Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Dissozialität ist nach Längle (2006) die Unfähigkeit, sich authentisch und wertorientiert in einem kontextuellen Gefüge zu verhalten — wurzelnd in einem Beziehungstrauma, das die Welt grundsätzlich als betrügerisch erscheinen lässt.
Die 7 ICD-10-Kriterien
Dickfelliges Unbeteiligtsein
Herzlose Unbekümmertheit gegenüber den Gefühlen anderer.
Verantwortungslosigkeit
Andauernde Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen.
Unfähigkeit zu längeren Beziehungen
Beziehungen können nicht aufgebaut oder gehalten werden, obwohl die Person sie eingehen kann.
Geringe Frustrationstoleranz
Niedrige Schwelle für aggressive Entladungen, einschließlich Gewalt.
Fehlendes Schuldbewusstsein
Unfähigkeit, aus Erfahrung, besonders aus Bestrafung, zu lernen.
Beschuldigungs-Neigung
Deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten.
Andauernde Reizbarkeit
Anhaltende dysphorische Grundstimmung, häufige Wutausbrüche.
Drei Genese-Thesen
Ich-Schwäche
klassisch-psychoanalytisch
Mangelnde Über-Ich-Bildung, schwache Impulskontrolle, fehlende Internalisierung sozialer Normen. Erklärt die Symptomatik, aber nicht die Tiefe der Beziehungsstörung.
Beziehungstrauma
Längle / Freyd
„Täuschung in erwartungsvollen Begegnungsversuchen" — dem Menschen wurde von früh an vorgespiegelt, gesehen zu werden, ohne dass es geschah. Die Welt wird grundsätzlich als betrügerisch erlebt.
Kontextverlust
existenzanalytisch
Fehlende Erfahrung konstruktiver Kontexte (Familie, Schule, Gruppe). Wo der Mensch nie eingebettet war, kann er auch keine Einbettung schaffen — Dissozialität als Konsequenz.
Therapie-Grundzüge
Parenting
Begegnendes Sehen, klare Führung, verlässliche Begrenzung. Der Therapeut bietet, was die ursprünglichen Bezugspersonen nicht boten: konstantes, nicht-täuschendes Gegenüber. Anfänglich oft Mistrauen, langsamer Beziehungsaufbau.
Kontextualisierung
Aufbau eines Milieus von Dazugehören, Gebrauchtwerden, Sinnerfahrung. Therapie allein genügt nicht — der Patient braucht reale Kontexte (Arbeit, Beziehung, Gruppe), in denen er sich konturieren kann. Trauma- und Deliktreflexion erst nach Aufbau der Ich-Strukturen.
Ich-Aufbau (Längle 2006)
Längle ordnet die drei gestörten Ich-Funktionen den korrespondierenden äußeren Bedingungen zu:
- Beachtung von außen (1. GM) → führt zu Selbst-Beachtung → ermöglicht Identität · ohne sie: kein Selbstbild.
- Gerechtigkeit (2. GM) → führt zu Selbst-Achtung → ermöglicht Authentizität und Gewissen · ohne sie: keine innere Resonanz, kein Gewissen.
- Wertschätzung (3. GM) → führt zu Selbst-Wertschätzung → ermöglicht Scham und Autorität · ohne sie: keine Scham, keine anerkennende Begrenzung durch andere.
Diese Tabelle ist die diagnostische und therapeutische Karte zugleich — sie zeigt, wo gearbeitet werden muss, und wie die äußeren Bedingungen bereitgestellt werden müssen, damit die inneren Funktionen wachsen können.
Fall-Beispiel
„Ich bin asozial"
Dieter, 22, Student, beschreibt sich selbst als „asozial". 3-jährige Streitbeziehung, die vorherige Freundin hat sich umgebracht, er erinnert sich nicht an einen eigenen Wut-Ausbruch im Suff. Nach einem Jahr Therapie kann er erstmals formulieren: er braucht die Freundin als „Sicherheit", als „fixen Punkt", als „Familienersatz", als „Leuchtturm in der Ferne". Erstmals seit dem Studium ist er glücklich: „Ich habe etwas, das einen Sinn hat." — Der Fall zeigt: der Mensch braucht einen Kontext, um sich konturieren zu können. Wo der Kontext fehlt, fehlt auch die Person.
Verbindungen
Längle, A. (2006) · Das betrogene Selbst. Vom sozialen Verlorensein zur dis-sozialen LösungFurnica, C. (1999) · Die paraexistentielle PSWHO · ICD-10 · F60.2