Praxis · Was wirkt

Wirkfaktoren der Psychotherapie

Was macht eigentlich, dass Psychotherapie hilft? Diese Frage erforscht Jerome Frank, der Doyen der Wirksamkeitsforschung, seit den 1950er-Jahren systematisch. Drei Schichten haben sich heraus­geschält: allgemeine (alle Therapien), unspezifische (oft wirksam, nicht schulspezifisch), spezifische (EA-eigen). Plus: der Therapeut selbst als Faktor.

Meta · 60-Sekunden-Take

Schicht 1 (Frank — vier Elemente): emotionale, vertrauensvolle Beziehung — therapeutisches Setting — plausible Erklärung (Konzept/Mythos) — Ritual mit aktiver Teilnahme beider. Schicht 2 (Strotzka — acht „ewige Konzepte"): Üben, Suggestion, Persuasion, Beratung, Einsicht, Gruppenwirkung, Katharsis, Konfrontation mit Paradoxa; dazu die Erwartungen aller Beteiligten. Schicht 3 (Längle): phänomenologische Offenheit · Verweilen/Konfrontieren/Arbeiten mit Paradoxa · beziehungsstiftendes Vorgehen — korreliert mit den drei Existentialien (Geistigkeit, Freiheit, Verantwortung) und den PEA-Schritten. Dazu Therapeutenfaktoren nach Orlinsky.

Die drei Schichten

Schicht 1 · Allgemeine Wirkfaktoren (Frank 1985)

Jerome Frank, US-Psychiater, untersuchte die Gemeinsamkeit aller heilenden Praktiken. Sein Ergebnis: vier gemeinsame therapeutische Wirkelemente finden sich in jeder Psychotherapie.

1

Emotionale, vertrauensvolle Beziehung zu einem „Helfer"

Notwendige, oft sogar ausreichende Bedingung für Besserung (Rogers 1957). Der Status des Therapeuten hängt in den Augen des Patienten von seiner Kompetenz ab — und vom Bewusstsein, dass er sich um den Patienten sorgt und keine weiteren Motive hat („therapeutischer Eros", Seguin).

2

Therapeutisches Setting

a) Der Therapeut muss eindeutig als Heiler dastehen. b) Geschützter Entfaltungsraum: Der Patient kann sich gehen lassen, Verborgenes zeigen und künftiges Verhalten diskutieren, ohne dass es gleich Konsequenzen hat. (siehe Setting)

3

Plausible Erklärung

Wissenschaftlich begründete Erklärungen, Konzepte und Schemata — oder Mythen —, die eine plausible Erklärung für die Symptome bieten und einen Behandlungsvorgang vorgeben.

4

Ritual

Ein Ritual, das die aktive Teilnahme von Patient und Therapeut verlangt — und dem von beiden die Kraft zugeschrieben wird, die Gesundheit des Patienten wiederherzustellen.

Franks berühmte Definition: „Psychotherapie ist eine geplante, emotional befrachtete, vertrauensvolle Interaktion zwischen einem geschulten, sozial bestätigten Heiler und einem Leidenden." (Frank 1985)

Schicht 2 · Unspezifische Wirkfaktoren (Strotzka 1983)

Strotzka sieht in den Erwartungsvorstellungen von Patient, Therapeut, Bezugsgruppe und Institution ein zentrales therapeutisches Element über alle Therapierichtungen hinweg — sie erzeugen suggestive Momente und beeinflussen das Engagement des Therapeuten. Daneben begünstigt ein akuter Beginn massiver Symptome die Prognose mehr als ein chronisch-schleichender. Vor allem aber wirken acht unspezifische Faktoren — nach Strotzka die „ewigen Konzepte der Psychotherapie":

Prädiktoren des Therapieerfolgs (Bergin & Lambert 1978) — in dieser Reihenfolge: 1. Klientenvariablen · 2. Therapeutenvariablen (ausgenommen seine theoretische Orientierung: Persönlichkeit, Glaubwürdigkeit, Umgang mit Patienten) · 3. Technik.

