Hingabe und Sinnfinden
Die personale Antwort der 4. GM ist nicht Sinn-Herstellung, sondern Sinn-Erfassung. Der Mensch entdeckt Sinn in der konkreten Situation — und antwortet ihm durch Hingabe und Tätigwerden. Sinn ist nicht etwas, das man hat. Sinn ist etwas, das man tut.
Hingabe als personaler Akt
Hingabe ist nicht Aufopferung. Aufopferung ist Selbstverlust an einen vermeintlich höheren Wert. Hingabe ist Selbstaktivierung an einem Wert, der mich übersteigt — die Person bleibt sich selbst transparent, geht aber zugleich in der Sache auf.
Frankl nennt das die Selbsttranszendenz — die Fähigkeit des Menschen, über sich hinauszugehen, sich auf etwas zu beziehen, das nicht er selbst ist. Diese Selbsttranszendenz ist nach Frankl die eigentliche Bewegung, in der der Mensch er selbst wird. Pointe: nicht durch Selbstverwirklichung, sondern durch Hingabe an einen Wert wird der Mensch wirklich.
Die Sinnerfassungsmethode (SEM)
Längle hat 1988 daraus eine Methode entwickelt — die Sinnerfassungsmethode, oder „4 W“: Wahrnehmen, Werten, Wählen, Wirken.
Bemerkenswert: Längle hat die SEM zuerst als Sinnmethode entwickelt — und später erkannt, dass die vier Schritte den vier Grundmotivationen entsprechen. Wahrnehmen ↔ 1. GM (Realität), Werten ↔ 2. GM (Wert), Wählen ↔ 3. GM (Eigenes), Wirken ↔ 4. GM (Tun). Die SEM „zeichnete die Entwicklung der Grundmotivationen der Existenzanalyse vor“ (EA-Lexikon) und stellt zugleich das theoretische Gerüst der Existenz-Skala (ESK) dar.
Indikation und Grenze (Drexler 2000): Die SEM ist eine primär beraterische Methode für Menschen in konkreten Problemsituationen — etwa bei Sinnverlust durch den Verlust eines großen Wertes oder bei Wertekonflikten —, deren personale Fähigkeiten relativ gut entwickelt sind. Bei pathologischer Verfestigung von Einstellungen und Verhaltensweisen ist der Wechsel auf die therapeutische Ebene angezeigt: Die Schritte der SEM entsprechen den Schritten der Personalen Existenzanalyse (PEA), sodass an der Stelle, wo die SEM stockt, direkt in den jeweiligen PEA-Schritt gewechselt werden kann.
Die drei Wege zum Sinn (Frankl)
Frankl hat — in Weiterführung der Schelerschen Wertelehre — drei Wertkategorien als Wege zum Sinn beschrieben. Jede dieser Kategorien ist immer offen, und in jeder konkreten Situation gibt es Sinnmöglichkeiten aus mindestens einer der drei.
Schöpferische Werte · Erlebniswerte · Einstellungswerte
Gewissen als Sinnorgan
Wie findet man Sinn? Nicht durch Nachdenken. Nicht durch Argumentieren. Frankl: durch das Gewissen. Das Gewissen ist das „Sinnorgan“ — die Fähigkeit, den einmaligen Sinn einer konkreten Situation zu erspüren.
Wichtig: das Gewissen in der EA ist nicht das Über-Ich der Psychoanalyse. Es ist nicht das anerzogene Normensystem. Es ist eine angeborene, intime Fähigkeit der Person, das Richtige zu erspüren — wohlwollend, anbietend, nicht fordernd. Es kann sich irren, aber es ist die einzige Stimme, die wirklich für mich spricht.
Therapeutisch heißt das: bei Sinn-Fragen nicht die Vernunft befragen („was wäre logisch?“), sondern das Gefühl, das Gespür, die innere Resonanz. Erst dann wird der gefundene Sinn personal getragen.
„Was wartet diese Woche eigentlich auf Sie?“
Eine Klientin im existentiellen Vakuum. „Ich weiß nicht, wofür ich aufstehen soll.“ Die Therapeutin: „Das ist eine große Frage. Lassen Sie uns kleiner anfangen. Was wartet diese Woche auf Sie — nicht abstrakt, ganz konkret? Wer wäre traurig, wenn Sie nicht da wären?“ Lange Stille. „Meine Mutter hat Geburtstag am Donnerstag.“ — „Was würden Sie ihr gern bringen?“ Die Klientin überlegt. „Sie liebt es, wenn ich ihr aus der Kindheit erzähle. Ich glaube, ich kann das tun.“
Die Frage, die die Krankheit verändert
Ein älterer Patient, fortgeschrittene Erkrankung. Er klagt: „Ich kann nichts mehr tun. Ich bin nur noch Last.“ Die Therapeutin: „Vielleicht stimmt es, dass Sie nicht mehr viel tun können. Aber Sie können noch wählen, wie Sie das tragen. Was wäre — wenn das die Aufgabe wäre, die jetzt auf Sie wartet?“ Der Patient schweigt lange. „Sie meinen, ich kann noch etwas?“ — „Sie können den Menschen um Sie zeigen, dass man auch im Schweren in Würde leben kann. Das ist nichts Kleines.“
Verbindungen
- Drexler, H. (2000). Schritte zum Sinn. Die Methode der Sinnerfassung. Existenzanalyse 17,1, 36–41.
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Sinn, Sinnerfassungsmethode, Wille zum Sinn, Existentielle Wende.
- Frankl, V.E. (1987). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse.
- Längle, A. (1988). Wende ins Existentielle. Die Methode der Sinnerfassung. In: Längle, A. (Hrsg.) Entscheidung zum Sein. München: Piper, 40–52.