Praxis · Paarbeziehung

Paartherapie

Längles Paartherapie strukturiert die Paarbeziehung entlang der vier Grundmotivationen — jede Partnerin und jeder Partner braucht in der Beziehung Halt, Mögen, Eigenes, Sinn.

Meta · 60-Sekunden-Take

In der existenzanalytischen Paartherapie geht der Zugang über die einzelne Person und ihre Dialogfähigkeit; Grundsteine der Beziehung sind Respekt und Selbst-Sein-Können. Jede der vier GMs muss im Paar gelebt werden — sonst kippt das Gleichgewicht. Längle (1993/97, 2008) gibt eine zehnstufige Strukturierungsanleitung + ein restrukturierendes Modell entlang der GMs (Ich→Du · Du→Ich · Austausch). Zentral: „Kommunikationsstörungen immer als erstes ansprechen, lieber Probleme liegen lassen!" Der Trennungsgedanke muss denkbar bleiben, sonst wird die Beziehung zum Käfig. „Wer gute Verträge hat, kann sich gut vertragen."

Die 10 Schritte der Strukturierungsanleitung

1

Spontanbericht · Motivationsklärung

Das Paar „Platz nehmen lassen" in der neuen Konstellation zu dritt [1. GM]: sich vorstellen als Einzelne und als Paar; erste Interaktionen und Beziehungsmuster beobachten; die Atmosphäre erspüren (verschlossen, aggressiv, zugeneigt aber leidvoll …). Klären: Erwartungen? Bisherige Lösungsversuche? Gemeinsames, konkretes, überprüfbares Therapieziel erarbeiten — der Therapeut bleibt dabei unbedingt neutral; nie zurückweisen, sondern zurückfragen („Glauben Sie, dass Sie das erreichen können?"). Setting klären (Frequenz; immer beide gemeinsam? Einzelgespräche?). Wer ist die treibende Kraft?

2

Problemfokussierung

„Was sehen Sie als Ihr Problem an?" — jeder Partner soll sein Problem artikulieren können (behilflich sein!). Methodisch: intervenieren! Beide sollen sich aussprechen, der andere soll zu verstehen versuchen; Luft machen ist erlaubt, aber nicht verletzend oder übergriffig — Vorwürfe abfangen, maximale Sachlichkeit, das Verstandene vom anderen wiederholen lassen. Allgemein gilt: „Kommunikationsstörungen immer als erstes ansprechen, lieber Probleme liegen lassen!"

3

Problemanalyse durch den Therapeuten

Der Therapeut/Berater wird aktiv: Annahmen über Störungsursachen; welche Probleme werden artikuliert, welche sind nur spürbar? In welcher Entwicklungsphase ist das Paar? Evtl. Schadensbegrenzung (z. B. vorübergehende Trennung — Cave: juristische/wirtschaftliche Benachteiligung). Innere Arbeit: Wie wirken die beiden auf mich (PEA 1)? Habe ich Sympathien — orten, evtl. thematisieren. Welche Diagnosen und Persönlichkeitstypen liegen vor?

4

Subjektive Sicht im Beziehungsfeld

Schlüsselfrage: „Welche Probleme, glauben Sie, hat Ihr Partner mit Ihnen?" — Rollentausch und „Supervision" durch den Partner. Wodurch schaukeln sich die Probleme auf (Vorwurf → Unterlegenheitsgefühl → Schweigen → Alleingelassen-Sein → Vorwurf …)? Was trägt jeder von beiden zum Problem bei — wie ist das Problem „mit mir" verbunden?

5

Problemgeschichte

Seit wann gibt es diese Probleme? Wie haben sie sich entwickelt — einschneidende Erlebnisse/Vorkommnisse? Wie wurde damit umgegangen? Was trägt jeder Einzelne zum Problem und zu seiner Erhaltung bei?

6

Beziehungsmotivation

Der positive Hintergrund — denn etwas kann nur zum Problem werden, wenn das Paar etwas zusammenhält. „Unter welchem Stern und mit welcher Zielsetzung sind Sie angetreten in der Beziehung?" Was hat Ihnen am anderen gefallen? Wie realistisch war die Einschätzung dessen, was die eigene Liebe bewirken kann — und die Macht der Realitäten (Herkunftsfamilie, soziale Zugehörigkeit, Religion, Kultur)?

