Themen · Sein, Membran, Ermöglichung

Grenze · Schlüssel zur Existenz

Grenze ist nicht das Trennende, sondern die Voraussetzung von allem, was es gibt. Ohne Membran keine Zelle, ohne Wahrnehmung von Unterschied keine Welt, ohne Eigengrenze kein Personsein.

Meta · 60-Sekunden-Take

„Grenze ist ein Grundprinzip des Seins" — ohne Grenze gibt es nichts. Längle (2016) liest Grenze als Oberfläche einer Fülle, nicht als Riegel: Hinter jeder Grenze liegt ein Inhalt, der sich an ihr begrenzt. Fünf Funktionen: Schutz, Struktur, Identität, Begegnung, Ermöglichung. Drei Probleme: zu wenig, zu viel, falsche Grenze. Methodische Pointe: Grenzen muss man sich aneignen, nie überwinden. „Der Sinn der Grenze ist die Ermöglichung."

Grenze als Grundprinzip des Seins

Längle eröffnet seinen Plenarvortrag mit einer fundamentalen Behauptung:

„Grenze ist ein Grundprinzip des Seins. Alles Sein ist an Grenzen gebunden. Ohne Grenze gäbe es nichts."
— A. Längle 2016, S. 52

Die Begründung ist ontologisch und biologisch zugleich:

Die Grenze als Oberfläche einer Fülle

Längles Schlüsselgedanke verschiebt die Wahrnehmung der Grenze grundlegend: Sie ist nicht primär das Trennende, sondern die Form dessen, was sie umschließt. „Die Grenze an sich hat keinen eigenen Bestand. Sie steht nicht für sich, sie ruht auf anderem auf, ist gewissermaßen wie die Oberfläche der Objekte."

Wenn ich an meine Grenzen stoße, weil ich vor Müdigkeit nicht mehr weiterarbeiten kann — was umschließt diese Grenze? Ein arbeitsreicher Tag, eine Problembelastung. Vielleicht ist jede Grenze die Oberfläche einer Fülle. Die Fülle ist die Innenseite. Therapeutische Folge: An eine Grenze zu stoßen heißt nicht „dahinter ist nichts" — sondern: hier endet eine Fülle und beginnt etwas anderes.

Fünf Funktionen der Grenze

Aus Längles Vortrag lassen sich fünf Hauptfunktionen / Werte der Grenze didaktisch klar trennen:

1

Schutzfunktion

„Schutz markiert die Grenze. Anderes Sein umgibt uns wie eine Schutzmauer und schirmt uns vor dem Gegenpol — vor der Gefahr des Nicht-Seins." Die Grenze schützt das Eigene vor dem Schädlichen, Todbringenden.

2

Strukturfunktion · Ordnungsfunktion

„Grenzziehung zwischen Dingen schafft Ordnung, reduziert Chaos." Kategorien wie Raum, Zeit, Individuum, Nation sind zentrale Ordnungsprinzipien. Therapeutisch zentral: Trauma ist eine Ordnungsstörung — das Unvorstellbare hat die Polarität von Sein und Nicht-Sein zum Einsturz gebracht.

3

Identitätsfunktion · Selbstsein-Funktion

„Alle Individualität ist an Grenzen gebunden. In der Symbiose löst man sich auf, stirbt quasi in der undifferenzierten Verschwommenheit." Selbstsein ist Abgrenzung vom Fremden — ohne Grenze kein Personsein. (Genuin der 3. GM zugeordnet.)

4

Begegnungsfunktion · Kohärenz

Grenzen schaffen nicht nur Trennung, sondern auch Verbindung: „Die Grenze umschließt das Zusammengehörige, so wie die Haut die verschiedenen Organe des Körpers umschließt." Familie, Paar, Verein — was innerhalb einer Grenze liegt, ist verbunden.

5

Ermöglichungsfunktion · Potential

Längles bemerkenswerteste Pointe: „Durch die Unterschiedlichkeit, ja manchmal Polarität entsteht eine Differenz, die nach Ausgleich sucht. So entsteht eine Dynamik, eine Spannung, ein Potential. Potentiale können nur durch Grenzen entstehen." Grenzen machen frei, weil sie erst Differenz, Bewegung und Werden ermöglichen.

