Diagnose · ICD-10 / DSM-5
Die Diagnosemanuale haben den Hysterie-Begriff aufgelöst; die EA hält am phänomenologischen Einheitsverständnis fest — drei klinische Ausprägungen, ein Thema.
Längles klinische Trias
Hysterische Reaktion
Gebunden an situative Belastungen, die „hysterisierend" wirken — eine überschießende Copingreaktion, die länger anhält, als die Situation dauert.
Hysterische Neurose
Motive, deren sich der Patient nicht unbedingt bewusst ist, rufen entweder eine Einengung des Bewusstseinsfeldes hervor oder eine Funktionsstörung von Motorik/Sensorik. Charakteristisch sind zwei Formen: Konversionssymptome (der Körper ist betroffen) oder Dämmerzustand (das Bewusstsein ist betroffen, meist mit selektiver Amnesie). Die Symptome bringen einen subjektiven Krankheitsgewinn und haben oft symbolische Bedeutung.
Histrionische Persönlichkeitsstörung
Das gesamte Erleben und Verhalten ist hysterisch eingefärbt — kein „Außerhalb" mehr. Die Person lebt strukturell auf der Grenze, im Außen, im Drama. Diagnostisch schwerer, therapeutisch langwieriger.
ICD-10 — drei Codes für ein Thema
Dissoziative / Konversionsstörungen
Körper- und bewusstseinsnah
Konversion (Lähmung, Krampfanfall, Sensibilitätsstörung), Amnesie, Fugue, Trance, dissoziative Bewegungsstörungen. Bewusstsein und Körperfunktion sind betroffen — neurose-nah.
Depersonalisations-/Derealisationssyndrom
Erlebensferne
Sich-fremd-Erleben, „wie hinter Glas", Außenwelt wirkt unwirklich. Hier wird die hysterische Anästhesie als eigenes Syndrom kodiert.
Histrionische Persönlichkeitsstörung
Erleben und Verhalten
Das gesamte Erleben und Verhalten ist hysterisch eingefärbt — Mittelpunktstreben, Theatralik, Suggestibilität, oberflächliche und labile Affektivität.
Längles 11 klassische Symptome der hysterischen Neurose
Sensorische Störungen
Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Analgesien — typisch: gleichzeitige Unempfindlichkeiten und Überempfindlichkeiten.
Motorische Störungen
Lähmungen, Abulien (Antriebsstörungen), Aphonien (Stimmlosigkeit), Hypermotorik der Extremitäten.
Konversionen
Psychische Energie wird in ein körperliches Symptom „konvertiert": Tics, Lidkrampf, Torticollis, Krämpfe, Tremor, Lähmungen, Störungen innerer Organe (nervöses Erbrechen, Tachykardie, nervöses Asthma), Hyperventilationstetanie.
Trophische Störungen
Quaddelbildung, hysterische Blutungen, Fieberanstiege, Nesselfieber, Ekzeme, Warzen, Alopezie.
Großer hysterischer Anfall
Dramatischer Krampfanfall mit Publikum — „arc de cercle", theatralische Pose, ohne neurologische Korrelate.
Emotionale Labilität
Suggestibilität, Treulosigkeit, launische Stimmungen („spinnen") — rasche, oberflächliche Stimmungswechsel.
Mittelpunktstreben
Aufmerksamkeit als Existenzbedingung — wenn der Blick weggeht, kollabiert das Selbsterleben.
Gedächtnisverluste
Dissoziative Amnesien für belastende Inhalte — punktuelle „Löcher" oder ganze Lebensabschnitte.
Psychischer Dämmerzustand · „la belle indifférence"
Innere Abwesenheit trotz äußerer, scheinbarer Beteiligung — „besonnene Dämmerzustände" (Dörner/Plog), „la belle indifférence" (Freud).
Spezifische Angst
Angst vor Enge (Zwangslagen, Druck, Nötigung → Freiheitsverlust), vor dem Unangenehmen und dem Schmerz, vor Alleinsein, Einsamkeit und Verlassenwerden.
