2. Grundmotivation · vertieft

Grundwert · Eigenwert / Nutzwert

Die tiefste Tragstruktur der 2. GM ist die Beziehung zum eigenen Leben – die Grundbeziehung. Aus ihr erwächst der Grundwert: das Gefühl „Es ist gut, dass ich lebe.“ Und in der Wertelehre liegt eine Unterscheidung, die alles ändert: Eigenwert vs. Nutzwert.

Meta · 60-Sekunden-Take

Grundbeziehung: die tiefste emotionale Beziehung zum eigenen Leben. Vitalgefühl, Lebenslust. „Ich mag leben.“ Grundwert: der daraus erfahrene Wert des Lebens. „Es ist gut, dass ich lebe.“ – Basis aller weiteren Werterfahrung, der Grund aller Werte. Eigenwert vs. Nutzwert: zwei grundverschiedene Haltungen zu allen Dingen. Eigenwert sieht das Wesen, Nutzwert sieht den Zweck. Fixierung im Nutzwert → existentielle Leere, Frustration, Missbrauch (Neurose/Sucht). Fixierung im Eigenwert → verminderte Lebenstüchtigkeit, weltfremder Idealismus. Gesund ist das Beide-Haben.

Grundbeziehung zum Leben

Längle: die Grundbeziehung zum Leben ist die tiefste, emotional empfundene Beziehung zum eigenen Leben. Sie entsteht und wird gestärkt durch die Zuwendung zum Erleben und durch eine Kraft und Bereitschaft zum Erleiden. Sie zeigt sich darin, dass man sich auf das eigene Leben einlassen und sich auf es beziehen mag.

Sie ist – das ist wichtig – die Grundlage aller anderen Beziehungsfähigkeit. Wer keine Grundbeziehung zu sich selbst hat, kann auch zu anderen keine echte Beziehung aufbauen.

Wie wird die Grundbeziehung induziert?

Längle vermutet, dass es alle fünf Erfahrungen braucht (Mensch, Natur, Stille mit sich selbst, Taten, Transzendenz), damit der Grundwert vollständig und tief empfunden werden kann – die fünfte kann implizit dabei sein. Den stärksten induktiven Effekt hat die intensivste Form der Zuwendung: die Liebe.

Die Grundbeziehung zeigt sich vor allem in der Sorge und im pflegenden Umgang mit dem eigenen Körper, den Gefühlen, der Lebenszeit, den Beziehungen, anderem Leben.

Grundwert

Aus der Grundbeziehung erwächst der Grundwert. Er ist der erlebte Eigenwert, den das Leben für die jeweilige Person hat. In positiver Ausprägung definiert ihn Längle als das tiefe Fühlen, dass es im Grunde gut ist dazusein. Auf dieser Grundlage kann die Person ihre Zustimmung zum Leben geben – Lebensaffirmation.

Wichtig: Der Grundwert ist nicht das Ergebnis einer Reflexion oder eines Glaubensaktes. Er ist eine Erfahrung, die sich beim Mit-dem-Leben-In-Berührung-Sein einstellt. Wer ihn fühlbar hat, lebt aus einer Tragstruktur. Wer ihn verloren hat, schwankt – auch wenn äußerlich alles intakt ist.

Fehlen oder negative Ausbildung des Grundwerts führen zu depressiver Symptomatik. Die Depression ist aus EA-Sicht im Kern eine Störung des Grundwerts.

Die zwei Pole am Grundwert

Lebensgefühl (subjektiv)
„Ich mag leben.“ Psychische Kraft = Vitalität. Aus dem Körper, aus positiven Beziehungserfahrungen genährt.
Lebenswert (objektiv)
„Das Leben ist gut.“ Geistig erkanntes Wertgefühl = Leidenschaft. Wirklichkeit, die unabhängig von meiner Befindlichkeit gilt.

Beide nähren einander: das Lebensgefühl eröffnet den Zugang zum Wert; der erfühlte Wert fließt wieder ins Lebensgefühl ein.

