Störungen · Klassifikation

Diagnose · ICD-10 F20

Diagnose nach ICD-10 F20: ein Symptom aus Gruppen 1–4 (Erstrangsymptome) oder zwei aus 5–8, über mindestens einen Monat.

Meta · 60-Sekunden-Take

Alle schizophrenen Formen zeigen fünf Merkmale: Realitätsverlust, Wahnideen, Halluzinationen, Denkstörungen, Störungen von Affekt/Antrieb/Kognition/Motorik. Längle unterscheidet Plus-Symptome (Halluzinationen, Denkstörungen — gut behandelbar) und Minus-Symptome (Rückzug, Affektverflachung, Antriebsverlust — Kernproblem). Kurt Schneiders Erstrangsymptome bilden die diagnostische Grundachse. Subtypen: paranoid, hebephren, kataton, undifferenziert, postschizophrene Depression, Residuum, Schizophrenia simplex.

Längles 9 Symptomgruppen nach ICD-10

1

Gedankenlautwerden, -eingebung, -entzug, -ausbreitung

Die eigenen Gedanken werden als laut empfunden, als von außen eingegeben, als entzogen oder als „ausgebreitet" auf andere Menschen. Klassisches Erstrangsymptom nach Kurt Schneider.

2

Kontroll- oder Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten

Bewegungen, Gefühle, Gedanken werden als von außen gesteuert erlebt. Das eigene Tun wird als „gemacht" erfahren — Verlust der Urheberschaft.

3

Kommentierende oder dialogisierende Stimmen

Stimmen, die das Tun des Patienten kommentieren („Jetzt geht sie zur Tür") oder miteinander über ihn sprechen. Stark hinweisend auf F20.

4

Anhaltender, kulturell unangemessener bizarrer Wahn

Z.B. übernatürliche Fähigkeiten, Identität als religiöse oder politische Figur, Kontrolle über Wetter oder kosmische Ereignisse. Inhaltlich nicht aus dem kulturellen Kontext erklärbar.

5

Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität

Akustisch (häufigste), visuell, olfaktorisch, gustatorisch, taktil. In Verbindung mit flüchtigem Wahn ohne deutliche affektive Komponente.

6

Gedankenabreißen, Zerfahrenheit, Neologismen

Formale Denkstörungen: der Gedankengang reißt mitten im Satz ab, springt unverbunden, erfindet neue Wörter („Neologismen") oder zerfließt in Wortsalat.

7

Katatone Symptome

Erregung, Haltungsstereotypien, Negativismus, Mutismus, Stupor. Motorische Symptomatik mit Verharren oder rastloser, sinnloser Bewegung.

8

Negative Symptome

Apathie, Sprachverarmung, verflachter oder inadäquater Affekt, sozialer Rückzug. Sind nicht durch Depression oder Neuroleptika erklärbar. Kernproblem der Therapie.

9

Eindeutige und durchgängige Verhaltensänderung

Ziellosigkeit, Trägheit, in sich selbst Verlorensein, sozialer Rückzug — als anhaltendes Muster, das die Lebensführung tiefgreifend verändert.

Plus-Symptome vs. Minus-Symptome (Crow)

1

Erlebensqualität

Wird etwas hinzugefügt — oder geht etwas verloren?

Plus-Symptome (Typ I)

Hinzukommen ungewohnter Phänomene: Halluzinationen, Wahn, Denkstörungen, motorische Erregung. Etwas tritt in das Erleben ein, das vorher nicht da war.

Minus-Symptome (Typ II)

Verlust gewohnter Funktionen: Affektverflachung, Antriebsverlust, Sprachverarmung, sozialer Rückzug, Anhedonie. Etwas fehlt, was vorher da war.

2

Therapeutische Konsequenz

Wie gut sprechen die Symptome auf Behandlung an?

Plus-Symptome (Typ I)

Heute pharmakologisch gut behandelbar — moderne Antipsychotika (Risperidon, Olanzapin, Clozapin) wirken auf Dopamin-/Serotonin-Achsen und reduzieren positive Symptomatik meist deutlich.

Minus-Symptome (Typ II)

Therapeutisches Kernproblem — weniger gut medikamentös beeinflussbar. Hier hat die EA als stützende, aktivierende, beziehungsstiftende Begleitung ihren wichtigsten Platz.

Vier wichtige Subtypen nach ICD-10

F20.0

Paranoide Schizophrenie

Häufigste Form

Im Vordergrund: Halluzinationen und Wahn (besonders kommentierende Stimmen, Verfolgungs- und Beziehungswahn). Affekt und Antrieb noch relativ erhalten. Späterer Krankheitsbeginn, oft günstigere Prognose.

F20.1

Hebephrene Schizophrenie

Jugendalter

Beginn meist im Jugendalter. Affektverflachung, läppisches Verhalten, formale Denkzerfahrenheit. Wahn und Halluzinationen flüchtig. Prognose oft ungünstiger — frühe Negativsymptomatik.

