Störungen · Chronifizierung · F62.0

Trauma & Persönlichkeitsstörung

Wenn die PTBS chronifiziert, kristallisiert sie zur andauernden Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0). Längle deutet sie als Fixierung der Defizite aller vier Grundmotivationen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Komplexes Trauma (Typ II: chronisch, früh, durch Beziehungspersonen) ist die wichtigste Brücke zwischen Traumagenese und Persönlichkeitsstörung. 86 % der PTBS-Patienten entwickeln eine komorbide dissoziative Störung. Längle sieht die Borderline-PS an erster Stelle der traumabedingten Persönlichkeitsstörungen. Während andere PS ein Haupt- und ein Nebenthema haben, ist beim posttraumatischen Persönlichkeitswandel die Existenz in ihrer Totalität betroffen.

ICD-10 F62.0 — die fünf Merkmale

1

Misstrauisch-feindliche Haltung gegenüber der Welt

Andauerndes Misstrauen, generalisierte Erwartung von Gefahr und Verrat. Längles GM-Zuordnung: 1. GM — das Grundvertrauen ist dauerhaft erschüttert, die Welt erscheint als Bedrohung.

2

Sozialer Rückzug

Vermeidung von Nähe und Beziehung, Isolation als chronisches Muster. Längle: 2. GM — der Bezug zum Leben in der Begegnung ist abgebrochen, Beziehungen tragen nicht mehr.

3

Gefühle von Leere und Hoffnungslosigkeit

Chronische innere Leere, Sinn- und Perspektivlosigkeit. Längles Zuordnung: die Leere zur 3. GM (der Selbstbezug ist ausgehöhlt), die Hoffnungslosigkeit zur 4. GM — die Sinnbasis ist eingebrochen, kein Wozu trägt mehr in die Zukunft.

4

Chronische Nervosität und Bedrohtsein

Andauernde Anspannung, Hypervigilanz, „immer auf der Hut". Längle ordnet die chronische Nervosität der 4. GM zu — gedeutet als „frustranes Äquivalent von Aktivität": ein Sich-Regen, das keinen Weg mehr in sinnvolles Handeln findet.

5

Entfremdung

Gefühl, ein anderer geworden zu sein, sich selbst und das eigene Leben nicht mehr zu erkennen. Längle: 3. GM — das Sich-Sein-Dürfen ist verloren, Identitätskontinuität gebrochen.

Typ-I- vs. Typ-II-Trauma

1

Charakter

Wie geschieht es?

Typ I · Schock-Trauma · Einmaliges, akutes, unerwartetes Ereignis. Unfall, Überfall, einmalige Naturkatastrophe. Klar lokalisierbar in der Zeit.
Typ II · Komplexes Trauma · Wiederholt, chronisch, oft früh (Kindheit), meist durch nahe Beziehungspersonen. Misshandlung, Missbrauch, häusliche Gewalt, Kriegsgefangenschaft.
2

Folgen

Was entsteht?

Klassische PTBS-Trias: Intrusionen, Vermeidung, Hyperarousal. Persönlichkeit bleibt im Kern erhalten. Gute Prognose bei zeitnaher Behandlung.
Komplexe PTBS, dissoziative Störungen, Persönlichkeitsstörungen (v.a. Borderline), F62.0. Persönlichkeit selbst ist umgeformt. Lange, schichtweise Therapie nötig.
3

GM-Profil

Welche GM ist betroffen?

Schwerpunkt 1. GM (Welt trägt nicht mehr), sekundär die anderen. Punktuelle Erschütterung der existentiellen Grundbezüge.
Alle vier GMs gleichzeitig und dauerhaft verletzt. Vor allem die Beziehungs-GMs (2. und 3.) tief getroffen, weil Täter und Bindungsperson identisch sind.

Trauma-Wahrscheinlichkeit

Nicht jedes potentiell traumatisierende Ereignis führt zur PTBS. Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Trauma eine PTBS zu entwickeln, ist bei erlittener Brutalität durch Menschen rund zehnmal höher als bei Opfern von Naturkatastrophen (Kessler et al. 1995):

Die Zahlen zeigen: das spezifisch Traumatische ist nicht die objektive Bedrohung des Lebens, sondern der Bruch der Annahme über das menschliche Zusammensein. Vom Menschen verursachtes Leid ist existentiell schwerer verarbeitbar als das von „der Natur" — weil es die 2. GM (Beziehung) und das Vertrauen in das Gut-Sein des Menschen mit zerstört.

Coping-Reaktionen bei Trauma — alle vier simultan

Lähmung · 1. GM

Der Reflex des Erstarrens, des Totstellens. Bewegungsunfähigkeit, „eingefroren sein", Stupor. Das Sein-Können selbst wird unterbrochen.

