Diagnose · ICD-10 F20
Diagnose nach ICD-10 F20: ein Symptom aus Gruppen 1–4 (Erstrangsymptome) oder zwei aus 5–8, über mindestens einen Monat.
Längles 9 Symptomgruppen nach ICD-10
Gedankenlautwerden, -eingebung, -entzug, -ausbreitung
Die eigenen Gedanken werden als laut empfunden, als von außen eingegeben, als entzogen oder als „ausgebreitet" auf andere Menschen. Klassisches Erstrangsymptom nach Kurt Schneider.
Kontroll- oder Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten
Bewegungen, Gefühle, Gedanken werden als von außen gesteuert erlebt. Das eigene Tun wird als „gemacht" erfahren — Verlust der Urheberschaft.
Kommentierende oder dialogisierende Stimmen
Stimmen, die das Tun des Patienten kommentieren („Jetzt geht sie zur Tür") oder miteinander über ihn sprechen. Stark hinweisend auf F20.
Anhaltender, kulturell unangemessener bizarrer Wahn
Z.B. übernatürliche Fähigkeiten, Identität als religiöse oder politische Figur, Kontrolle über Wetter oder kosmische Ereignisse. Inhaltlich nicht aus dem kulturellen Kontext erklärbar.
Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität
Akustisch (häufigste), visuell, olfaktorisch, gustatorisch, taktil. In Verbindung mit flüchtigem Wahn ohne deutliche affektive Komponente.
Gedankenabreißen, Zerfahrenheit, Neologismen
Formale Denkstörungen: der Gedankengang reißt mitten im Satz ab, springt unverbunden, erfindet neue Wörter („Neologismen") oder zerfließt in Wortsalat.
Katatone Symptome
Erregung, Haltungsstereotypien, Negativismus, Mutismus, Stupor. Motorische Symptomatik mit Verharren oder rastloser, sinnloser Bewegung.
Negative Symptome
Apathie, Sprachverarmung, verflachter oder inadäquater Affekt, sozialer Rückzug. Sind nicht durch Depression oder Neuroleptika erklärbar. Kernproblem der Therapie.
Eindeutige und durchgängige Verhaltensänderung
Ziellosigkeit, Trägheit, in sich selbst Verlorensein, sozialer Rückzug — als anhaltendes Muster, das die Lebensführung tiefgreifend verändert.
Plus-Symptome vs. Minus-Symptome (Crow)
Erlebensqualität
Wird etwas hinzugefügt — oder geht etwas verloren?
Hinzukommen ungewohnter Phänomene: Halluzinationen, Wahn, Denkstörungen, motorische Erregung. Etwas tritt in das Erleben ein, das vorher nicht da war.
Verlust gewohnter Funktionen: Affektverflachung, Antriebsverlust, Sprachverarmung, sozialer Rückzug, Anhedonie. Etwas fehlt, was vorher da war.
Therapeutische Konsequenz
Wie gut sprechen die Symptome auf Behandlung an?
Heute pharmakologisch gut behandelbar — moderne Antipsychotika (Risperidon, Olanzapin, Clozapin) wirken auf Dopamin-/Serotonin-Achsen und reduzieren positive Symptomatik meist deutlich.
Therapeutisches Kernproblem — weniger gut medikamentös beeinflussbar. Hier hat die EA als stützende, aktivierende, beziehungsstiftende Begleitung ihren wichtigsten Platz.
Vier wichtige Subtypen nach ICD-10
Paranoide Schizophrenie
Häufigste Form
Im Vordergrund: Halluzinationen und Wahn (besonders kommentierende Stimmen, Verfolgungs- und Beziehungswahn). Affekt und Antrieb noch relativ erhalten. Späterer Krankheitsbeginn, oft günstigere Prognose.
Hebephrene Schizophrenie
Jugendalter
Beginn meist im Jugendalter. Affektverflachung, läppisches Verhalten, formale Denkzerfahrenheit. Wahn und Halluzinationen flüchtig. Prognose oft ungünstiger — frühe Negativsymptomatik.
Katatone Schizophrenie
Motorisches Bild
Vorherrschend: Stupor, Mutismus, Haltungsstereotypien, Erregung, Negativismus. Heute seltener, kann lebensbedrohlich sein (perniziöse Katatonie). Spricht oft gut auf Behandlung an.
Schizophrenes Residuum
Chronisches Stadium
Mindestens ein Jahr Negativsymptomatik nach mindestens einer Positivphase. Affektverflachung, Antriebsverlust, sozialer Rückzug, Sprachverarmung. Hier liegt das Hauptfeld der EA-Begleitung.
Risikofaktoren und Diathese-Stress
Das Lebenszeitrisiko für Schizophrenie in der Allgemeinbevölkerung liegt bei rund 1 %. Bei eineiigen Zwillingen erkrankt der zweite mit 45–50 % Wahrscheinlichkeit, wenn der erste betroffen ist. Bei einem erkrankten Elternteil liegt das Kindesrisiko bei etwa 13 %, bei zwei erkrankten Eltern bei 40–50 %. Diese Zahlen zeigen eine starke biologische Komponente — aber keine Determination.
Das Diathese-Stress-Modell macht die Lücke verständlich: vorhandene biologische Verletzlichkeit (Diathese) braucht einen Stress-Auslöser, um manifest zu werden. Typische Auslöser sind existentiell bedeutsame Lebensereignisse — Ablösung, Examen, erste Liebe, Verlust. Hier zeigt sich die Aufgabe der EA: nicht als Heilung der Erkrankung, sondern als existentielle Begleitung in den vulnerablen Übergängen.
Fall-Beispiel
Frau B., 34, sechs Wochen Symptomatik
Frau B., 34, kommt mit ihrem Mann in die Ambulanz. Seit etwa sechs Wochen hört sie eine männliche Stimme, die ihr Tun kommentiert: „Jetzt schneidet sie Brot, jetzt blickt sie auf, jetzt geht sie zur Tür." Sie ist überzeugt, die Nachbarn könnten ihre Gedanken empfangen und besprächen sich abends darüber — sie wage abends nicht mehr, mit dem Mann zu reden, „damit die nicht alles mitkriegen". Diagnostisch: Symptom aus Gruppe 1 (Gedankenausbreitung) + Symptom aus Gruppe 4 (kommentierende Stimme), Dauer > 1 Monat — das ICD-10-Kriterium für F20 ist erfüllt. Subtyp paranoide Schizophrenie (F20.0), da Halluzinationen und Wahn das Bild prägen, Affekt und Antrieb noch erhalten sind.
Verbindungen
ICD-10 · F20 · SchizophrenieSchneider, K. (1939) · Klinische Psychopathologie · ErstrangsymptomeCrow, T. J. (1980) · Two syndromes of schizophrenia · Plus-/Minus-ModellLängle, A. · Schizophrenie · Diagnose