Die personale Antwort auf das Sein-Können. Was die Coping-Reaktionen automatisch tun, kann die Person frei und entschieden tun: das, was ist, sein lassen können – und Stand halten.
Meta · 60-Sekunden-Take
Sein-Können vollzieht sich personal in zwei Tätigkeiten: Aushalten (die Kraft, am Platz zu bleiben) und Annehmen (das, was ist, in das eigene Leben hereinnehmen). Beides sind Formen des Sein-Lassens. Aushalten ist nicht Resignation, Annehmen ist nicht Gutheißen. Wo Annehmen gelingt, beginnt Veränderung; wo es fehlt, bleibt jedes Bearbeiten oberflächlich.
Aushalten
Aushalten ist die basalste personale Aktivität – das Ur-Können. Drei Bewegungen sind darin enthalten:
Feststellen, dass da etwas ist, dem ich mich mit eigener Kraft entgegenstellen muss, um selbst am Leben zu bleiben (mit meinen Werten und mir Wichtigem).
Prüfen, ob genug innerer Boden und Halt da ist, um den Platz behaupten zu können – verbunden mit dem Fühlen, diese Kraft zu haben.
Entschluss, nicht zu weichen, den Platz innezuhalten. Eine Treue zum Dasein.
Wichtig: Aushalten ist nicht Passivierung. Es ist eine Aktivität – und sie steht am Beginn und am Ende jeder anderen Aktivität. Wenn nichts mehr geht, kann man immer noch aushalten.
Wenn ich nichts mehr tun kann, kann ich noch immer etwas tun: aushalten.
Annehmen
Im Annehmen ist alles vom Aushalten enthalten – und mehr. Annehmen heißt, das Gegebene zur eigenen Wirklichkeit zu machen und sich darauf zu beziehen. Drei Konsequenzen folgen:
1. Realität hereinnehmen
Ich gebe der Wirklichkeit Zustimmung zu meinem Sein, mache das Geschehen zu meiner Wirklichkeit. Beim Aushalten bleibt es noch „draußen“; beim Annehmen nehme ich es an mich heran.
2. Ebene der Wahrheit
Ich lasse die Realität nicht nur auf mich wirken, ich berücksichtige sie in meinen Entscheidungen. Annehmen ist die Ebene, auf der Wahrheit handlungsleitend wird.
3. Demut
Ich löse mich von Vorstellungen und Wünschen, mache mich zum Subjekt (lat. subjicere – unterwerfen, zugrundeliegen). Ich nehme es als das, was es ist.
Voraussetzung: „Ich kann damit sein“
Annehmen-Können hat eine Voraussetzung: das Gefühl, damit sein zu können. Umgangssprachlich: „Ich kann damit leben.“ Genug Raum zum Atmen, kein Schutz-Verlust, genug Halt. Wenn dieses Grundgefühl fehlt, gelingt Annehmen nicht – und man muss zuerst an den Voraussetzungen arbeiten, nicht am Problem.
Praktische Folge: Wenn ein Klient ein Problem „nicht annehmen kann“, ist das kein Charakterfehler. Es heißt schlicht: es fehlt etwas an den Bedingungen, unter denen Annehmen überhaupt möglich wäre. Dahin geht die Arbeit zuerst.
Die drei Formen des Annehmens
Es kann sein
Die Welt darf sein, wie sie ist. „Ja, das ist so.“
Ich kann sein
Ich darf sein, wie ich bin – in dieser Welt. „Ja, ich bin hier.“
Wir können beide sein
Nebeneinander, vielleicht miteinander, „trotzdem“. Annehmen einer anderen Person: „Ich kann es / dich sein lassen, wenn es / du mich sein lässt.“
VertiefungAnnehmen ist nicht Gutheißen, Aushalten ist nicht Resignieren
Die häufigsten Missverständnisse. Klienten verwechseln Annehmen mit „es muss mir gefallen“ – und wehren sich entsprechend. Annehmen heißt nicht, das Geschehene gut zu finden. Es heißt: dem, was ist, die Existenzberechtigung nicht weiter abzusprechen. Erst dann kann ich entscheiden, was ich damit mache.
Aushalten wird ebenso oft mit Passivität verwechselt. „Aushalten heißt für mich, dass ich gar nichts tue.“ Nein – Aushalten ist eine aktive Haltung: nicht weichen, am Platz bleiben, sich nicht aufgeben. Die Aktivität ist innen, nicht außen.
Exkurs: Realität und Wirklichkeit
Längle unterscheidet sorgfältig: Realität ist die „Sache an sich“ – auf sie haben wir keinen direkten Zugriff. Wirklichkeit ist der Effekt der Realität am Subjekt, vermittelt durch Sinne, Erleben, Vorstellung. Wir handeln nie auf die Realität, sondern immer auf unsere Wirklichkeit.
Annehmen geschieht auf der Ebene der Wirklichkeit: wir lassen das, was uns erscheint, gelten – ohne behaupten zu müssen, es sei objektiv „die Wahrheit“. Das nimmt der Praxis viel Druck: wir müssen nicht die Realität annehmen (was unmöglich wäre), wir müssen unsere Wirklichkeit annehmen können.
Praxis-Frage: was, wenn jemand das einfach nicht „kann“?
Eine klassische Klagestelle in der Therapie: „Ich kann das nicht annehmen.“ Was tun?
Erstens: akzeptieren, dass es so ist. Wenn jemand etwas nicht annehmen kann, hat das einen Grund – meist auf der Ebene der Voraussetzungen (Schutz, Raum, Halt fehlt irgendwo).
Zweitens: nach den Voraussetzungen schauen. Wo hat der Mensch jetzt zu wenig Halt? Zu wenig Raum? Zu wenig Schutz? Daran arbeiten – nicht am Annehmen direkt.
Drittens: Aushalten als Vorstufe anbieten. „Sie müssen es nicht annehmen. Können Sie es für einen Moment aushalten – einfach: es ist so?“ Aushalten ist oft die Brücke zum späteren Annehmen.
Viertens: Sein-Lassen üben. Konkret, im Kleinen. Etwas, was schwer aushaltbar ist, für 30 Sekunden „sein lassen“ – nicht wegmachen, nicht verändern. Allein die Erfahrung, dass das geht, schafft Boden.
Therapie· Aushalten als erste Tat
Die Sitzung, in der nichts „passiert“
Ein Patient kommt mit massiven Panikattacken in die Therapie. Drei Sitzungen lang fordert er „Strategien“. Die Therapeutin antwortet ruhig: „Ich glaube, was Sie jetzt brauchen, ist keine Strategie. Sie brauchen jemanden, der mit Ihnen aushält, dass das gerade so ist. Können wir das einmal versuchen – einfach für zehn Minuten nichts machen, sondern nur sitzen und schauen, ob es geht?“ Der Patient schweigt erst, dann fängt er an zu weinen.
Sichtbar: Therapie als ge-meinsames Aushalten. Was hier passiert, ist nicht „nichts“, sondern das Gegenteil: zum ersten Mal seit Monaten erlebt der Patient, dass jemand das mit ihm aushält. Damit wird der Raum hergestellt, in dem später das Annehmen möglich wird.