Wertbegegnung · Wertberührung als Methode
Wert ist nicht etwas, was man denkt — Wert ist etwas, dem man begegnet. Längle hat 1991 mit dem Tagungsband Wertbegegnung einen eigenen methodischen Strang aufgemacht: wie können Werte phänomenologisch zugänglich gemacht werden? Wie wird Berührtsein konkret übbar?
Was eine Wertbegegnung ist
Längle (in Anlehnung an Max Scheler): ein Wert wird nicht durch Argument vermittelt, sondern durch Wertberührung. Etwas zeigt sich mir als wertvoll — ich werde berührt. Diese Berührung ist primär affektiv, sie geschieht im Gefühl, am Leib, vor jeder Reflexion.
In der EA gehört diese Bewegung zur 2. GM (Mögen-Leben). Sie ist die Methode, mit der Werte überhaupt erst zugänglich werden:
- Ich öffne mich.
- Ich verweile bei dem Wert.
- Ich lasse mich treffen.
- Ich nehme die Resonanz wahr — Freude, Wehmut, Sehnsucht, Begeisterung.
- Aus dieser Resonanz entsteht das Wert-Erkennen.
Drei methodische Bewegungen
Bedingungen der Wertberührung
Damit Wertberührung gelingt, braucht es:
- Nähe — körperlich, zeitlich, emotional. Werte berühren nicht aus der Distanz.
- Zeit — Werte erschließen sich nicht in Eile. Sie brauchen Verweilen.
- Offenheit — wer geschlossen kommt, wird nicht berührt. Phänomenologische Haltung.
- Personale Präsenz — Werte berühren die Person, nicht den funktionierenden Anteil.
Diese Bedingungen entsprechen genau den Voraussetzungen der 2. GM (Nähe, Zeit, Beziehung). Wertbegegnung ist gewissermaßen die methodische Form der 2.-GM-Aktivität.
Wo Wertbegegnung in der Praxis greift
„Wann hat Sie zuletzt etwas berührt?“
Eine Klientin in tiefer beruflicher Funktionalität, kommt mit dem Wunsch „mehr Sinn zu spüren". Therapeut: „Wann hat Sie zuletzt etwas berührt? Egal was — etwas Kleines.“ Lange Stille. „Vorgestern. Mein Sohn hat etwas gesagt, was mich überrascht hat. Ich habe geweint, ich wusste gar nicht warum.“ — „Können wir kurz bleiben bei dem Moment? Was war das?“ Behutsam wird die Berührung wieder zugänglich. Aus diesem kleinen Moment entwickelt sich die Frage, was die Klientin überhaupt berühren darf in ihrem aktuellen Leben.
Methode oder Haltung?
Wertbegegnung ist beides. Als Haltung ist sie in jeder EA-Arbeit präsent — der Therapeut bleibt offen für das, was den Klienten berührt, und schafft Raum dafür. Als Methode ist sie in spezifischen Werkzeugen ausgearbeitet:
- SEM-Schritt 2 (Werten): hier wird Wertberührung systematisch in der Sinnfindung eingesetzt.
- WSM-Schritt 3 (Verinnerlichung): Werte fühlbar machen ist der Kern der Methode.
- PEA 1 (Eindruck): das Berührtsein wird gehoben.
- 2.-GM-Arbeit: Wertbegegnung als therapeutische Hauptbewegung.
Verbindungen
Wertberuehrung-–-das-Zusammenspiel-von-Werten-und-Gefuehl.pdf1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichworte: Wertetheorie, Grundwert, Emotionstheorie- Längle A. (Hrsg.) (1993): Wertbegegnung. Phänomene und methodische Zugänge. Tagungsbericht der GLE, Wien.
- Längle A. (1991): Wertberührung. In: Längle A. (Hrsg.) Wertbegegnung, GLE, 22–59.
- Scheler M.: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (philosophischer Hintergrund).