Schicht 3 · EA-spezifische Wirkfaktoren (Längle 1993)

Was ist das spezifisch Existenzanalytische? Längle leitet drei Faktoren ab, die sich an den Existentialien und PEA-Schritten orientieren — jeweils mit anthropologischer Verankerung:

1

Phänomenologische Offenheit des Therapeuten

Sie leitet den Patienten zum subjektiven Werterfassen und zu persönlichen Emotionen an, lässt ihn diese nachfühlen — um sie schließlich auf ihren Grund hin zu beleuchten: nicht nur was er erlebte, sondern auch weshalb er es so erlebte. Existential: Geistigkeit — Fähigkeit zur Auseinandersetzung, Wertfühligkeit, Beziehung (Korrelat: personale Werte, die subjektiv ansprechen). PEA: Eindruck.

2

Verweilen, Bei-Sein, Konfrontieren, Arbeiten mit Paradoxa

Führt zu persönlichen Stellungnahmen des Patienten, zum Erkennen lebensgeschichtlicher Zusammenhänge und situativer Anforderungen, zum Finden neuer Einstellungen — um schließlich durch das Verstehen des Therapeuten zu einem Verständnis von sich selbst zu gelangen. Existential: Freiheit — persönliche Wahl (Korrelat: situative Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten). PEA: Stellungnahme.

3

Beziehungsstiftendes Vorgehen

Erarbeiten von Ausdrucksverhalten, wodurch sich der Patient zu äußeren oder internalisierten Werten in Beziehung bringt und neue Lebensbezüge aufbaut. Existential: Verantwortung — Eigenverantwortung, Bindungsfähigkeit (Korrelat: situationsüberdauernde Sinnbezüge). PEA: Ausdruck.

Pointe: EA-Wirkung folgt der inneren Struktur der Person. Sie ist nicht ein Tool unter anderen, sondern ein Weg, wie Person sich aktualisieren kann — empfangen, Stellung nehmen, antworten.

Plus: Therapeutenfaktoren (Orlinsky 2002/2003)

Orlinsky hat aus 8.000 Literaturquellen zusammengefasst, welche Eigenschaften des Therapeuten das Therapie-Ergebnis beeinflussen (referiert von Längle 2002). Überraschend ist zunächst, was keinen Einfluss hat — und was stattdessen wirkt:

A

Ausbildung & Orientierung

Kein Einfluss: Art und Ausmaß der beruflichen Ausbildung oder der theoretischen Orientierung — kein Unterschied zwischen Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern. Aber: Training in seelischer Gesundheit wirkt sich positiver aus als keines; der Erfahrungsgrad zählt.

B

Demographie

Kein Einfluss: Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit. Aber: ethnische Ähnlichkeit zwischen Therapeut und Patient hat positiven Einfluss — ebenso die kulturelle Sensitivität des Therapeuten.

C

Persönlichkeit

Kein Einfluss: die Persönlichkeitstypologie des Therapeuten. Aber: sein emotionales Wohlbefinden und seine Stressfreiheit wirken positiv — ebenso eine differenzierte Art des interpersonalen Handelns im Umgang mit dem interpersonalen Stil des Patienten.

Beziehung und Interventionen

Beziehung: Der Therapeut investiert, gibt hinein, ist empathisch, warm und bestärkend — entscheidend ist, dass die Patienten es auch so erleben: es genügt nicht, es zu sein. Und: strukturierend-direktiv mit empfangenden (eher passiven) und angepassten Patienten — aber non-direktiv mit autonomen und resistenten Patienten.

