Themen · Ethik und Stimmigkeit

Gewissen · Ethik

Längle entkrampft den Gewissensbegriff: kein überichhafter Norm-Souffleur, sondern phänomenologische Zusammenschau (syn-eidesis) — Stimmigkeit zwischen eigenem und wahrgenommenem Wesen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Drei Schichten der Begriffsentwicklung: Memra → Logos → Christus → personale intima locutio. Längle definiert (2008): „Gewissen ist das Gespür für die Hierarchie der Werte in einer Situation im Hinblick auf das, was diese Person insgesamt für gut hält und daher als ‚richtig' empfindet." Zwei geistige Bewegungen: über sich hinaus zum Anderen (Ethik) und auf sich selbst zurück (Moral). Ethik wird damit relational und situativ, nicht prinzipiengeleitet. Das Böse ist keine Substanz, sondern Partikularisierung — Selbstabschließung, Erfahrungsverweigerung.

Was ist Gewissen?

Etymologisch verbirgt sich im Gewissen die syn-eidesis, die Zusammenschau — und genau das ist die existenzanalytische Pointe: nicht eine moralische Instanz spricht zu uns, sondern es geschieht eine phänomenologische Zusammenschau dessen, was wir wahrnehmen, mit dem, was wir im Innersten als unser Wesen erfahren. Längle (2008) formuliert dies dicht: „Gewissen ist das Gespür für die Hierarchie der Werte in einer Situation im Hinblick auf das, was diese Person insgesamt für gut hält und daher als ‚richtig' empfindet." Das Gewissen ist damit nicht Stimme einer Norm, sondern Organ für Stimmigkeit. Schon Frankl hatte das Gewissen als die intimste Fähigkeit der noetischen Dimension gesehen — in der Logotherapie war es das „Sinn-Organ" (Frankl 1984): die Fähigkeit, den einmaligen Sinngehalt der konkreten Situation zu erspüren.

Gewissen vs. Über-Ich

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Moralische Instanz

Die EA kennt zwei moralische Instanzen — sie zu unterscheiden ist diagnostisch zentral.

Gewissen

Angeborenes, intimes „Sinnorgan" (Frankl). Es fordert keinen Gehorsam, sondern bietet wohlwollend die ureigensten Lebensmöglichkeiten an (→ Authentizität). Es kann selbst nicht irren — wohl aber in die Irre geführt werden: durch selektive Wahrnehmung, Unachtsamkeit, Angst.

Über-Ich

Anerzogenes „öffentliches Ich": internalisierte Interaktionsregeln der Gruppe, auf die man adaptiert ist. Es stammt nicht aus mir selbst, sondern ist zu eigen gemachtes Fremdes — Gehorsam fordernd. Eine Theorie, die nur das Über-Ich kennt und nicht das Gewissen, geht am spezifisch Humanen vorbei.

Drei Schichten der Begriffsentwicklung

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Memra → Logos

Das hebräisch-aramäische Memra meint nicht das durchsichtige griechische Vernunftwort, sondern das schöpferische, beziehungshaltige Wort. In der Übersetzung ins Griechische wird daraus Logos — ein bedeutender Verschiebungsschritt zugunsten der Vernunft.

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Logos → Christus

Im johanneischen Prolog ist es der Logos, durch den alles geworden ist; seine Fleischwerdung in Christus (Joh 1,14) setzt die Schöpfung konsequent fort. Justin der Märtyrer setzt den Logos explizit mit Christus gleich und verleiht ihm durch die neuplatonische Ausdeutung einen geistig-moralischen Charakter — Wort wird Person, die Frage nach dem Guten erhält eine konkrete existentielle Gestalt.

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Vom Logos über Gott zum Menschen — Anselms intima locutio

Anselm von Canterbury bezeichnet die göttliche Schaffenskraft, den Logos, als intima locutio — eine innere Sprache, durch die etwas aus dem Nichts geschaffen wird (im Rückgriff auf Augustinus' inneres Sprechen). Dieses Interesse am inneren Menschen im 11./12. Jahrhundert bereitet den Schritt zur personalen Existenzanalyse vor: Die EA versteht die Person als „das in mir Sprechende" — das Gewissen als jenes innere Anheben des Sprechens, in dem sich der Mensch selbst vernimmt.

Zwei geistige Bewegungen

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Richtung

In welche Richtung bewegt sich der personale Akt?

Über sich hinaus — Ethik

Die Bewegung zum Anderen, zur Situation, zum Wert. Ethik ist relational: sie fragt, was der konkrete Andere in dieser Stunde von mir braucht. Nicht Prinzip, sondern Antwort.

