Störungen · Klassifikation

Diagnose · ICD-10 / DSM-5

Die Diagnosemanuale haben den Hysterie-Begriff aufgelöst; die EA hält am phänomenologischen Einheitsverständnis fest — drei klinische Ausprägungen, ein Thema.

Meta · 60-Sekunden-Take

ICD-10 verteilt das hysterische Spektrum auf F44 (dissoziative/Konversionsstörungen), F48.1 (Depersonalisation/Derealisation), F60.4 (histrionische PS). DSM-IV/5 trennt zusätzlich somatoforme, dissoziative Störungen und 301.50 Histrionische PS. Längle gliedert klinisch in hysterische Reaktion (situativ), hysterische Neurose (Konversion/Dämmerzustand) und histrionische PS (das gesamte Erleben/Verhalten hysterisch eingefärbt). Frauen 2-3× häufiger diagnostiziert.

Längles klinische Trias

1

Hysterische Reaktion

Gebunden an situative Belastungen, die „hysterisierend" wirken — eine überschießende Copingreaktion, die länger anhält, als die Situation dauert.

2

Hysterische Neurose

Motive, deren sich der Patient nicht unbedingt bewusst ist, rufen entweder eine Einengung des Bewusstseinsfeldes hervor oder eine Funktionsstörung von Motorik/Sensorik. Charakteristisch sind zwei Formen: Konversionssymptome (der Körper ist betroffen) oder Dämmerzustand (das Bewusstsein ist betroffen, meist mit selektiver Amnesie). Die Symptome bringen einen subjektiven Krankheitsgewinn und haben oft symbolische Bedeutung.

3

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Das gesamte Erleben und Verhalten ist hysterisch eingefärbt — kein „Außerhalb" mehr. Die Person lebt strukturell auf der Grenze, im Außen, im Drama. Diagnostisch schwerer, therapeutisch langwieriger.

ICD-10 — drei Codes für ein Thema

F44

Dissoziative / Konversionsstörungen

Körper- und bewusstseinsnah

Konversion (Lähmung, Krampfanfall, Sensibilitätsstörung), Amnesie, Fugue, Trance, dissoziative Bewegungsstörungen. Bewusstsein und Körperfunktion sind betroffen — neurose-nah.

F48.1

Depersonalisations-/Derealisationssyndrom

Erlebensferne

Sich-fremd-Erleben, „wie hinter Glas", Außenwelt wirkt unwirklich. Hier wird die hysterische Anästhesie als eigenes Syndrom kodiert.

F60.4

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Erleben und Verhalten

Das gesamte Erleben und Verhalten ist hysterisch eingefärbt — Mittelpunktstreben, Theatralik, Suggestibilität, oberflächliche und labile Affektivität.

Längles 11 klassische Symptome der hysterischen Neurose

1

Sensorische Störungen

Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Analgesien — typisch: gleichzeitige Unempfindlichkeiten und Überempfindlichkeiten.

2

Motorische Störungen

Lähmungen, Abulien (Antriebsstörungen), Aphonien (Stimmlosigkeit), Hypermotorik der Extremitäten.

3

Konversionen

Psychische Energie wird in ein körperliches Symptom „konvertiert": Tics, Lidkrampf, Torticollis, Krämpfe, Tremor, Lähmungen, Störungen innerer Organe (nervöses Erbrechen, Tachykardie, nervöses Asthma), Hyperventilationstetanie.

4

Trophische Störungen

Quaddelbildung, hysterische Blutungen, Fieberanstiege, Nesselfieber, Ekzeme, Warzen, Alopezie.

5

Großer hysterischer Anfall

Dramatischer Krampfanfall mit Publikum — „arc de cercle", theatralische Pose, ohne neurologische Korrelate.

6

Emotionale Labilität

Suggestibilität, Treulosigkeit, launische Stimmungen („spinnen") — rasche, oberflächliche Stimmungswechsel.

7

Mittelpunktstreben

Aufmerksamkeit als Existenzbedingung — wenn der Blick weggeht, kollabiert das Selbsterleben.

8

Gedächtnisverluste

Dissoziative Amnesien für belastende Inhalte — punktuelle „Löcher" oder ganze Lebensabschnitte.

9

Psychischer Dämmerzustand · „la belle indifférence"

Innere Abwesenheit trotz äußerer, scheinbarer Beteiligung — „besonnene Dämmerzustände" (Dörner/Plog), „la belle indifférence" (Freud).

10

Spezifische Angst

Angst vor Enge (Zwangslagen, Druck, Nötigung → Freiheitsverlust), vor dem Unangenehmen und dem Schmerz, vor Alleinsein, Einsamkeit und Verlassenwerden.

11

Provoziert Entwertungen seiner selbst

Durch Verhalten, das unecht, gemacht, tendenziös wirkt und als manipulativ erlebt wird — er gilt als eitel, täuschend; macht Verleumdungen, Intrigen, falsche Verdächtigungen.

ICD-10 · F60.4 Histrionische PS — sieben Kriterien

DSM-5 · 301.50 Histrionische PS

Differentialdiagnose

Hysterischer Anfall vs. Epilepsie — DD-Merkmale

Vertiefung · „la belle indifférence"

Freuds Begriff für den „besonnenen Dämmerzustand" (Dörner/Plog): innere Abwesenheit trotz äußerer, scheinbarer Beteiligung. Sievers (1971) beschreibt die „eigenartige Form freundlicher Zuwendung, die zunächst wie eine besondere Kontaktfähigkeit aussieht, hinter der aber gewissermaßen ‚nichts kommt'". Entscheidende Abgrenzung: im Gegensatz zum Distanzierten, der sich nicht beteiligen will, ist der Hysteriker jemand, der sich nicht beteiligen kann.

Vertiefung · Konversion vs. Dissoziation

Konversion verschiebt den seelischen Konflikt in den Körper (Lähmung, Aphonie, Anfall). Dissoziation verschiebt ihn aus dem Bewusstsein (Amnesie, Fugue, Depersonalisation). Beide sind hysterische Schutzmechanismen — beide schützen vor dem zentralen Schmerz des Nicht-Person-sein-Könnens, indem sie einen Teil der Existenz aus dem Erlebensfeld ausschließen.

Fall-Beispiel

Fall· Konsil im Spital

Plötzliche Beinlähmung — und ein Lächeln

28-jährige Patientin, am Vorabend Aussprache mit dem Ehemann eskaliert. Morgens kann sie nicht mehr aufstehen — beide Beine gelähmt. Neurologisch unauffällig: Reflexe normal, MRT ohne Befund, Sensibilität reizbar. Die Patientin lächelt freundlich über die Untersuchung — „Schauen Sie nur, ich vertraue Ihnen." Klassische Konversion mit „la belle indifférence". Der Symbolwert: „ich kann keinen Schritt mehr machen — weder auf ihn zu noch von ihm weg."

Quellen
  • ICD-10 · F44 / F48.1 / F60.4
  • DSM-IV · 301.50 / DSM-5 · Histrionic PD
  • Längle, A. · Skript 2012, Kap. 6 · Diagnostik der Hysterie
  • Freitag, P. / Luss, K. (1997) · Internationale Klassifikation hysterischer Störungen
  • GLE-Handout · Histrionische PS · ICD-10/DSM-IV-Kriterien