Störungen · EA-Therapie

Depression · Therapie

EA-Therapie der Depression arbeitet in drei Schichten: Haltungsarbeit, Problembearbeitung, Aufbauarbeit — mit Spezifika für die endogene Depression und eigenem Modul für Angehörige.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle gliedert acht methodische Elemente in drei Schichten: Haltungsarbeit — 1) aktive Empathie · 2) Zuwendung zur Gegenwart (Fraktionierung) · 3) kognitive Strukturen · 4) personale Ressourcen (SD/SA, PP1–PP3); Problembearbeitung — 5) Versagensgefühle · 6) Schuldgefühle; Aufbauarbeit — 7) Wertebeziehungen („sich selbst etwas Gutes tun", Erschöpfungsverbot) · 8) Grundwertarbeit und Trauer als Hauptarbeit. Endogene Depression: Entlastung, Erschöpfungsverbot, Verständnis schaffen, Suizidalität abklären, Compliance Medikamente. Angehörige: Aufklärung, Grenzen, kein Mitmachen bei der Verheimlichung.

Acht methodische Elemente der EA-Therapie

1

Aktive Empathie

Haltungsarbeit. Den Patienten in seinem Erleben aufnehmen — nicht trösten, nicht beruhigen, sondern mitschwingen. Die Beziehung ist Therapie.

2

Zuwendung zur Gegenwart (Fraktionierung)

Haltungsarbeit. Aus dem Grübeln zurück in das Jetzt: kleine, fassbare Einheiten. „Was haben Sie heute Vormittag getan? Wie war es, als Sie aufgewacht sind?"

3

Kognitive Strukturen

Haltungsarbeit. Die depressiven Denkmuster benennen (Generalisierung, Beck-Triade, Vermutungen) und in der Begegnung mit Realität prüfen — ohne kognitive Frontalkonfrontation.

4

Personale Ressourcen (SD/SA, PP1–PP3)

Haltungsarbeit. Selbst-Distanzierung gegenüber den Gefühlen („Die Gefühle sind jetzt einseitig, aber ich lasse mir von ihnen nicht diktieren, was ich tue") und gegenüber Erwartungen — v. a. der Erwartung, sich freuen zu müssen (Durchbrechen der „Depression über die Depression"). SA: sich zu dem stellen, was man tut, oder es lassen. PP: PP1 „Stimmt das auch? Woran erkenne ich das?" · PP2 „Wenn es so wäre — was ginge mir dieses eine Mal verloren?" · PP3 „Worum geht es mir in dieser Situation?"

5

Versagensgefühle

Problembearbeitung. Phänomenologisch klären: wo wirklich versagt, wo nur empfunden? Was war Verantwortung, was Schicksal? Die unrealistischen Ansprüche entkräften.

6

Schuldgefühle

Problembearbeitung. Drei Voraussetzungen echter Verantwortung (Beziehung, Zuständigkeit, Freiwilligkeit) anwenden — diffuse Schuldgefühle entlarven, reale Schuld zur Versöhnung führen.

7

Arbeit an Wertebeziehungen — „sich selbst etwas Gutes tun"

Aufbauarbeit. Leitmotiv: sich selbst etwas Gutes tun; Leitsatz: „Nichts ist ‚gut', das nicht auch für mich gut ist." Dazu das Erschöpfungsverbot — denn Erschöpfung ist eine Missachtung des Wertes des eigenen Lebens. Bearbeitung der Gefühle und Gründe, die davon abhalten; Arbeit an Gefühlsblockaden, Wertwahrnehmung (Dereflexion) und Traumatisierungen.

8

Tiefe Therapie am Grundwert · Trauer als Hauptarbeit

Aufbauarbeit. Arbeit an der negativen Grundwert-Induktion — an dem, was das Gefühl vermittelte: „es ist nicht gut, daß du da bist": (a) Abschied nehmen, (b) trauern über Wertverlust und Beziehungsmangel, (c) Grundeinstellung zum Leben direkt anfragen (vgl. Tor des Sterbens). Das Zentrale der Depressionstherapie ist die Trauer — in Kombination mit der therapeutischen Beziehung die stärkste Grundwert-Induktion.

