2. Grundmotivation

Mögen-Leben

Die axiologische Grundfrage des Menschseins: Mag ich leben? Wo die 1. GM nach dem Können fragt, fragt die 2. GM nach dem Wert des Lebens – nach der Beziehung zum eigenen Leben, zu anderen, zu allem, was berührt.

Meta · 60-Sekunden-Take

Auf dem (statischen) Boden des Sein-Könnens setzt die 2. GM ein neues Prinzip auf: Bewegung. Leben ist pathische Dimension – wir sind als Erlebende und Erleidende in der Welt. Die 2. GM wird induziert durch Nähe, Zeit und Beziehung; sie verlangt als personale Antwort Zuwendung und Berührtsein. Bei Verlust: Trauer als reifste Bearbeitung. Coping: Rückzug → Aktivismus (Leisten/Entwerten) → Wut (rot, heiß) → Totstellreflex (Apathie/Erschöpfung). Bei Fixierung der Coping-Reaktionen: Depression. Existentielles Ja: Ja zum Leben.

Die Stockwerke der 2. GM · von Reaktion zur Tiefe des Grundwertes

Schlüsselbegriffe

Mögen-Leben
Die fühlende Bezugnahme zum Dasein. Pathische Dimension – erleben, erleiden, fühlen. „Wie ist es überhaupt dazusein?“
Grundfrage
„Mag ich leben? Ist das Leben gut?“ – die zwei Seiten: Subjekt-Pol (mag ich?) und Objekt-Pol (ist es gut?).
Voraussetzungen
Beziehung · Zeit · Nähe – die drei Bedingungen, unter denen Zuwendung möglich wird. Vorbedingung: die erfüllte 1. GM (innere und äußere Sicherheit, Sein-Können).
Personale Aktivität
Zuwendung und Berührtsein – bei Verlust: Trauer als personaler Umgang mit Lebensverlust.
Innere Tragstruktur
Grundbeziehung zum Leben – das Vitalgefühl, die Lebenslust. Daraus: der Grundwert.
Existentielles Ja
„Ja zum Leben“ – die Zustimmung zum eigenen Leben auf dem Grund des Erlebens: „Es ist gut, dass ich lebe.“
Spezifische Angst
Nicht gemocht zu werden (zum Vergleich: 1. GM – Vernichtung, 3. GM – Verletzung, 4. GM – Verzweiflung/Vergeblichkeit).
Pathologie bei Fixierung
Alle Formen der Depression (auch maniformes Verhalten) · Burnout · Suchtgefährdung über den „Suchtkeim“ (übergangenes Mögen erzeugt psychische Bedürftigkeit).

Was die 2. GM neu bringt: das Prinzip Bewegung

In der 1. GM ging es um statische Grundlagen – um Raum, Schutz, Halt. Wer dort gut steht, kann sein. Aber Sein allein reicht nicht; der Mensch ist Lebender, nicht Stein. Was die 2. GM aufsetzt, ist eine andere Logik: nicht mehr Festigkeit, sondern Fließen; nicht mehr Halten, sondern Bewegung.

Längle benutzt das Bild des Wassers: corpora non agunt nisi soluta – Körper wirken nicht, außer im gelösten Zustand. Wo Stillstand, da Verfall. Leben ist Wechsel und Veränderung – Wachsen, Reifen, Ermüden, Erstarken, Hunger, Sättigung. Auf dem statischen Fundament der Ruhe wird ein Stockwerk aufgesetzt, in dem es um Bewegung geht.