7

Trennungsgedanke (Szenario)

„Warum eigentlich nicht auseinandergehen?" [→ Wertanalyse] Die Trennung muss denkbar sein — sonst entsteht Abhängigkeit, die Beziehung wird zum Käfig, und die eigene Unfreiheit wird am Partner bekämpft. Das Szenario konkret durchgehen (Kinder, Finanzielles, Wohnen) und die Trennung evtl. im Vorhinein betrauern — das bringt u. U. neue Gründe und Gefühle für das Zusammenbleiben. (Analog zum Ansprechen von Suizidgedanken: es ruft alles auf den Plan, was halten kann — Werte, Sinn.)

8

Verträge · Absprachen

Gemeinsame Werte und Ziele verhandeln: „Wer gute Verträge hat, kann sich gut vertragen." Ein Abend pro Woche als Beziehungsabend (Beziehungen brauchen Investitionen; Thema wählen, zeitlich begrenzen). Was tun, wenn Streit aufkommt? Was ist unsere Aufgabe als Paar? Miteinander Spielregeln finden, den Begegnungsaspekt beachten. Und wenn nichts mehr zusammenhält: so auseinandergehen, dass möglichst wenig Schaden entsteht und ein Rest von Liebe, jedenfalls aber Respekt erhalten bleibt.

9

Aussprachen · Begleitung im Prozess

Kontinuierliche Begleitung: Bericht über Fortgang, neue Erwartungen, Enttäuschungen, neue Probleme. Dazwischen immer wieder die pragmatische Frage: „Was trage ich selber zur Erhaltung der Beziehung bei?" — sie lenkt die Dynamik auf realistische Entwicklungsgebiete der Beziehung.

10

Tiefere Paartherapie mit PEA

Bei Wunsch zusammenzubleiben: vertiefte Arbeit an den Fundamenten der Beziehung — die PEA-Schritte im Austausch zwischen den Partnern (siehe unten) zur Intensivierung der Dynamik, das GM-Modell zur Festigung der Struktur.

Restrukturierende Paartherapie anhand der GMs

Ziel ist die Stärkung der Beziehung in drei Abschnitten: I. Absicherung und Ausrichtung der eigenen Existenz in Bezug auf den Partner („Wo bin ich für ihn/sie da?") — II. Beziehungsaufnahme im inneren Dialog („Wo ist der Partner für mich da?") — III. Gespräch und Austausch mit dem Partner über das Ergebnis (äußerer Dialog). Wichtig: mit Abschnitt I beginnen — der Blick auf das, was man selbst gibt, ist ungewohnter als der auf das, was man bekommt. Durchführung einzeln; geht auch als Gruppentherapie oder in Paarseminaren. Zu jeder GM gehört eine Stellungnahme (Ist es zu viel, zu wenig? Was halte ich davon?) und ein Negativbild.

1

Dasein · Halt

1. GM · Raum, Schutz, Halt

Ich → Du: Wo bin ich für meinen Partner da? Wo gebe ich ihm/ihr Raum, wo nehme ich Rücksicht? Bin ich Schutz, Halt? Du → Ich: Wo ist der Partner für mich da — bekomme ich Schutz, Halt, Lebensraum? Negativbild: Wo kann ich ihn/sie nicht sein lassen? Wo fühle ich mich bedroht?

2

Mögen · Zuwendung

2. GM · Nähe, Zeit, Gefühl

Ich → Du: Mag ich ihn/sie — und was? Gebe und zeige ich Zuwendung? Nehme ich mir Zeit? Wenn kein Gefühl da ist: Was habe ich von ihm/ihr — Funktionserfüllung? Du → Ich: Mag er/sie mich? Bekomme ich Zuwendung, Zeit, Nähe — oder will er/sie zu viel davon? Negativbild: Was mag ich nicht an ihm/ihr? Wo belastet er/sie mich?

3

Schätzen · das Eigene

3. GM · Wertschätzung, Du-Sein

Ich → Du: Schätze ich meinen Partner — wofür? Lasse ich ihm/ihr das Eigene, nehme ich seine/ihre Ideen und Gefühle ernst? Bin ich ihm/ihr ein Gegenüber, ein Du? Du → Ich: Schätzt er/sie mich? Wer bin ich für ihn/sie? Negativbild: Wo nehme ich ihn/sie nicht ernst — und wo fühle ich mich verletzt, übergangen, nicht ernst genommen?