Vertiefung
Die Stellungnahme zum Leben – die „zweite Geburt“

Existentiell geht es nicht primär darum, immer wieder gute Gefühle für das Leben zu bekommen. Die Kunde, die uns das Leben gibt, ruft in eine Entscheidung: Will ich das Leben riskieren? Will ich mich auf es einlassen? – Die Stellungnahme zum Leben ist die innere, personale oder „2. Geburt“.

In der ersten Geburt ist einem das Leben gleichsam „aufgedrängt“ oder „geschenkt“ worden – jetzt übernimmt man es freiwillig, geht den „Pakt mit dem Leben“ ein: eine „Liebeserklärung“ an das Leben („ich mag dich“). Dazu gehört die Freiheit, die Beziehungsform zum Leben zu wählen: „Ehe bis zum Lebensende“, loses Verhältnis auf Zeit, Distanz halten… Beides kann nicht mit dem Verstand gelöst werden, sondern nur auf der Basis des Gefühls.

Grundwert ist nicht Selbstwert

Eine prüfungsrelevante Abgrenzung: Dass es gut ist, dass man ist, heißt noch nicht, dass es gut ist, wie man ist. Der Grundwert meint: Das Da-Sein ist als solches gut – ganz grundsätzlich, nicht erst in seiner spezifischen Ausprägung. Das So-Sein (die Stimmigkeit mit der Art und Weise, wie man ist) gehört zum Selbst-Wert der 3. GM.

Der Grundwert ist also nicht Selbstwert – aber der Selbstwert setzt den Grundwert voraus. Und er ist auch keine Selbstbewertung: nicht zu verwechseln mit der Moralität des Menschen.

Zudem ist der Grundwert echt phänomenologisch: Er hebt die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt auf („Es ist gut, dass ich bin“ – Wahrnehmender und Wahrgenommener sind eins). Diesen Wert kann man nicht haben oder besitzen, sondern nur sein, nur in Empfang nehmen.

Wert als Grundwert-Verstärker – die existenzanalytische Wertentstehung

Allgemeine (philosophische) Definition: Wert = Grund der Bevorzugung einer Sache vor einer anderen – die Entscheidungsgrundlage. Wert ist dabei das objektive Korrelat zum subjektiv erlebten Gefühl: Wo ein Gefühl ist, da geht es um einen Wert.

Zur Entstehung vertritt die EA heute ein relationales Wertverständnis: Wert entsteht weder aus dem Subjekt allein (Wertsubjektivismus) noch aus dem Objekt allein (Wertobjektivismus), sondern aus der Beziehung – aus dem „Dialog“ zwischen beiden, wie Subjekt und Objekt miteinander ins Schwingen kommen.

Das Substrat des Werterlebens lässt sich benennen: Wert ist, was die Grundbeziehung zum Leben stärkt und im Sinne des Grundwerts wirkt – ein „Grundwert-Verstärker“. „Gut“ ist der umgangssprachliche Begriff für Wert. Werte sind unsere „geistige Nahrung“ – und umgekehrt ist jeder Wert auch Botschaft vom Grundwert: In jedem Wert ist der Grundwert enthalten. Nur deshalb kann man etwas als wertvoll empfinden, weil man auch leben mag.

Paradoxe Wertbildung: Dieses Modell erklärt, warum bei negativem Grundwert etwas als „Wert“ empfunden werden kann, was normalerweise Unwert ist – Depressive können sich z. B. eine Krebserkrankung herbeisehnen, um nicht mehr leben zu müssen.

Dankbarkeit – die Haltung zur Tiefe der 2. GM

Dankbarkeit ist eine Haltung gegenüber einem erhaltenen Wert – für jenen Anteil, der nicht Ergebnis eigenen Verdienstes ist. Sie ist das analoge Gefühl zum Staunen der 1. GM: Dort das Nicht-fassen-Können des Seins, hier die Unfassbarkeit des Lebens, das man erlebend in Empfang nehmen darf – wie ein Blatt an einem großen, Leben spendenden Baum.

