Sinnerfassungsmethode (SEM) · „4 W“
Längles methodische Antwort auf die Sinn-Frage. Vier Schritte: Wahrnehmen — Werten — Wählen — Wirken. Sinn ist — in Weiterführung der Franklschen Definition — „die wertvollste Möglichkeit in einer Situation“ (Längle 1988) — und sie wird methodisch herausgearbeitet, statt abstrakt gesucht.
Was ist Sinn? · Drei Eigenschaften
Frankls zentrale Überzeugung war es — so fasst Drexler (2000, S. 36) zusammen —, dass die tiefste Sehnsucht des Menschen sein Streben nach einem Sinn im Leben ist. Geht ihm dieser verloren, stellen sich Leere, Langeweile und Ohnmacht ein, die in das ‚existentielle Vakuum' (Frankl) und im schlimmsten Fall in die Depression münden. Drexler destilliert aus Frankls Sinnverständnis drei Eigenschaften, die die Methode der SEM überhaupt erst nötig (und möglich) machen:
- Sinn ist nicht allgemein gültig. Er ist „nicht verschreibbar, nicht beliebig machbar. Jeder Mensch ist ganz auf sich gestellt darin, was für ihn sinnvoll erscheint und was nicht."
- Sinn ist immer nur eine Möglichkeit, die auftaucht und wieder entschwindet. Es gibt unzählige Sinnmöglichkeiten in jedem Augenblick, aber sie müssen wahrgenommen und ergriffen werden.
- Sinn ist nichts Gegenständliches, nach dem man greifen kann.
„Aus der Distanz mit halbem Herzen gibt es keinen Sinn!"
— H. Drexler 2000, S. 36
Die Pointe: „So können wir ihm nur mit all unseren Sinnen auf die Spur kommen im Erspüren der Möglichkeiten, die auf uns zukommen." Die SEM ist Längles methodische Hilfestellung dabei.
Die vier Schritte
Sinn enthält damit immer alle vier Qualitäten: Realitätsbezug und Realisierbarkeit · Emotionalität · Kognition, Freiheit und Gewissenhaftigkeit · Verbindlichkeit, Verantwortung und Aktivität.
Die vier Schritte im Detail
Schritt 1 · Wahrnehmen
Am Beginn jedes Sinnfindungsprozesses steht die Informationsaufnahme. Drexler unterscheidet zwei Bewegungen:
- Wahrnehmen der Gegebenheiten — Leitfrage: „Was liegt vor; was ist geschehen, was sind die Rahmenbedingungen?"
- Wahrnehmen der Möglichkeiten — Leitfrage: „Was ist hier jetzt möglich, worum geht es da, was ist zu tun?"
„Es geht darum, möglichst vorurteilsfrei die Fakten einer Situation zu erfassen." Die typische Schwierigkeit: sich von Wahrnehmungsverzerrungen durch biografische Prägungen, Traumatisierungen oder fixierte Vorstellungen zu lösen — wo sich das nicht lösen lässt, ist der Wechsel auf die therapeutische Ebene angezeigt (vgl. Fall Karola unten).
Schritt 2 · Werten
Wert wird nicht gedacht, sondern gefühlt. Die wahrgenommenen Möglichkeiten werden durch emotionale Beziehungsaufnahme auf ihre Bedeutsamkeit geprüft. Leitfragen: „Was empfinden Sie dabei? Wie erleben Sie das? Wie wirkt es auf Sie?"
„Dabei geht der Mensch geistig aus sich heraus, läßt sich auf die Situation, den Gegenstand, die Handlungsmöglichkeit oder den anderen Menschen einfühlend ein und kann dann in sich selber fühlen, welchen Wert der Gegenstand für sein Leben und für sein Lebensziel hat. Je mehr wir uns auf den Gegenstand einlassen, desto mehr erfassen wir ihn in seiner Wertigkeit. Die reine, sachliche Wahrnehmung geht über in ein Wertfühlen, bei dem die Emotion beteiligt ist."
— A. Längle (2000, 16), zit. n. Drexler 2000, S. 37
Schritt 3 · Entscheiden (Wählen)
Aus der gefühlten Wertehierarchie heraus braucht es das Ja — den Willensakt, der die als wertvollste erkannte Möglichkeit zur eigenen macht. Leitfragen: „Sage ich ja dazu? Will ich es so entscheiden?"
Drexler hebt die „Vertragswirkung" hervor: „Der Akt erhält dann quasi Vertragswirkung, als ob man seine Unterschrift unter diese eine Sinnmöglichkeit setzen würde" (S. 37). Besonders wichtig, wenn die Umsetzung schwierig ist oder schwere Konsequenzen hat.