Auf sich zurück — Moral

Die Bewegung zurück auf das eigene Wesen — sie lässt den Einzelnen mehr und echter er selbst sein. In dieser personalen intimen Stimmigkeit gründet die Moral. Der tiefste Wert, um den es im Gewissen geht: sich ansehen zu können — sich sehen lassen können.

Stimmigkeit als Schwebung

Beide Bewegungen treffen sich in einem Punkt — der Stimmigkeit. Längle greift hier das Bild des „per-sonare" auf: durch die Person hindurch klingt etwas. Gewissen meldet sich nicht als Befehl, sondern als Schwebung — wie bei zwei nahe beieinanderliegenden Tönen: Stimmen wahrnehmbares Außen und gespürtes Innen überein, herrscht Reinklang; weichen sie ab, entsteht jene leise Dissonanz, die wir als „nicht stimmig" erfahren. Diese Schwebung ist nicht laut. Sie ist hörbar nur für den, der hinhorcht.

Vertiefung · Memra vs. Logos

Warum die aramäische Wortbedeutung näher am EA-Personverständnis liegt: Memra trägt das beziehungshafte, schöpferische und an die konkrete Situation gebundene Sprechen in sich — ein Wort, das antwortet. Der griechische Logos tendiert demgegenüber zur überzeitlichen Vernunftstruktur. Für die Existenzanalyse ist das nicht philologische Spielerei: das Gewissen ist nicht der überzeitliche Logos, der durch uns spricht, sondern das situative Memra — ein Wort, das in dieser Stunde, an diesem Ort, zu dieser Person gesagt wird.

Vertiefung · Das Böse als Partikularisierung

In der Paneldiskussion mit Safranski und Wicki entfaltet sich eine ungewohnt nüchterne Position: das Böse ist keine eigene Substanz, kein metaphysisches Gegenüber des Guten — wenn die Freiheit keine Substanz ist, sondern eine Fähigkeit, dann ist auch die Tendenz zum Bösen eine Fähigkeit, gleich ursprünglich mit der Freiheit (Safranski/Längle). Safranski beschreibt das böse Handeln als Selbstabschließung und Erfahrungsverweigerung — die Verweigerung, sich „in die Welt der möglichen Stimmigkeiten zu begeben". Längle führt dafür den Begriff Partikularisierung ein: alles wird nur noch auf einen Aspekt bezogen, das Ganze, das „insgesamt Gute" kommt aus dem Blick. „In dieser Partikularisierung sehe ich die Wurzel des Bösen." Im Plenarvortrag entsprechend: das Böse als Verlust der Beziehung zur eigenen Person — wer in Beziehung mit der eigenen Person ist, hat auch die Person des anderen im Blick.

Fall-Beispiel

Fall· Paartherapie / Stimmigkeit

Markus, Mitte 30 — „Es fühlt sich richtig an"

Markus, drei kleine Kinder, gute Beziehung zu seiner Frau, beginnt — was er in seiner Gewissenhaftigkeit nie für möglich gehalten hätte — eine Außenbeziehung. „Ich spüre, dass ich nichts Falsches gemacht habe, es fühlt sich einfach richtig an", sagt er, obwohl er kognitiv weiß, dass sein Handeln nicht fair ist. Die Therapie verzichtet auf moralisierende Belehrung und beschränkt sich auf Fragen, auf das Aufbringen zu bedenkender Aspekte — auf ein immer neues Anfragen des Gewissens, der Stimmigkeit und der Unstimmigkeiten. Nach acht Monaten Außenbeziehung meint Markus klar, er habe „kein schlechtes Gewissen" — und doch wächst er aus der Beziehung heraus: Das Doppelleben und die Lügen werden unerträglich, die tief verwurzelte Liebe zu Frau und Kindern wird spürbar, und er beendet die Außenbeziehung schließlich selbst. Das Gewissen hat hier nicht geurteilt, es hat zusammengeschaut.

Quellen
  • Längle, A. (2013): „Das Richtige spüren? Authentizität und Gewissen." Plenarvortrag, Existenzanalyse 30/2, 46–58. — Gewissensdefinition dort zit. n. Längle 2008, 47f.
  • Paneldiskussion „Das Böse als Möglichkeit" mit R. Safranski, B. Wicki, A. Längle (Mod. L. Tutsch).
  • Tutsch, L.: „Gewissen." In: Längle, A. (Hg.): Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie. Wien: GLE-Verlag, S. 25f.