Endogene Depression — Längles Zehnschritt

1

Entlastung

Krankenstand, Pflichten reduzieren, Verantwortung vorübergehend übernehmen. Der Patient darf krank sein.

2

Erschöpfungsverbot

Nichts, was anstrengt. Selbst kleinste Pflicht ist verboten, wenn sie überfordert. Das Schwerste ist nichts zu tun.

3

Reduktion Sein/Sollen

Den Anspruch an sich selbst aktiv senken. Was muss wirklich getan werden? Was kann liegenbleiben?

4

Verständnis durch Bilder

Bildhafte Erklärung — „eine dunkle Wolke, durch die Sie jetzt durchgehen", „eine Kurve mit Tunnel". Der Patient kann sich in der Krankheit verorten.

5

Schuldgefühle

Aktiv entlasten: „Sie können nichts dafür. Es ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche." Die Selbstbeschuldigung herausarbeiten.

6

Perspektive

„Es wird wieder anders." Phasen gehen vorbei. Frühere Genesungen erinnern — auch wenn der Patient sie gerade nicht spüren kann.

7

Katalysator — Insuffizienz der Gefühlskraft ansprechen

„Sie werden das jetzt gar nicht glauben können — denn Nicht-glauben-Können ist ein Symptom der Depression. Wenn Sie es einfach glauben könnten, wären Sie nicht depressiv!" Entlastet (er „muss nicht glauben") und schafft Vertrauen, weil sich der Patient verstanden fühlt.

8

Suizidalität abklären

Regelmäßig, ohne Tabu. Tor des Sterbens anwenden, Schutzvereinbarung treffen, Krisenplan.

9

Entscheidungen abnehmen

In der akuten Phase keine Lebensentscheidungen (Scheidung, Kündigung, Wohnortwechsel). Vertagen bis nach der Phase.

10

Selbstheilung — was kann der Patient selbst tun?

Regelmäßige Medikamenteneinnahme; „das Schwerste": nichts tun, sich sein lassen; den Sinn der Depression verstehen — „diese Zeit ist für mich da". Die Phasen remittieren von selbst (max. 2 Jahre): restitutio ad integrum.

Angehörigenarbeit — sieben Punkte

1

Aufklärung über das Krankheitsbild

Was ist Depression, was sind die Symptome, was sind realistische Erwartungen? Entlastung von Schuld („wir haben etwas falsch gemacht").

2

„Liebe heilt nicht kausal"

Die Angehörigen können den Kranken nicht durch Liebe heilen — sonst wären sie schuld am Nicht-Heilen. Entlastung dieser Überanforderung.

3

Beratung oder Therapie klären

Was brauchen die Angehörigen selbst? Informationsgespräch, Familiengespräch oder eigene Therapie?

4

Ansprechpartner bleiben

Da sein, ohne in die Krankheit hineingezogen zu werden. Verlässlich, aber mit eigenem Standpunkt.

5

Verheimlichung nicht mitmachen

Wenn der Patient die Krankheit verbirgt: nicht mitvertuschen. Offenheit hilft, Geheimnisse schaden.

6

Anspruch aufgeben, die rettende Hilfe zu sein

„Die Hilfe muss nicht durch mich und nicht sofort erfolgen." Der Angehörige ist kein Therapeut und kann die Probleme nicht für den Depressiven lösen — dieser Anspruch macht den meisten Stress. „Geteiltes Leid ist halbes Leid" gilt nicht für Depressive; der Depressive leidet mehr, wenn andere unter ihm leiden — gut auf sich selbst zu schauen ist eine Hilfe für ihn.

7

Eigene Grenzen offenlegen

Was kann/will der Angehörige leisten, was nicht? Authentische Begrenzung schützt die Beziehung vor Erschöpfung.

