Störungen · Dissozial

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Dissozialität ist nach Längle (2006) die Unfähigkeit, sich authentisch und wertorientiert in einem kontextuellen Gefüge zu verhalten — wurzelnd in einem Beziehungstrauma, das die Welt grundsätzlich als betrügerisch erscheinen lässt.

Meta · 60-Sekunden-Take

ICD-10: dickfelliges Unbeteiligtsein, Verantwortungslosigkeit, Unfähigkeit zu längeren Beziehungen, geringe Frustrationstoleranz, fehlendes Schuldbewusstsein, Beschuldigungs-Neigung, andauernde Reizbarkeit. Längle: Dissozialität entsteht durch „Täuschung in erwartungsvollen Begegnungsversuchen" — dem Menschen wurde vorgetäuscht, gesehen zu werden. Folgen: kein Selbstbild, keine Selbst-Resonanz (kein Gewissen), keine Wertschätzung (keine Scham, keine Autorität). Therapie: Parenting + Kontextualisierung.

Die 7 ICD-10-Kriterien

1

Dickfelliges Unbeteiligtsein

Dickfelliges Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer; Mangel an Empathie.

2

Verantwortungslosigkeit

Andauernde Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen.

3

Unfähigkeit zu längeren Beziehungen

Unvermögen zur Beibehaltung längerfristiger Beziehungen.

4

Geringe Frustrationstoleranz

Niedrige Schwelle für aggressive Entladungen, einschließlich Gewalt.

5

Fehlendes Schuldbewusstsein

Unfähigkeit, aus Erfahrung, besonders aus Bestrafung, zu lernen.

6

Beschuldigungs-Neigung

Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das eigene Verhalten anzubieten, durch das die Person in einen Konflikt mit der Gesellschaft gerät.

7

Andauernde Reizbarkeit

Ständige, leicht auslösbare Reizbarkeit — „wenn ihnen etwas nicht gefällt".

Häufigkeit in unserem Kulturkreis: 1,7–3,5 % (in anderen Kulturkreisen offenbar deutlich darunter). Häufig vergesellschaftet mit narzisstischer, Borderline- und histrionischer PS, mit Suchterkrankungen und somatoformen Störungen.

Drei Genese-Thesen (Längle 2006)

1

Schwächung der Ich- und Selbstbildung

Verletzung durch Täuschung

Diese Menschen haben Beachtung, Gerechtigkeit und Wertschätzung nicht einfach nicht erhalten — es wurde ihnen vielfach vorgetäuscht, dass sie all das erhalten würden, und sie haben der Täuschung geglaubt. Der spezifische Schmerz: in dieser wachgehaltenen Erwartung langfristig und tief betrogen worden zu sein. Folgen: kein Selbstbild und keine stabilen Identifikationen, keine innere Bezugnahme auf sich (kein Selbst-Gefühl, kein autonomes Gewissen), keine Selbstwertbildung (keine Scham, keine natürliche Autorität).

2

Traumatisierung der Beziehungsebene

emotionale Taubheit

Das generalisierte Beziehungstrauma (Verrat, Betrug — vgl. Freyd: Verletzungen sind besonders traumatisch bei Offenheit und Abhängigkeit) führt zur typischen extremen Gefühllosigkeit, die als „dickfellig" imponiert. Die Gefühle werden dissoziiert: die emotionale Kapazität schwankt zwischen Gefühllosigkeit (fehlende Empathie) und Übersensibilität (Reizbarkeit). Ohne Mitfühlen keine Beziehung — und ohne Gefühle weder Verantwortungs- noch Schuldgefühl.

3

Kontextverlust

die zentrale Hypothese

Durch Milieu, Mangelerlebnisse und Traumatisierungen fehlt die Erfahrung der kontextuellen Eingebundenheit, die zur Selbstbildung nötig wäre. In der Folge können diese Menschen auch selbst keine konstruktiven, sinnvollen Kontexte schaffen. Zurück bleibt ein (reaktiv unterdrücktes) Gefühl des Verlorenseins, der Heimatlosigkeit, des Nicht-Dazugehörens — unerträglich ist, „keinen Fixpunkt" zu haben.

Spezifische Kompensation · Kontextkonstruktionen

Zum Ausgleich des reduzierten Selbst operiert der Mensch mit dissozialer PS nicht mit dem Mittelpunktstreben wie der Hysteriker, nicht mit der Beziehungsdimension wie der Borderline-Patient und nicht mit dem Thema Anerkennung wie der Narzisst — sondern mit Kontextstrebungen und Kontextkonstruktionen. Beispiel: das Operieren mit Betrug und Täuschungen. Für ihn ist Täuschung ein Äquivalent für Begegnung, Ersatz für ein interpersonales Feld — er steht ja selbst in einer Welt der Täuschung. So kann er zum gefühllosen Hochstapler werden, ohne ein schlechtes Gewissen zu empfinden; er schafft sich „seine Gerechtigkeit", die aber Selbstgerechtigkeit ist und einer Selbstjustiz den Boden gibt. Zusätzlich dient die Psychodynamik der Spannungsreduktion: Leben in Distanz und in einer provisorischen, unverbindlichen Haltung („Leben auf Widerruf"); aus der 3. GM Aktivismen wie Erlebnishunger, Zorn als Aggressionsreaktion, Dissoziation als Totstellreflex; aus der 4. GM spielerische Aggression (Vandalismus, Chaos, sinnlose Mutproben), Zynismus, Suchtverhalten und nihilistische Gleichgültigkeit.

