Vier Formen des Helfens
1994 erweitert Längle die Zwei-Teilung Beratung/Therapie zu einem Vier-Quadranten-Modell („Formen des Helfens und ihre Schwerpunkte"). Links stehen die Formen der Förderung (1 Entwicklung, 2 Begleitung), rechts die Formen der Behandlung (3 Beratung, 4 Therapie).
Das Helfen-Schema
Die vier Formen im Detail
Entwicklung
„Hilf mir, meine Fähigkeiten zu erweitern!"
Förderung der eigenen Anlagen und Kompetenzen. Ausbildung, Training, Pädagogik, Persönlichkeitsentwicklung. Voraussetzung: Klient ist gesund und hat ein Wachstumsanliegen.
Beispiel: Berufliche Weiterbildung, Lern-Coaching, Bewerbungs-Training.
Begleitung
„Hilf mir, meine Lage zu ertragen!"
Gehört im Schema zur Förderung: jemand wird getragen, nicht alleingelassen — gestärkt, das Unabänderliche zu ertragen. Hospiz, Trauerbegleitung, Pflege bei chronischer Krankheit. Hier wird nicht „repariert", sondern beigestanden.
Beispiel: Sterbe-Begleitung, Trauer-Gruppe, Angehörigen-Arbeit nach Suizid.
Beratung
„Hilf mir, meine Möglichkeiten zu nutzen!"
Gehört im Schema zur Behandlung: Hilfe, die eigenen Möglichkeiten in einer konkreten Lebenslage zu nutzen. Informationen, Möglichkeiten, Entscheidungs-Hilfe. Klient ist gesund, braucht aber Klärung.
Beispiel: Berufs-, Studien-, Erziehungs-, Lebens-, Schuldnerberatung.
Therapie
„Hilf mir, mein Leiden zu beenden!"
Behandlung mit dem Ziel der Heilung oder Leidlinderung. Bei psychischer Störung, Krankheitswert, Personalitäts-Einschränkung. Methodisch geleitet, indikationsgestützt.
Beispiel: Psychotherapie bei Depression, Angst, Trauma, Persönlichkeitsstörung.
Das Schema verstehen
Das Handout ordnet die vier Formen in zwei Spalten: links die Förderung — Entwicklung (1) und Begleitung (2); rechts die Behandlung — Beratung (3) und Therapie (4).
In den vier Bitten selbst steckt eine zweite Unterscheidung: Oben geht es um das Erweitern von Fähigkeiten (1) und das Nutzen von Möglichkeiten (3) — unten um das Ertragen einer Lage (2) und das Beenden von Leiden (4). So zeigt jede Form ihren eigenen Schwerpunkt: woran gearbeitet wird (Fähigkeiten, Lage, Möglichkeiten, Leiden) und in welcher Haltung (fördernd oder behandelnd).
Fall-Beispiele
Junge Lehrerin, 28, möchte ihre Klassen-Führung verbessern. Sucht Coaching für Gesprächs-Führung, Konfliktklärung. Kein Leiden, klares Wachstums-Anliegen. Entwicklung.
Herr R., 62, ALS-Diagnose. Sucht jemanden, der mit ihm den letzten Lebensabschnitt geht. Kein Heilungs-Anspruch, sondern: nicht allein sein, sich selbst noch leben können in dem, was bleibt. Begleitung.
Frau D., 35, frisch geschieden, drei Kinder. „Soll ich die alte Wohnung halten oder kleiner werden? Was steht mir zu? Wie organisiere ich die Betreuung?" — Klare Sach- und Lebensfragen. Beratung.
Herr B., 45, seit 8 Monaten panische Angst in Aufzügen, kann nicht mehr arbeiten gehen, vermeidet zunehmend. Bei Diagnostik: Agoraphobie mit Panikstörung. Indikation: Therapie.
Verbindungen
- Längle, A. (1994). Formen des Helfens und ihre Schwerpunkte (Curriculum-Handout).