Compliance Medikamente

Bei schweren Depressionen auf die Medikamenten-Einnahme bestehen (= die Entscheidung abnehmen — ethische Pflicht des Therapeuten; auch der nicht-ärztliche Psychotherapeut muss über die Medikamente Bescheid wissen); bei mittleren anbieten, aufklären, empfehlen; bei leichten nicht unbedingt. Antidepressiva brauchen 1–3 Wochen bis zum Wirkungsbeginn (lückenlose Einnahme!) und werden Monate, heute evtl. 2–3 Jahre eingenommen, nicht plötzlich absetzen, sondern ausschleichen. Phasenprophylaxe: Lithium, Carbamazepin, Valpromat. Wichtig: AD führen nicht zur Sucht; sie wirken symptomlindernd, nicht kausal. Nebenwirkungen können vor der antidepressiven Wirkung einsetzen — häufiger Grund für vorzeitiges Absetzen, deshalb aktiv vorbesprechen. Argumente für die Medikation: sie verringert Leiden, verkürzt Phasen, reduziert Schaden und Suizidgefahr.

Prophylaxe

Die Prophylaxe besteht in hohem Maße in einer Sensibilisierung für sich selbst — fünf Säulen: Kräftepflege (auf Erschöpfungsbereiche und Stressoren achten, Rhythmen und Regelmäßigkeiten einhalten, Sport, Zuständigkeiten klären — „jede Depression hat einen Erschöpfungsanteil!"), Wertepflege (2. GM: Pflege schöner Erlebnisse — „Wo Freude ist, ist Leben" —, Beziehungen, Genießen, Körpererleben), Zuwendung zu den „Lebenshindernissen" (Belastungen ansprechen, ausstehende Trauer aufnehmen — vielleicht die häufigste Depressionsursache —, sich Enttäuschungen und Verlusten zuwenden), Zeiteinsatz (möglichst nur tun, was einem wirklich wichtig ist; nicht „auf sich verzichten"), Medikamente (Lithium-Prophylaxe bei endogener Depression, vorbeugende AD-Gabe in niedriger Dosis). Im Vorfeld sind drei Haltungen kritisch zu prüfen: Unterordnung (Überangepasstheit, Defaitismus, frag­loses Sich-Fügen), Wunschhaltungen (Wunsch für Realität nehmen — „Wünsche sind gut, wenn man sie auch lassen kann") und mangelnde Selbstachtung (sich missachten lassen, sich nicht wehren).

Vertiefung · „Megalomanie steckt in der Megaanforderung"

Längle weist auf eine paradoxe Tiefenschicht hin: in der depressiven Selbstentwertung steckt oft eine latente Überheblichkeit. Wer sich extrem niedrig bewertet, hat im Hintergrund einen extrem hohen Anspruch — eine Mega-Anforderung, hinter der die Mega-Lomanie steckt: „ich müsste vollkommen sein". Diese Einsicht ist therapeutisch entlastend, weil sie zeigt: nicht das Versagen ist das Problem, sondern der maßlose Maßstab. Wenn der Anspruch realistisch wird, sinkt die Selbstabwertung.

Vertiefung · Patientenliteratur (Daniel Hell)

Längle nennt als einsetzbare Literatur das Buch von Daniel Hell über Depression (z. B. „Welchen Sinn macht Depression?") oder Frankls KZ-Buch („…trotzdem Ja zum Leben sagen"). Vorteil: der Patient liest, wenn er kann, und integriert das Verständnis im eigenen Tempo.

Fall-Beispiel

Fall· Endogene Phase

„Die dunkle Wolke"

Patient mit dritter endogener Phase. Therapeut gibt das Bild „dunkle Wolke, durch die Sie jetzt durchgehen — Sie sehen die Sonne nicht, aber sie ist da". Verschreibt Erschöpfungsverbot: nichts, was anstrengt; übernimmt Verantwortung für den Krankenstand. Medikamenten-Compliance besprochen, Sucht-Sorge entkräftet. Der Patient lernt, die Phase „vorbeiziehen zu lassen", statt gegen sie zu kämpfen — die paradoxe Erleichterung trägt durch die Krise.

Quellen
  • 4_Depression14–18.pdf · Längle 1989–2005 (Therapie, PP, endogene D., Angehörige, Prophylaxe)
  • Längle A. (2004) Therapeutischer Umgang mit depressiven Störungen (Bull GLE)
  • Hell D.: Welchen Sinn macht Depression?