Methoden · phänomenologisch-leiblich

Sesselmethode · Phänomenologische Dialogübung

Eine kleine, aber tief wirksame Übung: der Klient sitzt — und übt, das Sitzen wahrzunehmen, dem Sessel zu „antworten“, das Getragen-Sein zu spüren. Die phänomenologische Haltung wird so leiblich erfahrbar und einübbar. Hilfreich besonders bei Halt-Verlust (1. GM) und zur Einübung der Dereflexion.

Meta · 60-Sekunden-Take

Von Längle 1986/87 entwickelt. Eine Methode der schrittweisen, an der unmittelbaren Erfahrung gehaltenen Einübung dialogischer Offenheit zur Welt. Im Hypnoid (Entspannungs-Zustand), meist im Sitzen: Wahrnehmen des Sessels — gefühlsmäßige Kontaktaufnahme — Stellung beziehen — auf die „Rückantwort des Sessels“ achten — dialogischer Austausch — existentieller Akt. Resultat: innere Ruhe, Halt-Finden, Verstärkung des inneren Dialogs, vertrauende Offenheit zur Welt.

Wozu — die drei Wirkrichtungen

Phänomenologische Offenheit
Tiefenwahrnehmung üben. Nicht überfliegen, sondern verweilen. Die Welt sich zeigen lassen.
Weltbezug
Verstärkung der dialogischen Beziehung zur Welt. Aus der inneren Versponnenheit in den Austausch kommen.
Haltfindung
Leibliches Spüren des Getragen-Seins. Die 1. GM (Halt) erfahrbar machen, nicht nur reden.

Die Schritte der Übung

  1. Faktisches feststellen. Der Klient richtet die Aufmerksamkeit auf den Sessel: Wie sitzt er? Wo berührt der Körper den Stoff? Welches Material? Wie ist die Stütze?
  2. Hinfühlen. Gefühlsmäßige Kontaktnahme. Was rührt sich beim Spüren? Wie ist es, getragen zu werden?
  3. Tiefenstruktur erfassen. Was bedeutet das? Was vermittelt der Sessel? Halt, Annahme, Zuverlässigkeit?
  4. Stellung beziehen. Was sage ich dem Sessel? Kann ich mich darauf verlassen? Will ich mich tragen lassen?
  5. „Rückantwort“ achten. Wie antwortet der Sessel auf meine Stellungnahme? (Phänomenologisch erlebbar, auch wenn er nicht „spricht“.)
  6. Dialogischer Austausch. Ein Hin und Her zwischen mir und dem Sessel — die Welt als Dialog-Partner.
  7. Existentieller Akt. Die Stellungnahme wird vollzogen — ich übergebe mich, lasse mich tragen, atme aus.
  8. Ausklingen und Nachbesprechen. Beliebige Ruhezeit. Dann zurück, gemeinsame Reflexion.

Wann sie passt

Halt-Verlust (1. GM)
Wenn jemand „den Boden verloren“ hat — Trauma, Krise, dissoziative Tendenzen. Sehr direkt erfahrbar.
Phänomenologie-Einübung
Bei Ausbildung oder Selbsterfahrung — eine starke Erinnerung daran, was phänomenologisches Schauen wirklich ist.
Dereflexion vorbereiten
Die Sesselmethode kann als Sonderform der Dereflexion gesehen werden — die Aufmerksamkeit geht weg vom inneren Kreisen, hin zum Außen.
Stille-Arbeit
Klienten, die schwer in Innenkontakt kommen, finden über das Leibliche oft einen Zugang.

Vorsicht

Bei akuten dissoziativen Zuständen und Psychose ist die Übung nicht indiziert — sie kann Verwirrung verstärken. Bei sehr körperdistanzierten Klienten behutsam, nicht erzwingen. Das Hypnoid (leichter Entspannungs-Zustand) wird vom Therapeuten geführt, nicht hypnotisch im engeren Sinn.

Therapie· Halt-Erfahrung

„Der Sessel trägt mich.“

Eine Patientin nach traumatischem Ereignis, die seit Wochen das Gefühl hat, „neben sich zu stehen“. Die Therapeutin schlägt die Sesselmethode vor. Schritt für Schritt führt sie durch — nichts wird interpretiert, alles wird gespürt. Nach acht Minuten sagt die Patientin: „Ich merke gerade, dass der Sessel mich trägt. Ohne dass ich was dafür tun muss.“ Pause. „Das war lange nicht so.“

Sichtbar: Halt wird nicht verbalisiert, sondern erfahren. Das ist die Stärke der Methode — sie greift dort, wo Worte zu wenig sind.
Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichwort: Phänomenologische Dialogübung („Sesselmethode")
  • Längle A. (2000): Phänomenologische Dialogübung („Sesselmethode"). In: Existenzanalyse 17, 1, 21–30.