Handlungsfeld, Zukunft, Zusammenhang
Die drei Voraussetzungen, ohne die Sinn nicht erfahrbar wird. Sinn ist kein abstraktes Geschenk — er entsteht dort, wo ein Mensch wirken kann, eine Zukunft vor sich hat und sich in einen größeren Zusammenhang eingebettet weiß.
1Handlungsfeld
Ein Handlungsfeld ist ein Bereich der Welt, in dem mein Tun Wirkung hat. Es muss konkret sein, fassbar, mit Widerstand und Resonanz. Wer kein Handlungsfeld hat — wer in einer Situation ist, in der nichts, was er tut, ankommt — kann keinen Sinn erfahren.
Pathologie: Fehlt das Handlungsfeld — Arbeitslosigkeit über lange Zeit, Pensionierung ohne Übergang, schwere Krankheit, Isolation — entsteht häufig das existentielle Vakuum. Frankl nannte das die „Manager-Krankheit“ und die „Sonntags-Neurose“. Heute auch als Boreout bekannt.
„Seit der Pensionierung weiß ich nicht mehr, wozu ich da bin.“
Ein Klient, drei Jahre nach Berufsende. „Ich habe mich auf die Pensionierung gefreut. Reisen, Lesen, mit den Enkeln. Es geht alles. Aber es ist nicht gut. Es fehlt mir, dass jemand mich braucht. Dass ich morgens aufstehe, weil etwas auf mich wartet.“
2Zukunft
Zukunft ist nicht „die Zeit, die kommt“. Zukunft ist ein offener Horizont, in dem etwas möglich wird. Wer sich keine Zukunft mehr vorstellen kann — wer das Gefühl hat, alles ist gelaufen, nichts wird mehr —, hat keinen Sinn-Raum mehr.
Längle und Frankl beide betonen: der Mensch lebt aus der Zukunft. Vergangenheit hat man, Gegenwart ist man, Zukunft macht man. Erst die Zukunft eröffnet die Frage „wofür?".
Pathologie: Verlust des Zukunftshorizonts in der Depression, in chronischer Krankheit, am Lebensende, in suizidaler Verzweiflung. „Es gibt für mich kein Weiter mehr.“ Therapeutisch oft die schwierigste 4.-GM-Lage.
3Zusammenhang
Zusammenhang ist das Eingebettetsein in ein Größeres. Sinn ist nie nur individueller Sinn — er bezieht sich auf einen Kontext, der die einzelne Handlung übersteigt. Familie, Beruf, Kultur, Tradition, Gemeinschaft, Glauben.
Längle formuliert das so: was der Mensch will, soll in einem größeren Ganzen aufgehen und dafür bedeutsam sein. Fehlt diese Eingebettetsein, fehlt die Adaptabilität des Tuns an die Situation und ihre Veränderungen.
Pathologie: Entwurzelung, Migration ohne Anschluss, Isolation, Verlust einer Tradition. Auch die moderne „kontextlose Selbstverwirklichung“ — wer nur sich selbst verwirklicht, ohne in einen Zusammenhang eingebettet zu sein, läuft ins existentielle Vakuum.
„Ich habe alles, was ich wollte — aber wofür?“
Eine Klientin Anfang 40, vom Beruf erfolgreich, alleinlebend, viele Optionen. „Ich habe mein Leben selbst gestaltet. Ich bin frei. Aber ich merke: ich gehöre nirgends hin. Es ist niemand, der wartet, dass ich etwas Bestimmtes tue. Niemand, der enttäuscht wäre, wenn ich es nicht tue. Es ist mir manchmal, als hätte ich keine Erdung.“
Wie die drei zusammenwirken
Handlungsfeld ohne Zukunft ist Mühle ohne Ausgang. Zukunft ohne Handlungsfeld ist Tagtraum. Zusammenhang ohne beides ist nostalgisches Hängen. Erst alle drei zusammen ergeben den Raum, in dem Sinn entstehen kann — denn Sinn ist die Antwort auf die konkrete Anfrage einer konkreten Situation an eine konkrete Person.
Diagnostisch: bei Sinnverlust-Klagen lohnt sich der dreifache Blick. Wo fehlt es? Beim Handlungsfeld, beim Zukunftshorizont, beim Zusammenhang? Davon hängt die therapeutische Bewegung ab.
Verbindungen
Wille-und-Freiheit.pdf· Längle (2012)1549107856_LB-6-Praxis-Einfuehrung-6-Aufl-2016-9-1.pdf· Sinn-Passagen1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichwort: Sinn, Noodynamik