Wertbegegnung · Wertberührung als Methode
Wert ist nicht etwas, was man denkt — Wert ist etwas, dem man begegnet. Längle hat Anfang der 1990er Jahre mit dem Beitrag „Wertberührung“ im Tagungsband Wertbegegnung einen eigenen methodischen Strang aufgemacht: wie können Werte phänomenologisch zugänglich gemacht werden? Wie wird Berührtsein konkret übbar?
Was eine Wertbegegnung ist
Längle (in Anlehnung an Max Scheler): ein Wert wird nicht durch Argument vermittelt, sondern durch Wertberührung. Etwas zeigt sich mir als wertvoll — ich werde berührt. Diese Berührung ist primär affektiv, sie geschieht im Gefühl, am Leib, vor jeder Reflexion.
In der EA gehört diese Bewegung zur 2. GM (Mögen-Leben). Sie ist die Methode, mit der Werte überhaupt erst zugänglich werden:
- Ich öffne mich.
- Ich verweile bei dem Wert.
- Ich lasse mich treffen.
- Ich nehme die Resonanz wahr — Freude, Wehmut, Sehnsucht, Begeisterung.
- Aus dieser Resonanz entsteht das Wert-Erkennen.
Wert und Gefühl — das Zusammenspiel
Was ist ein Wert? Existentiell gefasst: „Wert ist, was mich angeht“ (Allers) — „das, woran mein Herz hängt“. Längle versteht Wert als am Leben maßgenommene Bedeutsamkeit: Als Wert wird erlebt, was das eigene Leben fördert (oder es zu fördern verspricht); was ihm abträglich ist, als Unwert. Erfasst wird das nicht primär durch Urteilen, sondern durch Fühlen — denn Fühlen heißt, die Wirkung eines Objekts auf das eigene Leben wahrzunehmen. Werte werden nicht vom Subjekt erzeugt, sondern zeugen im Subjekt: sie bewirken eine Veränderung, sind „der geistige Nährstoff der Person“.
Daraus folgt der Kernsatz der existentiellen Emotionstheorie: Jedem wahrgenommenen Wert entspricht ein Gefühl — und jedes Gefühl ist das subjektive Korrelat eines wahrgenommenen Wertes. „Durch das Gefühl ergreifen uns die Werte, noch ehe wir sie ergriffen haben.“ Referenzpunkt allen Werterlebens ist der Grundwert — das gefühlte Ja zum eigenen Leben: Was diese Grundbeziehung zum Leben stärkt, wird als Wert erlebt. Kippt der Grundwert ins Nein (Depression, Suizidalität), kippt das ganze Werterleben mit — was vorher Wert war, wird Unwert.
Praktisch wichtig ist dabei die Unterscheidung Emotion / Affekt: Emotionen (Freude, Liebe, Hoffnung …) sind innerlich freie, personale Gefühle — ihre Aufgabe ist die Wahrnehmung der persönlichen Wertigkeiten. Affekte sind reizgebundene, unfreie Reaktionen im Dienst des Lebenserhalts.
Drei methodische Bewegungen
Bedingungen der Wertberührung
Damit Wertberührung gelingt, braucht es:
- Beziehung — die Grundbedingung: Erst wenn Beziehung zum Objekt aufgenommen ist, kann etwas als Wert erlebt werden. Fehlt das Wertgefühl, ist vielleicht die Beziehung nicht zustande gekommen.
- Nähe — körperlich, zeitlich, emotional. Werte berühren nicht aus der Distanz.
- Zeit — Werte erschließen sich nicht in Eile. Sie brauchen Verweilen.
- Offenheit — wer geschlossen kommt, wird nicht berührt. Phänomenologische Haltung.
- Personale Präsenz — Werte berühren die Person, nicht den funktionierenden Anteil.
- Leibliche Kraft — der Resonanzkörper des Werterlebens ist der Leib. Ohne vitale Kraft verblasst das Werterleben (eindrücklich erlebbar in Krankheit und Erschöpfung).
Diese Bedingungen entsprechen genau den Voraussetzungen der 2. GM (Nähe, Zeit, Beziehung). Wertbegegnung ist gewissermaßen die methodische Form der 2.-GM-Aktivität.
Wo Wertbegegnung in der Praxis greift
„Wann hat Sie zuletzt etwas berührt?“
Eine Klientin in tiefer beruflicher Funktionalität, kommt mit dem Wunsch „mehr Sinn zu spüren". Therapeut: „Wann hat Sie zuletzt etwas berührt? Egal was — etwas Kleines.“ Lange Stille. „Vorgestern. Mein Sohn hat etwas gesagt, was mich überrascht hat. Ich habe geweint, ich wusste gar nicht warum.“ — „Können wir kurz bleiben bei dem Moment? Was war das?“ Behutsam wird die Berührung wieder zugänglich. Aus diesem kleinen Moment entwickelt sich die Frage, was die Klientin überhaupt berühren darf in ihrem aktuellen Leben.
Methode oder Haltung?
Wertbegegnung ist beides. Als Haltung ist sie in jeder EA-Arbeit präsent — der Therapeut bleibt offen für das, was den Klienten berührt, und schafft Raum dafür. Als Methode ist sie in spezifischen Werkzeugen ausgearbeitet:
- SEM-Schritt 2 (Werten): hier wird Wertberührung systematisch in der Sinnfindung eingesetzt.
- WSM-Schritt 3 (Verinnerlichung): Werte fühlbar machen ist der Kern der Methode.
- PEA 1 (Eindruck): das Berührtsein wird gehoben.
- 2.-GM-Arbeit: Wertbegegnung als therapeutische Hauptbewegung.
Verbindungen
- Längle, A. (2016). Sich-berühren lassen: vom Zusammenspiel von Werten und Gefühlen in der existentiellen Psychotherapie. In: Persönlichkeitsstörungen 20/2, 115–126.
- Längle, A. (2003). Das Bergen des Berührtseins als therapeutische Basisarbeit. In: Längle A. (Hrsg.) Emotion und Existenz. Wien: WUV-Facultas, 77ff.
- Längle, A. (1991/1993). Wertberührung. In: Längle A. (Hrsg.) Wertbegegnung. Phänomene und methodische Zugänge. Tagungsbericht der GLE, Wien, 22–59.
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Wertetheorie, Grundwert, Emotionstheorie.
- Scheler M.: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (philosophischer Hintergrund).