Depression · Entstehung
Längle unterscheidet einen formalen Mechanismus und drei inhaltliche Entstehungsmuster — flankiert von Verhaltensstrukturen, kognitiven Stilen, Schicksalsspiel, Fallgrube und Schuldverarbeitung.
Formaler Mechanismus — sechs Schritte
Werte werden nicht (mehr) erlebt
Durch Mangel (frühkindlich, biographisch) oder Verlust (Trauerblockade, Trennung). Die Lebensbeziehung wird leiser.
Schwächung der Beziehung zum Leben
Der Grundwert der 2. GM erodiert: „es ist gut, daß ich bin" wird brüchig. Energie wird zurückgezogen.
Abwendung statt Zuwendung
Statt zu trauern, zu heilen, sich zuzuwenden — wird abgewendet, weggeschoben, vermieden. Passivität setzt ein.
Festhalten an Vorstellungen
An Bildern, wie das Leben sein müsste — was die Realität nicht einlösen kann. Der Sein/Sollen-Spalt öffnet sich.
Sein/Sollen-Differenz und Enttäuschung
Jede Realität enttäuscht die unerfüllten Vorstellungen → Wiederholungsschleife → Resignation.
Todespunkt
Wo selbst die Resignation kein Halten mehr gibt: existentielles „es ist nichts mehr da" — die Frage nach dem Lebenswert wird virulent (siehe „Tor des Sterbens").
Drei inhaltliche Entstehungsmuster
Defizitleben
„zu kurz gekommen" — Lebensdepression
Unverarbeitete Verluste und anhaltender Mangel (nie erhaltene Werte: Zuwendung der Eltern, nie gelebte Lebensziele; einbrechende Verluste: Tod, Trennung, Krankheit). Lebensgefühl: „Das Leben könnte gut sein, aber es meint es nicht gut mit mir." Psychodynamik: Neid auf andere, Wut aufs Leben/Schicksal/Gott. Therapieschwerpunkt: Artikulation der Wut → dann ev. Trauer und „Tor des Sterbens".
Gefühlsblockade / Beziehungsdepression
„zu viel erlitten"
Unverarbeitete Traumatisierungen in Beziehungen (Missbrauch, Verstoßen-Werden, kalte Ablehnung) und vorenthaltene Zuwendung (Liebesentzug, fehlender Körperkontakt, Zurücksetzung) — alles mit verletzendem Charakter. Schmerzgefühle sind verdrängt, die Wertwahrnehmung ist blockiert. Lebensgefühl: „Das Leben ist nicht gut, weil die Menschen nicht gut sind." Therapieschwerpunkt: Lösung der negativen Grundwert-Induktion; Trauer → Wut → Abgrenzung.
Vitalitätsmangel / Versagensdepression
„zu schwach sein" — endogen, Persönlichkeit
Mangel an innerer Kraft, an die Werte heranzukommen: depressive Persönlichkeitsstörung (≈ Dysthymie), endogene und körperliche Depression (Krankheit, Erschöpfung) — Melancholie als „inneres Leck". Lebensgefühl: „Das Leben wäre gut, aber ich bin nicht gut genug" — Versager-, Schuldgefühl. Psychodynamik: Selbstbeschuldigung, Wut auf sich. Therapieschwerpunkt: Erschöpfungsverbot, Konkretion der Verantwortung, Umgang mit Freudlosigkeit, spezielle Therapie der endogenen Depression.
Die drei Muster kommen einzeln oder in Kombinationen vor und münden in eine gemeinsame Endstrecke: die Grundwertstörung als vorherrschende Lebenserfahrung — „Für mich ist das Leben nicht gut und es wird nicht gut" / „Das Leben verletzt und tötet mich" / „Ich bin dem Leben nicht gewachsen". Dahinter steht eine dreifache Beziehungslosigkeit: zum Welthaften (das Schale, Leere — Defizitleben), zum Leben (das Bleierne — Gefühlsblockade), zu sich (nichts mehr fühlen außer der Last — Vitalitätsmangel).
Depressive Verhaltensstrukturen
Werteersatz durch Normen
Wo Werte nicht gespürt werden, treten Normen, Pflichten, Erwartungen an ihre Stelle. „Ich tue, was man tut" ersetzt „ich tue, was mich berührt".
Vergleichen
Permanentes Sich-Vergleichen mit anderen — meist nach oben, ergibt Mangel. Der eigene Wert wird relativ statt absolut gefasst.
Rückzug
Aus Beziehungen, aus Tätigkeiten, aus dem Leben — als Versuch, weiteren Schmerz zu verhindern. Verstärkt aber den Wertentzug.
Investition in Beziehungserhaltung
Hohe Anstrengung, Beziehungen um jeden Preis zu halten — auch wenn sie nicht nähren. Aus Angst vor weiterem Verlust.
Empfindsamkeit und Nicht-Trauern
Übersteigerte Verletzlichkeit bei gleichzeitiger Unfähigkeit, die Verletzungen zu betrauern. Die Trauer wird im Symptom gehalten.
„Nicht gut genug"
Grundüberzeugung, nie zu genügen — ein Selbstanspruch, der nie erreichbar ist und so die depressive Selbstabwertung speist.