Schritt 4 · Durchführen (Wirken)
„Es ist, als ob durch die Entscheidung die Handlung nur mehr eine logische, nicht mehr aufzuhaltende Konsequenz darstellt."
— H. Drexler 2000, S. 37
In schwierigen Situationen (Kündigung, Scheidung, Alkoholverzicht) braucht es zusätzlich: Handlungsplan (genaue Abfolge), Durchspielen der Situation, Imaginationen, ggf. Belohnungen als Stützen.
Anwendungs-Beispiel — die Grundstruktur
Welche Stelle annehmen?
Eine Klientin steht vor der Wahl zwischen zwei Stellen. Die SEM strukturiert ihr Nachdenken:
Wahrnehmen: Was sind die realen Bedingungen, Anforderungen, Folgen jeder Option? Was übersehe ich vielleicht?
Werten: Welche Werte sind in jeder Option enthalten? Was zieht mich emotional an, was stößt ab? Welche Hierarchie zwischen den Werten?
Wählen: Welche Option ist für mich, in dieser Lebenssituation, die wertvollste, die ich auch realisieren kann? Was sagt mein Gewissen?
Wirken: Was ist der erste konkrete Schritt? Wem sage ich es zuerst? Wann?
Drei Schicksale — drei Wege durch die SEM
Drexler (2000) zeigt die SEM an drei Fällen, die jeweils einen anderen Anwendungstyp repräsentieren: Sinnverlust durch Wertverlust, Wertekonflikt mit Entscheidungslähmung und ein dritter Fall, in dem die SEM an ihre Grenze stößt.
Fall 1 · Martha S.
„Ich will nichts mehr im Leben."
Martha S., berufstätig, hochengagiert. Nach Schiunfall ist die rechte Hand gelähmt. Sie kommt mit der Aussage: „Ein Krüppel — ich will nichts mehr im Leben! Es ist so sinnlos und leer." Sie sitzt im Café, hängt am Fenster, wartet, bis ihr Mann fertig ist.
Wahrnehmen: In ersten Stunden klagt sie über Verlust der Arbeitsfähigkeit. Die Therapeutin (Drexler) bemerkt aber, was sie beiläufig erwähnt — Haushalt „tip-top", Stickereien (mit einer Hand!), Sonntag-Frühstücks-Ritual, Kaffeehausbesuche („dabei blitzte sogar etwas in ihren Augen"). Die Therapeutin fragt konkret nach „Wer, Was, Wann, Wo". Stück für Stück wird die Wahrnehmung breiter und differenzierter.
Werten — der Imaginationsdialog am Kaffeehaustisch:
Th: „Stellen Sie sich vor, Sie nehmen Ihre Kaffeetasse in die Hand, was spüren Sie?"
K: „Sie ist warm, schön warm."
Th: „Gehen Sie einmal mit Ihrer Nase ganz nah an die Schale!"
K: „Feucht, der Dampf steigt mir in die Nase. Aber es riecht gut, ich mag den Kaffeegeruch sehr."
Th: „Und nun?"
K: „Ich nehme vorsichtig den ersten Schluck. Er schmeckt mir. Mollig, süß, das Warme ist angenehm."
Th: „Und wenn Sie ihn schlucken?"
K: „Die Wärme geht bis in den Magen … ja, schon, wenn ich mir das so vorstelle, wird mir wohlig und warm."
Die Patientin wertet das immer wieder ab („Was ist das schon …?"). Die Therapeutin dreht die Frage um: „Was wäre, wenn Sie diese Tätigkeiten und Erlebnisse nicht hätten?" Martha: „Da würde ich schnell depressiv werden, ich würde dahinsumpern, vor dem Fernseher sitzen. Da wär' mein Leben wirklich aus."
Entscheiden — der Wendepunkt durch Selbstbeobachtung:
„Doch eines Tages war es soweit. Sie kam und erzählte, sie habe sich Fotos aus der Arbeitszeit angesehen: ‚Ich bin erschrocken, wie gestreßt ich ausgesehen habe. Da habe ich mir gedacht, eigentlich eine tolle Chance, ich kann es mir jetzt gut gehenlassen. Ich habe schon so viel gearbeitet im Leben, so viele Überstunden gemacht, jetzt darf ich das Leben genießen.'" Die Entscheidung fällt spontan.
