PS · Definition
Bevor man von Störung spricht, muss klar sein, was Persönlichkeit ist — und was eine gesunde Persönlichkeit konstituiert.
Zwei Definitionen im Vergleich
Bezugsrahmen
Worauf zielt die Definition?
Funktion
Was leistet sie?
PS-Definition
Was ist dann die Störung?
Vier Grundeigenschaften der Persönlichkeit
Charakter
Die erworbene Schicht — Wertestruktur, Haltungen, Reaktionsmuster, die im Lebensvollzug geprägt wurden. Veränderbar, aber träge.
Temperament
Die angeborene Schicht — Erregbarkeit, Antrieb, Stimmungsgrundton, Reaktionsgeschwindigkeit. Konstitutionell, wenig veränderbar.
Intelligenz
Die kognitive Ausstattung — Auffassung, Verknüpfung, Differenzierungsvermögen. Mitbestimmend für die Verarbeitungstiefe von Erleben.
Körperliche Grundbedingungen
Vitalität, Konstitution, Vulnerabilitäten — der somatische Boden, auf dem die psychische Persönlichkeit ruht.
Vier Dimensionen gesunder Persönlichkeit
Adaptabilität
Spiegel-PS: rigide / zwanghaft / paranoid
Fähigkeit, sich auf wechselnde Situationen und Anforderungen einzulassen, ohne sich zu verlieren. Bei Störung: starre Reaktionsmuster, Veränderungsverweigerung.
Beziehungsfähigkeit
Spiegel-PS: schizoid / dependent / Borderline
Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, zu halten und in ihnen Nähe und Distanz zu regulieren. Bei Störung: Beziehungsabbruch, klammernde Verschmelzung, instabile Idealisierung/Abwertung.
Selbstbezug
Spiegel-PS: narzisstisch / histrionisch / Borderline
Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu sein, sich zu spüren, sich anzunehmen. Bei Störung: Identitätsdiffusion, kompensatorische Grandiosität, innere Leere.
Kontextuelle Abgrenzung
Spiegel-PS: dissozial / paraexistentiell
Fähigkeit, sich in einem größeren Kontext (Werte, Gesellschaft, Sinn) zu situieren und sich begrenzen zu lassen. Bei Störung: Verlust der Wert- und Norm-Resonanz, Übergriff auf andere.
Fall-Beispiel
„Ich bin so, das ist halt mein Charakter"
28-jährige Patientin verweist auf ihren „Charakter", um wiederkehrende Beziehungsabbrüche und impulsives Reagieren zu erklären. Diagnostische Frage: handelt es sich um eine Temperaments-Eigenheit (lebhaft, schnell verletzt, dünnhäutig — in einem akzeptablen Rahmen) oder um eine fixierte Disposition mit Selbst- und Fremdschädigung? Erst Letzteres erfüllt die EA-Definition einer PS. Die Patientin selbst kann das nicht beurteilen — sie braucht den diagnostischen Außenblick.
Verbindungen
Längle, A. (1999) · PersönlichkeitsdefinitionLängle, A. (1998) · Dimensionen der gesunden PersönlichkeitBleuler · Kraepelin · ICD-10 · DSM-IV — historische Definitionslinien