Methoden · stabilisierend

PP · Personale Positionsfindung

Eine schlanke, gut handhabbare Methode gegen Passivierungsgefühle. Drei Schritte — fest-stellen, sich ein-stellen, sich dazu-stellen. Spezifisch wirksam bei Angst, Depression, generalisierenden Annahmen und Selbstunsicherheit. Die PP ist die Vorläuferin der PEA und teilt mit ihr eine formale Analogie.

Meta · 60-Sekunden-Take

PP wirkt durch dreifache Positionsfindung: PP 1 (Position nach außen — Realitätsprüfung: „Stimmt das wirklich?"), PP 2 (Position nach innen — Selbst-Distanzierung: „Könnte ich es aushalten?"), PP 3 (Position zum Positiven — Selbst-Transzendenz: „Worum geht es mir eigentlich?"). Inhaltlich ist sie eine Ausgestaltung des PEA-Schritts 2. PP 3 deckt sich weitgehend mit Frankls Dereflexion.

Die drei Schritte der PP — von der Realitätsprüfung zur Wertorientierung

Wann PP, wann PEA?

Die PEA ist die umfassendere Methode. Die PP ist schlanker und schneller wirksam. Wann was?

PP indiziert bei
Passivierungsgefühlen, generalisierten Annahmen („immer", „nie", „alle"), akuten Angst-Schüben, Sich-klein-Machen, Resignation. Wo der Klient festsitzt und nicht raus kann.
PEA indiziert bei
tieferer Bearbeitung biographischer Themen, Konflikten, Entscheidungsprozessen. Wo Raum und Zeit für vier Schritte da sind.
Kombination
Häufig: PP zur ersten Stabilisierung, dann PEA für die Tiefenarbeit. PP kann im Verlauf einer PEA als Vertiefung des zweiten Schritts integriert werden.

Die drei Schritte im Detail

1Position nach außen · Fest-stellen

Was ist real der Fall? Realitätsprüfung. Der Klient ist in einer Angst- oder Depressions-Schleife mit generalisierenden Annahmen — „alle anderen sind besser", „ich werde versagen", „mich kann niemand ernst nehmen". Der erste PP-Schritt prüft: stimmt das? Tatsächlich? Woran kann man das sehen?

Das Ziel ist nicht Beruhigung („so schlimm ist es ja gar nicht"), sondern nüchterne Aufstellung der Tatsachen. Was ist real? Was ist befürchtet? Was ist generalisiert?

Wirkung: Abgrenzung, situative Entflechtung, Schutz. Der Klient kommt aus dem Sog der Verzerrung heraus.

Typische Fragen:

  • „Stimmt das wirklich, was Sie da befürchten?"
  • „Woran sehen Sie das? Welche konkreten Anzeichen?"
  • „Was kann real passieren? Wie wahrscheinlich ist das?"
  • „Wie war das in vergleichbaren Situationen früher?"

2Position nach innen · Sich ein-stellen

Was, wenn es schiefginge? Selbst-Distanzierung von den eigenen Ansprüchen. Der Klient wird eingeladen, sich vorzustellen, dass das Befürchtete tatsächlich einträte — und zu prüfen, ob er es aushalten könnte.

Das ist paradox: nicht „beruhige dich, es wird nicht passieren", sondern „angenommen, es passiert — könntest du damit umgehen?". Diese Frage führt aus der Vermeidungs-Schleife heraus. Wenn die Antwort „ja, das könnte ich aushalten" lautet, fällt die Angst zusammen.

Wirkung: innere Freigabe. Die Person stellt sich auf die eigenen Kräfte ein — und merkt, dass sie mehr aushalten kann, als sie dachte.

Typische Fragen:

  • „Angenommen, das Schlimmste tritt ein — könnten Sie das aushalten?"
  • „Was hätten Sie an Kräften, wenn es so käme?"
  • „Haben Sie schon mal Schwereres durchgestanden?"
  • „Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit Sie damit umgehen könnten?"

3Position zum Positiven · Sich dazu-stellen

Worum geht es mir eigentlich? Selbst-Transzendenz. Der Klient richtet seine Aufmerksamkeit weg vom Befürchteten — und hin zum Wert, der ihm in der Situation eigentlich wichtig ist. Was will er? Was ist sein Anliegen?

Das ist der konstruktive Schritt. Die Angst wird nicht mehr bekämpft — sie wird übersprungen, indem die Person sich an einen Wert wendet, der größer ist als die Angst.

Wirkung: Stärkung der personalen Intentionalität. Der Klient kommt aus der Abwehr-Logik heraus und in die Werte-Logik hinein.

Typische Fragen:

  • „Worum geht es Ihnen eigentlich in dieser Situation?"
  • „Was ist Ihnen daran wichtig?"
  • „Was wollen Sie?"
  • „Wofür sind Sie da — was wartet?"

Wichtig: PP 3 deckt sich weitgehend mit Frankls Dereflexion — der Aufmerksamkeit weg vom Symptom und hin zum Wert. Beide Verfahren funktionieren über Selbsttranszendenz.