F20.2

Katatone Schizophrenie

Motorisches Bild

Vorherrschend: Stupor, Mutismus, Haltungsstereotypien, Erregung, Negativismus. Heute seltener, kann lebensbedrohlich sein (perniziöse Katatonie). Spricht oft gut auf Behandlung an.

F20.5

Schizophrenes Residuum

Chronisches Stadium

Mindestens ein Jahr Negativsymptomatik nach mindestens einer Positivphase. Affektverflachung, Antriebsverlust, sozialer Rückzug, Sprachverarmung. Hier liegt das Hauptfeld der EA-Begleitung.

Risikofaktoren und Diathese-Stress

Das Lebenszeitrisiko für Schizophrenie in der Allgemeinbevölkerung liegt bei rund 1 %. Bei eineiigen Zwillingen erkrankt der zweite mit 45–50 % Wahrscheinlichkeit, wenn der erste betroffen ist. Bei einem erkrankten Elternteil liegt das Kindesrisiko bei etwa 13 %, bei zwei erkrankten Eltern bei 40–50 %. Diese Zahlen zeigen eine starke biologische Komponente — aber keine Determination.

Das Diathese-Stress-Modell macht die Lücke verständlich: vorhandene biologische Verletzlichkeit (Diathese) braucht einen Stress-Auslöser, um manifest zu werden. Typische Auslöser sind existentiell bedeutsame Lebensereignisse — Ablösung, Examen, erste Liebe, Verlust. Hier zeigt sich die Aufgabe der EA: nicht als Heilung der Erkrankung, sondern als existentielle Begleitung in den vulnerablen Übergängen.

Vertiefung · Kurt Schneiders Erstrangsymptome

Schneider (1939) formulierte die Symptome ersten Ranges als hochspezifische Marker für Schizophrenie: (1) Gedankenlautwerden, (2) Stimmenhören in Form von Rede und Gegenrede, (3) Stimmen, die das eigene Tun mit Bemerkungen begleiten, (4) leibliche Beeinflussungserlebnisse, (5) Gedankenentzug und andere Gedankenbeeinflussungen, (6) Gedankenausbreitung, (7) Wahnwahrnehmung, (8) alles, was vom Gefühl, Streben und Wollen als „gemacht" erlebt wird. Liegt eines dieser Symptome ohne körperlich begründbare Ursache vor, sprach Schneider mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Schizophrenie. Die ICD-10 baut darauf auf — die Gruppen 1–4 ihrer Symptomliste sind im Wesentlichen Schneiders Erstrangsymptome.

Vertiefung · Differentialdiagnose

Schizoaffektive Störung (F25): gleichzeitig oder zeitlich eng verbunden treten schizophrene und affektive Symptome (Manie oder Depression) etwa gleichgewichtig auf. Anhaltende wahnhafte Störung (F22): Wahn als einziges oder klar im Vordergrund stehendes Symptom, ohne die typische schizophrene Zerfahrenheit, ohne Halluzinationen wie bei F20. Drogeninduzierte Psychose (F1x.5): klarer zeitlicher Zusammenhang mit Substanzkonsum (Cannabis, Amphetamine, Halluzinogene); Symptome klingen nach Karenz binnen Tagen bis Wochen ab. Schwierig wird es bei chronischem Cannabiskonsum, der eine prädisponierende Psychose auch auslösen kann — hier ist die Verlaufsbeobachtung entscheidend.

Fall-Beispiel

Fall· Diagnose-Erfüllung

Frau B., 34, sechs Wochen Symptomatik

Frau B., 34, kommt mit ihrem Mann in die Ambulanz. Seit etwa sechs Wochen hört sie eine männliche Stimme, die ihr Tun kommentiert: „Jetzt schneidet sie Brot, jetzt blickt sie auf, jetzt geht sie zur Tür." Sie ist überzeugt, die Nachbarn könnten ihre Gedanken empfangen und besprächen sich abends darüber — sie wage abends nicht mehr, mit dem Mann zu reden, „damit die nicht alles mitkriegen". Diagnostisch: Symptom aus Gruppe 1 (Gedankenausbreitung) + Symptom aus Gruppe 4 (kommentierende Stimme), Dauer > 1 Monat — das ICD-10-Kriterium für F20 ist erfüllt. Subtyp paranoide Schizophrenie (F20.0), da Halluzinationen und Wahn das Bild prägen, Affekt und Antrieb noch erhalten sind.

Quellen
  • ICD-10 · F20 · Schizophrenie
  • Schneider, K. (1939) · Klinische Psychopathologie · Erstrangsymptome
  • Crow, T. J. (1980) · Two syndromes of schizophrenia · Plus-/Minus-Modell
  • Längle, A. · Schizophrenie · Diagnose