Störungen · Sucht

Sucht · Übersicht

Der Klinikblock Sucht begreift Abhängigkeit nicht primär als Stoffproblem, sondern als Erkrankung des Willens und als Folge eines existentiellen Mangels — vor allem in der 2. GM (Lebensbezug).

Meta · 60-Sekunden-Take

Sucht ist im EA-Verständnis eine Behinderung des Personseins: Der Wille bleibt aktiv, verliert aber seine Anbindung an die Person. Längle spricht von der „Enttronung der Person". Phänomenologisch: gleichzeitig imperative Anziehung eines Objekts und ohnmächtiges Defiziterleben. Die Sucht ist Pseudo-Erfüllung — das Suchtmittel ersetzt einen echten Wert. Längle: „Die Sucht passiert nicht gegen den Willen" — sie ist tragisch gewollt, was die Therapie überhaupt möglich macht.

Sucht-Block — fünf vertiefende Seiten

Drei existentielle Symptome der Sucht

1

Verlust der Freiheit

Das Getriebensein nimmt überhand. Der Mensch kann nicht mehr anders, obwohl er wollen würde — und doch trinkt, konsumiert, isst er weiter. Die personale Entscheidung wird vom imperativen Anspruch des Suchtmittels überlagert; aus aktivem Wollen wird passives Müssen.

2

Apersonales Verhalten

„Der Süchtige kennt keinen Partner" (Gabriel 1962). Beziehungen werden instrumentalisiert, die Person verliert sich selbst, das Du wird zum Mittel oder Hindernis im Zugang zum Stoff. Es gibt keinen Dialog mehr, nur noch Funktion.

3

Simultaner Weltverlust

Der Weltbezug schrumpft auf das Suchtobjekt zusammen. Die Welt wird nach Stoff durchforstet, die Eigenwertigkeit der Dinge verschwindet — alles wird auf Nutzwert reduziert. Auch der Wahrheitsbezug leidet: Bagatellisieren, Lügen, Verleugnen werden zur Lebensform.

GM-Anbindung — die 2. GM zuerst, alle anderen können speisen

Längle ordnet die Sucht primär der 2. GM zu: Sucht entsteht aus einem Lebenshunger, einem Mangel an pulsierendem Lebensgefühl, an Wertberührung, an Wärme. Wer zu wenig Leben lebt, zu wenig Leben fühlt, zu wenig vom Leben hat, wird anfällig für die Scheinlösung des Suchtmittels. Das ist Längles Suchtkeim.

Doch alle anderen GMs können diesen 2.-GM-Mangel speisen: Wer in der 1. GM keinen Halt findet, sucht im Stoff einen vermeintlichen Boden. Wer in der 3. GM mit einem brüchigen Selbstwert lebt, betäubt die Selbstabwertung. Wer in der 4. GM einem existentiellen Vakuum begegnet, füllt es mit Konsum. Die Sucht ist immer multifaktoriell — aber sie läuft durch das Nadelöhr des 2.-GM-Defizits.

Vertiefung · „Enttronung der Person"

Längle prägt das Bild der „Enttronung der Person": Die Person ist normalerweise jene Instanz, die im Willen spricht — sie wägt, prüft, entscheidet. In der Sucht wird sie von ihrem Thron gestoßen. Der Wille bleibt aktiv (der Süchtige trinkt mit voller Willenskraft), aber er folgt nicht mehr der Person, sondern dem Suchtobjekt. Es ist eine Usurpation des Willens — keine Auslöschung. Genau deshalb bleibt Sucht therapierbar: weil die Person nicht zerstört, sondern enttrohnt ist, kann sie wieder eingesetzt werden.

Vertiefung · Pseudo-Erfüllung statt Wert

Werte erfüllen, weil sie gespürt werden — sie hinterlassen eine Spur im Lebensgefühl. Das Suchtmittel imitiert diesen Effekt: es erzeugt einen Wert-Ersatz, der kurzfristig genauso wirkt wie eine echte Wertberührung — Wärme, Befriedigung, Beruhigung. Der entscheidende Unterschied: echte Werte nähren, das Suchtmittel verzehrt. Was zunächst speist, leert mit jedem Mal mehr aus. Daher Längles Diagnose: Sucht ist „verfehlte Tiefe" — die Tiefe, nach der gesucht wird, ist real, das Mittel ist falsch.

Fall-Beispiel

Fall· Berufsalltag

Der „verdiente" Abend-Wein

47-jähriger Wirtschaftsanwalt, ambulanter Erstkontakt. Trinkt seit Jahren abends „zur Entspannung" eine halbe Flasche Wein, in den letzten Monaten — nach beruflichen Rückschlägen — zwei Flaschen täglich. Selbstbild: „Ich habe verdient, mich am Abend zu entspannen." Am Morgen meldet sich die Schuld, am Abend ist sie weg. In der Anamnese wird sichtbar: kein Genuss, keine Wertberührung, nur Spannungsabfuhr. Längle-Diagnose: 2.-GM-Mangel — das Lebensgefühl fehlt schon vor dem ersten Schluck; der Wein ersetzt, was nicht erlebt wird. Dazu 4.-GM-Leere: der Beruf ist funktional, ohne Sinnberührung. Therapieeinstieg: phänomenologische Öffnung — was erlebt er vor dem ersten Schluck? Die Antwort wird zum Hebel.

Quellen
  • Längle, A. (2015) · Die Zustimmung in der Süchtigkeit
  • Längle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von Abhängigkeit
  • Stich, J. (2015) · Die 4 GM am Beispiel des Typ-IV-Alkoholkranken