Methoden · Sinn-Klärung

Sinnerfassungsmethode (SEM) · „4 W“

Längles methodische Antwort auf die Sinn-Frage. Vier Schritte: Wahrnehmen — Werten — Wählen — Wirken. Sinn ist „die für die Person wertvollste Möglichkeit in der konkreten Situation“ — und sie wird methodisch herausgearbeitet, statt abstrakt gesucht.

Meta · 60-Sekunden-Take

Von Längle 1988 im Rahmen der Logotherapie entwickelt. Die SEM operationalisiert die Sinnfindung in vier aufeinander folgenden Stufen: Wahrnehmen (was ist da, welche Möglichkeiten?) → Werten (was ist wertvoll?) → Wählen (welche der Möglichkeiten ist jetzt die wertvollste?) → Wirken (Umsetzung). Bemerkenswert: die SEM ist die Vorform der vier Grundmotivationen — Längle hat sie zuerst als Sinnmethode entwickelt und später erkannt, dass die vier Schritte den vier GMs entsprechen.

Die vier Schritte

1. Wahrnehmen
Realität sehen: was ist da, welche Bedingungen, welche Möglichkeiten? Phänomenologisches Schauen. Auch der Spielraum darin: was wäre alles denkbar?
2. Werten
Erfühlen, was wertvoll ist. Hierarchie aufbauen unter den Möglichkeiten. Hier ist das Gefühl das Erkenntnisorgan, nicht der Verstand.
3. Wählen
Sich für die wertvollste, jetzt realisierbare Möglichkeit entscheiden. Willensakt der Person.
4. Wirken
Tatkräftige Umsetzung. Erst im Sich-Einsetzen erhält der Sinn sein existentielles Gewicht.

Sinn enthält damit immer alle vier Qualitäten: Realitätsbezug und Realisierbarkeit · Emotionalität · Kognition, Freiheit und Gewissenhaftigkeit · Verbindlichkeit, Verantwortung und Aktivität.

Anwendungs-Beispiel

Therapie· Entscheidungssituation

Welche Stelle annehmen?

Eine Klientin steht vor der Wahl zwischen zwei Stellen. Die SEM strukturiert ihr Nachdenken:
Wahrnehmen: Was sind die realen Bedingungen, Anforderungen, Folgen jeder Option? Was übersehe ich vielleicht?
Werten: Welche Werte sind in jeder Option enthalten? Was zieht mich emotional an, was stößt ab? Welche Hierarchie zwischen den Werten?
Wählen: Welche Option ist für mich, in dieser Lebenssituation, die wertvollste, die ich auch realisieren kann? Was sagt mein Gewissen?
Wirken: Was ist der erste konkrete Schritt? Wem sage ich es zuerst? Wann?

Sichtbar: die SEM gibt Entscheidungen Struktur, ohne sie zu mechanisieren. Sie führt durch alle vier Dimensionen, in denen Sinn gefunden wird.

SEM ↔ PEA

Die SEM ist die Vorform der PEA. Die vier W korrespondieren mit:

Beide Methoden machen die vierschrittige Personbewegung explizit — die SEM mit Blick auf Sinnfindung, die PEA als allgemeinere Personmethode.

Indikation

Klassisch: Entscheidungssituationen, Lebensphasen-Übergänge, Werte-Klärung, Suchtmotivation (verwandt mit der WSM), existentielle Frustration ohne klares Symptombild. Wenig geeignet bei akuter Symptomatik (zuerst Stabilisierung).

Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichwort: Sinnerfassungsmethode (SEM)
  • Längle A. (1988): Wende ins Existentielle. Die Methode der Sinnerfassung. In: Längle A. (Hrsg.) Entscheidung zum Sein. Piper, München, 40–52.
  • Längle A., Orgler Ch., Kundi M. (2000): Die Existenzskala ESK. Hogrefe-Beltz.