Trauma · Übersicht
Trauma ist in der EA keine Symptomstörung, sondern eine existentielle Entwurzelung — eine Erschütterung, die alle vier Grundmotivationen gleichzeitig trifft.
Was ist ein Trauma? — Definition und Abgrenzung
Unter Trauma versteht man allgemein ein schädliches Ereignis, das „außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung" liegt (Vermetten et al. 2000). Das DSM-IV fasst enger: Konfrontation mit Tod oder ernsthafter körperlicher Verletzung — bei sich selbst oder bei anderen — mit intensiver subjektiver Reaktion von Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen. Das ICD-10 fasst weiter und knüpft an die subjektive Größe einer im normalen Menschenleben nicht vorkommenden Erfahrung an. Längle definiert von der Verletzung her: Verletzung ist „gewaltsame Zerstörung der Integrität" — ist eine Verletzung massiv, so nennt man sie Trauma.
Damit unterscheidet sich das Trauma von gewöhnlichen Belastungsfaktoren und Verletzungen, wie sie in jedem Leben unvermeidlich sind. Nur jene Traumata sind als Ursache einer PTBS anzusehen, die die üblichen Verarbeitungskapazitäten des Menschen überschreiten, weil sie eine überwältigende Dimension haben. Häufigkeit: Mehr als die Hälfte der Menschen (60 % der Männer, 51 % der Frauen) erlebt ein solches Ereignis mindestens einmal im Leben (Kessler et al. 1995).
Trauma-Block — fünf vertiefende Seiten
PTBS-Trias — deskriptive Folie
DSM und ICD beschreiben die Posttraumatische Belastungsstörung über drei Symptomgruppen, die als klinische Folie hilfreich, aber existenzanalytisch zu eng sind. Sie beschreiben das Was, nicht das Wozu der Symptome.
- Wiedererleben (Intrusionen): Flashbacks, Albträume, Bilder, körperliche Reaktionen bei Triggern. Das Trauma drängt unkontrolliert in die Gegenwart zurück.
- Vermeidungsverhalten: Aktives Aus-dem-Weg-Gehen von Personen, Orten, Gesprächen, die an das Trauma erinnern. Numbing, emotionale Abflachung, Rückzug.
- Erhöhte Erregbarkeit (Hyperarousal): Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz.
Existenzanalytisch sind diese drei Symptomgruppen Ausdruck einer protrahierten PEA-Lähmung: die personale Verarbeitung kommt nicht in Gang, der Mensch erstarrt im Zustand des Entsetzens. Es gibt keinen Leidens-Prozess, nur einen Leidens-Zustand.
Fall-Beispiel
Elsa — „Ich bin schlecht, ich bin billig"
Elsa, 50, leidet seit 20 Jahren an depressiven Verstimmungen und ausgeprägter Sozialangst. Im Anamnesegespräch wird die zentrale Verletzung sichtbar: vom Schwager öffentlich als „Hure" denunziert; die eigene Mutter glaubte ihm und warf sie hinaus. Resultat: chronisches Gefühl „Ich bin schlecht, ich bin billig, ich bin nicht zum Mögen". Klassisch wäre die Symptomatik als rezidivierende Depression mit sozialphobischer Komorbidität kodiert worden — doch der existenzanalytische Blick zeigt die Kette seelischer Verletzungen dahinter. Erst das Erkennen, Einschätzen und Betrauern der erlittenen Verletzungen in der PEA-gestützten Bearbeitung machte sie stark und ließ sie Depression und Sozialangst schrittweise überwinden.
Verbindungen
Längle, A. (2005) · Persönlichkeitsstörungen und Traumagenese · Existenzanalyse 22/2Längle, A. (2006) · Trauma und Sinn — Wider den Verlust der MenschenwürdeLängle, A. (2007) · Trauma und Existenz · Psychotherapie Forum 15Längle, A. (2017) · Traumaseminar Lochau — Trauma und ExistenzLängle, A. & Bukovski, R. (2010/2019) · PEA in DistanzAPA · DSM-5 · WHO · ICD-10/11