Die drei Charakteristika von Leben

Leben verstanden als Beziehung zum Dasein. Drei Merkmale lassen sich phänomenologisch herauslösen, die wiederum mit den drei Voraussetzungen der 2. GM korrespondieren:

Emotionalität
Pathische Dimension. Erleben und Erleiden. Wo man fühlt und in Beziehung ist, ist man lebendig. Korrespondiert mit der Voraussetzung Beziehung.
Wechsel & Veränderung
Wachsen, reifen, vergehen. Sättigung, Hunger. Leben hat „die Natur von Wasser“. Korrespondiert mit der Voraussetzung Zeit.
Vitale Kraft
Lebensdrang, Lebendigkeit, kommt aus dem Körper. Herz klopft, Atem strömt, Wärme, Lust, Unlust. Korrespondiert mit der Voraussetzung Nähe.
Vertiefung
Der personale Umgang mit dem Mögen: mögen heißt nicht tun

Das Mögen ist die Stellungnahme zum Bewegt-Sein – ein spontanes Urteil, ein Geben von Einverständnis zu dem, was einen innerlich bewegt. Man kann es nicht produzieren und ihm keine Vorschriften machen: was man mag, kann man nur entdecken, nicht bestimmen. Am Mögen entdeckt man sich – es zeigt den eigenen Lebensbezug. (Etymologisch bedeutet „mögen“ ursprünglich „Macht haben“ – noch enthalten in „vermögen“: die 2. GM enthält die Kraft für die Durchführung.)

Drei Regeln aus existentieller Sicht:

  • Nicht verdrängen: Man „darf“ mögen – sogar, was verboten ist. Das Mögen freilassen; verdrängte Lust treibt unkontrollierbare Blüten.
  • Differenzieren: Etwas zu mögen heißt nicht, es auch gleich zu tun. Mögen ist Ermöglichung, „Schwingungspotential für Leben“.
  • Auf Distanz kommen können: Das Mögen auch lassen können. Es ist nicht die einzige Entscheidungsgrundlage, sondern bleibt integriert in Können, Dürfen und Sollen.

Karl Valentins Zusammenfassung, die Längle zitiert: „Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Die zwei Quellen des Mögens – und der Suchtkeim

Das Mögen hat zwei Quellen und ist als ganzheitliches (psychisches und geistiges) Erleben von Attraktivität zu verstehen:

  • Lust (psychodynamisch): impulsive Kraft von innen heraus, die vielleicht noch keinen Wert sieht, ihn aber suchen geht und nach Befriedigung verlangt.
  • Wert (personal): attraktive Kraft – das Sehen eines Wertes im Außen oder im Innen.

Bezugspunkt des Mögens ist das aktivierte Lebensgefühl: das Wohlsein, das Gefühl, dass es mir damit gut geht – letztlich bezieht sich das Mögen auf das eigene Leben. Die Gefühle (psychische Dimension) sind das Substrat der 2. GM, so wie der Körper das Substrat der 1. GM ist.

Anthropologische These (Suchtkeim): Wer das Mögen übergeht und ohne Rücksicht darauf lebt, übergeht die psychische Dimension und wird ein psychisch Bedürftiger. Dieser Mangelzustand holt sich wegen seines vitalen Charakters irgendwo Ersatz – das Streben nach Lebensersatz ist der Suchtkeim: die Gefahr, „lebensgierig“ und süchtig zu werden, ist erhöht; der Weg kann bis in Sucht oder Depression führen.

Die spezifischen Gefühle der 2. GM
Sehnsucht
Fühlen eines Wertbezugs, der nicht zuhanden ist.
Nostalgie
Beziehungsgefühl zu einem Wert in der Vergangenheit.
Heimweh
Beziehungsgefühl zu Heimat und Geborgenheit.
Freude
Das zentrale Gefühl der 2. GM: Gefühl von erfülltem Leben, Teilhabe an einem Wert, der mit dem Wert des Lebens spürbar verbunden ist. Nicht zu verwechseln mit Spaß/„Fun“ (oberflächlich, unterhaltend) – Freude ist innerlich erfüllend.
Glück
Existentiell: „Erfüllt-Sein“ von Wertvollem. Der tiefste Grund zum Glücklichsein ist, mit innerer Zustimmung zu leben.
Die zwei Pole der Grundfrage: Subjekt und Objekt

Die Grundfrage der 2. GM enthält zwei Fragen, die zusammen das ganze Bild ergeben:

  • Subjekt-Pol: „Mag ich leben?“ – das ist das Lebensgefühl, die subjektiv empfundene Vitalität. Es ist die psychische Kraft, die Lust am Leben.
  • Objekt-Pol: „Ist das Leben gut?“ – das ist der Lebenswert, das geistig erkannte Wertgefühl. Es ist die Leidenschaft für das Leben als solches.

