Phänomenologie
Vor jeder Methode steht die Haltung. Phänomenologie ist die Art und Weise, in der ein Mensch wirklich gesehen werden kann — nicht durch Vor-Wissen, sondern durch offenes Schauen. Sie ist die Grundbedingung jeder existenzanalytischen Begegnung.
Drei Säulen der phänomenologischen Haltung · Offenheit, Verweilen, Verstehen
Warum Phänomenologie überhaupt?
Längle stellt im Aufsatz „Das Bewegende spüren“ (2007) eine einfache, aber tiefgehende Frage: Mit wem sind wir eigentlich in Kontakt, wenn wir mit einem Menschen sprechen? Ist es ein Schema, eine Rollenfigur, eine Vorstellung von ihm — oder ist es der Mensch selbst?
Im Alltag handeln wir routiniert. Wir sehen den Klienten als Patienten, der ein Problem hat, dem wir mit einer Methode begegnen. Das ist nicht falsch — aber es übersieht: den Menschen selbst. Phänomenologie ist der bewusste Akt, diese Routine zu durchbrechen — und den Menschen zu sehen, als die Person, die er ist.
Die drei Säulen der Haltung
1Offenheit · Vorurteilsfreiheit
Husserls Epoché. Die methodische Suspension der Vorannahmen. Was ich über diesen Klienten zu wissen meine — die Diagnose, die Vorgeschichte, meine Erwartung —, klammere ich für diesen Moment ein. Nicht weil es falsch ist, sondern weil es verstellen kann, was sich jetzt zeigen will.
Das ist anspruchsvoll. Es heißt nicht, dumm zu tun oder Wissen abzulegen. Es heißt: nicht aus dem Wissen heraus zuerst zu schauen. Erst sehen, dann einordnen.
2Verweilen · Sich-berühren-lassen
Längles „das Bewegende spüren". Beim Phänomen bleiben. Nicht überfliegen, nicht gleich klassifizieren, nicht in die Reaktion springen. Im Wahrnehmen verweilen, bis sich das eigentliche Bewegende zeigt — das, was diesem Menschen, dieser Situation, diesem Moment eigentlich zukommt.
Das ist die emotionale Seite der Phänomenologie. Wer sich nicht berühren lässt, wird nichts Wesentliches sehen.
3Verstehen · Wesensschau
Heideggers hermeneutisches Verstehen. Aus dem Verweilen entsteht Erkennen — aber kein Erkennen von Daten, sondern Erkennen des Wesens. Was ist das hier eigentlich? Was rührt diesen Menschen? Was ist die Bedeutung des Geschehens für ihn?
Längle: „Wesentliches kann der Mensch erkennen dank seiner Fähigkeit zu verstehen. Die reine Empirie ist blind für das Wesentliche.“ Phänomenologie endet im Verstehen — nicht im Beschreiben.
Die sieben Elemente der phänomenologischen Haltung
Längle (2007, S. 21) nennt — ausdrücklich „beispielhaft“, denn die Haltung hat eine breite Fundierung — sieben tragende Elemente. Sie sind weniger Technik als innere Verfasstheit — und werden vor allem durch Selbsterfahrung, Supervision und Übung erworben.
Entscheidung
Innerlich wollen und bereit sein, sich auf das phänomenologische Schauen einzulassen. Ohne diesen vorbewussten Akt findet kein Schauen statt.
Hinwendung
Ganzheitliche Zuwendung mit allen Sinnen und Intuition. Freigabe der Aufmerksamkeit für das Wahrnehmen.
Offenheit und Verweilen in der Hingabe
„Sich innerlich öffnen bzw. sich offen halten für das, was auf einen wirkt — es einwirken lassen und darauf achten, wie es auf einen wirkt." (Längle 2007, S. 21)
Mut
„Um das Bekannte zurückzulassen und sich ‚gefangen' nehmen zu lassen, sich dem Anschauungsgehalt auszuliefern, ohne zu wissen, wessen man gewahr wird und was man zu sehen bekommt, braucht Mut. Kontrolle und Beeinflussung werden ebenso aufgegeben wie alles ‚Tun-Wollen'."
Vertrauen
In die „Unumstößlichkeit" des Geschauten (Scheler), in das Gehalten-Sein des Prozesses — und Selbstvertrauen, das aushalten zu können, „wessen man gewahr wird".
Geduld
„Der phänomenologische Prozeß braucht Zeit. Zeitvorgaben oder Grenzen stören den Ablauf."