Therapie-Grundzüge

1

Parenting

Begegnendes Sehen, klare Führung, verlässliche Begrenzung. Der Therapeut bietet, was die ursprünglichen Bezugspersonen nicht boten: konstantes, nicht-täuschendes Gegenüber. Anfänglich oft Mistrauen, langsamer Beziehungsaufbau.

2

Kontextualisierung

Aufbau eines Milieus von Dazugehören, Gebrauchtwerden, Sinnerfahrung. Therapie allein genügt nicht — der Patient braucht reale Kontexte (Arbeit, Beziehung, Gruppe), in denen er sich konturieren kann. Praktisch wertvoll: handwerkliche Tätigkeiten (Abläufe planen, Platz im Gefüge, Nützlichkeit erfahren — „ein Keim von Selbstwert"), Körperarbeit/Sport, stabiles soziales Umfeld, ständiges Realitätstraining (Erfahrungen reflektieren, Konsequenzen erklären). Trauma- und Deliktreflexion erst nach Aufbau der Ich-Strukturen — frühestens nach Monaten, u.U. erst nach Jahren; ein zu früher Verarbeitungsversuch erzeugt nur erneute Abwehr.

Eine Therapiemotivation kann nicht aus eigenen Stücken erwartet werden: keine Krankheitseinsicht, kein Zugang zu sich selbst, fixierte Abwehr — die Behandlung findet im Normalfall ohne Eigenmotivation statt und muss daher im Außen beginnen (therapeutisches Milieu, strukturiertes, durchschaubares Setting; Haftbedingungen können dafür ein günstiger Rahmen sein). Anfangs kann Angehörigenarbeit wichtig sein; aktives Beziehungshalten des Therapeuten (z.B. Anrufe, wenn der Patient nicht erscheint). Bewährt: Kombination von Einzel- und später straff geführter Gruppentherapie (Camps, gemeinsame Projekte, Einsatz in Notsituationen); intensive, lange Nachbetreuung. Dass Pharmakotherapie kaum Wirkung zeigt, stützt die Auffassung eines psychisch-geistigen (nicht biologischen) Defizits.

Ich-Aufbau (Längle 2006)

Längle ordnet die drei gestörten Ich-Funktionen den korrespondierenden äußeren Bedingungen zu:

Diese Tabelle ist die diagnostische und therapeutische Karte zugleich — sie zeigt, wo gearbeitet werden muss, und wie die äußeren Bedingungen bereitgestellt werden müssen, damit die inneren Funktionen wachsen können.

Vertiefung · Abgrenzung asozial vs. anom vs. dissozial

Asozial bezeichnet umgangssprachlich abweichendes Sozialverhalten — wertend, unscharf, klinisch unbrauchbar. Anomie (Durkheim) ist ein soziologischer Begriff: gesellschaftlicher Normenverfall, der Einzelne lebt in einem normfreien Raum. Dissozial ist die klinische Diagnose nach ICD-10 — eine strukturelle Persönlichkeitsstörung mit den genannten sieben Kriterien. Längle ergänzt die existenzanalytische Tiefe: dis-sozial = entkoppelt vom konstruktiven sozialen Kontext, nicht „asozial" im moralischen Sinn.

Vertiefung · Spektrum — vom Kriminalmilieu zum Top-Management

Dissoziale Strukturen treten in sehr verschiedenen Milieus auf. Im Kriminalmilieu sind sie offensichtlich (Gewalt, Diebstahl, Drogenhandel) — oft begleitet von Drogenkonsum und sozialer Verwahrlosung. Im Top-Management sind dieselben Strukturen oft unter Erfolgsleistung verborgen: kalkulierter Umgang mit Menschen als Mittel, fehlende Empathie als „Härte", Beschuldigungs-Neigung als „Führung". Hare und Babiak haben das als „successful psychopath" beschrieben. Längle bleibt strukturell: dissozial ist nicht primär eine Frage der Erfolgsskala, sondern der inneren Beziehungs- und Kontextfähigkeit.

Fall-Beispiel

Fall· Verlauf

„Ich bin asozial"

Dieter, 22, Student, beschreibt sich selbst als „asozial". 3-jährige Streitbeziehung, die vorherige Freundin hat sich umgebracht, er erinnert sich nicht an einen eigenen Wut-Ausbruch im Suff. Nach einem Jahr Therapie kann er erstmals formulieren: er braucht die Freundin als „Sicherheit", als „fixen Punkt", als „Familienersatz", als „Leuchtturm in der Ferne". Erstmals seit dem Studium ist er glücklich: „Ich habe etwas, das einen Sinn hat." — Der Fall zeigt: der Mensch braucht einen Kontext, um sich konturieren zu können. Wo der Kontext fehlt, fehlt auch die Person.

Quellen
  • Längle, A. (2006) · Das betrogene Selbst. Vom sozialen Verlorensein zur dis-sozialen Lösung
  • Furnica, C. (1999) · Die paraexistentielle PS
  • WHO · ICD-10 · F60.2