Interventionen: In Kurzzeit-Therapien sind sie auf Problembereiche und emotionale Reaktionen zentriert, nicht auf Übertragung. Emotionen mobilisierende Interventionen (z. B. ‚empty chair', Paradoxe Intention) — aber nicht mit gestressten und instabilen Patienten: Der Patient muss die Intervention als sicher und unterstützend erleben und sich ihr gewachsen fühlen. Das wichtigste Element für ein gutes Ergebnis ist die Qualität der Beteiligung des Patienten — und die empathische, bestätigende, verstehende Haltung des Therapeuten fördert diese Mitarbeit am besten.

Was erfolgreiche Therapeuten auszeichnet

Sich als erfolgreich einschätzende Therapeuten sind (Orlinsky, Rönnestad et al., ~6.000 Fragebögen): 1. bestätigend in Beziehungen (warm, freundlich, annehmend, tolerant) · 2. passen sich an den Patienten an · 3. engagiert, investieren · 4. geschickt · 5. haben konstruktive Strategien bei Schwierigkeiten · 6. starkes Interesse an „Flow"-Zuständen (stimuliert, herausgefordert, inspiriert sein).

Vier Therapeuten-Variablen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Intervention als heilsam erfahren wird: 1. die Erfahrung einer beruflichen Entwicklung (Jahre in der Psychotherapie, Breite und Tiefe der Fallerfahrungen) · 2. laufend erfahrenes Wachsen („Arbeitsmoral" — Arbeitsbedingungen, Unterstützung, Befriedigung) · 3. anregend in der persönlichen Beziehung (warm, offen, optimistisch statt zurückgezogen und kritisch — hier wirkt die Selbsterfahrung am stärksten herein) · 4. Breite in der Theorie.

Auch Grawe berichtet, dass der Selbstbezug des Therapeuten — über den Weg, wie er sich in die Therapie einbringt — eine wichtige Quelle des Therapieerfolgs ist; Ähnliches gilt vom Selbstbezug des Patienten. Die therapeutische Beziehung stellt die dritte Säule dar.

Vertiefung · Wirkfaktoren-Forschung — Stand

Die Meta-Analysen (Lambert, Wampold, Smith/Glass) zeigen seit Jahrzehnten konsistent: die methodische Schule erklärt nur einen kleinen Teil der Varianz der Therapie-Erfolge (oft 5–15 %). Den größten Teil tragen: der Klient selbst (extra-therapeutische Faktoren, ca. 40 %), die therapeutische Beziehung (ca. 30 %), Hoffnung/Erwartung (ca. 15 %), Technik (ca. 15 %).

EA passt dazu: sie nimmt die Beziehung ernst, sie respektiert den Klienten als Subjekt, sie arbeitet mit Hoffnung (Sinn), sie hat Techniken — aber sie versteht sich nicht als Technik-Set, sondern als Mit-Geh-Weise.

Vertiefung · Was wirkt NICHT?

Negativ-Wirkfaktoren (Strauß, Hutterer u.a.): mangelnde Wertschätzung, „Behandeln" statt Begegnen, technische Distanz, narzisstische Therapeuten, unklare Settings, Übergriffe (sexueller, finanzieller, sozialer Art), uninformierte Diagnose-Stellung.

Auch zu viel Methode kann schaden: wenn die Methode wichtiger wird als der Klient, geht etwas verloren. Längle: „Methode dient dem Menschen, nicht umgekehrt."

Vertiefung · Wirkfaktoren in Beratung und Coaching

Auch außerhalb der Therapie wirken diese Faktoren. Beratung und Coaching profitieren genauso von vertrauensvoller Beziehung, klarem Rahmen, plausibler Erklärung. Was anders ist: die Tiefe des Erlebens-Zugangs und das Ziel (Handlungs-Fähigkeit vs. Heilung).

Fall-Beispiele

Fall A· Beziehung trägt mehr als Methode

Klientin nach 3 Jahren EA-Therapie: „Das Wichtigste war nicht, dass Sie mir Methoden gegeben haben. Das Wichtigste war, dass Sie mich ausgehalten haben, als ich mich selbst nicht ausgehalten habe." Beziehung als Wirkfaktor.

