Methoden · klassisch (Frankl)

Dereflexion

Die zweite große Frankl-Technik. Sie zieht die Aufmerksamkeit von einer fixierten Selbstbeobachtung weg — hin zu einem Wert oder Sinn-Inhalt. Wirksam bei Hyperreflexion auf Erfolg, normalerweise unbeachtete Funktionen oder forcierte Selbstkontrolle.

Meta · 60-Sekunden-Take

Frankl 1947. Beruht auf Schelers Emotionalitätslehre: bestimmte Gefühle und Erlebnisse werden durch Aufmerksamkeitszuwendung beeinträchtigt oder zerstört. Schlaf, Sexualität, Spontaneität — sie funktionieren nicht „auf Befehl“. Die Dereflexion lenkt die Aufmerksamkeit ab vom Symptom und hin zu lebenswerten Inhalten. Wirkt durch Selbsttranszendenz. Indikation: Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Hyperreflexion bei Ängsten.

Die Logik der Dereflexion

Manche Vorgänge laufen nur dann gut, wenn man nicht auf sie achtet. Schlaf, sexuelle Erregung, Spontaneität, kreative Erfahrung. Wer Schlaf erzwingen will, kann nicht schlafen. Wer Erregung herstellen will, hat Funktionsstörung. Wer Spontaneität plant, ist nicht mehr spontan.

Frankl: „Etwas ignorieren … kann ich nur, … indem ich auf etwas anderes hin existiere." Die Dereflexion ist deshalb mehr als bloße Ablenkung — sie ist primär Zuwendung zu einem lebenswerten Inhalt. Aus der selbstschädigenden Selbstbeobachtung in die Weltoffenheit.

Anthropologische Wurzel

Die Dereflexion beruht auf zwei Kernfähigkeiten der Person:

Wer keine dieser Fähigkeiten hat (oder gerade nicht aktivieren kann), für den ist Dereflexion nicht möglich. Manchmal hilft es, die PP vorzuschalten — sie aktiviert beide Kapazitäten.

Indikationen

Schlafstörungen
Hyperreflexion auf das Einschlafen. Statt: „Ich muss endlich schlafen!“ → Zuwendung zu Werten (lesen, an Schönes denken, Musik hören).
Sexuelle Funktionsstörungen
Beobachtung der eigenen Reaktion zerstört sie. Aufmerksamkeit zum Partner, zum Beziehungs-Wert.
Hyperreflexion bei Ängsten
Wer ständig auf das Herzklopfen achtet, registriert mehr Herzklopfen. Aufmerksamkeit zum Sinn-Inhalt der Situation.
Perfektionismus
Fixierung auf Performance zerstört die Performance. Zuwendung zum Inhalt, zur Sache selbst.

Was Dereflexion nicht ist

Wichtige Abgrenzung von Frankl selbst: Dereflexion ist nicht Verdrängung. Sie soll nicht dazu verwendet werden, innere Konflikte, Schuld oder andere belastende Inhalte „in Abrede zu stellen" oder zu übergehen. Wer ein echtes Problem hat, kann es nicht dereflexieren. Die Methode greift dort, wo die Aufmerksamkeit selbst das Problem ist.

Therapie· Schlaflosigkeit

„Hören Sie auf, schlafen zu wollen.“

Ein Klient mit chronischer Einschlafstörung. „Ich liege im Bett und kämpfe um den Schlaf. Je mehr ich will, desto wacher werde ich.“ Der Therapeut: „Hören Sie heute Abend auf, schlafen zu wollen. Liegen Sie wach. Hören Sie Musik, die Sie mögen. Lesen Sie etwas Schönes. Lassen Sie den Schlaf kommen, wenn er kommt. Ohne Auftrag.“

Sichtbar: die Aufmerksamkeit wird vom Symptom weggenommen. Der Schlaf kommt, weil er nicht mehr verlangt wird. Das ist die einfache, aber tiefe Logik der Dereflexion.

Verhältnis zu anderen Methoden

Quellen
  • 1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf · Stichwort: Dereflexion
  • 3_Angst_-_12_-_Dereflexion.pdf
  • Frankl V.E. (1947): Die Psychotherapie in der Praxis. Erste Beschreibung. Piper, München (5. Aufl. 1986).
  • Frankl V.E. (1982): Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, 5°.