Störungen · PS-Definition

PS · Definition

Bevor man von Störung spricht, muss klar sein, was Persönlichkeit ist — und was eine gesunde Persönlichkeit konstituiert.

Meta · 60-Sekunden-Take

Klassisch (Bleuler/Kraepelin/ICD/DSM): Persönlichkeit = Gesamtheit der psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Individualität geben. Längle: „psychische Struktur des Menschen, die den Fluß der Psychodynamik reguliert" — eine angeborene und erworbene Erlebnis- und Reaktionsdisposition. PS = „in der psychischen Dimension verankerte Struktur der Psychodynamik", deren Dynamik im Spalten der psychischen Integrität liegt. In den vier Kompensationen der PS des Selbst stecken vier Fähigkeiten gesunder Persönlichkeit: hysterisch → Adaptabilität, Borderline → Beziehungsfähigkeit, narzisstisch → Selbstbezug, paranoid → kontextuelle Abgrenzungsfähigkeit.

Zwei Definitionen im Vergleich

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Bezugsrahmen

Worauf zielt die Definition?

Klassisch · Persönlichkeit = Gesamtheit der psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die einem Menschen Individualität verleihen (Bleuler, Kraepelin, ICD, DSM).
Längle · Persönlichkeit = psychische Struktur, die den Fluß der Psychodynamik reguliert — eine angeborene und erworbene Erlebnis- und Reaktionsdisposition.
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Funktion

Was leistet sie?

Beschreibt was jemand ist — Eigenschaftsliste, deskriptiv. Persönlichkeit als Inventar.
Beschreibt wie Erlebnis und Reaktion gefiltert werden — Persönlichkeit als Regulierungs-Struktur zwischen Reiz und Antwort.
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PS-Definition

Was ist dann die Störung?

PS = überdauerndes, abweichendes Muster von Erleben und Verhalten, das in mehreren Lebensbereichen Beeinträchtigung erzeugt (ICD/DSM).
PS = in der psychischen Dimension verankerte Struktur der Psychodynamik, deren Dynamik im Spalten der psychischen Integrität liegt.

Vier Grundeigenschaften der Persönlichkeit

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Charakter

Die erworbene Schicht — Wertestruktur, Haltungen, Reaktionsmuster, die im Lebensvollzug geprägt wurden. Veränderbar, aber träge.

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Temperament

Die angeborene Schicht — Erregbarkeit, Antrieb, Stimmungsgrundton, Reaktionsgeschwindigkeit. Konstitutionell, wenig veränderbar.

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Intelligenz

Die kognitive Ausstattung — Auffassung, Verknüpfung, Differenzierungsvermögen. Mitbestimmend für die Verarbeitungstiefe von Erleben.

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Körperliche Grundbedingungen

Vitalität, Konstitution, Vulnerabilitäten — der somatische Boden, auf dem die psychische Persönlichkeit ruht.

Diese individuellen Züge sind im Alltag wie unter Belastung weitgehend stabil und überdauern lange Zeit. Persönlichkeit ist daher mehr das Vorgegebene, Dispositionelle, das sich im Prinzip nicht ändern lässt — wohl aber überformen; und ein Umgang damit lässt sich erlernen (Längle 1999). Den Charakter fasst Längle kurz als „das Anerzogene + eigene Lebenseinstellung", das Temperament als „Art des Antriebs und der Aktivität, die sich in Gefühlen, Willensbildung und Triebleben zeigt".

Vier Fähigkeiten gesunder Persönlichkeit — abgelesen an den Kompensationen

Längle (1998) gewinnt die „Bausteine" der gesunden Persönlichkeit aus einer Rückwärts-Lektüre der Pathologie: Die vier Persönlichkeitsstörungen des Selbst setzen je eine spezifische, erhaltene Ressource der Person kompensatorisch ein, um das fehlende Selbstsein aufzufüllen. In jeder Kompensation steckt also eine echte Fähigkeit reifer Persönlichkeit:

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Adaptabilität

Kompensation der hysterischen PS: Quantität und Vielfalt

Überstiegsfähigkeit statt Verharren und Schwerfälligkeit: Vielfalt, Wechselfähigkeit, Nicht-Fixiertsein (z.B. auf eine Beziehung), Selbstverständlichkeit im Gebrauch von Möglichkeiten und Mitteln (Geld, Beziehungen, Werkzeuge).

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Beziehungsfähigkeit

Kompensation der Borderline-PS: Beziehungsnähe

Bindungsfähigkeit statt Bindungslosigkeit: Beziehung haben können, ohne klammern zu müssen — weil der Verlust keine Lebensbedrohung ist.

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Selbstbezug

Kompensation der narzisstischen PS: Fixierung auf das Selbst

Selbst-Schätzung bei gleichzeitiger Offenheit für den Bezug auf andere: eine gute Beziehungsfähigkeit zu sich selbst — die Grundlage des Selbstwerts.

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Kontextuelle Abgrenzungsfähigkeit

Kompensation der paranoiden PS: Wachsamkeit für Fremdkontrolle (Macht)

Starker Grenzschutz und Selbstschutz statt Ausgeliefertsein — Schutz gegen Ausnützen und gegen Machteinflüsse.

Vertiefung · Big Five als deskriptive Folie

In der Persönlichkeitsforschung werden traditionellerweise fünf Dimensionen beschrieben, nach denen die Persönlichkeit „ziemlich vollständig" beschrieben werden kann („Big Five", nach Möller/Laux/Deister 1996): 1. Extraversion/Introversion (Orientierung nach außen bzw. innen), 2. Rigidität/Gewissenhaftigkeit, 3. Offenheit für Erfahrung, 4. Verträglichkeit versus Aggressivität (Pole: Duldsamkeit – Abwehr), 5. Neurotizismus (mangelnde emotionale Stabilität). Die Big Five beschreiben Profil-Lagen — die existenzanalytische Frage nach der Eintrittsstelle, dem Trauma und der GM-Anbindung beantworten sie nicht.

Vertiefung · Person ≠ Persönlichkeit — warum die noetische Dimension auch bei PS erhalten bleibt

Frankls Unterscheidung: Person ist das geistige Zentrum, das immer frei bleibt; Persönlichkeit ist die psychophysische Schicht, in der sich die Person zeigt und auch verstellen kann. Bei PS ist die Persönlichkeitsstruktur verformt — die Person selbst aber bleibt ansprechbar. Genau darauf zielt die Personalisierung als Hauptweg der Therapie: die Person hinter der Struktur zu rufen.

Fall-Beispiel

Fall· Diagnostische Klärung

„Ich bin so, das ist halt mein Charakter"

28-jährige Patientin verweist auf ihren „Charakter", um wiederkehrende Beziehungsabbrüche und impulsives Reagieren zu erklären. Diagnostische Frage: handelt es sich um eine Temperaments-Eigenheit (lebhaft, schnell verletzt, dünnhäutig — in einem akzeptablen Rahmen) oder um eine fixierte Disposition mit Selbst- und Fremdschädigung? Erst Letzteres erfüllt die EA-Definition einer PS. Die Patientin selbst kann das nicht beurteilen — sie braucht den diagnostischen Außenblick.

Quellen
  • Längle, A. (1999) · Persönlichkeitsdefinition
  • Längle, A. (1998) · Dimensionen der gesunden Persönlichkeit (Curriculum 2.4)
  • Längle, A. (2000) · Persönlichkeitsstörung. In: Stumm/Pritz, Wörterbuch der Psychotherapie
  • Bleuler · Kraepelin · ICD-10 · DSM-IV — historische Definitionslinien · Möller/Laux/Deister (1996)