„Der Sinn der Grenze ist die Ermöglichung. Grenzen haben den Sinn, uns freier zu machen."
— A. Längle 2016, S. 61

Probleme mit Grenzen

Grenzen sind schwierig, weil sie abstrakt sind („eine Grenze besteht aus nichts — sie ist gedacht, an einen Träger gebunden") und widersprüchlich wirken: Sie ermöglichen und verhindern zugleich. „Man hat in der Abgrenzung zwar immer einen Gewinn, zahlt aber immer auch einen Preis."

Trennende Kraft. „Mit der Grenze ist auch Verzicht verbunden. Trennung, Zurücklassen, Abschied sind immer Grenzziehungen — kleine Geschwister des Todes."

Die drei Grenz-Probleme

Zu wenig Grenze — Grenzlosigkeit, Verschmelzung, Übergriff. Typisch bei hysterischer Verarbeitung, Borderline-Strukturen, Trauma. Verlust des Eigenen.

Zu viel Grenze — Verhärtung, Isolation, Abschottung. Rigidität, Versperrtheit; kein Zugang zum Eigenen oder zum anderen. Bei zwanghaften Strukturen, schizoiden Tendenzen.

Falsche Grenze — an der falschen Stelle, zur falschen Zeit. Längles Beispiele: Grenzen zu eng setzen bei Kindern; Verhärtung in der Liebe; Offenheit, wo Schutz nötig wäre. Vor allem die Verwechslung: an Grenze stoßen heißt meist nicht „dahinter ist nichts" — sondern: hier endet eine Fülle und beginnt etwas anderes.

Grenze und die vier Grundmotivationen

Die Brillanz von Längles Vortrag liegt in der systematischen Anbindung der Grenze an die GM-Voraussetzungen. Die erste Voraussetzung der Dimension ist immer eine Grenzfunktion; die zweite die Inhaltsfunktion; die dritte die Tiefenfunktion.

1. GM (Sein-Können) — Schutz, Raum, Halt

Schutz markiert die Grenze: Anderes Sein umgibt mich wie eine Schutzmauer. Raum ist immer umgrenzter Raum — „ohne Grenze gibt es keinen Raum". Halt selbst gibt Grenze vor, durch Widerstand. Im Halt erfährt sich das Sein als getragen.

2. GM (Leben-Mögen) — Beziehung, Zeit, Nähe

Beziehung ist Begrenzung: Sich-Ausrichten auf einen, mit dem Verbundenheit besteht; andere mögliche Bezüge werden ausgegrenzt. Zeit haben heißt: für das Eine sich Zeit nehmen, andere Möglichkeiten zurückstellen. Nähe entsteht in der Bindung — sie umschließt das Zusammengehörige. „Ohne Grenze gibt es keine Beziehung."

3. GM (Selbstsein-Dürfen) — Beachtung, Gerechtigkeit, Wertschätzung

Beachtung ist Respektieren der Grenze: „Anerkennung der Unterschiedlichkeit, der Differenz, die zwischen Menschen besteht." Das Eigene wird aus dem Indifferenten gehoben. Gerechtigkeit wird dem Eigenen gerecht. Wertschätzung — Individuation bedeutet Umgrenzung des Eigenen.

„Fehlt diese Grenze, wird es hysterisch. Ohne Grenze gibt es kein Personsein!"
— A. Längle 2016, S. 63

Dieser Satz ordnet die Hysterie als Grenzpathologie der 3. GM und ist Längles klinisch wichtigste Pointe dieses Vortrags.

4. GM (Sinnvoll-Werden) — Kontext, Tätigkeitsfeld, Werden

Größerer Kontext: Eingegliedert-Sein in Zusammenhänge, die über uns hinausgehen; bewahrt vor Auflösung in orientierungslosem Herumirren. Horizont als Grenze. Tätigkeitsfelder leiten sich aus dem Kontext ab; in ihnen können wir fruchtbar werden. Werden / Werte in der Zukunft: „Sinnmöglichkeiten stellen eine Überwindung der Grenzen der Zeitlichkeit dar. Ohne Grenze keine Entwicklung."

Methodischer Schluss: „Durch das Ansetzen an der Grenze in jeder einzelnen Dimension der Existenz — an Schutz, Beziehung, Beachtung und Kontext — tut sich der Raum der Existenz von selbst auf."

