Störungen · Narzissmus

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Narzissmus ist die kompensierte Selbstwertstörung par excellence — die 3. GM ist der Kern, nicht die Peripherie. Therapie verlangt eine paradoxe Grundhaltung: Sachlichkeit und Neutralität statt Konfrontation.

Meta · 60-Sekunden-Take

DSM-IV: durchgängiges Muster von Grandiosität, Bewunderungsverlangen, Empathie-Mangel — überhöhte Selbstvorstellungen, Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Besonderheit, Anspruchshaltung, Ausbeutung, fehlende Empathie, Neid, Arroganz. DSM-III ergänzte: „reagiert auf Kritik mit Wut, Scham oder Demütigung". Genese: fehlende mütterliche Empathie, frühe Abweisung/Verlust. EA: 3. GM, Grundgefühl „ich bin falsch, weil nicht geschätzt", Gegenreaktion „will bestätigt werden". Längle (2002): „Wenig Konfrontation, sondern interpretative Vorgangsweise". Grundhaltung: Neutralität. Patient wird zum „Co-Therapeut seiner selbst".

Die 9 DSM-IV-Kriterien

Ein durchgängiges Muster von Grandiosität (in Phantasie oder Verhalten), Verlangen nach Bewunderung und Fehlen von Empathie, beginnend im frühen Erwachsenenalter, das sich in einer Vielzahl von Lebensbezügen zeigt — mindestens 5 der 9 Kriterien müssen erfüllt sein. Häufigkeit: unter 1 % der Allgemeinbevölkerung, in klinischen Populationen 2–16 % (DSM-IV, dt. Saß/Wittchen/Zaudig 1996).

1

Grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit

Überhöhung eigener Leistungen und Talente, Erwartung, ohne Leistung als überlegen anerkannt zu werden.

2

Phantasien grenzenlosen Erfolgs

Macht, Glanz, Schönheit, ideale Liebe — als anhaltende innere Beschäftigung.

3

Überzeugung der Besonderheit

Glaube, nur von „besonderen" Menschen, Institutionen verstanden werden zu können.

4

Bewunderungsverlangen

Übermäßiges Bedürfnis nach Bewunderung, ständige Bestätigung erforderlich.

5

Anspruchshaltung

Erwartung besonderer Behandlung, automatischer Erfüllung von Wünschen.

6

Zwischenmenschliche Ausbeutung

Nutzt andere zur Erreichung eigener Ziele aus.

7

Mangel an Empathie

Unfähigkeit oder Unwilligkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen.

8

Neid

Häufig neidisch auf andere oder überzeugt, andere seien neidisch.

9

Arroganz

Hochmütige Verhaltensweisen, überhebliche Einstellungen.

Existenzanalytisches Verständnis · „Die grandiose Einsamkeit" (Längle 2002)

Längle versteht Narzissmus als mangelhafte Entwicklung des Ichs: Es fehlen tragfähige Ich-Strukturen, mit denen aus dem inneren Fließen des Personseins geschöpft werden kann. Der Narzisst ist im Innern ich-schwach — er „hat sich nicht". Er weiß nicht, wer er ist, und vor allem nicht, was er von sich schätzen kann. Der nach außen demonstrierten Ich-Stärke (Überlegenheit, Arroganz, Abwertung) steht ein Verlorensein im Innern gegenüber: Der Innenbezug ist „taub, unergiebig, trocken" — der Narzisst ist „innerlich vertrocknet", ohne Bezug zur eigenen Person. Das narzisstische Leiden ist eine „leere Einsamkeit".

1

Ich-Bildung braucht drei Erfahrungen vom Du

Beachtung (der Grenzen und der Person), Gerechtigkeit (dem Eigenen gerecht werden) und Wertschätzung (für das Sosein). Sie stoßen drei Ich-Strukturen an, die der Mensch bei sich selbst einsetzen muss: Selbstwahrnehmung (→ Selbstbild, Identität), Sich-gerecht-Werden (→ Authentizität, Moralität), Stellungnahme zu sich (→ Ich-Festigkeit, Autorität).

2

Entstehung · Verführung als Motor

Allgemeine Faktoren: ererbte Disposition, Lernen/Verstärkung durch Lebenserfahrung, spezifische Defizite und Traumatisierungen (Kaplan: „Fehlen mütterlicher Empathie, frühe Abweisung oder Verlust"). Spezifisch sieht Längle die Verführung als Motor: Verführungen durch Ansehen, besondere Positionen bei Erwachsenen (oft bei einem Eltern- oder Großelternteil, Deneke 1997), unangemessenes Lob — das die Auseinandersetzung mit sich und die klärende Kritik durch andere verdrängt.