4

Gemeinsame Aufgabe · Sinn

4. GM · das Werden-Sollende

Ich → Du: Was soll aus unserer Beziehung Gutes erwachsen? Was sehe ich als unsere gemeinsame Aufgabe — und gebe ich meines dazu? Du → Ich: Was sieht der andere als gemeinsame Aufgabe an? Negativbild: Was kann nicht (mehr) werden, was muss ich aufgeben (Kinder, Zärtlichkeit, Romantik …)? Wo fühle ich mich nicht mehr gehalten in der Beziehung?

Im Austausch (III.) wird dann reflektiert: Sind es Erwartungen oder ist es Erleben? Wie ist unser Kommunikationsstil? Was ist der Beitrag jedes Einzelnen zum Gemeinsamen — und welche eigenen Störbereiche/Pathologien fließen in die Beziehung ein?

PEA im Paar — die Schritte im Austausch

1

PEA 1 · Eindruck — „Wie fühle ich mich bei Dir?"

Einfühlen und Dasein: Wie erlebe ich mich in Deiner Gegenwart? Welchen Impuls spüre ich spontan bei Dir? Was empfinde ich als störend von Deiner Seite? Was gibst Du mir zu verstehen — und: Was mag ich an Dir?

2

PEA 2 · Verstehen und Stellungnahme

Stellungnahme zu sich: Was halte ich von mir in der Beziehung? Was ist mein Beitrag — wo lasse ich es mir etwas kosten? Liegt mein Beitrag nur auf der Funktionsebene (aufräumen, Geld)? Stellungnahme zum Partner: Welches Bild habe ich von Dir, was halte ich von Dir, was ist Dein Beitrag? — Antwort einholen. Verstehen: Wo verstehe ich Dich in dem, was Dir wichtig ist? Fühle ich mich verstanden — wo, wo nicht? Was fehlt mir bei Dir, was gibst Du mir?

3

PEA 3 · Handeln — „Was möchte ich Dir gerne geben/tun?"

Und was nicht? Bis hin zur Frage: „Wenn ich Dir nur noch einen Satz sagen könnte — was würde ich Dir sagen mögen?"

Beraterische Entlastung von Paarkonflikten

Die Beratung ist pragmatisch und fokussiert das Thema: Was kann konkret getan werden, um die Beziehung zu verbessern? (Die Therapie fokussiert demgegenüber die Ursachen der Probleme.) Sie arbeitet mit den eigenen Potentialen des Paares durch Veränderung der Bedingungen — in der Reihenfolge Sachlichkeit, Gemeinsames, Person, Sinn:

1

Situative Entlastung [1. GM]

Entflechtung der Streitpunkte im Alltag: für die nächste Zeit nur das Sachliche besprechen, den Vorwurf an die Person zurückstellen — nicht über die Beziehung, den anderen oder die Gefühle sprechen. Der Alltag ist zunächst für das Sachliche da; das Persönliche braucht besonderen Schutz.

2

Fundament stärken: gemeinsame Ziele [4. GM]

Besinnung auf gemeinsame Ziele/Aufgaben: Welche sind es diese Woche, heute? Was kann mein konstruktiver Beitrag sein — und ist jeder bereit, ihn zu leisten? (Stellungnahme vor dem Berater einholen.) So wird das „funktionale Wozu" des Zusammenseins definiert und der Beziehung eine tragende Basis für die komplexeren personalen Bezüge verschafft.

3

Liebens-Würdigkeit pflegen

Langsam den Blick auf das Du heben: „Wo sehe ich Liebens-Würdiges bei dir?" — „Wie kann ich mich liebenswürdig machen, was kann ich dafür tun?" Vertiefung: „Was war einmal liebenswürdig bei uns? Warum ist es nicht mehr?" = Ressourcenarbeit des Paares.

4

Wofür ist es gut, dass wir zusammenbleiben?

Die Sinnperspektive bewusst halten: ein Kontext, der zusammenbinden kann — sofern er vorhanden ist. Aus ihm heraus kann auf die ersten drei Punkte zurückgegangen werden. Erst danach folgt die Besprechung der tieferen Probleme, Bedürfnisse, Verletzungen.