Durchführen: „Für die Durchführung gab es kein Hindernis mehr." Schon im Werten hatte sich Martha neuen Lebensbereichen zugewandt; die Entscheidung gibt die nötige Kraft.
Fall 2 · Hans F.
„Bei meinem Sohn — oder daheim?"
Hans F., Pensionist. Seit Jahrzehnten von seiner Frau getrennt, gutes Verhältnis zum Sohn — „Das Wichtigste: ich habe ein gutes Verhältnis zu meinem Sohn." Der Sohn ist wegen eines Jobs nach Australien übersiedelt und bietet dem Vater an, ihn „mitzuverpflanzen". Hans konnte sich bis jetzt nicht entscheiden — die scheinbare Gleichwertigkeit der Möglichkeiten und ihre spürbare Verknüpfung mit negativen Konsequenzen lähmen ihn.
Wahrnehmen: Faktenaufnahme. Bei Bleiben: Sohn nur ein-, zweimal jährlich. In Australien: gemeinsames Leben möglich, aber ohne Fischen, ohne Heurigen, wenig Englisch. „Wissen's, da kenn ich mich aus, da sind halt meine Wurzeln — aber halt ohne meinen Sohn!" Die Fakten allein helfen nicht weiter — der nächste Schritt muss ins Spüren.
Werten — Imagination beider Optionen: In der Vorstellung „Australien" zunächst Helle: Wochenende mit Sohn und Schwiegertochter — „Die Welt ist einfach in Ordnung, wenn wir so sitzen und reden, was trinken …" Aber bei der Frage nach den Wochentagen schlägt die Stimmung um:
„Er wirkte bedrückt, nur stockend kamen Bilder: Er sah sich allein auf der Terrasse in einem Schaukelstuhl. Ein Gefühl des Verlorenseins breitete sich aus. Es stellte sich heraus, daß er nicht Englisch sprach und sehr daran zweifelte, es noch lernen zu können. Je länger wir uns diesem Bild widmeten, desto eingesperrter und gleichzeitig orientierungsloser fühlte er sich."
— Drexler 2000, S. 39
Die Imagination des Bleibens in Wien zeigt Überraschungen: „Verwundert stellte er fest, daß seine Woche hier recht ausgefüllt war. Das war ihm bisher nie aufgefallen." Die Heurigenrunde, die jahrzehntelangen Freundschaften — und ihre Wertigkeit kommt erst beim Imaginieren ins Bewusstsein: „Ich war mir dessen noch nie bewußt: sie würden mir fehlen!"
Entscheiden: Die Stimmung wechselt vom Depressiven, Leblosen zur Traurigkeit — aber Lebendigkeit. „Wissen's, je länger ich drüber nachdenke, umso klarer wird mir, wie ich mich entscheiden muß. Ich bin hier verwurzelt, alles was ich tu und denk, gehört hierher. Das kann man nicht einfach verpflanzen." In folgenden Stunden Trauer über die künftige Entfernung — sie hilft, die Entscheidung zu festigen.
Durchführen: Brief an den Sohn formulieren. Sorgen entschärfen — regelmäßige Briefe, spontane Telefonate, Reisen planen. Wochenenden bewusst gestalten. Freunde bei einem großen Treffen informieren, ihre Unterstützung sichern.
Fall 3 · Karola M. — wo die SEM an ihre Grenze stößt
„Gut wäre es erst, wenn ich mit meinen Kindern spielen könnte."
Karola M., attraktive junge Frau. Größter Wunsch: Familie — „Mit 30 Jahren sollte man eine Familie gegründet haben, nur dann ist das Leben sinnvoll, nur dann wäre ich meiner Bestimmung als Frau gefolgt." Ihre Eltern sind geschieden, als Karola zwei Jahre alt war; die Mutter konnte die Scheidung nie verwinden und gab die Botschaft mit: „Ehe und Familie sind der Lebenssinn."
Wahrnehmen: Die Therapeutin verweilt lange beim Wahrnehmen wegen massiver Verzerrungen. Sie fragt nach Beispielen, woran Karola das Glücklichsein der anderen erkennen könne — „Sie wollte schon zur Antwort ausholen, da stutzte sie und schüttelte im nächsten Augenblick den Kopf über ‚so eine Einbildung'." Die Idealisierung wird sichtbar.
Werten — Stocken: Beim Klavierspiel:
Th: „Wie haben Sie das Spielen erlebt?"
Karola: „Das war recht schön, aber die Luft war ja bald raus. Wozu sollte ich spielen, so für mich allein?"
