Störungen · Klassifikation

Depression · Formen

Klassifikation der Depression entlang von Erleben (Depression/Melancholie), ICD und Genese (endogen/neurotisch/reaktiv/depressive Persönlichkeit/Sonderformen).

Meta · 60-Sekunden-Take

Längles fünf Hauptkategorien. Phänomenologisch: De-Pression (von außen drückend) vs. Schwer-Mut/Melancholie (von innen versiegend, Tellenbachs Typus melancholicus). Endogene Depression diagnostisch über vier Kernsymptome: Antrieb, Befindlichkeit, Affizierbarkeit, Biorhythmus. Depressive Persönlichkeit als Kontinuum. Dysthymie: chronisch, ≥ 2 Jahre.

Zwei phänomenologische Grundformen

1

Herkunft

Woher kommt der Druck?

De-Pression · Druck kommt von außen: Lasten, Anforderungen, Verluste drücken auf die Person.
Schwer-Mut / Melancholie · Druck kommt von innen: die Lebensquelle versiegt, ohne dass ein konkretes Außen verantwortlich wäre.
2

Werte-Bezug

Welche Werte sind verletzt?

„E-Werte" (Erfahrungswerte): Verlust, Trennung, Misserfolg — von der Welt her erlitten.
„P-Werte" (personale Werte): die Beziehung zum eigenen Leben selbst ist betroffen.
3

Blickrichtung

Worauf richtet sich der Patient?

Auf die Welt und ihre Probleme: „Es ist zuviel, es ist zu schwer."
Auf die eigene Schwäche und Unfähigkeit: „Ich kann nicht mehr, ich tauge nichts."
4

Reaktion

Wohin geht die Bewegung?

Agitation, Wut gegen die Welt, Angst als Motor — Aggression nach außen.
Absicherung durch Ordentlichkeit, Gewissenhaftigkeit (Tellenbach: Typus melancholicus), Autoaggression.

Längles fünf Hauptkategorien

1

Schwere depressive Episode / endogene Depression

Major Depression mit allen vier Kernsymptomen, oft phasisch verlaufend, mit ausgeprägtem Vitalitätsmangel und somatischen Korrelaten. ICD-10: F32.2/3, F33.

2

Depressive Persönlichkeit

Kontinuum, kein abgrenzbarer Beginn. Lebenslange Disposition zur Schwermut, gepaart mit Gewissenhaftigkeit, hoher Anspruchshaltung an sich selbst, leiser Resignation.

3

Neurotische Depression / Dysthymie

Chronisch, mindestens zwei Jahre andauernd (F34.1). Häufig aus unverarbeiteter Trauer, Beziehungsverletzungen, Defizitlagen — kognitiv-emotional gestützt, mit erhaltener Tagesschwankung.

4

Anpassungsstörung / reaktive Depression

Klar identifizierbarer Auslöser (Verlust, Konflikt, Lebensereignis), zeitlich begrenzt, mit erhaltener Affizierbarkeit. Trauerblockade häufige Brücke zur Chronifizierung.

5

Sonderformen

Organisch, larviert (somatisch verdeckt), saisonal (SAD), Neurasthenie, Burn-out, präklinische Verstimmung, Depression bei Kindern, Depression beim Mann (Gotland-Syndrom).

Vier Kernsymptome der endogenen Depression

1

Antrieb

Lähmung der Initiative

Antriebshemmung bis zum Stupor; einfachste Handlungen werden zur Anstrengung. Der Patient erlebt sich als versteinert, kann sich nicht aufrappeln.

2

Befindlichkeit

Morgendliches Pessimum

Charakteristische Tagesschwankung: morgens am schlechtesten, abends Aufhellung. Gefühl der Wertlosigkeit, innere Leere, vitale Traurigkeit.

3

Affizierbarkeit

Nur Negatives kommt an

Positive Erlebnisse erreichen den Patienten nicht mehr; Negatives wird hingegen verstärkt aufgenommen und im Grübeln zirkuliert.

4

Biorhythmus

Schlaf, Appetit, Hormone

Früherwachen, Appetitminderung, Libidoverlust, Drüsenstörungen. Saisonale Häufung im April/Mai und Oktober/November.

Sonderformen

Organisch: hirnorganisch, endokrin (Hypothyreose), medikamentös, postpartal. Larviert: somatisch maskiert, Schmerz oder Vegetativum als Vordergrund — psychogene Symptome schwer zu identifizieren. Saisonal (SAD): Herbst/Winter-Phasen mit Hypersomnie und Heißhunger. Neurasthenie / Burn-out: Erschöpfungsdepression nach chronischer Überforderung. Präklinisch: Verstimmung ohne F-Diagnose-Schwelle. Bei Kindern: häufig somatische und Verhaltensauffälligkeiten (Schlafstörung, Schulverweigerung, Aggression). Beim Mann: Gotland-Studie — Zornattacken, Suizidalität, Substanzmissbrauch statt klassischem Trauerbild.

Vertiefung · Tellenbachs Typus melancholicus

Tellenbach (1961) beschreibt eine Persönlichkeitsstruktur, die für endogene Depression vulnerabel ist: Ordentlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, hohe Ansprüche an sich selbst und an Beziehungen. Diese Eigenschaften sind nicht Symptom, sondern Absicherung gegen eine zugrunde liegende Verletzlichkeit der 2. GM. Wenn die Absicherung versagt (Inkludenz: Einschluss in unerfüllbare Verpflichtungen; Remanenz: Zurückbleiben hinter Ansprüchen), kippt die Struktur in die melancholische Phase.

Vertiefung · Gotland-Studie und Depression beim Mann

Auf der schwedischen Insel Gotland wurde nach einem ärztlichen Fortbildungsprogramm beobachtet: Männer zeigen Depression häufig nicht über klassische Traurigkeit, sondern über Zornattacken, erhöhte Reizbarkeit, Suizidalität, Substanzmissbrauch und Risikoverhalten. Das ärztliche Erkennen muss diese Maskierung kennen, sonst bleibt die männliche Depression unbehandelt — mit entsprechend hoher Suizidrate.

Fall-Beispiel

Fall· Endogene Depression

„Diesmal ist es schlimmer als je zuvor"

Patientin mit dritter depressiver Phase: „Diesmal ist es schlimmer als je zuvor." Klassisches Symptom der endogenen Depression: das Vergangene verblasst, weil die Gefühlskraft fehlt, sich an frühere Genesungen zu erinnern. Diagnostisch wertvoll — der Therapeut weiß, dass es nicht objektiv schlimmer ist, sondern dass die Affizierbarkeit für Positives versiegt ist.

Quellen
  • 4_Depression2_-_Grundformen.pdf · Längle
  • 4_Depression4-Klassifikation.pdf · Längle
  • 4_Depression5_-_Pers.pdf · Längle
  • Tellenbach H. (1961) Melancholie
  • ICD-10 F32–F34