Provoziert Entwertungen seiner selbst
Durch Verhalten, das unecht, gemacht, tendenziös wirkt und als manipulativ erlebt wird — er gilt als eitel, täuschend; macht Verleumdungen, Intrigen, falsche Verdächtigungen.
ICD-10 · F60.4 Histrionische PS — sieben Kriterien
- (1) Dramatisierung bezüglich der eigenen Person, theatralisches Verhalten, übertriebener Ausdruck von Gefühlen.
- (2) Suggestibilität, leichte Beeinflussbarkeit durch andere.
- (3) Oberflächliche und labile Affektivität.
- (4) Egozentrik, Selbstbezogenheit und fehlende Bezugnahme auf andere.
- (5) Dauerndes Verlangen nach Anerkennung, erhöhte Kränkbarkeit.
- (6) Verlangen nach aufregender Spannung und nach Aktivitäten, in denen die Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
- (7) Andauernd manipulatives Verhalten zur Befriedigung eigener Bedürfnisse.
DSM-5 · 301.50 Histrionische PS
- Acht Kriterien, mindestens fünf müssen erfüllt sein:
- (1) Unwohl, wenn nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
- (2) Interaktion oft sexuell verführerisch oder provokant.
- (3) Rasch wechselnde, oberflächliche Affektivität.
- (4) Körperliche Erscheinung wird konsequent zur Aufmerksamkeitsgewinnung eingesetzt.
- (5) Impressionistischer, detailarmer Sprachstil.
- (6) Selbstdramatisierung, theatralisches Verhalten, übertriebener Gefühlsausdruck.
- (7) Suggestibel — leicht durch andere oder durch Umstände beeinflussbar.
- (8) Beziehungen werden als enger eingeschätzt, als sie tatsächlich sind.
Differentialdiagnose
- Manie: kraftvoll, beharrlich, phasenhaft, ebenfalls grenzüberschreitend — aber im Gegensatz zum Hysterischen nicht suggestiv; Schuld ist dem Manischen egal, er weist sie nicht ab (der Hysteriker erträgt sie nicht); kein Schwarz-Weiß-Denken.
- Simulation: der Simulant ist ängstlicher und mehr mit dem Symptom beschäftigt als der Hysteriker.
- Depression: das Hysterische ist der Antipode zum Depressiven — der Hysteriker geht nach außen statt in den Rückzug, nichts ist ein Problem, nie selber schuld. Macht der Hysteriker Depressive nach, ist er nie der „Versager", sondern der „Arme", das Opfer — er sucht Mitleid.
Hysterischer Anfall vs. Epilepsie — DD-Merkmale
- Nicht die heftigen Zuckungen der Epilepsie — stattdessen „arc de cercle": die Strecker überwiegen die Beuger.
- Kein Zungenbiss — der epileptische Anfall reißt die Zunge zwischen die Zähne, der hysterische schont sie.
- Kein Stuhl-/Harnabgang (kein Secessus) — kein Sphinkterverlust.
- Keine Verletzungen durch Sturz.
- Erhaltene Pupillenreaktion auf Licht.
- Keine Lösung durch Valium i.v., dafür Sistieren ohne Publikum — der Anfall legt sich von selbst, wenn kein Publikum da ist.
Fall-Beispiel
Plötzliche Beinlähmung — und ein Lächeln
28-jährige Patientin, am Vorabend Aussprache mit dem Ehemann eskaliert. Morgens kann sie nicht mehr aufstehen — beide Beine gelähmt. Neurologisch unauffällig: Reflexe normal, MRT ohne Befund, Sensibilität reizbar. Die Patientin lächelt freundlich über die Untersuchung — „Schauen Sie nur, ich vertraue Ihnen." Klassische Konversion mit „la belle indifférence". Der Symbolwert: „ich kann keinen Schritt mehr machen — weder auf ihn zu noch von ihm weg."
Verbindungen
ICD-10 · F44 / F48.1 / F60.4DSM-IV · 301.50 / DSM-5 · Histrionic PDLängle, A. · Skript 2012, Kap. 6 · Diagnostik der HysterieFreitag, P. / Luss, K. (1997) · Internationale Klassifikation hysterischer StörungenGLE-Handout · Histrionische PS · ICD-10/DSM-IV-Kriterien