Beim Boogie: „Gut wäre es erst dann, wenn ich mit meinen Kindern am Klavier spielen könnte!"
Die Grenze der SEM:
„Mir wurde deutlich, daß die Botschaften ihrer Kindheit und ihre verfestigten Vorstellungen ein Hinfühlen zu den Werten ihrer Situation nicht erlaubten. An diesem Punkt verließen wir das direkte Arbeiten mit der Sinnerfassungsmethode und wendeten uns der Aufarbeitung von Karolas biografischen Hindernissen zu."
— Drexler 2000, S. 39
Wechsel auf die therapeutische Ebene: Aufarbeitung der biografischen Hindernisse, die zu der hemmenden Fixierung geführt haben — in der EA der Ort der PEA. Nach deren Bearbeitung ist die Rückkehr zur SEM möglich (Drexler 2000, S. 41).
Indikation und Grenzen
Die SEM ist primär eine logotherapeutische Beratungsmethode. Drexler (2000, S. 40–41) klärt das Indikationsspektrum:
- Indikation A — Sinnverlust durch Wertverlust (Martha): Verschiedene Bereiche des Lebens ließen neue Sinnerfüllung vermuten, brauchten aber methodische Hilfe.
- Indikation B — Wertekonflikt mit Entscheidungslähmung (Hans): Mehrere Möglichkeiten in scheinbarer Gleichwertigkeit; Lähmung durch negative Konsequenzen.
- Voraussetzung beim Klienten: personale Fähigkeiten relativ gut entwickelt; Realitätswahrnehmung tragfähig; emotionales Beziehungs-Aufnehmen-Können vorhanden.
- Grenze: Pathologische Fixierung der Wahrnehmung (Karola). Hier Wechsel zur PEA oder BEA — und Rückkehr, sobald die Strukturarbeit den Boden geebnet hat.
„Hier erweist sich die enge Beziehung zwischen der Sinnerfassungsmethode auf der beraterischen Ebene und der Personalen Existenzanalyse auf therapeutischer Ebene als besonders vorteilhaft. Die Entsprechung der Schritte der beiden Methoden gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, an dem Punkt, an dem der Fortgang der SEM stockt, direkt in den jeweiligen Schritt der PEA zu wechseln — um nach dessen therapeutischer Bearbeitung wieder zur SEM zurückzukehren."
— H. Drexler 2000, S. 41 (leicht gekürzt)
SEM ↔ PEA
Die Schritte der SEM entsprechen den Schritten der PEA (Drexler 2000) — und sie „zeichneten die Entwicklung der Grundmotivationen vor" (Lexikon). Die vier W korrespondieren mit:
- Wahrnehmen ↔ 1. GM (Realität) ↔ PEA 0 (deskriptiv)
- Werten ↔ 2. GM (Wert) ↔ PEA 1 (Eindruck/Emotion)
- Wählen ↔ 3. GM (Eigenes) ↔ PEA 2 (Stellungnahme)
- Wirken ↔ 4. GM (Tun) ↔ PEA 3 (Ausdruck)
Beide Methoden machen die vierschrittige Personbewegung explizit — die SEM mit Blick auf Sinnfindung, die PEA als allgemeinere Personmethode.
Indikation
Klassisch: Entscheidungssituationen, Lebensphasen-Übergänge, Werte-Klärung, Sinnverlust nach Wertverlust — besonders, wenn Menschen durch Krisen, Verluste und Entscheidungsnöte belastet sind (Drexler 2000, S. 36). Wenig geeignet bei akuter Symptomatik und pathologischer Verfestigung von Einstellungen (zuerst therapeutische Ebene).
Verbindungen
- Drexler, H. (2000). „Schritte zum Sinn — Die Methode der Sinnerfassung." Existenzanalyse 17/1, 36–41 — mit drei Fallbeispielen.
- Längle, A. (1988). „Wende ins Existentielle. Die Methode der Sinnerfassung." In: Längle A. (Hrsg.) Entscheidung zum Sein. Piper, München, 40–52.
- Längle, A. (2000). Die Sinnerfassungsmethode (SEM). In: Längle A., Orgler Ch., Kundi M., Die Existenz-Skala. Manual. Hogrefe, Göttingen, 13–15.
- Längle A., Orgler Ch., Kundi M. (2000). Die Existenz-Skala ESK. Hogrefe-Beltz.
- Längle, A. & S. (2000). „Sinnerfassungsmethode (SEM)" — lexikalische Kurzfassung in EA 17/1, S. 41.
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Sinnerfassungsmethode (SEM).