Störungen · Trauma

Trauma · Übersicht

Trauma ist in der EA keine Symptomstörung, sondern eine existentielle Entwurzelung — eine Erschütterung, die alle vier Grundmotivationen gleichzeitig trifft.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle definiert Trauma nicht über das Ereignis, sondern über das Entsetzen: das „fassungslose Unverständnis vor etwas Fremdem, dessen Vorhandensein als unmöglich angesehen wurde". Während Angst dem potentiellen Nichts begegnet, begegnet Entsetzen einem überwältigenden Sein (Levinas). Das Trauma sprengt alle vier existentiellen Grundbezüge und legt die Prozessebene lahm — es gibt einen Leidens-Zustand statt eines Leidens-Prozesses. Therapeutisch braucht es zuerst Strukturbildung, erst dann Konfrontation. Hauptmethode: PEA in Distanz (Längle/Bukovski 2010/2019).

Trauma-Block — fünf vertiefende Seiten

PTBS-Trias — deskriptive Folie

DSM und ICD beschreiben die Posttraumatische Belastungsstörung über drei Symptomgruppen, die als klinische Folie hilfreich, aber existenzanalytisch zu eng sind. Sie beschreiben das Was, nicht das Wozu der Symptome.

Existenzanalytisch sind diese drei Symptomgruppen Ausdruck einer protrahierten PEA-Lähmung: die personale Verarbeitung kommt nicht in Gang, der Mensch erstarrt im Zustand des Entsetzens. Es gibt keinen Leidens-Prozess, nur einen Leidens-Zustand.

Vertiefung · „Leidens-Zustand" statt „Leidens-Prozess"

Normales Leiden ist ein Prozess: die Person nimmt das Schwere wahr, fühlt es, nimmt Stellung dazu, integriert es. Beim Trauma ist diese Bewegung blockiert — die PEA selbst ist zum Stillstand gekommen. Der Mensch kann nicht leiden, er ist erstarrt im Davor-Stehen. Therapeutisch heißt das: nicht „mehr fühlen", sondern erst wieder einen Boden bauen, von dem aus überhaupt gefühlt werden kann. Daher die strikte Reihenfolge Strukturbildung → Konfrontation → Integration.

Vertiefung · Was unterscheidet Trauma von Krise?

Die Krise ist eine schwere, aber bewältigbare Erschütterung in einer oder zwei GM-Dimensionen; die existentiellen Grundannahmen bleiben tragend. Das Trauma sprengt diese Grundannahmen selbst — die Welt erscheint nicht mehr als jener Boden, auf dem Leben möglich ist. Krise lässt sich oft durch Beratung und Aktivierung der Ressourcen meistern; Trauma braucht vorgängige Strukturbildung, weil der Boden selbst weggebrochen ist.

Fall-Beispiel

Fall· Langzeit-Verlauf

Elsa — „Ich bin schlecht, ich bin billig"

Elsa, 50, leidet seit 20 Jahren an depressiven Verstimmungen und ausgeprägter Sozialangst. Im Anamnesegespräch wird die zentrale Verletzung sichtbar: vom Schwager öffentlich als „Hure" denunziert; die eigene Mutter glaubte ihm und warf sie hinaus. Resultat: chronisches Gefühl „Ich bin schlecht, ich bin billig, ich bin nicht zum Mögen". Klassisch wäre die Symptomatik als rezidivierende Depression mit sozialphobischer Komorbidität kodiert worden — doch der existenzanalytische Blick zeigt die traumatische Wurzel in der Verletzungskette. Erst die PEA-gestützte Bearbeitung dieser Kette (in Distanz, über Monate) löste die Sozialangst auf.

Quellen
  • Längle, A. (2006) · Trauma und Sinn — Wider den Verlust der Menschenwürde
  • Längle, A. & Bukovski, K. (2010/2019) · PEA in Distanz
  • APA · DSM-5 · WHO · ICD-10/11