3

Kompensation · der „Wall von Objekten"

Was ihm von innen verwehrt ist, holt sich der Narzisst außen: Selbstbild, Selbststärke, Selbstwert, Wirkung. Das Ich wird durch Identifikationen und Objekte ersetzt, die als Ich-Repräsentanten dienen — Partner, Kinder, Beruf, Name, Besitz. Sie haben Überlebensbedeutung: „Jede Kritik daran ist tödlich für den narzisstischen Menschen." Inhaltlich bieten sich v.a. die 2. GM (Selbstwert über idealisierende Beziehungen) und die 4. GM (Selbstwert durch Einbindung in Strukturen, Aufgaben, Vereine) an. Trotz des starken Außenbezugs findet keine Begegnung statt: er kennt weder „Ich" noch „Du".

4

Die narzisstische Gegenreaktion (Psychodynamik)

Typische Reaktionsweisen: distanziertes Verhalten (unnahbar, arrogant) · Überkompensation im Äußeren, Aktivismen wie Geltungssucht · das Gefühl, immer zu kurz zu kommen (Neid, Eifersucht, Rivalisieren) · Aggression von Trotz über Verärgerung bis Zorn · als Totstellreflexe vor allem (sich) Übergehen, Überhören und Spalten. Aktivismen und Totstellreflexe scheinen — wie wohl bei allen PS des Selbst — zu dominieren.

Terminologische Notiz Längles: Statt vom „gesunden Narzissmus" spricht er lieber vom „gesunden Selbstwert" — „Narzissmus" steht für eine Störung, so wie „Hysterie" oder „Depression" auch nicht mit dem Adjektiv „gesund" belegt werden.

Drei therapeutische Ebenen

1

Umgang konditionieren

Aufbau einer tragfähigen Beziehung durch Sachlichkeit, Respekt vor dem Schutzpanzer, Neutralität. Patient lernt, dass er nicht bewundert oder konfrontiert wird — sondern gesehen.

2

Schutzmechanismen und Traumata bearbeiten

Die kompensatorische Grandiosität wird als Schutz gewürdigt, nicht entzaubert. Behutsam wird die dahinterliegende Verletzung sichtbar — frühe Abweisung, fehlende empathische Spiegelung, Liebesentzug.

3

Akzeptieren des Rests

Was strukturell narzisstisch bleibt, wird in seiner Funktionalität anerkannt. Vollständige „Heilung" ist nicht das Ziel — sondern eine Person, die mit ihrer Struktur in Beziehung zu sich und anderen treten kann.

Vier therapeutische Bausteine

1

Beziehung schützend

Aufnehmend, nicht aufdringlich

Der Therapeut bietet Beziehung, ohne sie aufzudrängen. Kein Mitschwingen mit der Grandiosität, kein Bewundern, kein Konkurrieren. Distanzvoll-respektvoll.

2

Sachlichkeit

Feststellung statt Kritik

„Ich sehe, dass Sie auf gewisse Themen empfindlich reagieren … ich erlebe Sie sehr verletzlich." Beschreibung statt Bewertung — das lässt dem Selbstwert seinen Schutz.

3

Selbsteinschätzung & Perspektivenshifting

Anleitung zur Selbst-Beurteilung

Immer wieder an die Frage heranführen: „Was haben Sie davon, wenn Sie so von sich reden? — Wofür schätzen Sie sich selber? — Gibt es etwas, was Sie an Ihrem Partner schätzen?" Dazu Perspektivenshifting: den Patienten anleiten zu sehen, wie ihn andere sehen und wie er auf andere wirkt.

4

Innere Werkstatt

Patient als Co-Therapeut

Der narzisstische Patient verträgt es, der Klügste zu sein. Die Therapie nutzt das: er erforscht selbst, denkt selbst, kommt mit eigenen Einsichten — der Therapeut begleitet.

Verdeckter vs. offener Narzissmus

Der offene (grandiose) Narzissmus zeigt die Symptomatik in der Form, wie DSM-IV sie listet — Imponiergehabe, Überlegenheitsgesten, Anspruchshaltung. Der verdeckte (vulnerable) Narzissmus präsentiert sich häufig depressiv, gekränkt, ängstlich — die Grandiosität liegt in Phantasien, die nach außen kaum sichtbar werden. Beide Formen teilen denselben Kern: die unerträgliche Selbstwert-Verletzung. Beim verdeckten Narzissmus empfiehlt Masterson, immer zu beginnen mit: „Es ist sicherlich schmerzlich für Sie, wenn Sie so auf sich selbst schauen." — Mit dieser Erklärung kann die Barriere vor dem Schmerz aufgeweicht und der Schmerz für die Bearbeitung zugänglich werden. Eine verwandte Unterscheidung notiert das DSM-Skriptum zum Bewunderungsverlangen: die instabile Form mit einem Rest von Unsicherheit braucht ständige Bestätigung — daneben gibt es die Form, die wahnhaft von der eigenen Besonderheit überzeugt ist und keine Bestätigung mehr braucht.