Kognitive Stile (mit Beck-Triade)
Längle nennt zwölf typische kognitive Stile depressiven Denkens: (1) Generalisierung (alle, immer, nie, keiner — Scheu vor der Konkretheit des realen Lebens; Therapie: konfrontieren und konkretisieren: „Wirklich alle?"), (2) Kontrastdenken („alle anderen können immer alles, und ich kann nie etwas"). Entsprechend der Beck'schen Triade (3–5): negative Haltung zur Welt, negative Selbstsicht mit interner Attribution des Negativen, Perspektivenlosigkeit / negative Zukunftssicht („Es hilft eh alles nichts"). Vier kognitive Formen der Beziehungslosigkeit im Rückzugsverhalten (6–9): Leben in Ver-Mutungen und Annahmen (ungeprüft, durchgängig negativ — „wertmäßiges Aushungern"), depressive Wunschhaltung („Das Leben ist nur am Ziele schön"; „Zuerst müsste das und das sein, dann könnte ich auch"), Leben in rigiden Vorstellungen und Plänen (das „vorgestellte Leben" ist ein „verstelltes Leben"), Abwehr von Wertgefühlen (Rationalisierungen → verzögerte Ver-Stimmung; Blockade im „Werteatmen"; „Wertegeiz"). Dazu (10) Projektion des eigenen Denkens auf andere („Die anderen können mich nicht lieben, weil ich mich selber nicht liebenswert finde"), (11) das depressive Paradox („wenn es ihr schlecht geht, geht es ihr besser") und (12) depressive Denkzirkel, die in Grübeln, Ausweglosigkeit und kognitiv-emotionale Erstarrung führen.
Schicksalsspiel und Fallgrube
Im Schicksalsspiel sucht der Depressive — während der Ängstliche Sicherheit sucht — Entlastung und fordert das Schicksal heraus, um weiteren Aufschluss über den Wert des Lebens und der Welt zu erhalten. Beispiel Frau M.: die Lampe steht provisorisch schief auf einem Stuhl; sie greift nicht ein („Ich laß es darauf ankommen"), bleibt Zuschauerin. Fällt die Lampe nicht — „das Leben war noch einmal gnädig"; fällt sie — „Siehst du, das Leben meint es nicht gut mit mir!" Was auch passiert, „nützt" ihr — aber sie beteiligt sich nicht am Leben, und fällt die Lampe, folgen Selbstvorwürfe. Längle deutet das Verhalten als existentielle Suche in depressiver Verzerrung: ein Befragen des Schicksals, ob das Leben einem vielleicht doch gut gesinnt ist. Im Extrem kann das Weiterleben selbst dem Schicksal zugespielt werden (siehe Übungsfall: die Patientin steigt ins Auto der alkoholisierten Mutter). — Die depressive Fallgrube ist eine neurotische Ausweglosigkeit, beispielhaft am Helfen-Müssen: „Ich muss helfen, wenn ich glaube, helfen zu können — auch wenn ich nicht will." Hilft sie nicht → schlechtes Gewissen, Schuldgefühle; hilft sie → Überforderung, Versagergefühl. Ergebnis: „Ich kann es nie recht machen — und ich bin erschöpft." Grundlage: Existenzberechtigung durch Helfen — die „Schuld des Daseins" abtragen.
Depressive Schuldverarbeitung
Schuldbewusstsein
Beispiel Längle 1987: „Ich heiratete ihn nur, weil ich sonst keinen anderen Mann mehr bekommen hätte. So schlecht bin ich. Ich nütze ihn aus."
Entwertendes, liebloses Verhalten des Anderen
Der Partner lässt sie werken, beschimpft sie, verschmutzt achtlos die Wohnung. In dieses Verhalten „klinkt" sich ihr Schuldbewusstsein ein.
Fehlattribution
„Sein Benehmen ist seine Rache" — das lieblose Verhalten des Anderen wird als gerechtfertigte Antwort auf die eigene Schuld gedeutet.
Opfer-Werden · Sich-zwingen-lassen
Unbewusstes Denken: „Wenn ich so schlecht bin, hat er ja völlig recht, mich so zu behandeln — er könnte auf mir herumtrampeln und mich pausenlos zu allem zwingen."
Opferverhalten · Selbst-Erniedrigung
Sie entwertet sich zunehmend selbst, bietet sich für erniedrigende Hilfsdienste an, übernimmt das entwertende Verhalten des Mannes gegen sich — Selbstwert und Selbstbewusstsein gehen verloren.
Letzte Auflehnung → Depression und Ohnmacht
„Rettungsversuch für den Grundwert": Fluchtversuch in eine andere Beziehung, als alles nur noch schlechter wird. Als auch diese Beziehung scheitert: Depression und Ohnmacht.
Fall-Beispiel
„Wenn ich das Telephon nicht höre, kann ich nicht helfen"
Patientin „S.": ihre Existenzberechtigung hängt am Helfen („Ich will mir unbewußt ständig meine Existenz entschuldigen") — sie traut sich nicht einmal staubzusaugen, aus Sorge, dabei einen Hilferuf am Telefon zu überhören. Der Therapeut konfrontiert humorvoll das „Überzuständigkeitsgefühl" („wie der Portier, der vom Spital weggeht und zusperrt") und gibt konkrete Übungsschritte mit der PP: zweimal die Woche saugen und sich fragen — PP1: „Was sagt mir, dass jetzt jemand Hilfe braucht? Besteht gerade eine große Gefahr?" PP2: „Kann ich es aushalten, eine Stunde nicht erreichbar zu sein?" PP3: „Jetzt sauge ich mit Freuden und erfreue mich daran, wie die Wohnung schön wird." Die Patientin: „Das ist sehr erleichternd! Ich merke die Befreiung."
Verbindungen
4_Depression7/8/9/10/11/12/13.pdf · Längle 1987–2006Längle A. (2004) Existenzanalyse der Depression (Bern) — formale + inhaltliche PathogeneseBeck A. T.: Negative Triade