Wenn man die Tatsache des eigenen Lebens, zu der man selbst nichts Ursächliches beigetragen hat, als Wert empfindet, kann aus dem staunenden Berührt-Sein Dankbarkeit entstehen – eine „axiologische Grundhaltung“ und Ausdruck dafür, dass das Leben immer wieder ein Geschenk ist. Hier schließt die spirituelle Dimension der Existenz an: Das Erleben des Grundwerts – dass das Leben im Grunde ein Wert ist, der unser individuelles Sein unendlich übersteigt – ist die spirituelle Erfahrung dieser Dimension.


Eigenwert vs. Nutzwert

Eine der wichtigsten Unterscheidungen der existenzanalytischen Wertelehre. Ein und dasselbe Ding kann unter dem Aspekt seines Nutzens oder unter dem Gesichtspunkt seines Eigenwerts betrachtet werden. Beide Sichten sind legitim – aber sie ergeben grundverschiedene Beziehungen.

Eigenwert vs. Nutzwert · die axiologische Kernunterscheidung mit therapeutischer Relevanz

Beispiele

Ein Kugelschreiber hat fast nur Nutzwert – er hat seinen Wert daraus, dass er schreibt. Eine Partnerschaft oder das eigene Kind haben primär Eigenwert – ihr Wert liegt darin, wie sie sind, nicht wozu sie taugen. Ein Buch, ein Wald, ein Mensch – all das lässt sich von beiden Seiten betrachten. Die Frage ist: Aus welcher Haltung gehe ich auf die Dinge zu?

Vertiefung
Klinische Relevanz: Fixierung im Nutzwert

Wer Welt und Menschen nur unter Nutzwertaspekten sieht, erlebt früher oder später existentielle Leere. Es funktioniert alles – aber nichts berührt. Beziehungen werden austauschbar, Werte messbar, Menschen verfügbar.

Pathologische Ausformungen:

  • Existentielle Leere, Frustration, Missbrauch – die Grundfolgen der Nutzwert-Fixierung.
  • Neurose / Sucht: die Welt wird unter Nutzwertaspekten „abgecheckt“ – „Was bringt mir das?“
  • Helfersyndrom: die Fremdhilfe hat primär Nutzwertfunktion für den Helfenden selbst.

Zugleich gilt: Zur Bewältigung der Existenz braucht es beide Wertformen. Ohne Nutzwerthaltung können die Rahmenbedingungen des Lebens nicht geschafft werden – „der Nutzwert ist geistlos“, überspitzt gesagt, aber er ist effizient (→ 1. GM). Für die Erfüllung braucht der Mensch den Eigenwert.

Klinische Relevanz: Fixierung im Eigenwert

Die seltenere Pathologie, aber sie kommt vor: ein Mensch betrachtet Welt und Menschen nur unter dem Aspekt ihres Eigenwerts, vermeidet jeden Nutzwert-Bezug. Folge: verminderte Lebenstüchtigkeit, schwache Durchsetzungsfähigkeit, weltfremder Idealismus.

Klassischer Fall: stark künstlerisch-kontemplative Menschen, die im praktischen Leben scheitern. Der Eigenwert reicht – aber das Leben verlangt auch Funktion.

Längle hat im Lehrbuch die Frage aufgeworfen, ob antiautoritäre Erziehung diesen Pol manchmal überzieht (Kind nur als Eigenwert respektieren, ohne Strukturen und Anforderungen zu vermitteln).

Nutzwert ↔ Eigenwert: kein Entweder-Oder

Beide Wertarten sind notwendig. Der Mensch braucht den Nutzwert für die Bewältigung des Alltags (1. GM!). Und er braucht den Eigenwert für die Tiefe seines Lebens (2. GM, 3. GM). Die existentielle Aufgabe ist nicht, sich für einen Pol zu entscheiden, sondern beide zu kennen, beide zu nutzen – und in jeder konkreten Situation den richtigen Modus zu wählen.