Fall B· Phänomenologie verändert

Klient mit Berufs-Burnout. Statt rasch zu „lösen", verweilt der Therapeut bei der Frage: „Was zeigt Ihnen Ihre Erschöpfung?" — Klient: „Ich tue Dinge, die mit mir nichts zu tun haben." Phänomenologische Öffnung wird zum Wendepunkt.

Fall C· Therapeutenfaktor

Klient hat 3 vorige Therapien abgebrochen. Bei der vierten Therapeutin bleibt er — nicht wegen anderer Methode, sondern: „Sie wirkt anders. Sie ist da. Bei den anderen war ich mir wie ein Fall."

Exkurs · Wirksamkeitsforschung der EA

Bis hierher ging es um theoretisch begründete Wirkfaktoren. Was sagen die empirischen Studien? Die GLE-Ö hat seit den späten 1990er-Jahren systematisch zu schließen begonnen, was lange als Forschungslücke der EA galt. Drei Studien im Überblick — und was sie für die Wirkfaktoren-Frage bedeuten.

Warum so spät?

Die EA hat sich lange primär idiographisch und phänomenologisch verstanden. Standardisierte RCT-Designs — randomisierte Zuteilung, manualisierte Behandlung, störungshomogene Stichproben — sind mit dem Anliegen, die je einmalige Person zu verstehen, schwer vereinbar (Görtz 2020; Längle 2014). Folge: lange wenig quantitative Wirksamkeitsbelege, was berufspolitisch (Anerkennung, Kassenfinanzierung) und wissenschaftlich (Sichtbarkeit) zum Problem wurde. Die GLE-Ö bewegt sich seither bewußt im Feld der praxisbasierten Evidenz: naturalistische, prospektive Designs mit mehreren Testzeitpunkten, störungsheterogen, ohne Manual — dafür mit hoher externer Validität für die Versorgungsrealität (Bohart et al. 1998; Castonguay et al. 2013).

Studie 1 · Haubmann (MA 2023, Uni Wien) — die GLE-Pilotstudie

Naturalistische prospektive Pilotstudie mit vier Testzeitpunkten (T1 Therapiebeginn, T2 nach 25 Einheiten, T3 Therapieende, T4 sechs Monate Katamnese). 29 Therapeut:innen in Ausbildung unter Supervision, 263 Klient:innen (ITT). Erhebungsinstrumente: SCL-90 (GSI, Depression, Angst), IIP-D, ESK, Ryff-Wohlbefinden, GAF.

Prä-Post-Effekte (T1–T3, n = 79): Alle Veränderungen statistisch hochsignifikant (p < .001) nach Bonferroni-Korrektur. Effektstärken durchweg im großen Bereich:

SkalanM T1M T3Cohen's d
GSI (Globalbelastung)791.100.460.97
Depression (SCL)791.570.601.04
Angst (SCL)791.090.420.90
IIP (interpers. Probleme)791.481.020.86
ESK-Gesamt74188.98219.900.85
Ryff-Wohlbefinden7165.8078.171.01
GAF (Fremdbeurteilung)7361.7477.531.02

Mittlere Prä-Post-Effektstärke dM = 0.95 — ein großer Effekt, konkurrenzfähig mit den besten naturalistischen Vergleichsstudien im deutschsprachigen Raum (PAP-S, QS-PSY-BAY, TK-Studie; Altmann et al. 2016).

Klinisch signifikante Verbesserung (Reliable Change Index) bei klinisch auffälligen Klient:innen zu Therapiebeginn:

Der EA-typische Befund: Sechs Monate nach Therapieende steigen die Effekte weiter — dM = 1.19, alle Skalen im großen Bereich (Ryff bei d = 1.44, IIP bei d = 1.23). 90 % schätzen den Erfolg als „sehr" oder „ziemlich nachhaltig" ein, über drei Viertel haben seit Therapieende keine weitere Psychotherapie gebraucht. Diese Effektsteigerung nach Therapieende — schon in Längle et al. 2000 dokumentiert — spricht für den verfahrenstypischen Fokus auf Aufbau von Autonomie und Eigenverantwortung statt bloßer Symptomreduktion.

