Störungen · Gesprächsführung

Krisenintervention

Existenzanalytische Krisenintervention strukturiert das Gespräch entlang der vier Grundmotivationen — Schutz zuerst, Sinn zuletzt.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle (1995/97) hat die Krisenintervention als 4-GM-Gesprächsstruktur ausformuliert: zuerst Dasein/Sein-Lassen (1. GM), dann Nähe/Beziehung (2. GM), dann Eigenes finden (3. GM), schließlich Sinn/Handeln (4. GM). Der Mensch in der Krise ist „aus der Bahn geworfen" — er braucht zunächst gesichertes Gelände, jemanden, „der das Erlebte mit ihm aushält", nicht professionelles Tun. Stabilisierung vor Bearbeitung. Bei Suizidalität: Ich-Substitution möglich.

Die vier Schritte

1

Dasein · Sein-Lassen (1. GM)

Zuerst: Schweigen als Raum geben — als Ausdruck der Ehrfurcht vor der Größe des Ungeheuerlichen. Langsam die Realität anschauen: „Was ist passiert?" — und die tiefere Realität erspüren: Warum kommt er? Was will er? Der Berater bringt sich selbst ins Spiel und signalisiert durch Rückmeldung sein Dasein: „Ich bin ganz erschüttert … Das ist wirklich furchtbar." Beziehungsrahmen schaffen („Kommen Sie, setzen wir uns …"): den aus der Bahn Geworfenen in ein „gesichertes Gelände" bringen — Schutz, Raum, Halt; weg von der Gefahr, Entlastung, Ruhe. Evtl. sofortige Schutzmaßnahmen und medizinische Erstinterventionen. Der Mensch in der Krise braucht jemanden, der ihn führt und ihm Struktur bietet, weil er ganz mit dem Schmerz beschäftigt ist.

2

Nähe aufnehmen · Beziehung aufbauen (2. GM)

Das Gefühl aufgreifen. Verstehen: Weinen lassen, die subjektive Betroffenheit zu verstehen versuchen — was ist das Wertvolle, das verloren ging? „Was tut so weh?" fördert die Nähe zu sich selbst. Zuwendung (mehr als Empathie): innerlich mitgehen und mitfühlen, das Eigene „einklammern", sich in seine Lage versetzen — so kann sich der Betroffene dem Verlorenen zuwenden, der Trauerprozeß wird vorbereitet und kann langsam beginnen. Schließlich bewerten, was geschehen ist und was es für das eigene Leben bedeutet. Der emotional Überlastete braucht jemanden, der mitfühlt.

3

Finden und Stärken des Eigenen (3. GM)

Eigenaktivität: Was könnte er tun, um in der Situation weiterzukommen — kann er schon selber etwas tun? Stellungnahmen anfragen: „Wie stehen Sie dazu? Wie verstehen Sie es?" Eigenes wiederfinden: Was ist ihm wichtig, was möchte er schützen, erhalten, wieder aufbauen — was kann er lassen? Dazu die drei Felder: Einstellungen (welche Haltung zur Situation, zu sich, zum Leben hat er — welche wäre realistisch?), Erwartungen (was erwartet er von mir, was stellt er sich unter Hilfe vor?), Entscheidungen (was sollte jetzt entschieden werden?). Auch: Was könnte er tun, damit nicht noch mehr Unglück entsteht (z.B. Alkoholismus, Verlust der Beziehung)? Grundsätzlich: Möchte er Opfer bleiben — oder überwechseln und auf das schauen, was zu tun wäre? Der Mensch in der Orientierungslosigkeit der Krise braucht jemanden, damit er wieder zu sich selbst kommt und zur eigenen Aktivität findet.

4

Verstehen des Sinns · Planen des Handelns (4. GM)

Gemeinsam versuchen zu realisieren, was ansteht — Begleitung aus dem passiven Opferdasein in eine aktive, mitgestaltende Existenz. Existentielle Wende: „Was will das Leben von mir, wenn es mich vor so eine Realität stellt?" Existentieller Sinn: die Aufgabe der Krise aufnehmen — Konsequenzen ziehen, weitergeben, was die Krise gelehrt hat. Ontologischer Sinn: das Ereignis eingebettet sehen in einen größeren, übergeordneten Zusammenhang — das „öffnet die Türe zur Religion". Nach der Lähmung der Krise braucht der Mensch wieder Sinn, um das Leben gestalten und Verantwortung übernehmen zu können — auch mit und nach einer Krise bleiben wir verantwortlich für unser Leben.