Demut
„Bereitschaft, sich dem zu unterwerfen, was man zu Gesicht bekommt, und was sich in einem einstellt. Es ist eine Bereitschaft zur ‚Subjektivität' und zum Ertragen von Unsicherheiten."
„Phänomenologische Haltung: voraussetzungslose Offenheit in der Hingabe an den Anschauungsgehalt."
— A. Längle 2007, S. 23
Die drei Schritte · Reduktion — Konstruktion — Destruktion
Längle übernimmt von Heidegger (1975, §5) die methodische Dreigliederung. Sie korrespondiert in der EA mit den Phasen der Personalen Existenzanalyse — Phänomenologie ist damit das Eintrittstor in PEA.
Schritt 1 · Reduktion — „Was zeigt sich?"
Verlassen der interessegeleiteten Alltagshaltung; Aufmerksamkeit reduziert auf das, was sich zeigt. Statt zu beschreiben, wofür sich die Dinge eignen, deren Seinsweise betrachten. Phase der Deskription; Einklammerung aller Vorverständnisse (Epoché). Entspricht in der Praxis der PEA dem Schritt PEA 1 (Heben des phänomenalen Gehalts).
Schritt 2 · Konstruktion — „Wie ist es?"
Kernstück der Methode. Auseinander-Setzung der Grundzüge; durch erneutes Aufeinander-Beziehen entsteht eine Gestalt — und mit ihr eine Ahnung der inneren Möglichkeiten des Gegenstands. Die Komposition geschieht durch das eigene Wesen des Wahrnehmenden: „Mithilfe der eigenen wesenhaften Geistigkeit wird das geistige Band, das die Grundzüge verbindet, sichtbar." Entspricht PEA-1 (Verdichtung) und dem ersten Teil von PEA-2 (tieferes Verstehen).
Schritt 3 · Destruktion — „Ist es so?"
Abbau aller Sicherheiten, kritisches Hinterfragen des bisher Konstruierten und der unthematisierten Voraussetzungen (Menschenbild, Theorie, Stimmung). Die phänomenologische Schau kommt nie an ihr Ende, sondern lebt im fortlaufenden Annäherungsprozess. Endführung als dialogisches Angebot: „So ist es für mich — wie ist es wirklich — wie ist es für Dich?" Entspricht dem zweiten Teil von PEA-2 (Stellungnahme) und führt zu PEA-3 (Ausdruck/Handeln).
Korrespondenztabelle Heidegger ↔ PEA
| Heideggerscher Schritt | Leitfrage | PEA-Phase |
|---|---|---|
| 1. Reduktion | Was zeigt sich (spontan)? | PEA-1 — Deskription, Heben des phänomenalen Gehalts |
| 2. Konstruktion | Wie ist es? | PEA-1 + PEA-2 (1. Teil) — Verdichtung, tieferes Verstehen |
| 3. Destruktion | Ist es so? | PEA-2 (2. Teil) — Stellungnahme, dann PEA-3 — Ausdruck/Handeln |
Das generative Feld und die doppelte Offenheit
Tritt der Therapeut mit phänomenologischer Haltung mit einem Menschen in Kontakt, entsteht ein „generatives Feld" (Längle 2007, S. 21), in dem das Wesentliche in Erscheinung treten kann. „Generativ" — zeugend — weil im Feld aus eigener Kraft etwas Neues entsteht. Etymologisch: gr. gignosko (erkennen) leitet sich von gignomai (erzeugen) ab. Das Wir entsteht durch einander.
Damit das Feld trägt, braucht es eine doppelte Offenheit:
- Offenheit nach außen: Sich-Öffnen für das, was sich vom anderen her zeigt (Wesen der Sache).
- Offenheit nach innen: Aufmerksamkeit auf die Wirkung der Phänomene in mir — „zu dem, was mich gerade oder schon längst erfaßt und erreicht hat".
„Sich vom Patienten treffen lassen und die eigene Betroffenheit betrachten, sich dadurch von ihr auch wieder distanzieren. Denn erst Distanz ermöglicht Wahrnehmung."
— F. Lleras 2000, zit. in Längle 2007, S. 22
Sechs praktische Regeln in der Praxis
Längle (2007, S. 26–27) gibt sechs Daumenregeln für phänomenologisches Arbeiten:
Grenzen — wann Phänomenologie nicht angezeigt ist
Phänomenologie ist nicht universell. Längle (2007, S. 28) nennt drei Situationen, in denen sie zurücktreten muss:
- Im Funktionsalltag — wo Funktionsabläufe zu bewältigen sind, ist die „natürliche Erkenntnis" mit Subjekt-Objekt-Trennung praktischer.