Therapeutische Faustregel: wenn ein Klient in Beziehungen, Familie, Liebe nur noch nach Nutzwert fragt – „Was bringt mir das?“ – ist das ein Hinweis auf eine 2.-GM-Verarmung. Umgekehrt: wenn er im Beruf nur noch über den Eigenwert sprechen kann („Ich bin ja eigentlich Künstler…“) und Leistung gar nicht mehr leisten kann, ist die andere Seite betroffen.

Brücke zur 4. GM: Sinn vs. Zweck

Die Differenzierung Eigenwert / Nutzwert ist – so der Titel des Handouts – die Grundlage zur Trennung von Zweck und Sinn, die in der 4. GM zentral wird. Beide gehören zur teleologischen („Wofür“-)Dimension der Werte:

Zweck
= der Nutzwert-Aspekt: wofür etwas dient, wofür es verwendet wird – vom Subjekt gesetzt, instrumentell.
Sinn
wofür etwas im größeren Kontext gut ist, in welchem Zusammenhang es steht und fruchtbar werden kann – analog zur Eigenwert-Haltung nicht verwendend, sondern sein-lassend und sich einfügend.

Wer die Welt nur unter Nutzwert-/Zweckaspekten sieht, verfehlt den Sinn – die Haltung des Eigenwerts (gelten lassen, phänomenologisch offen sein) ist die Schule, in der Sinn überhaupt erst erfassbar wird.

Phänomen· Nutzwert-Fixierung

„Ich behandle meine Frau, als wäre sie ein Projekt.“

Ein Klient im mittleren Beziehungsalter, sehr erfolgreich beruflich. „Mir ist aufgefallen: ich gehe an unsere Ehe wie an ein Projekt. Ich frage mich: was funktioniert, was muss optimiert werden, wo gibt's Effizienzgewinn. Meine Frau sagt, ich rede mit ihr wie mit einer Mitarbeiterin. Sie hat recht. Aber ich kann nicht anders.“

Sichtbar: Nutzwert-Fixierung in der intimen Beziehung. Aus einem im Beruf erworbenen Modus wird ein lebensweiter Filter. Therapeutisch: zuerst das Phänomen sichtbar machen (das hat er schon getan), dann die Frage aufwerfen, was diese Frau, dieses Leben, diese Liebe als Eigenwert hat – jenseits dessen, was sie „bringt“.
Therapie· Grundwert-Pflege

Die Frage nach dem ersten Glück

Eine depressive Patientin in der dritten Sitzung. Die Therapeutin fragt: „Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrem Leben, wo Sie wirklich gern gelebt haben? Ganz konkret, nicht abstrakt.“ Die Patientin denkt lange. „Mit acht. Im Sommer, bei meiner Großmutter, am Bach. Ich habe Steine ins Wasser geworfen. Ich war einfach da.“ Die Therapeutin: „Was war das? Was hat das mit Ihnen gemacht?“ Die Patientin: „Ich war einverstanden. Mit allem.“

Sichtbar: Grundwert-Pflege. Die Patientin findet eine Erinnerung, in der der Grundwert erfahrbar war: Einverstanden-Sein mit dem Leben. Daran lässt sich anknüpfen – sie weiß, wie das geht, sie kann das. Die Frage ist jetzt, wie dieses Können wieder wachsen darf.
Quellen
  • Längle, A. (2025). Lehrbuch zur Existenzanalyse: Zweite Grundmotivation – Der Lebensbezug (Arbeitsmanuskript, 3. Aufl.). Wien: GLE-International. [Kap. 2.6 Grundbeziehung & Grundwert, S. 57 ff. · Kap. 2.8 Wertelehre, S. 89 ff.]
  • Längle, A. (1988). Zur Differenzierung von Nutzwert und Eigenwert (als Grundlage zur Trennung von Zweck und Sinn) (Handout). GLE.
  • Längle, A. (1993). Wertberührung. In: Längle, A. (Hrsg.), Wertbegegnung. Wien: GLE, 22–59.
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Grundbeziehung, Grundwert, Wertetheorie.