Haltung des Therapeuten / Beraters

Grundsteine der Paarbeziehung und zugleich Prämisse der Behandlung sind Respekt (Wertschätzung des anderen) und Selbst-Sein-Können (Selbstzuwendung). Werden sie in der Beziehung nicht mehr gelebt, ist die Paarbeziehung gestört — in der Arbeit mit Paaren ist von Anfang an auf ihre Einhaltung zu achten und sie notfalls einzufordern: respektvolles Sprechen miteinander trotz aller Verletzungen; das eigene Gespür nicht übergehen.

Der Therapeut/Berater „gehört beiden Partnern gleichermaßen" und versteht sich in erster Linie als Dialogvermittler — erst in zweiter Linie als jemand, der Analysen unterbreitet oder Lösungsvorschläge macht. Er klärt nicht Schuld, sondern wie die Probleme entstanden sind. Bei aufkommendem Streit interveniert er aktiv („Das können Sie zu Hause wieder!"). Setting: für Paargespräche empfehlen sich 1½ bis 2 Stunden. Einzelgespräche beim selben Therapeuten nur unter zwei Bedingungen: der andere Partner ist einverstanden — und keiner der Partner hat hysterische Züge (Gefahr, dass die Situation ausgespielt wird).

Vertiefung · Sex als Ausdruck aller vier GMs

In der EA wird Sexualität nicht auf Trieb oder Funktion reduziert, sondern als Vollzug aller vier GMs gelesen: 1. GM — kann ich dich nahe lassen, dich aushalten, Raum geben? 2. GM — mag ich dich leiblich, ist Lust am anderen? 3. GM — darf ich mich zeigen, bist du Du, bin ich Ich? 4. GM — was tun wir miteinander, welcher Sinn-Horizont öffnet sich? Sexuelle Schwierigkeiten lassen sich oft präzise einer GM zuordnen — und werden dort therapiert, nicht im Symptom. Siehe auch Liebe & Sexualität im Themen-Bereich.

Vertiefung · Paardynamik bei narzisstischer oder Borderline-Konstellation

Bei narzisstischer Konstellation eines Partners ist die 3. GM des anderen chronisch bedroht — Spiegel-Funktion statt Begegnung. Therapeutisch zentral: Sichtbarmachen der Asymmetrie, Stärkung der eigenen 3. GM beim nicht-narzisstischen Partner, ggf. parallele Einzeltherapie. Bei Borderline-Konstellation dominiert die Affektregulation den Beziehungsraum — Phasen der Idealisierung und Entwertung wechseln. Paartherapie hier nur tragbar, wenn das Setting hochstrukturiert ist; oft sinnvoller in Kombination mit Einzeltherapie. Beide Konstellationen profitieren vom 4-GM-Check als nicht-pathologisierende Diagnoseachse: welcher Bereich kippt, wo ist der Hebel?

Fall-Beispiel

Fall· Paartherapie · Erstkontakt

„Wir haben uns nichts mehr zu sagen"

Paar, beide 45, drei Kinder, in Therapie wegen „wir haben uns nichts mehr zu sagen". Im 4-GM-Check zeigt sich: Halt und gemeinsame Aufgabe sind solide (1./4. GM — wirtschaftlich stabil, Erziehung im Einklang), aber das Mögen (2. GM) ist verflacht — kein Beziehungsabend seit Jahren — und Wertschätzung (3. GM) ist einseitig: sie fühlt sich auf ihre Funktion als Mutter reduziert. Vertrag: fester Donnerstagabend, eine Stunde zu zweit, mit PEA-1-Frage zu Beginn („Was hat mich diese Woche an Dir berührt?"). Keine Logistik in dieser Zeit. Nach drei Monaten: Wut weicht Zärtlichkeit; sie wagen ein gemeinsames Wochenende ohne Kinder. Die Beziehung ist nicht neu — aber wieder in Bewegung.

Quellen
  • Längle, A. (1993/97) · Strukturierungsanleitung in der Paartherapie bzw. Paarberatung (Curriculum-Handout PAAR)
  • Längle, A. (2008) · Haltungen und praktische Vorgangsweisen in existenzanalytischer Paartherapie und Beratung · Existenzanalyse 25/2, 12–23
  • Längle, A. (2018) · Beraterische Anleitung zur Entlastung von Konflikt-Situationen (Handout)