Grundmotivationen · Struktur

Fraktale Durchdrungenheit der vier GMs

Die vier Grundmotivationen sind nicht vier voneinander getrennte Bereiche. In jeder GM tauchen die anderen drei wieder auf — als innere Strukturmomente. So bekommt jeder einzelne GM-Vollzug seine eigene innere Vollständigkeit. Das ist die fraktale, rekursive Verfasstheit der Existenz.

Meta · 60-Sekunden-Take

Fraktal heißt: die Grundstruktur des Ganzen kehrt in jedem Teil wieder. Für die vier GMs bedeutet das: in der 1. GM (Halt) gibt es wieder ein Halten, Mögen, Eigenes und einen Sinn — der „Halt im Halt", das „Mögen am Halt", das „Eigene im Halt", der „Sinn des Halts". Analog in jeder anderen GM. Klinisch wichtig: eine GM-Störung ist meist nicht „die eine GM kaputt", sondern eine bestimmte Sub-Stelle in einer GM, die ausfällt. Therapie muss daher nicht nur die GM-Ebene, sondern auch die innere Sub-GM-Ebene treffen.

Die 4×4-Matrix

Jede Zeile zeigt eine GM. Jede Spalte zeigt, wie sich innerhalb dieser GM ein Halt-, Mögen-, Eigenes- und Sinn-Anteil wiederfindet. Die Diagonale (1.1, 2.2, 3.3, 4.4) markiert jeweils die eigentlichste, kernhafte Frage der GM — also „Halt im Halt", „Mögen im Mögen" usw.

Was heißt „fraktal" hier eigentlich?

Der Begriff „fraktal" ist aus der Mathematik (Mandelbrot) entlehnt und meint dort selbstähnliche Strukturen, deren Muster sich auf jeder Skalierungsebene wiederholt. Längle selbst formuliert die Idee in der Schlussbetrachtung seines GM-Aufsatzes (2002): „Systemtheoretisch gesprochen könnte es sich bei diesem Modell um ein ‚fraktales Modell‘ handeln, in welchem die Information immer ganzheitlich vom kleinsten bis zum umfassenden Element enthalten ist.“ Dasselbe Modul müsste sich „wie ein Baustein auch in Untereinheiten finden, z.B. innerhalb der Persönlichkeitsstörungen, der Angstgruppe oder in dem, was Halt gibt“ — und ebenso in allen humanen Bezügen: Pädagogik, Wirtschaft, Politik, privates Leben, Psychopathologie. Die GMs sind also nicht „Teile" der Person, die man addieren könnte — die ganze Struktur kehrt in jedem Teilbereich wieder.

Hinweis zur Quelle: Die im Folgenden ausgeführte 4×4-Matrix („Halt im Halt“, „Mögen im Halt“ usw.) ist eine didaktische Ausarbeitung dieses Gedankens für das Wissenswerk — bei Längle findet sich die Idee als „fraktales Modell“ (2002) und in der Aussage, dass im freien Willen alle vier GMs präsent sein müssen (2012); die Matrix selbst ist so in den Quellen nicht ausformuliert.

Dasselbe in anderen Worten: Wer fragt „Habe ich Halt?" (1. GM), kann nicht nur nach Boden fragen — das Halten muss auch gemocht werden können (sonst Reaktanz), es muss zu mir passen (sonst Fremd-Halt), und es muss einen Sinn haben (sonst sinnloser Halt). Die vollständige Halt-Frage enthält also alle vier GMs in sich.

Theoretische Begründung

1

Person ist ganzheitlich

Die Person ist keine Summe von Teilen, sondern ein einheitliches Wesen (siehe Anthropologie). Wo immer sie sich vollzieht, vollzieht sie sich als ganze — daher kann keine GM für sich isoliert sein.

2

Aufeinander aufbauend — und zugleich alle aktiv

Die GMs bauen zwar aufeinander auf (die ersten drei gehen dem Willen zum Sinn voran und bedingen ihn — EA-Lexikon), aber sie sind alle zugleich aktiv: „Es gibt kein entschiedenes Handeln, ja nicht einmal ein Reagieren auf psychodynamischer Ebene, das nicht mit mindestens einer der vier Grundmotivationen verbunden wäre“ (Längle 2002). Und der freie Wille hat „alle vier Grundmotivationen aktiv präsent zu haben“ (Längle 2012). In jedem Vollzug ist also die ganze Existenz präsent — nur unter anderem Aspekt.

3

Existenzvollzug = Integration

Echter Existenzvollzug heißt: alle vier Anteile einer GM kommen zur Geltung. Wer nur den Halt im Halt hat, aber nicht das Mögen oder das Eigene daran — der lebt einen verkürzten Halt. Ähnlich: wer Werte „kennt" (Halt im Sinn), aber nicht von ihnen berührt wird (Mögen im Sinn), bleibt im Sinn unvollzogen.

4

Diagnostische Tiefenschärfung

Eine GM-Störung ist nie diffus „die GM" — sie zeigt sich an einer spezifischen Sub-Stelle. Erst wenn diese identifiziert ist, kann zielgenau gearbeitet werden. Die fraktale Matrix dient als diagnostisches Raster (siehe Beispiele unten).

Beispiele aus der Klinik

1. GM · Sein-Können (Halt)

Beispiel· 1. GM intern aufgeschlüsselt

Eine alleinerziehende Mutter, 38

Sie hat Boden (eigene Wohnung, Job, finanzielle Basis) — der Halt im Halt ist da. Auch der Sinn im Halt ist klar: „Für mein Kind." Aber das Mögen im Halt fehlt — sie kann sich nicht in den Halt fallen lassen, ist dauerwach. Und das Eigene im Halt fehlt auch — der Halt fühlt sich nicht ihr an, sondern aufgezwungen. Therapeutische Konsequenz: nicht „mehr Halt" geben (davon hat sie genug), sondern arbeiten am Sich-Aufheben-Lassen (2.GM-im-1.GM) und am Eigentum am Halt (3.GM-im-1.GM).