- Wo Schutz und Verteidigung nötig sind — etwa bei feindlicher Macht oder fehlendem Einverständnis des anderen. „Phänomenologie kann sogar schädlich sein."
- Im Übergang zum Entscheiden und Handeln — „Handeln bedeutet, eine Macht einzusetzen, um etwas zu bewirken. Phänomenologie will aber frei lassen und sich nicht bemächtigen."
Fallbeispiel · Der Krokodil-Traum
Die Patientin mit Migräne und Krokodilen
Eine Patientin schildert ihre Migräne und erwähnt beiläufig einen Traum: „Ich bin von Krokodilen umgeben." Längle zeigt am Beispiel die drei Schritte:
Reduktion — Was zeigt sich? Das Eindrucks-Mosaik: der Moment des beiläufigen Erwähnens; die ungewöhnliche, nicht-heimische Tierart; die Bedrohlichkeit der großen Mäuler; das Sich-Vorfinden inmitten dieser Tiere; das Auftauchen in der Ruhe des Schlafes.
Konstruktion — Wie ist es? „Dieser Mensch fühlt sich bedroht und hat subjektiv das Gefühl, von wilden Wesen umgeben zu sein, die ihn auffressen könnten." Im Vergleich: eine tiefenpsychologische Interpretation („bedrohliche Fixierung in der oralen Phase, Aggressionshemmung, Mutter-Problem") wäre nicht mehr Phänomenologie.
Destruktion — Ist es so? „Welche Erfahrung haben Sie mit Krokodilen? Was empfinden Sie als bedrohlich? Krokodile sind sprichwörtlich für ‚Krokodilstränen' — könnte das im Bild eine Rolle spielen?" Auch Mimik, Stimme, Gestik werden befragt: Ist die Angst echt oder Dramatisierung?
Fragetechniken — wie man phänomenologisch fragt
Phänomenologie ist nicht nur Haltung — sie schlägt sich auch in einer bestimmten Frage-Sprache nieder. Phänomenologische Fragen suchen nicht Erklärungen, sondern laden zum Spüren ein. Sie öffnen, statt zu schließen. Sie verweilen, statt zu drängen. Eine kleine Werkzeugkiste:
Sechs Frageformen
Drei Frage-Haltungen, die man vermeiden sollte
Das Wichtigste: die Pause
Phänomenologische Fragen sind nur dann phänomenologisch, wenn man dem Phänomen Zeit gibt, aufzukommen. Eine Frage stellen, drei, fünf, acht Sekunden warten — das ist die eigentliche Tat. Klienten brauchen oft länger, als man meint. Wer sofort nachschiebt, schließt den Raum, in dem das Wesentliche entstehen könnte.
Längle: „Sich ausreichend Zeit nehmen für die In-form-ation — dann entsteht von selbst ein Ein-druck.“ Das ist die phänomenologische Maxime in einem Satz.
Fragensortiment in der PEA
Die Personale Existenzanalyse hat das phänomenologische Fragen zu einem geordneten Werkzeug ausgebaut — mit Grundfragen für jeden ihrer vier Schritte: „Was liegt vor?“ (PEA 0) · „Wie ist das für Sie?“ (PEA 1) · „Was halten Sie davon?“ (PEA 2) · „Wie können Sie das realisieren?“ (PEA 3). Die ausführliche Sammlung findest du auf der PEA-Seite.
Drei Zugänge zu Personen — und ihre Folgen
Längle unterscheidet drei Arten, mit einem Menschen in Kontakt zu treten:
Die Pause, in der etwas sichtbar wird
Eine erfahrene Therapeutin erzählt in der Supervision: „Vor zwei Wochen hatte ich diesen Patienten, der mir beim Schildern seiner Probleme so vertraut vorkam — wie der Klient X, den ich neulich hatte. Ich hatte schon den Reflex, die Methode anzuwenden, die dort gut funktioniert hat. Aber dann habe ich angehalten, drei Atemzüge lang einfach geschaut. Und auf einmal habe ich gesehen: er ist nicht wie X. Was bei ihm bewegt, ist etwas ganz anderes. Ich bin froh, dass ich angehalten habe.“
Verbindungen
- Längle, A. (2007). Das Bewegende spüren. Phänomenologie in der (existenzanalytischen) Praxis. Existenzanalyse 24/2, 17–29.
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Phänomenologische Haltung (F. Lleras), Phänomenologische Dialogübung.
- Husserl E.: Ideen zu einer reinen Phänomenologie; Heidegger M.: Sein und Zeit (1927); Heidegger M.: Die Grundprobleme der Phänomenologie (1975, §5)