Suizidabklärung als Querschnitt

Suizidalität ist nicht ein eigener Schritt, sondern zieht sich durch alle vier Stufen — und muss früh und direkt angesprochen werden. 1. GM: direktes Fragen („Denken Sie daran, sich etwas anzutun?"), Sicherung des Ortes, ggf. stationäre Einweisung, Mittel sichern. 2. GM: Bündnis gegen den Suizid („Können wir miteinander vereinbaren, dass Sie sich bis morgen nicht verletzen?"). 3. GM: Werte aktivieren („Was würde fehlen, wenn Sie nicht mehr wären — für Sie, für andere?"). 4. GM: Anker im Konkreten („Was ist morgen früh das Erste, das Sie tun werden?"). Bei akuter Suizidalität gilt die Ich-Substitution: der Helfer trägt für eine Zeit das Wollen für den anderen mit.

Stützende Beziehung vs. professionelles Tun

Stützende Beziehung

Da-Sein als Grundakt.

Aushalten ohne Bewertung.

Mitgehen im Tempo des Betroffenen.

Schweigen als Form der Anwesenheit.

Trägt, was die Person allein nicht trägt.

Professionelles Tun

Diagnose, Einordnung, Klassifikation.

Erklärung der Dynamik.

Vorschläge, Handlungspläne.

Reden, gut gemeintes Trösten.

Vermeidet oft das, was eigentlich getragen werden müsste.

In der Krise zuerst Beziehung, dann erst Tun. Längle: Der Mensch in der Krise braucht in aller Regel jemanden, der das Erlebte mit ihm aushält, damit er Raum bekommt, um wieder dasein zu können — „es geht um das persönliche Aushalten, nicht um das professionelle".

Vertiefung · Existentielle Wende — Frankls Kehre

Frankls berühmte Kehre der Sinnfrage ist in der Krisenintervention das Tor zur 4. GM: vom „Warum ist mir das passiert?" zum „Was will das Leben jetzt von mir?". Die erste Frage führt in die Vergangenheit und in die Ohnmacht; die zweite Frage öffnet einen Handlungshorizont. Wichtig: diese Wende wird nicht von außen aufgedrängt, sie wird begleitet. Wenn sie zu früh kommt, wirkt sie zynisch — wenn sie zu spät kommt, bleibt die Person in der Trauer hängen. Der richtige Augenblick zeigt sich phänomenologisch: die Person beginnt selbst, von „morgen" oder „nächstem Schritt" zu sprechen.

Vertiefung · Verbindung zu Trauma-PEA und Hysterie-Suizidalität

Die Krisenintervention ist die Akutform der vier GMs — bei Trauma (siehe „PEA in Distanz") wird die 1. GM noch stärker betont, mit langer Stabilisierungsphase vor jeder Bearbeitung. Bei hysterischer Suizidalität (siehe „Suizidalität") ist die Anbindung an die 3. GM zentral — der Selbstwert wird angesprochen, nicht das Drama bedient. Die vier Schritte sind in allen drei Settings dieselben — das Mischungsverhältnis verschiebt sich.

Fall-Beispiel

Fall· Notdienst-Anruf

„Mein Mann hat mich nach 28 Jahren verlassen"

Frau, 51, ruft Notdienst an. Schritt 1: Sie wird eingeladen, geführt, der Berater hält Schweigen aus. „Sie sind hier. Wir nehmen uns Zeit." Schritt 2: Tränen, dann die Frage: „Was tut so weh?" Antwort nach langer Pause: „Ich habe keinen Wert mehr." Schritt 3: Was hat sie an Eigenem, das nicht am Mann hängt? Sie nennt zögernd ihren Beruf, ihre Schwester, einen Garten, den sie liebt. Drei Werte, an denen sie wieder andocken kann. Schritt 4 erst zwei Wochen später: „Was will das Leben jetzt von Ihnen?" — sie entscheidet, eine alte Berufsidee wieder aufzugreifen. Der Verlust bleibt. Aber das Leben kommt wieder in Bewegung.

Quellen
  • Längle, A. (1995, Fassung 1997) · Existenzanalytische Krisenintervention (Handout, Gesprächsstruktur entsprechend der 4 GM)
  • Frankl, V. · Die existentielle Wende der Sinnfrage