Praxis · Rahmen

Setting

Das Setting ist der Rahmen, den es braucht, damit Beratung/Therapie gut und möglichst störungsfrei stattfinden kann — abgestimmt auf die Bedürfnisse und Erfordernisse guter Arbeitsbedingungen für beide: Klient und Berater/Therapeut. Längle gliedert es in drei Bereiche: Erstkontakt, äußerer Rahmen, Gesprächsform.

Meta · 60-Sekunden-Take

Das Setting wirkt — auch wenn niemand davon spricht. Es ist Teil der allgemeinen Wirkfaktoren (Frank): Therapeut als Heiler erkennbar, geschützter Entfaltungsraum. Drei Bereiche nach Längle: Erstkontakt (Thema, Dringlichkeit, Selbstprüfung, Termin, Sonderfragen) — äußerer Rahmen (Raum, Kleidung, Sitzordnung, Formalia wie 50-Minuten-Stunde und Absageregelung, Dokumentation) — Gesprächsform (personale Grundhaltung, Abstinenz, Therapieziel, Frequenz, Stundenstruktur). Merksatz: Das Setting gibt Sicherheit und markiert Professionalität — es ist der Rahmen, nicht das Bild.

Bestandteile des Settings

1

Erstkontakt · Abklärung

Am Telefon klären: Thema (worum geht es?), Dringlichkeit, Hinweis auf die Dauer der Störung/des Problems, Hintergrund (über wen gekommen?).

2

Erstkontakt · Selbstprüfung & Termin

Selbstprüfung: Kann ich diesen Patienten übernehmen? Trau ich mir das zu? Hab ich Zeit und Kraft? Bei Unsicherheit: Hätte ich Supervisionsmöglichkeit? → Terminvereinbarung (zur genaueren Abklärung/Weiterleitung oder zur Therapie/Beratung); Termin nicht in zu weiter Ferne, Telefonnummer erfragen. Sonderfragen: Honorar, Krankenkasse, Therapierichtung, Frequenz, Ort.

3

Raum & Einrichtung

Einladend, zum Wohlfühlen — aber Arbeitsatmosphäre (kein privater Wohnraum). Schützende Distanz zwischen Patient und Therapeut ermöglichen; Ruhe und Verweilen-Können; Licht eher gedämpft; Uhr sichtbar im Raum empfehlenswert; nach jedem Gespräch lüften (auch symbolischer Wert).

4

Kleidung & Sitzordnung

Kleidung: dezent, weder steif noch leger, kein starkes Parfüm/Make-up. Die Aussage: „Alles aus meiner Welt steht im Hintergrund." Sitzordnung: Empfehlung übers Eck oder am „Kaffeehaustisch"; dem Patienten evtl. Auswahl freistellen. Keine weichen Polstermöbel (≠ Arbeitsatmosphäre). Telefon: in der Regel abgeschaltet.

5

Formalia

Stundenlänge = 50 Minuten. Form der Bezahlung und Belegerteilung klären (Verschwiegenheitspflicht beachten: Name nicht auf den Durchschlag, den das Finanzamt einsehen kann). Erreichbarkeit für Absagen und Notfälle; Urlaube/Abwesenheiten bekanntgeben. Absageregelung — sie muss für mich stimmen; Grundsatzregelung mitteilen. Auf Patientenrechte und besonders die Verschwiegenheitspflicht hinweisen. Überziehungen und Telefon-Kontakte bezahlen lassen.

6

Dokumentation & Zusammenarbeit

Dokumentation (Minimum, auch zum Selbstschutz): Datum, Sitzungslänge, evtl. Anlass, Überweisungen, Besonderheiten, Medikamente. Zusammenarbeit: keine Ratschläge auf Gebieten, für die man nicht ausgebildet ist (Arzt, Jurist — Haftung!); mit Angehörigen grundsätzlich nur auf Wunsch des Patienten; Anrufe von Angehörigen dem Patienten immer mitteilen. Sich nie ein Versprechen abnehmen lassen, etwas nicht weiterzusagen: „Grundsätzlich sage ich alles weiter, was für den Patienten und unsere Beziehung wichtig ist."

7

Gesprächsform · Grundhaltung & Abstinenz

Personale Grundhaltung der EA: Als Personen stehen wir auf gleicher Ebene — immer mit Einverständnis des Patienten arbeiten und es anfragen. Abstinenz: in privaten Dingen und in puncto Eigeninteresse. Grundregeln: 1. Keine Ratschläge zu Trennung oder Beziehungs-Eingehen — Verantwortung beim Patienten belassen! 2. Wahrung der Intimität: keine Namen anfragen, wenn nicht erforderlich.

8

Therapieziel & Frequenz

Therapieziel definieren: Was wäre für den Patienten ein „Erfolg" der Gespräche? Differenzieren zwischen Bearbeitung eines aktuellen Problems und länger dauernder Persönlichkeitsentwicklung/Reifung. Frequenz: Standard 1× pro Woche 1 Stunde; variabel — Doppelstunden, in Krisen engere Abstände bis zu täglich, gegen Therapie-Ende größere Abstände.