Vom Aushalten zum Annehmen · Bukovski 2016

Wo Längles Plenarvortrag das Was und Wozu der Grenze entfaltet, gibt Renate Bukovski (2016, S. 26–33) im selben Heft die praktisch-therapeutische Anwendung: einen Fünf-Stufen-Bogen von der Konfrontation mit der Grenze bis zu ihrer Verwandlung. Sie folgt dem Längle'schen Satz „Können erschließt Sein": wenn das Können wegbricht (Diagnose, Verlust, Trauma), wird der Mensch aus dem Sein gedrängt — und der einzige Weg zurück führt durch das Aushalten.

1

Sein-Können · „Was ist geschehen?"

Die erste Bewegung ist Wahrnehmen, was geschehen ist. Noch ohne Bewältigung, noch ohne Reaktion — nur das nackte Faktum der Grenze.

2

Überleben durch Coping

Schutz-Reaktionen werden mobilisiert: Verdrängung, Aktionismus, Aggression, Rückzug. Sie sind notwendig — und auf Dauer nicht tragend. Hier endet viele Therapie zu früh.

3

Aushalten als Ur-Können

„Aushalten meint die Bereitschaft und den Entschluss, DA zu bleiben, das eigene Leben durch die Grenzerfahrung und ihre Auswirkungen zu tragen. Der Mensch stellt sich dem, was ist, und ‚stemmt' sich dem Geschehen mit aller Kraft entgegen" (Bukovski S. 30). Aushalten ist nicht Resignation — es ist die Urform menschlichen Daseins.

4

Akzeptieren

Aus dem aktiven Stemmen-gegen wird ein Sich-Beugen-zu. Die Realität wird nicht mehr bekämpft, sondern als gegeben angenommen — aber noch ohne sie zu lieben.

5

Annehmen · Neue Werterfahrung

Der Schritt vom Akzeptieren zum Annehmen ist die Wandlung: das, was war, wird Teil der eigenen Geschichte, die ich bejahen kann. Eine neue Werterfahrung wird möglich — nicht die alte zurückerlangt, sondern eine andere, die durch die Grenze hindurch entsteht.

Die therapeutische Beziehungs-Formel

„Ich halte ES mit DIR aus. — Es ist, es kann sein, du kannst damit hier sein."
— R. Bukovski 2016, S. 32

Diese Doppelung ist die Pointe der Bukovski'schen Methode: Aushalten geschieht nicht allein. Die Therapeutin ist nicht Werkzeug, sondern Begleiter im Aushalten. Was unerträglich war, wird erträglich, weil es geteilt wird.

Mira, eine schwerstkranke Patientin im Rollstuhl, bringt es noch knapper:

„Aushalten, Atmen, bei dem bleiben, was ist, nicht den Gespenstern von Gedanken folgen, die es aufblähen, größer werden lassen, unheimlich werden lassen. Aushalten, Atmen, bei dem bleiben, was ist."
— „Mira", in Bukovski 2016, S. 33

Leben und Leiden an den Grenzen

Wann wird Grenze zur Leidenserfahrung — wann zur Wachstumserfahrung? Längle hält die existenzielle Doppelnatur der Grenze fest.

Wo Grenze zur Leidenserfahrung wird

Wo Grenze zur Wachstumserfahrung wird

„Grenzen muss man sich aneignen, zu eigen machen, zu Freunden machen, mit ihnen arbeiten — aber nie überwinden. Wir sollen nicht aus unserer Haut ausbrechen."
— A. Längle 2016, S. 56–57

Phänomenologie der Grenze

Fünf Modi, wie der Mensch zu seiner Grenze in Beziehung treten kann:

Wahrnehmen

Grenzen werden „erst erlebt, wenn man an sie stößt oder sie überschritten hat". Sie sind in der Wahrnehmung wie die Oberfläche der Objekte — selbst nicht Substanz, sondern Form. Subjektiv entscheidend für die Einhaltung sind: wahrnehmendes Gespür, Takt, Einfühlungsvermögen, vor allem das Gewissen.