Vertiefung · Weitere Therapieschritte (Längle 2002, Handout)

Wenn eine Beziehung entstanden ist und der Patient sich öffnen konnte, folgen: 5. Tiefenarbeit, parallel mit biographischer Arbeit — Heranführen ans eigene Erleben über zwei Wege: offene Hinwendung zum eigenen Erleben („Können Sie das Gefühl halten? Was spüren Sie?") und der Therapeut gibt sein Gefühl/seinen Eindruck dazu (Benennung, sich finden und überprüfen können — heilsam, wenn es parallel zur Entwicklung des eigenen Fühlens geht). 6. Behandlung des blockierten Gefühlszugangs (Leiden an innerer Leere): sich täglich Zeit fürs Gefühl nehmen; an Formulierungen arbeiten — Negationen vermeiden, positiv formulieren; Gesprächskultur: im Gespräch bleiben, nicht weggehen durch Themenwechsel, Witzeln, Geschichten, Vorwürfe; Konfliktkultur: den Wert der Konflikte verstehen, sie aufgreifen, mit dem Partner eine verbindliche Nachbearbeitung vereinbaren. 7. Aufbau des inneren Gesprächs (z.B. bei Mangel an innerer Geborgenheit/Heimweh): niederschreiben, bevor man telefoniert; den äußeren Dialogpartner internalisieren; zuletzt der innere Dialog mit sich selbst — mit sich so sprechen wie mit der Mutter. 8. Gefühlte Stellungnahmen zu sich selbst: bei Rechtfertigungsbedarf, Neid, Eifersucht sich eingestehen, wie arm man dran ist, dass einem das fehlt — trauern oder bereuen.

Vertiefung · „Sachliche Feststellung" vs. Kritik — methodisches Herzstück

Kritik bedeutet immer eine implizite Bewertung („Sie sollten…", „Es wäre besser, wenn…"), und genau das löst beim narzisstischen Patienten Wut, Scham und Therapieabbruch aus. Die sachliche Feststellung formuliert dasselbe phänomenologisch: „Ich beobachte, dass…", „Mir fällt auf…", „Ich erlebe…". Es ist eine Beschreibung der Wirklichkeit, die der Patient annehmen oder verwerfen kann — ohne sich angegriffen fühlen zu müssen. Diese Sprache ist Längles und Mastersons gemeinsame Errungenschaft.

Vertiefung · Empathie-Mangel als prognostisches Merkmal

Der Empathie-Mangel ist nicht nur Symptom, sondern Prognosefaktor. Je mehr ein narzisstischer Patient in der Therapie graduelle Empathie für andere entwickelt — zuerst für nahe Bezugspersonen, später für Fremde —, desto besser die Prognose. Ein Patient, der nach zwei Jahren Therapie immer noch nur seine eigene Verletztheit wahrnimmt, hat eine deutlich ungünstigere Prognose. Empathie ist der Indikator, an dem der Therapeut seinen Fortschritt misst.

Fall-Beispiel

Fall· Erstkontakt

„Ich habe schon alles über Psychologie gelesen"

42-jähriger Manager, kommt auf Druck der Ehefrau. Zählt in der ersten Stunde auf, was er alles gelesen habe (Freud, Jung, Kahneman), erklärt, dass er die Therapeutin „bereits durchschaue". Falsche Reaktion: „Trotzdem brauchen Sie hier Hilfe." (Konfrontation → Wut, Abbruch). Richtige Reaktion: „Sie wissen ja schon vieles über die psychischen Zusammenhänge — gute Grundlage. Vielleicht schauen wir gemeinsam, was Ihre Frau bewegt hat, Sie hierher zu schicken." Über Wochen kommt der Patient mit eigenen Reflexionen, eigenen Interpretationen, eigenen Lese-Funden. Die Therapie findet zu großen Teilen in seiner „eigenen Werkstätte" statt — der Therapeut begleitet, fragt, würdigt, korrigiert sanft.

Quellen
  • Längle, A. (2002) · Die grandiose Einsamkeit. Narzißmus als anthropologisch-existentielles Phänomen. Existenzanalyse 19, 2+3, 12–24
  • Längle, A. (2002) · Therapie des Narzißmus (Handout)
  • Tutsch, L. (2002) · Wotan trifft Parsifal
  • APA · DSM-IV · 9 Kriterien NPS (dt. Saß/Wittchen/Zaudig 1996) · Masterson · Deneke (1997)