Beide nähren sich gegenseitig. Wer sein eigenes Lebensgefühl spürt, erfasst dadurch auch den Wert des Lebens. Und wer den Wert des Lebens erkennt, kann das eigene Lebensgefühl wieder entzünden. Diese Verschränkung ist die Tiefenstruktur der 2. GM.

Themen, die zur 2. GM gehören

Die 2. GM entfaltet eine Reihe existentieller Themen:

  • Lebenslust, Genießen, Freude – die hellen Aspekte des Berührtseins
  • Liebe – die intensivste Form der Zuwendung (eigene Seite, folgt in Sprint 8)
  • Verbundenheit, Gemeinschaft, Geborgenheit – Beziehung als Boden
  • Verantwortung und Sorge – das Stehen für das, was mir wichtig ist
  • Trauer – das, was geschieht, wenn ich verliere, was ich mag (Hauptthema in Zuwenden & Trauer)
  • Wachsen und Reifen – die zeitliche Dynamik des Lebens

Fall-Beispiele

Phänomen· das Nicht-Mögen

„Ich funktioniere nur noch.“

Ein Klient, Anfang 40, leitende Position, in Therapie wegen Schlafstörungen und „diffuser Lustlosigkeit“. Im Gespräch: „Ich kann alles. Ich tue alles. Aber ich mag nichts mehr. Das Essen schmeckt nicht, die Musik berührt mich nicht, mit den Kindern bin ich da, aber irgendwie nicht da. Es ist alles wie hinter Glas.“

Sichtbar: klassische 2.-GM-Blockade. Das Sein-Können (1. GM) ist intakt – er funktioniert. Was fehlt, ist die Beziehung zum Leben. Das Vitalgefühl ist abgeschnitten, die Welt erreicht ihn nicht mehr im Berührtsein. Therapie wird beim Zugang zum Mögen ansetzen, nicht bei den Symptomen.
Therapie· Zuwendung als erste Tat

Die Frage, die alles ändert

Im fünften Gespräch fragt die Therapeutin: „Wann haben Sie zuletzt etwas gemocht? Nicht das, was Sie tun mussten oder wollten – sondern etwas, das Sie einfach gemocht haben.“ Langes Schweigen. Dann: „Ich glaube, das letzte Mal war im Urlaub vor zwei Jahren, am Meer, früh morgens. Ich habe einfach geschaut. Da war ich noch da.“

Sichtbar: die Wiederentdeckung des Berührtseins als therapeutische Bewegung. Nicht „Sie müssen sich mehr Zeit nehmen“, sondern: Wo war Berührtsein einmal? Daran kann angeknüpft werden – behutsam, weil das Nichtmögen oft ein Schutz vor zuviel Schmerz ist.
Quellen
  • Längle, A. (2025). Lehrbuch zur Existenzanalyse: Zweite Grundmotivation – Der Lebensbezug (Arbeitsmanuskript, 3. Aufl.). Wien: GLE-International. [Kap. 2.1–2.3, 2.6, 2.9–2.11]
  • Längle, A. (1988). Zur Differenzierung von Nutzwert und Eigenwert (Handout). GLE.
  • Längle, A. (1993). Wertberührung. In: Längle, A. (Hrsg.), Wertbegegnung. Wien: GLE, 22–59.
  • GLE: Prüfungskatalog 2. GM (Studierendenfassung).
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Grundbeziehung, Grundwert, Emotionstheorie.