Vertiefung
PP bei Angststörungen — der Standardfall

Bei Angststörungen — Panikattacken, Phobien, generalisierte Angst — ist die PP fast immer indiziert. Sie greift genau dort, wo die Angst arbeitet: bei den generalisierenden Annahmen.

Klassische Anwendung:

  • PP 1: „Stimmt es, dass alle Sie anschauen / dass Sie hier nicht atmen können / dass jetzt etwas passiert?“ — Realitätsprüfung bricht die Hypothese auf.
  • PP 2: „Angenommen, es würde tatsächlich peinlich werden — könnten Sie das aushalten?“ — Selbst-Distanzierung reduziert die Vermeidungsdynamik.
  • PP 3: „Was wollten Sie eigentlich tun? Warum sind Sie hier?“ — Wert-Orientierung gibt Boden.

Bei schweren Angststörungen wird die PP oft kombiniert mit Paradoxer Intention (für die Symptombearbeitung) und Dereflexion (für die Aufmerksamkeitslenkung).

PP bei Depression — die Aktivierungsfrage

Bei Depression wirkt die PP besonders bei den generalisierenden Negativ-Annahmen: „alle anderen schaffen das besser“, „mich kann niemand mögen“, „ich werde nichts mehr zustande bringen“.

Beispielhaft (Klientin mit depressivem Rückzug):

  • PP 1: „Stimmt es wirklich, dass alle anderen besser sind? Woran genau sehen Sie das?“
  • PP 2: „Angenommen, Sie wären tatsächlich weniger erfolgreich als andere — könnten Sie damit leben?“
  • PP 3: „Was ist Ihnen wichtig in Ihrem Leben — unabhängig vom Vergleich?“

Wichtig: PP funktioniert bei depressiven Klienten nur, wenn die 1. GM einigermaßen stabil ist. Bei schwerer Depression mit Suizidalität braucht es zuerst Haltgebung (1. GM), bevor PP-Arbeit sinnvoll ist.

PP ↔ kognitive Therapie — Verwandtschaft und Unterschied

Die PP teilt mit der kognitiven Verhaltenstherapie das Element der Realitätsprüfung. PP 1 sieht oberflächlich aus wie eine kognitive Umstrukturierung. Aber:

  • Die KVT bleibt im Wesentlichen bei der Kognition. „Ist der Gedanke realistisch?“
  • Die PP geht weiter zur Position der Person. Auch wenn der Gedanke nicht realistisch ist — was ist mein Stand dazu? Und worum geht es mir eigentlich?

PP 2 (Selbst-Distanzierung) und PP 3 (Selbst-Transzendenz) sind genuin personale Bewegungen, die die KVT nicht macht. Die PP arbeitet also nicht nur am Gedanken — sie arbeitet an der Person, die den Gedanken hat.

PP in der Selbstanwendung

Eine Stärke der PP: sie ist gut als Selbstanwendung lehrbar. Klienten können die drei Schritte als Werkzeug in den Alltag mitnehmen — wenn die Angst kommt, durchgehen:

  1. „Stimmt das, was ich gerade fürchte?“
  2. „Könnte ich es aushalten, wenn es käme?“
  3. „Was will ich eigentlich gerade?“

Bei vielen Angstpatienten ist das die einzige Methode, die sie nach 6 Monaten Therapie noch aktiv anwenden. Sie wird zur inneren Routine.

Therapie· PP im Akutfall

Eine Panik im Wartezimmer

Klientin im Wartezimmer der Therapeutin, kurz vor Beginn — schwere Panik. „Ich bekomme keine Luft. Ich glaube, ich falle gleich um. Mich sieht hier jeder.“ Die Therapeutin: „Setzen Sie sich. Wir machen das mal in drei Schritten zusammen. Erstens — schauen Sie sich um. Schaut Sie hier wirklich jemand an?“ — „Nein, eigentlich nicht.“ — „Zweitens. Angenommen, es würde Sie wirklich jemand anschauen. Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?“ — „Dass ich peinlich wirke.“ — „Könnten Sie das aushalten, wenn jemand Sie peinlich findet?“ Pause. „Ja… eigentlich schon.“ — „Drittens. Was haben Sie sich für die Stunde vorgenommen?“ — „Ich wollte über meinen Vater reden.“ — „Das ist Ihnen wichtig?“ — „Ja, sehr.“ Klientin atmet tief. Die Panik ist im Wesentlichen weg.

Sichtbar: PP als Akut-Werkzeug. Drei kurze Schritte, fünf Minuten, und die Panik ist durchbrochen. Das funktioniert nicht, weil die Methode magisch ist — sondern weil sie an drei verschiedenen Stellen den Sog der Angst unterbricht: Realität, eigene Kraft, Wert. An jeder Stelle wird die Person aktiv aus der Passivierung herausgeholt.
Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichwort: Personale Positionsfindung (PP)
  • Längle A. (1994): Die Personale Positionsfindung (PP). In: Bulletin GLE 10, 3, 6–21 (Grundlagenpublikation)
  • Längle A. (1997): Die personale Positionsfindung (PP) in der Angsttherapie. In: Klinische Psychotherapie, Springer, Wien, 284–297
  • Fischer-Danzinger D., Janout U. (2000): Die personale Positionsfindung. In: Existenzanalyse 17, 1, 42–46