Setzen

Aktive Grenzziehung verschafft „mehr Raum, mehr Luft für mich selbst". Aber das Setzen ist schwer: wenn ich verliebt bin · wenn jemand etwas braucht und leidet · wenn ich selbst in Not bin und Beziehung brauche · wenn ich selbst nicht weiß, was ich will · wenn Gefühle, Mangel, Leid mich überschwemmen.

Überschreiten

Übertritt geschieht durch Versuchung, durch dialektische Bewegung (das Eigene überschreitet sich im Sich-Begegnen mit dem Anderen) oder durch Wachstum (die Grenze wird mit-verschoben, nicht gesprengt). Eine Grenze zu verletzen (im pathologischen Sinn) ist eine Grenzziehung an der falschen Stelle — sie übergeht das Eigene des anderen oder sich selbst, mit Folge: Scham, Schuld.

Anerkennen

„Sich aneignen, zu eigen machen, zu Freunden machen — aber nie überwinden." Die Adaptation ist ein Reifungsschritt; Mäßigung als platonische Tugend. Anerkennen heißt: nicht gegen die Grenze rennen, sondern sich innerhalb des Rahmens bewegen können.

Verteidigen

Aktive Grenzsetzung: „Sich-Distanzieren, Sich-Lösen, Sich-Unterscheiden. Man will sich ja nicht ausnutzen lassen, sich auch nicht manipulieren lassen." Im Konflikt kann diese Verteidigung in Opposition kommen — was zu akzeptieren ist als Teil des Eigenseins.

Hinterfragen

Die hilfreichste therapeutische Frage: „Darf es nicht so sein? Ist das vielleicht Ihre Realität, vorerst zumindest? Es hat doch seinen guten Grund, dass das jetzt nicht geht…" Diese Frage hinterfragt die Verurteilung der Grenze, nicht die Grenze selbst. Sie hebt das Annehmen.

„Es gehört zur Kunst des Lebens, auf das Bild zu schauen, und nicht auf den Rahmen. Auf das zu schauen, was da ist, und nicht auf das, was fehlt. Auf die Tiefe zu schauen, und nicht auf die Oberfläche."
— A. Längle 2016, S. 59

Klinische Anwendung

Die Grenz-Theorie bietet eine integrative Lesart vieler Störungsbilder. Sie ergänzt die EA-Anbindung an die GMs um eine strukturelle Achse.

B

Borderline

strukturelle Grenzauflösung.

Grenze zu sich, zu anderen, zwischen Affekten ist nicht stabil. „Wenn Grenzen nicht mehr dicht halten, bricht die Ordnung des Seins ein."

H

Hysterie

Grenzdefizit auf der Identitätsebene (3. GM).

„Fehlt diese Grenze, wird es hysterisch." Verschmelzung mit Rolle, Mittelpunkts-Drang, Verlust des Eigenen sind direkte Konsequenzen.

N

Narzissmus

paradoxe Grenzpathologie.

Zu starre Außengrenze (Schutz vor Demütigung), zu wenig innere Grenze (Größenphantasie). Das Eigene wird nicht abgegrenzt, sondern aufgeblendet.

Z

Zwang · zwanghafte PS

zu viel Grenze, zu eng gezogen.

„Das Müssen" als Hyperregulation des Lassens. Schutz schlägt in Versperrtheit um.

D

Dependenz

Grenze Eigen / Fremd nicht etabliert.

Das Andere bestimmt das Eigene; eigene Bedürfnisse werden ausgeblendet.

T

Trauma

Ordnungsstörung.

„Trauma ist eine Ordnungsstörung." Die Schutzgrenze ist durchbrochen, das Unvorstellbare in die Ordnung des Seins eingedrungen. Therapeutisch: Wiederaufbau der Ordnung, nicht primär Konfrontation mit dem Inhalt.

S

Sucht

zu starker Wille ohne Lassen.

Die Grenze gegen die Substanz / das Verhalten fehlt; die Grenze nach innen (Selbstwahrnehmung) ist erodiert. Brücke zur Wille-Seite.

A

Agoraphobie

Wachstum innerhalb der Grenze.

Längle: „Nicht die Grenze überwinden, sondern verschieben durch Erkennen, Üben und Verändern" — Wachstum innerhalb der Grenze, nicht Sprengung.

