Sucht · Übersicht
Der Klinikblock Sucht begreift Abhängigkeit nicht primär als Stoffproblem, sondern als Erkrankung des Willens und als Folge eines existentiellen Mangels — vor allem in der 2. GM (Lebensbezug).
Sucht-Block — fünf vertiefende Seiten
Drei existentielle Symptome der Sucht
Verlust der Freiheit
Das Getriebensein nimmt überhand. Der Mensch kann nicht mehr anders, obwohl er wollen würde — und doch trinkt, konsumiert, isst er weiter. Die personale Entscheidung wird vom imperativen Anspruch des Suchtmittels überlagert; aus aktivem Wollen wird passives Müssen.
Apersonales Verhalten
„Der Süchtige kennt keinen Partner" (Gabriel 1962). Beziehungen werden instrumentalisiert, die Person verliert sich selbst, das Du wird zum Mittel oder Hindernis im Zugang zum Stoff. Es gibt keinen Dialog mehr, nur noch Funktion.
Simultaner Weltverlust
Der Weltbezug schrumpft auf das Suchtobjekt zusammen. Die Welt wird nach Stoff durchforstet, die Eigenwertigkeit der Dinge verschwindet — alles wird auf Nutzwert reduziert. Auch der Wahrheitsbezug leidet: Bagatellisieren, Lügen, Verleugnen werden zur Lebensform.
GM-Anbindung — die 2. GM zuerst, alle anderen können speisen
Längle ordnet die Sucht primär der 2. GM zu: Sucht entsteht aus einem Lebenshunger, einem Mangel an pulsierendem Lebensgefühl, an Wertberührung, an Wärme. Wer zu wenig Leben lebt, zu wenig Leben fühlt, zu wenig vom Leben hat, wird anfällig für die Scheinlösung des Suchtmittels. Das ist Längles Suchtkeim.
Doch alle anderen GMs können diesen 2.-GM-Mangel speisen: Wer in der 1. GM keinen Halt findet, sucht im Stoff einen vermeintlichen Boden. Wer in der 3. GM mit einem brüchigen Selbstwert lebt, betäubt die Selbstabwertung. Wer in der 4. GM einem existentiellen Vakuum begegnet, füllt es mit Konsum. Die Sucht ist immer multifaktoriell — aber sie läuft durch das Nadelöhr des 2.-GM-Defizits.
Hinweis zur Quellenlage: Das Therapie-Skriptum formuliert offener: Die Suchtkeime können „in allen GM" liegen — „ein anhaltender Sinnmangel, ein mangelnder Selbstwert, ein Wertemangel, ein Mangel an Halt und Angenommensein" (Längle 1997/2007); auch die Kompensation durch das Suchtmittel betrifft psychische Defizite aller GM. In der GM-Systematik (GM-Handout, Diagnostik) erscheint Suchtgefährdung zudem als Folge der 4. GM — Sucht als Erkrankung des Willens. Der Prüfungskatalog hält als Kernantwort fest: 2. GM zentral; andere GM sind ursächlich beteiligt, sofern sie das Gefühl nähren, vom Leben abgedrängt zu sein (z. B. durch Angst, Depression, narzisstischen Ehrgeiz, Borderline-Verhalten).
Fall-Beispiel
Der „verdiente" Abend-Wein
47-jähriger Wirtschaftsanwalt, ambulanter Erstkontakt. Trinkt seit Jahren abends „zur Entspannung" eine halbe Flasche Wein, in den letzten Monaten — nach beruflichen Rückschlägen — zwei Flaschen täglich. Selbstbild: „Ich habe verdient, mich am Abend zu entspannen." Am Morgen meldet sich die Schuld, am Abend ist sie weg. In der Anamnese wird sichtbar: kein Genuss, keine Wertberührung, nur Spannungsabfuhr. Längle-Diagnose: 2.-GM-Mangel — das Lebensgefühl fehlt schon vor dem ersten Schluck; der Wein ersetzt, was nicht erlebt wird. Dazu 4.-GM-Leere: der Beruf ist funktional, ohne Sinnberührung. Therapieeinstieg: phänomenologische Öffnung — was erlebt er vor dem ersten Schluck? Die Antwort wird zum Hebel.
Verbindungen
Längle, A. (2015) · Die Zustimmung in der Süchtigkeit · Existenzanalyse 32/2Längle, A. (1997/2007) · Allgemeine Elemente der Therapie von AbhängigkeitLängle, A. (2013) · Fragenkatalog zur Sucht · Prüfungskatalog 10Stich, M. (2015) · Existenzanalytische Aspekte der Sucht · Abschlussarbeit GLE