Prädiktoren des Therapieergebnisses (explorative Regression): ca. 60 % der Ergebnisvarianz werden erklärt durch (a) Eingangsbelastung (je höher das Ausgangsleiden, desto größer die Veränderung) und (b) therapeutische Beziehung (je höher die Beziehungszufriedenheit, desto besser das Ergebnis). Sitzungsanzahl und einzelne Therapeut:in sind nicht signifikant.

Studie 2 · Sprenger (MA 2024, Uni Salzburg) — Mixed-Methods-Einzelfall

Eingebettet in dieselbe GLE-Pilotstudie. Sprenger untersucht eine eigene Patientin (Code „GEPL41", rezidivierende Depression, schädlicher Alkoholkonsum, 17 Einheiten Kurzzeit-Therapie) quantitativ und qualitativ-phänomenologisch nach S. Längle (2015, 2021).

Prä-Post-Befunde: BDI 20 → 3 (von mittelschwerer Depression zu keiner depressiven Symptomatik). SCL-90-S Depressivität 59 → 46, phobische Angst 65 → 45. ESK: Freiheit 53 → 65, Verantwortung 55 → 60, Existenz-Faktor 55 → 62, Globalmaß 55 → 62 — die existentielle Dimension (Freiheit + Verantwortung) hat sich deutlich verbessert. IIP: Reduktion bei abweisend/kalt und introvertiert/unsicher. WAI sehr hoch (mit Vorsicht zu interpretieren wegen sozialer Erwünschtheit).

Qualitative Auswertung (Hauptteil): Phänomenologisch-hermeneutische Analyse zeigt einen deutlich besseren Zugang zur eigenen Person und einen personaleren Umgang mit der Umwelt. Mehrwert des Mixed-Methods-Designs: die Person hinter den Zahlen wird wieder sichtbar. Sprengers Plädoyer: quantitative Verfahren reichen für EA-Therapieprozesse nicht aus — die phänomenologisch-hermeneutische Methode nach S. Längle sollte in zukünftige naturalistische Studien als Mixed-Methods-Standard integriert werden.

Studie 3 · Eiter, Längle & Steinert (2008) — Krebspatient:innen unter Strahlentherapie

Empirische Pilotstudie mit der Existenzskala (ESK) als Selbsteinschätzungs-Instrument. 193 Krebspatient:innen am LKH Feldkirch, ungezielt ausgewählt, freiwillig.

Befund: Krebspatient:innen unter Strahlentherapie haben einen höheren Gesamtwert der personalen und existentiellen Kompetenz als die Normalbevölkerung und Dialysepatient:innen — und deutlich höhere Werte als Patient:innen mit psychischen Erkrankungen:

GruppeESK-Gesamtwert G
Krebspatient:innen (n = 193)225
Normstichprobe (Orgler 2000)214
Dialysepatient:innen218
Psychotherapie-Praxis179
Essstörungspatient:innen170
Psychosomatik-Patient:innen170
Depression118

Implikation: Eine Krebsdiagnose mobilisiert offensichtlich personale Ressourcen (aktives problemorientiertes Verhalten und Sinngebung als dominante Copingstrategien; vgl. Sehlen et al. 2003). Die ESK könnte als diagnostisches Screening dienen, um zu identifizieren, welche Krebspatient:innen psychotherapeutische Unterstützung brauchen.

Was ist empirisch gestützt?