Therapeutische Konsequenzen aus dem Vortrag

Fall-Beispiel

Fall· „Ich kann nicht mehr"

Die Grenze als Sättigungssignal

Eine Klientin in der Pflegeausbildung schildert: „Ich kann das einfach nicht mehr, ich bin am Ende." Therapeutische Versuchung: motivieren, durchhalten, Methoden zur Selbstaktivierung. Die Längle'sche Lesart: Die Grenze ist nicht Mangel, sondern Sättigung — die Fülle ist groß. Was umschließt diese Grenze? Ein überlastetes System, eine Werte-Hierarchie, die kein „Nein" zulässt, der Verlust der eigenen Mitte. Statt zu überwinden, fragt die Therapeutin nach der Innenseite: Was steckt im „Nicht-mehr-Können"? Welche Fülle ist hier am Werk? Aus der Grenz-Anerkennung entsteht zuerst Erleichterung — und dann die Möglichkeit, die Grenze zu verschieben, nicht zu sprengen.

Zweiter Fall · Anna (M. Probst 2005)

Fall· Grenzverletzung der 3. GM in der Kindheit

„Anna — das in seinen Grenzen verletzte Kind"

Anna, 10 Jahre, Grundschülerin. Im äußeren Bild dramatische „hysterische" Auftritte, Suiziddrohungen. Hinter dem Symptom verbergen sich Misshandlungen durch den Großvater und sexueller Missbrauch — Verletzungen der körperlichen und der personalen Grenze.

Die Therapie geht über Malen, Symbolarbeit und das schrittweise Aufdecken des Geheimnisses. Anna entwickelt eigene Schutzfiguren: „Gleichgewichtsmaus", „Fantasiemann", „Wirbelwind", „kunterbunter Baum" — kindlich-kreative Vorformen einer personalen Antwort auf eine Wirklichkeit, in der die personale Antwort als Kind noch nicht möglich war.

Die existenzanalytische Diagnose: Verletzung des Selbst-Sein-Dürfens (3. GM). Wer als Kind in seiner Eigenart nicht respektiert wird, wer körperlich übergangen und in der Würde gedemütigt wird, dem fehlt die Grenze, die das Eigene umschließt:

„Anna hatte keinen Menschen mehr, kein ‚Du', an dem und mit dem sie ‚sich selbst' werden konnte."
— M. Probst 2005, S. 150
„Diese anhaltende Verletzung des Personseins war gepaart mit der körperlichen, demütigenden und entwertenden physischen Verletzung."
— M. Probst 2005, S. 150

Therapeutische Haltung: Anna in ihrer Eigenart aushalten — auch im hysterisch wirkenden Auftritt. Kreative Eigenaktivität ermöglichen. Den Symbol-Raum als prä-personale Vorform des personalen Dialogs respektieren. Erst wenn die Grenze des Eigenen wieder von einem „Du" anerkannt wird, kann das Kind „sich selbst" werden.

Was die Vignette zeigt: Die Grenze ist hier in der 3.-GM-Dimension verletzt — und dort, wo Anerkennung des Eigenen fehlt, kann die Person nicht entstehen. „Ohne Grenze gibt es kein Personsein." Therapie heißt: das fehlende Du sein, damit das Ich werden kann. Symbol- und Imaginationsarbeit als prä-personale Bewältigungsform funktioniert dort, wo Worte zu früh oder zu verletzlich sind.
Quellen
  • Längle, A. (2016): „Grenzen — ein Schlüssel zur Existenz. Leben und Leiden an den Grenzen des Daseins." Plenarvortrag, Existenzanalyse 33/2, 52–64.
  • Liessmann, K. P. (2012): Lob der Grenze. Wien: Zsolnay.
  • Arendt, H. (1958): The Human Condition.
  • Guardini, R. (1925): Der Gegensatz.
  • Heidegger, M.: u. a. „Jede Geburt gebiert den Tod" (Gesamtausgabe Bd. 35).
  • Probst, M. (2005): „Anna — das in seinen Grenzen verletzte Kind." In: Längle S., Sulz M. (Hg.) Das eigene Leben. Wien: GLE-Verlag, S. 139–150.
  • Bukovski, R. (2016): „Vom Aushalten zum Annehmen von Grenzerfahrungen." Plenarvortrag, Existenzanalyse 33/2, 26–33.