Grundlagen

Anthropologie und Person

Die Existenzanalyse fußt auf einem Menschenbild, in dem das Geistig-Personale eine eigenständige Dimension neben Soma und Psyche ist. Die Person ist „das Freie im Menschen“ (Frankl) – das, was sich zu sich selbst und zur Welt verhalten kann.

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Der Mensch ist unitas multiplex: Einheit aus drei Seinsweisen – Soma, Psyche und Geist. Die geistige Dimension ist die der Person. Sie äußert sich in zwei personalen Akten: Selbstdistanzierung (Auseinandersetzung mit sich selbst) und Selbsttranszendenz (Bezogensein auf anderes). Dieser dialogische Austausch mit der Welt spannt den Existenzraum auf – den Ort, an dem sich Existenz vollzieht.

Die Person zwischen Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz · eingebettet in Soma und Psyche · im Austausch mit der Welt

Die zentralen Begriffe auf einen Blick

Person
„Das Freie im Menschen“. Die geistige Dimension, in der ich mich zu mir selbst und zur Welt verhalten kann. Personsein ist akthaft – es vollzieht sich.
Selbstdistanzierung
Die Fähigkeit, von sich selbst Abstand zu nehmen: vom eigenen Psychophysikum, von eigenen Triebimpulsen, von eigenen Stimmungen. Voraussetzung für Selbstgestaltung.
Selbsttranszendenz
Bezogensein auf anderes: auf einen Wert, eine Aufgabe, einen Menschen. Der Mensch wird nicht erst durch Selbstverwirklichung er selbst, sondern durch Hingabe an etwas.
Existenz
Die eigentlich menschliche Seinsweise: nicht nur dasein, sondern sich zu seinem Dasein verhalten. Existenz = das von der Person verantwortete Leben.
Gewissen
Die personale Mitte. „Sinnorgan“ (Frankl), das im noetisch Unbewussten ruht. Unterscheidet sich vom Über-Ich durch wohlwollendes Anbieten statt fordernden Gehorsam.
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Warum eine eigene geistig-personale Dimension?

Die meisten psychotherapeutischen Anthropologien kommen mit zwei Dimensionen aus: Körper und Psyche. Die Existenzanalyse setzt eine dritte Ebene daneben, das Geistig-Personale. Warum?

Weil bestimmte Phänomene mit Körper und Psyche allein nicht erklärbar sind. Verantwortung übernehmen, einen Wert wählen, gegen einen eigenen Impuls handeln, einer Aufgabe folgen, die mich übersteigt – das sind Bewegungen, die nicht aus Trieb oder Stimmung aufsteigen, sondern aus einer freien Stellungnahme heraus. Diese Stellungnahme nennt Frankl die personale Antwort.

Die personale Dimension liegt also nicht über Soma und Psyche, sondern quer zu ihnen. Sie ist keine bessere oder höhere Etage, sondern eine andere Art von Vermögen: die Fähigkeit, sich zum eigenen Erleben zu verhalten.

Die Erweiterung in der PEA: Person als Prozess

Die Personale Existenzanalyse (PEA) hat den Personbegriff dynamisiert. Person ist demnach die vernehmende, stellungnehmende und im Ausdruck sich selbst gestaltende Einheit. Sie zeigt sich also in drei Akten:

  1. Vernehmen – ich nehme wahr, was mich angeht (Eindruck).
  2. Stellungnehmen – ich verhalte mich dazu, beurteile, entscheide.
  3. Ausdruck – ich antworte handelnd in die Welt.

Dieses Dreischritt-Muster strukturiert die PEA als Methode (PEA1–PEA3) und ist gleichzeitig das anthropologische Skelett: Person ist nicht etwas, sie ist ein Geschehen, das sich vollzieht.

Die vier anthropologischen Voraussetzungen erfüllter Existenz

Längle hat die Franklsche Anthropologie um vier Voraussetzungen erfüllter Existenz erweitert. Sie werden zu den vier Grundmotivationen:

  • Ontologisch – kann ich überhaupt sein? (1. GM)
  • Axiologisch – mag ich leben? Was ist mir wert? (2. GM)
  • Ethisch – darf ich selbst sein? Was ist meines? (3. GM)
  • Praktisch – wofür ist es gut? Was tu ich? (4. GM)

Anthropologie und Motivationslehre verschränken sich also: die vier Bedingungen menschlicher Existenz sind auch die vier Antriebsquellen, aus denen wir leben.

Person ↔ Ich: ein häufiges Missverständnis

Person und Ich sind nicht dasselbe. Person ist die geistig-noetische Tiefenstruktur, das Freie im Menschen. Ich ist das, was als Träger des Erlebens auftritt – akthaft, situativ, oft widersprüchlich. Ein Beispiel: jenes Ich, das auf seine Gesundheit schaut, will nicht rauchen; das „andere Ich“ verlangt nach der Zigarette. Beide gehören zum selben Menschen, beide sind aktuelles Ich-Sein – aber die Person ist die Instanz, die zwischen ihnen Stellung nehmen kann.

Existenzanalytische Therapie zielt nicht auf Stärkung des Ich (im Sinne einer Ich-Psychologie), sondern auf das Frei-Werden der Person, damit sie zwischen ihren Ich-Aspekten gestalten kann.

Phänomen-Beispiele

Phänomen· Selbstdistanzierung im Alltag

„Ich merke gerade, wie wütend ich werde.“

Eine Klientin schildert einen Streit mit dem Partner: „Mitten im Schreien habe ich auf einmal mich selber gesehen, wie ich schreie – und dachte: das bin doch ich, da, das passt gar nicht zu dem, was ich eigentlich will.“

Was hier sichtbar wird: der Akt der Selbstdistanzierung. Die Klientin tritt für einen Moment aus ihrer Affekteinheit heraus und schaut sich zu. Genau das ist personale Fähigkeit – nicht den Affekt zu unterdrücken, sondern sich zu ihm zu verhalten.
Phänomen· Selbsttranszendenz

„Eigentlich war es nicht mehr meine Krankheit, die mich getragen hat – sondern dass ich für die Kinder da sein wollte.“

Ein chronisch kranker Patient beschreibt rückblickend die schwerste Phase: nicht ein neues Medikament habe ihn durchgetragen, sondern eine Aufgabe – die Verantwortung für seine zwei Kinder, die ihn jeden Morgen aufstehen ließ.

Was hier sichtbar wird: Selbsttranszendenz als Tragestruktur der Existenz. Der Mensch wird nicht durch Selbst-Beschäftigung er selbst, sondern indem er sich an einen Wert, eine Aufgabe oder einen anderen Menschen hin-gibt. Frankls Pointe.
Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichworte: Anthropologie, Person, Selbst, Existenz
  • 1549110330_1512948943_1_4_Theoretische_Reflexion_der_EA_-_1991_1_.pdf · Längle (1991): Theoretische Reflexion der EA
  • 13.2-4-dimens-Menschenbild.pdf · 4-dimensionales Menschenbild
  • Frankl V.E. (1959): Grundriß der Existenzanalyse und Logotherapie