9

Stundenstruktur

Eröffnungsphase (ca. 5 Min.): nach den aktuellen Lebensumständen fragen, nach dem „In-der-Welt-Sein"; an die letzte Stunde anknüpfen; Themen abstimmen — auch der Therapeut muss es für gut finden, worüber gesprochen wird; „Hausaufgaben" immer nachfragen. Arbeitsphase. Schlussphase: einige Minuten vor Schluss ankündigen („Wir kommen langsam zum Schluss …"), zusammenfassen („Was war heute wichtig?"), evtl. konkrete Heimarbeit — als Vorschlag, nicht als Auftrag.

Was das Setting bewirkt

Das Setting ist kein bürokratisches Beiwerk — es wirkt selbst. Längle: Das Setting gibt eine gewisse Sicherheit, Vertrauen, den Rahmen — es markiert die Professionalität. Macht man darin Fehler, fühlt man sich etwas unwohl, oder der Patient fühlt sich belastet oder gestört in der Arbeit. Und: „Im Vergleich zur Therapie ist Setting der Rahmen und nicht das Bild." Allein die Konstanz (gleicher Raum, gleiche Zeit) macht für viele Klienten existenziell etwas möglich, was im Alltag fehlt: einen Halt-Punkt.

Ein schlechtes Setting kann Therapie verunmöglichen — wenn Termine ständig verschoben werden, der Raum nicht ungestört ist, das Honorar undurchsichtig bleibt, die Schweigepflicht unklar ist. Klienten fühlen das, auch wenn sie es nicht benennen.

Vertiefung · Online-Setting

Video-Therapie ist mittlerweile etabliert. Sie braucht aber zusätzliche Klarheit: Wer sitzt im Raum (auf beiden Seiten)? Ist Privatsphäre gewährleistet? Wie funktioniert die Technik? Was gilt bei Verbindungsabbruch?

Im Online-Setting fehlt etwas Körperliches — die unmittelbare leibliche Präsenz. Für viele Themen geht es trotzdem, für manche (z. B. Trauma, schwere Persönlichkeitsstörung) braucht es eher den realen Raum.

Vertiefung · Wenn das Setting bricht

Setting-Brüche passieren: Klient kommt zu spät, sagt mehrfach kurzfristig ab, bringt Geschenke, möchte Telefonate „mal eben", wechselt das Thema vor dem Ende. Das ist nicht „Störung" — es ist Information. Hinter Setting-Brüchen verstecken sich oft genau die Themen, an denen gearbeitet werden will (Bindung, Kontrolle, Wert, Sinn).

Therapeut bleibt freundlich-klar bei der Vereinbarung. Bricht das Setting wiederholt, wird es selbst zum Gegenstand: „Was bedeutet es Ihnen, dass …?"

Vertiefung · Setting bei Gruppe, Paar, Familie

Gruppe: Schweigepflicht aller Teilnehmer, klare Mitgliedschafts-Regeln, Co-Therapie meistens sinnvoll, Sitzkreis, Plenum-Stuhl in der Mitte.

Paar: Der Therapeut „gehört beiden Partnern gleichermaßen" — strikte Neutralität. Längle empfiehlt für Paargespräche 1½ bis 2 Stunden, weil sonst in der Dreierkonstellation zu wenig Zeit für die Aussprache bleibt. Einzelgespräche im Paar-Setting nur mit Einverständnis des anderen Partners.

Familie: Wer kommt? Wer entscheidet das? Mehrgenerationen-Themen brauchen oft Raum für alle. Spezielle Aufstellungs-Settings möglich.

Fall-Beispiele

Fall A· Klares Setting trägt

Klientin, schwere Trauma-Vorgeschichte, kommt 18 Monate lang jeden Mittwoch 14 Uhr. „Ich weiß, dass Sie da sind, das hat mich oft durch die Woche gebracht." Das Setting selbst ist therapeutisch geworden.

Fall B· Brüche werden zum Thema

Klient sagt 4 Termine in Folge kurzfristig ab. Statt zu verärgern, bringt der Therapeut das ein: „Was zeigt sich uns hier?" — Es wird sichtbar: der Klient hat Angst vor Nähe und vermeidet, sobald es tief wird. Das Vermeidungs-Muster wird zentral.

Fall C· Setting kommt zu spät

Bei einer Klientin wurde der Therapievertrag unklar formuliert, Stornofristen nie geklärt. Nach einem Konflikt fühlt sie sich „belogen über das Geld" — und bricht ab. Hier war nicht der Konflikt das Problem, sondern dessen unverhandelbare Form.

Quellen
  • Längle, A. (1984). Setting (Curriculum-Handout): Erstkontakt · äußerer Rahmen · Gesprächsform.
  • Längle, A. (2008). Haltungen und praktische Vorgangsweisen in existenzanalytischer Paartherapie und Beratung. Existenzanalyse 25/2 (Paar-Setting).