PS · Definition
Bevor man von Störung spricht, muss klar sein, was Persönlichkeit ist — und was eine gesunde Persönlichkeit konstituiert.
Zwei Definitionen im Vergleich
Bezugsrahmen
Worauf zielt die Definition?
Funktion
Was leistet sie?
PS-Definition
Was ist dann die Störung?
Vier Grundeigenschaften der Persönlichkeit
Charakter
Die erworbene Schicht — Wertestruktur, Haltungen, Reaktionsmuster, die im Lebensvollzug geprägt wurden. Veränderbar, aber träge.
Temperament
Die angeborene Schicht — Erregbarkeit, Antrieb, Stimmungsgrundton, Reaktionsgeschwindigkeit. Konstitutionell, wenig veränderbar.
Intelligenz
Die kognitive Ausstattung — Auffassung, Verknüpfung, Differenzierungsvermögen. Mitbestimmend für die Verarbeitungstiefe von Erleben.
Körperliche Grundbedingungen
Vitalität, Konstitution, Vulnerabilitäten — der somatische Boden, auf dem die psychische Persönlichkeit ruht.
Diese individuellen Züge sind im Alltag wie unter Belastung weitgehend stabil und überdauern lange Zeit. Persönlichkeit ist daher mehr das Vorgegebene, Dispositionelle, das sich im Prinzip nicht ändern lässt — wohl aber überformen; und ein Umgang damit lässt sich erlernen (Längle 1999). Den Charakter fasst Längle kurz als „das Anerzogene + eigene Lebenseinstellung", das Temperament als „Art des Antriebs und der Aktivität, die sich in Gefühlen, Willensbildung und Triebleben zeigt".
Vier Fähigkeiten gesunder Persönlichkeit — abgelesen an den Kompensationen
Längle (1998) gewinnt die „Bausteine" der gesunden Persönlichkeit aus einer Rückwärts-Lektüre der Pathologie: Die vier Persönlichkeitsstörungen des Selbst setzen je eine spezifische, erhaltene Ressource der Person kompensatorisch ein, um das fehlende Selbstsein aufzufüllen. In jeder Kompensation steckt also eine echte Fähigkeit reifer Persönlichkeit:
Adaptabilität
Kompensation der hysterischen PS: Quantität und Vielfalt
Überstiegsfähigkeit statt Verharren und Schwerfälligkeit: Vielfalt, Wechselfähigkeit, Nicht-Fixiertsein (z.B. auf eine Beziehung), Selbstverständlichkeit im Gebrauch von Möglichkeiten und Mitteln (Geld, Beziehungen, Werkzeuge).
Beziehungsfähigkeit
Kompensation der Borderline-PS: Beziehungsnähe
Bindungsfähigkeit statt Bindungslosigkeit: Beziehung haben können, ohne klammern zu müssen — weil der Verlust keine Lebensbedrohung ist.
Selbstbezug
Kompensation der narzisstischen PS: Fixierung auf das Selbst
Selbst-Schätzung bei gleichzeitiger Offenheit für den Bezug auf andere: eine gute Beziehungsfähigkeit zu sich selbst — die Grundlage des Selbstwerts.
Kontextuelle Abgrenzungsfähigkeit
Kompensation der paranoiden PS: Wachsamkeit für Fremdkontrolle (Macht)
Starker Grenzschutz und Selbstschutz statt Ausgeliefertsein — Schutz gegen Ausnützen und gegen Machteinflüsse.
Fall-Beispiel
„Ich bin so, das ist halt mein Charakter"
28-jährige Patientin verweist auf ihren „Charakter", um wiederkehrende Beziehungsabbrüche und impulsives Reagieren zu erklären. Diagnostische Frage: handelt es sich um eine Temperaments-Eigenheit (lebhaft, schnell verletzt, dünnhäutig — in einem akzeptablen Rahmen) oder um eine fixierte Disposition mit Selbst- und Fremdschädigung? Erst Letzteres erfüllt die EA-Definition einer PS. Die Patientin selbst kann das nicht beurteilen — sie braucht den diagnostischen Außenblick.
Verbindungen
Längle, A. (1999) · PersönlichkeitsdefinitionLängle, A. (1998) · Dimensionen der gesunden Persönlichkeit (Curriculum 2.4)Längle, A. (2000) · Persönlichkeitsstörung. In: Stumm/Pritz, Wörterbuch der PsychotherapieBleuler · Kraepelin · ICD-10 · DSM-IV — historische Definitionslinien · Möller/Laux/Deister (1996)