Apathie · 2. GM

Das Mögen-Leben erlischt. Numbing, Anhedonie, emotionale Abflachung. Nichts berührt mehr, alles ist gleich-gültig im Wortsinn.

Dissoziation · 3. GM

Das Sich-Sein-Dürfen wird verlassen. „Ich bin nicht mehr ich", Depersonalisation, Derealisation. Spaltung als Schutz vor dem Unerträglichen.

Betäubung · 4. GM

Die Sinnperspektive löst sich auf. „Wozu überhaupt noch?" Sinnvakuum, Zukunftsverlust, leere Gegenwart ohne Horizont.

Anders als bei anderen Störungen, in denen eine Coping-Reaktion dominiert, treten beim Trauma alle vier simultan auf — als Totalreaktion des Person-Seins auf das Übermächtige. Das macht die Diagnostik leicht (Bild ist klar) und die Therapie schwer (an allen Stellen gleichzeitig zu arbeiten). Zu den Totstellreflexen gesellen sich die schützenden Grundbewegungen aller vier GM (Fliehen/Vermeiden, Rückzug, Distanzierung, provisorische Lebenshaltung) — und zusätzlich der Aktivismus der 1. GM: das Ankämpfen in Form von Intrusionen, belastenden Träumen, Wiederfühlen des Traumas. Ein Hinweis darauf, dass die PTBS topisch am nächsten zur Angst und zum Weltbezug angesiedelt ist.

Vertiefung · Betrayal Trauma (Freyd) — Dissoziation als Überlebensstrategie

Wo der Täter zugleich die Bindungsperson ist (Eltern bei Kindesmissbrauch, Partner in Misshandlungsbeziehungen), kann der Mensch das Erlebte nicht voll bewusst halten — denn er ist zugleich auf die misshandelnde Person angewiesen. Die Dissoziation wird zur Überlebensstrategie: das Wissen um den Verrat wird abgespalten, damit die Bindung weiterhin gelebt werden kann. Im Erwachsenenalter verfestigt sich diese Spaltung zur dissoziativen Persönlichkeitsstruktur — und bildet die Wurzel vieler komplexer PS, besonders Borderline.

Vertiefung · Ignatjewa-These — Verlust eigener Aktivität durch Fremdhilfe

Eine besondere Sicht auf die posttraumatische Persönlichkeitsveränderung beschreibt die russische Existenzanalytikerin Natalja Ignatjewa (Arbeit mit schwerst Traumatisierten, z.B. nach Schädel-Hirn-Trauma): Das zentrale Geschehen der Traumawirkung liegt zunächst in einer Verminderung der Bewusstseins- und Aktivitätslage, die sich auf alle Grundmotivationen auswirkt. Da die Person den Zugang zu sich selbst (und zu den Grundmotivationen) verloren hat, ist sie auf andere Menschen angewiesen, die ihr diesen Zugang immer wieder schaffen und öffnen. In der Gewöhnung an diese Fremdhilfe sieht Ignatjewa einen Hauptgrund für die Entwicklung der Persönlichkeitsveränderung — die eigene Aktivität, das eigene Wollen verkümmern. Therapie braucht hier den Wiederaufbau eigener Aktivität, nicht primär Trauma-Bearbeitung.

Fall-Beispiel

Fall· Borderline traumagenetisch

Vom Kindesmissbrauch zur Borderline-Diagnose

Eine Frau wird in der Kindheit chronisch sexuell missbraucht durch den Vater, die Mutter weiß und schützt nicht. Als Erwachsene: instabile Beziehungen mit Idealisierung-Abwertung, anhaltender Selbsthass, regelmäßige Dissoziationen, wiederholte Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten — das Vollbild einer Borderline-PS. Längles Lesart: nicht zuerst „Borderline-Therapie" mit Skills und Konfrontation, sondern Wiederaufbau der vier Grundmotivationen in strikter Reihenfolge — zuerst Schutz und Halt (1. GM, oft über ein Jahr), erst dann tragende Beziehung (2. GM), erst dann Selbstwahrnehmung und Identität (3. GM), erst zuletzt Sinnperspektive (4. GM). Die F60.31-Diagnose ist deskriptiv richtig, die ätiologische Wahrheit liegt im F62.0.

Quellen
  • Längle, A. (2005) · Persönlichkeitsstörungen und Traumagenese · Existenzanalyse 22/2
  • Längle, A. (2007) · Trauma und Existenz · Psychotherapie Forum 15
  • WHO · ICD-10 F62.0 · Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
  • Reddemann, L. & Sachsse, U. · Trauma und PS
  • Freyd, J. (1996) · Betrayal Trauma