A.: Personale Positionsfindung (PP) — als methodisches Rückgrat.
- von Gebsattel, V. E.: „Möglichkeitsmensch" — Begriffsprägung zit. in Längle.
- Heidegger, M. (1927): Sein und Zeit, §40 (Angst als Grundbefindlichkeit).
- Bauer, J. (2003): „Ich habe eigentlich vor NICHTS Angst!" Existenzanalyse 20.