Depression · Formen
Klassifikation der Depression entlang von Erleben (Depression/Melancholie), ICD und Genese (endogen/neurotisch/reaktiv/depressive Persönlichkeit/Sonderformen).
Zwei phänomenologische Grundformen
Herkunft
Woher kommt der Druck?
Werte-Bezug
Welche Werte sind verletzt?
Blickrichtung
Worauf richtet sich der Patient?
Reaktion
Wohin geht die Bewegung?
Längles fünf Hauptkategorien
Schwere depressive Episode / endogene Depression
Major Depression mit allen vier Kernsymptomen, oft phasisch verlaufend, mit ausgeprägtem Vitalitätsmangel und somatischen Korrelaten (Neurotransmitter-Geschehen prägt das Bild). Dazu gehört die bipolare affektive Störung: in der Manie ist „das Minus ins Plus verkehrt" — euphorische Stimmung, Gefühl, Bäume ausreißen zu können; man erschöpft sich in der manischen Phase und leitet dadurch manchmal die depressive ein. Hypomanie = Vorstufe der Manie. ICD-10: F32.2/3, F33.
Depressive Persönlichkeit(sstörung)
Kontinuum von gesund bis krank, ausgeprägte Stimmungsabnormität das ganze Leben lang. Der eigene Wert und der Wert des Lebens werden aus sich heraus wenig gefühlt → drei Unsicherheiten: (a) gegenüber der Tragkraft des Lebens (Pessimismus, Perspektivenlosigkeit), (b) im Fühlen von Kraft und Wert (statt „Ist das gut?" die Frage „Ist das normal?" — normatives statt gefühltes Leben), (c) im Spüren des Selbstwertes (Vergleichen, Wunsch- und Vorstellungswelt als kognitiver Ersatz). Grundbewegung: Rückzug aus der Welt; Lebensgefühl: „Lastigkeit". Wert: warmherzig, geduldig, mitfühlend — Leiden: kann nicht glauben, geliebt zu sein.
Neurotische Depression / Dysthymie
Chronisch, mindestens zwei Jahre andauernd (F34.1). Ursache: nicht verarbeitete Lebensumstände — nicht zu Ende getrauerte Verluste, überhandnehmende Belastungen, Schuld, blockierte Aggression. Der Antrieb ist nicht gestört, aber leichter erschöpfbar. Keine Phasen, keine regelmäßigen Tagesschwankungen — eher geht es abends, am Wochenende, im Urlaub schlechter; Ablenkung schafft Erleichterung. Angst ist der Motor (Komorbidität 60–80 %). Etwa 1/3 Spontanremission.
Depressive Anpassungsstörung / reaktive Depression
Klar identifizierbarer Auslöser (Verlust, Trauma, Konflikt, Schuld, belastendes Problem) — der unmittelbare Anlass steht im Vordergrund. Eine überforderte „Trauer"-Reaktion, die nach gängigem Zeitverständnis (1–2 Jahre nach dem Verlust) nicht vorbeigeht; Dauer der Anpassungsstörung: 1 Monat bis max. 2 Jahre. Höhere Spontanheilungsrate als bei der neurotischen Depression. Differentialdiagnose: akute Belastungsreaktion („psychischer Schock", klingt binnen Stunden bis Tagen ab).
Sonderformen
Organisch, larviert (somatisch verdeckt), saisonal (SAD), Neurasthenie, Burn-out, präklinische Verstimmung, Depression bei Kindern, Depression beim Mann (Gotland-Syndrom).
Vier Kernsymptome der endogenen Depression
Antrieb
Kraftlosigkeit, Ermüdbarkeit
Antriebslosigkeit, Kraftlosigkeit, große Ermüdbarkeit — schon beim Aufwachen das Gefühl der Kraftlosigkeit: „Wie schaffe ich den Tag?"
Befindlichkeit
Morgendliches Pessimum
Charakteristische Tagesschwankung: morgens am schlechtesten, abends Aufhellung. Gefühl der Wertlosigkeit, innere Leere, vitale Traurigkeit.
Affizierbarkeit
Nur Negatives kommt an
Positive Erlebnisse erreichen den Patienten nicht mehr; Negatives wird hingegen verstärkt aufgenommen und im Grübeln zirkuliert.
Biorhythmus
Die innere Uhr ist gestört
Schlafstörungen mit vorzeitigem Erwachen (oft das erste Symptom), Appetitstörungen, Verstopfung, Ausbleiben der Menstruation, verminderte Drüsenproduktion (Mundtrockenheit), Unruhe oder Hemmung. Saisonale Häufung im April/Mai und Oktober/November.
Sonderformen
Organisch: nach Operationen, schweren Krankheiten, Schädel-Hirn-Traumata; hormonell (Menstruation, Wechseljahre, nach Geburten, Pille), Schilddrüsen- und Nebennierenerkrankungen, chronische Schmerzen, Medikamenten-Nebenwirkungen (z. B. Blutdruckmittel, Cortison). Larviert: endogene Depression, die sich im Körper abspielt — „Depression ohne Depression": Stimmung und Antrieb können normal sein, aber phasenhafter Verlauf; körperliche Symptome (Schmerzen, Schwindel, Verdauungsstörungen) sprechen auf übliche Medikation nicht an, ein Antidepressivum hingegen hilft. Saisonal (SAD): nur in der lichtarmen Herbst-/Winterzeit; Lichttherapie hilft. Neurasthenie: nervöser Erschöpfungszustand („dünne Haut"), Vorstufe der Depression. Burn-out (Freudenberger 1974): Erschöpfungsdepression bei anhaltender Anforderung — „Widerwillensyndrom"; zunächst Entlastung und Klärung der Überforderung, Medikamente in der Regel nicht indiziert. Präklinisch: Verstimmungszustände ohne F-Diagnose-Schwelle — das Leben „leuchtet nicht", Grauschleier. Bei Kindern (2–6 J.): traurige Augen, Weinerlichkeit, Klammern an die Mutter, Rückzug, Trennungsängste, evtl. Wut, somatische Bilder (Schlaf-, Appetitstörungen, Bauchweh). Beim Mann: Gotland-Studie — reduzierte Impulskontrolle mit plötzlichen Zornattacken, höhere Suizidalität, erhöhter Substanzmissbrauch statt klassischem Trauerbild.
Fall-Beispiel
„Diesmal ist es schlimmer als je zuvor"
Patientin mit dritter depressiver Phase: „Diesmal ist es schlimmer als je zuvor." Klassisches Symptom der endogenen Depression: das Vergangene verblasst, weil die Gefühlskraft fehlt, sich an frühere Genesungen zu erinnern. Diagnostisch wertvoll — der Therapeut weiß, dass es nicht objektiv schlimmer ist, sondern dass die Affizierbarkeit für Positives versiegt ist.
Verbindungen
4_Depression2_-_Grundformen.pdf · Längle4_Depression4-Klassifikation.pdf · Längle4_Depression5_-_Pers.pdf · LängleTellenbach H. (1961) MelancholieICD-10 F32–F34