2. GM · Mögen-Leben (Beziehung, Wert)

Beispiel· 2. GM intern aufgeschlüsselt

Langjährig Verheirateter, 51

Die Ehe ist verlässlich (Halt im Mögen), und sie hat Sinn (gemeinsame Kinder, Werte). Aber das Mögen im Mögen ist verkümmert: keine lebendige Zuwendung mehr, keine Berührung. Und das Eigene im Mögen ist verloren: er hat sich aufgegeben, weiß nicht mehr, wer er in der Beziehung ist. Therapeutische Konsequenz: nicht „die Ehe retten" als Ganzes, sondern an der Reaktivierung der gefühlsmäßigen Resonanz (2.2) und der Wiederbelebung der eigenen Person in der Beziehung (3.2) arbeiten — beides zusammen.

3. GM · Eigen-Sein-Dürfen (Selbst)

Beispiel· 3. GM intern aufgeschlüsselt

Junger Erwachsener, 24, Identitätskrise

Er kann sich gut abgrenzen (Halt im Eigenen: Nein-Sagen geht). Er mag sich auch grundsätzlich (Mögen im Eigenen). Aber das Eigene im Eigenen — die Authentizität — fehlt: „Ich weiß nicht, wer ich wirklich bin." Und der Sinn im Eigenen — die Berufung — fehlt auch: „Wozu bin ich da?" Therapeutische Konsequenz: nicht weiter an Selbstwert-Festigung arbeiten (das ist da), sondern an der biographischen Selbst-Findung (3.3) und an der Sinnsuche aus dem eigenen Sein heraus (4.3).

4. GM · Sinn-Wollen (Sinn)

Beispiel· 4. GM intern aufgeschlüsselt

Führungskraft, 47, Sinn-Krise

Er hat verlässliche Werte (Halt im Sinn: Familie, Beruf, Fairness). Er kennt seine Aufgabe (Eigenes im Sinn). Aber das Mögen im Sinn fehlt: er ist nicht mehr berührt von seinen Werten, sie sind kognitiv vorhanden, aber emotional leer. Und das Sinn im Sinn fehlt auch: das Sich-Einlassen, das Vollziehen geschieht nur noch mechanisch. Therapeutische Konsequenz: Wertberührungs-Arbeit (4.2) und Reaktivierung des inneren Ja zum eigenen Tun (4.4) — über phänomenologisches Verweilen bei dem, was eigentlich wichtig wäre.

Vertiefung · Diagnostische Anwendung der Matrix

In der Praxis lässt sich die Matrix als Such-Raster verwenden. Bei einer GM-Störung fragt der Therapeut systematisch alle vier Sub-Stellen ab:

— Ist der Halt-Anteil dieser GM da? (Stabilität, Verlässlichkeit, Verstehbarkeit)
— Ist der Mögen-Anteil da? (gefühlsmäßige Annahme, Berührtsein, Wärme)
— Ist der Eigenes-Anteil da? (persönliche Zugehörigkeit, Authentizität, eigene Antwort)
— Ist der Sinn-Anteil da? (innerer Grund, Einbettung in größere Zusammenhänge)

Erst wenn klar ist, welche Sub-Stelle fehlt, kann zielgenau gearbeitet werden. Das verhindert „GM-Schrotschuss" — also breite, ungerichtete Arbeit an allem zugleich.

Vertiefung · Verbindung zu PEA-Schritten

Die fraktale Struktur korrespondiert auf einer anderen Ebene mit den PEA-Schritten. Auch in der PEA kehrt die Gesamtheit der Person in jedem einzelnen Schritt wieder: in PEA-1 (Eindruck) ist nicht nur das Wahrnehmen aktiv, sondern auch das Stellung-Nehmen-Können (PEA-2) und das spätere Antworten (PEA-3). Ohne diese inneren Vorgriffe gäbe es keinen PEA-1.

So gesehen ist die fraktale Verfasstheit kein Sonderfall der GMs — sie ist eine strukturelle Eigenschaft der personalen Existenz selbst.

Vertiefung · Coping-Reaktionen sind oft fraktal-spezifisch

Auch die typischen Coping-Reaktionen (Flucht, Kampf, Aktivismus, Totstellreflex) lassen sich oft an einer bestimmten Sub-Stelle festmachen. Ein Mensch mit Panik-Attacken im Beziehungskontext: hier wird oft nicht „die 2. GM" angegriffen, sondern speziell der Halt im Mögen (2.1) — das Vertrauen-Können, dass die Beziehung trägt. Dieselbe Person kann im Kontext eigener Kompetenz (4.3) durchaus stabil sein.

Klinisch heißt das: Symptom-Klassifikation („Panikstörung", „Depression") greift erst dann therapeutisch, wenn die genaue Verortung in der fraktalen Matrix erfolgt ist.

Quellen
  • Längle, A. (2002). Die Grundmotivationen menschlicher Existenz als Wirkstruktur existenzanalytischer Psychotherapie. Fundamenta Psychiatrica 16,1, 1–8 — Schlussbetrachtung: das GM-Modell als „fraktales Modell“.
  • Längle, A. (2012). Vom gelassenen Wollen zum erzwungenen Lassen. Existenzanalyse 29/2, 15–30 — der Wille als Integration aller vier GMs.
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichwort: Grundmotivationen.
  • Die 4×4-Matrix und die klinischen Beispiele sind eine didaktische Ausarbeitung für dieses Wissenswerk (keine Originalquelle).