  1. Therapeutische Beziehung als zweitstärkster Wirkfaktor nach Eingangsbelastung (Haubmann 2023). Klient:innen heben besonders die Empathiefähigkeit der Therapeut:innen hervor — „Verstehen durch ein Verstanden-werden" (Längle 2014).
  2. Phänomenologische Offenheit als kontextueller Wirkfaktor — die personeneigenen Phänomene als „Maß der Dinge" (Görtz 2020).
  3. Sinnerleben / existenzielle Erfülltheit: Höhere ESK-Werte korrelieren mit niedriger Symptombelastung, niedrigeren interpersonalen Problemen, höherem Wohlbefinden. Die Bedeutung von Sinn ist auch international gut belegt (Thir & Batthyány 2016; Vos et al. 2015).
  4. Aufbau von Autonomie und Eigenverantwortung — der nachhaltige Effekt nach Therapieende (Katamnese-Anstieg von dM 0.95 auf 1.19) ist verfahrenstypisch.
  5. Personale Ressourcen als Schutz — bei somatischer Existenzbedrohung (Krebs) wirken sie als Puffer; bei psychischen Erkrankungen sind sie deutlich reduziert (Depression G = 118 vs. Norm G = 214).
  6. Strukturhilfe in der Krise (Dinhobl et al. 2010) — Therapievertrag, Diary Card, Notfallplan schaffen den Boden der Halterfahrung (1. GM), auf dem personale Therapie überhaupt möglich wird.

Limitationen und Forschungsagenda

Limitationen: kleine Stichproben, Selbstselektions-Bias (besonders bei Katamnese), kein Manualeinsatz (was wirkt genau?), großer Anteil fehlender Daten zu späteren Zeitpunkten, soziale Erwünschtheit, keine Kontrollgruppe in den GLE-Pilotstudien.

Forschungsagenda: größere Stichproben für differenzielle Analysen; systematische Abbruchsanalyse; Mediationsanalysen ESK ↔ Symptomskalen (Symptomreduktion über existentielle Fähigkeiten oder umgekehrt?) — hier liegt der Schlüssel zum verfahrensspezifischen Wirkmechanismus; Mixed-Methods nach Längle/Sprenger; Digitalisierung der Erhebung; Dosis-Wirkungs-Untersuchungen; Wirksamkeitsforschung zum Notfallplan-Konzept (Fartacek et al. 2017).

Quellen
  • Längle, A. (1993). Wirkfaktoren der existenzanalytischen Psychotherapie (Curriculum-Handout).
  • Längle, A. (1985/2002). Gemeinsame therapeutische Elemente aller Psychotherapierichtungen (Curriculum-Handout) — Frank 1985, Strotzka 1983, Bergin & Lambert 1978.
  • Längle, A. (2002). Therapeutenfaktoren für die Wirksamkeit der Therapie (Curriculum-Handout, nach Orlinsky 2003; Orlinsky, Rönnestad et al. 2003).
  • Haubmann, K. (2023). Wirksamkeit von Psychotherapie in freier Praxis — Durchführbarkeit und erste Ergebnisse einer naturalistischen Studie der GLE. Masterarbeit, Universität Wien.
  • Sprenger, T. (2024). Ein Wirksamkeitsnachweis der Existenzanalytischen Psychotherapiemethode anhand eines prä-post-Vergleichs und einem Mixed-Methods-Design in einer Einzelfallstudie. Masterarbeit, Paris Lodron Universität Salzburg.
  • Eiter, H., Längle, A. & Steinert, K. (2008). Personale und existentielle Kompetenz von Krebspatienten. Psychologische Medizin, 19(3), 4–10.
  • Längle, A., Görtz, A., Rauch, J., Jarosik, S. & Haller, R. (2000). Wirksamkeit existenzanalytischer Psychotherapie im stationären Setting.
  • Längle, A., Görtz, A., Probst, C. et al. (2005). Wie wirksam ist existenzanalytische Psychotherapie. Psychotherapie Forum, 13(2), 54–60.
  • Vos, J., Cooper, M., Correia, E. & Craig, M. (2015). Existential therapies: A meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 83(1), 115–128.