Dereflexion
Die zweite große Frankl-Technik. Sie zieht die Aufmerksamkeit von einer fixierten Selbstbeobachtung weg — hin zu einem Wert oder Sinn-Inhalt. Wirksam bei Hyperreflexion auf Erfolg, normalerweise unbeachtete Funktionen oder forcierte Selbstkontrolle.
Die Logik der Dereflexion
Manche Vorgänge laufen nur dann gut, wenn man nicht auf sie achtet. Schlaf, sexuelle Erregung, Spontaneität, kreative Erfahrung. Wer Schlaf erzwingen will, kann nicht schlafen. Wer Erregung herstellen will, hat Funktionsstörung. Wer Spontaneität plant, ist nicht mehr spontan.
Frankl: „Etwas ignorieren … kann ich nur, … indem ich auf etwas anderes hin existiere." Die Dereflexion ist deshalb mehr als bloße Ablenkung — sie ist primär Zuwendung zu einem lebenswerten Inhalt. Aus der selbstschädigenden Selbstbeobachtung in die Weltoffenheit.
Anthropologische Wurzel
Die Dereflexion beruht auf zwei Kernfähigkeiten der Person:
- Selbst-Transzendenz: die Fähigkeit, sich auf etwas außerhalb seiner selbst zu beziehen.
- Selbst-Distanzierung: die Fähigkeit, von eigenen Impulsen, Affekten, Aufmerksamkeitsfixierungen Abstand zu nehmen.
Wer keine dieser Fähigkeiten hat (oder gerade nicht aktivieren kann), für den ist Dereflexion nicht möglich. Manchmal hilft es, die PP vorzuschalten — sie aktiviert beide Kapazitäten.
Indikationen
Was Dereflexion nicht ist
Wichtige Abgrenzung von Frankl selbst: Dereflexion ist nicht Verdrängung. Sie soll nicht dazu verwendet werden, innere Konflikte, Schuld oder andere belastende Inhalte „in Abrede zu stellen" oder zu übergehen. Wer ein echtes Problem hat, kann es nicht dereflexieren. Die Methode greift dort, wo die Aufmerksamkeit selbst das Problem ist.
„Hören Sie auf, schlafen zu wollen.“
Ein Klient mit chronischer Einschlafstörung. „Ich liege im Bett und kämpfe um den Schlaf. Je mehr ich will, desto wacher werde ich.“ Der Therapeut: „Hören Sie heute Abend auf, schlafen zu wollen. Liegen Sie wach. Hören Sie Musik, die Sie mögen. Lesen Sie etwas Schönes. Lassen Sie den Schlaf kommen, wenn er kommt. Ohne Auftrag.“
Verhältnis zu anderen Methoden
- Sehr enge Verwandtschaft mit PP 3 (Position zum Positiven) — beide arbeiten über Selbsttranszendenz, beide lenken auf den Wert.
- Komplementär zur Paradoxen Intention: PI bei Erwartungsangst, Dereflexion bei Hyperreflexion. Oft kombiniert.
- Die Sesselmethode kann zur Einübung der Dereflexion herangezogen werden (Wechsel der Aufmerksamkeit von innen nach außen).
Verbindungen
1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichwort: Dereflexion3_Angst_-_12_-_Dereflexion.pdf- Frankl V.E. (1947): Die Psychotherapie in der Praxis. Erste Beschreibung. Piper, München (5. Aufl. 1986).
- Frankl V.E. (1982): Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, 5°.