Methoden · klassisch (Frankl)

Dereflexion

Die zweite große Frankl-Technik. Sie zieht die Aufmerksamkeit von einer fixierten Selbstbeobachtung weg — hin zu einem Wert oder Sinn-Inhalt. Wirksam bei Hyperreflexion auf Erfolg, normalerweise unbeachtete Funktionen oder forcierte Selbstkontrolle.

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Frankl 1947. Beruht auf Schelers Emotionalitätslehre: bestimmte Gefühle und Erlebnisse werden durch Aufmerksamkeitszuwendung beeinträchtigt oder zerstört. Schlaf, Sexualität, Spontaneität — sie funktionieren nicht „auf Befehl“. Die Dereflexion lenkt die Aufmerksamkeit ab vom Symptom und hin zu lebenswerten Inhalten. Wirkt durch Selbsttranszendenz. Indikation: Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Hyperreflexion bei Ängsten.

Die Logik der Dereflexion

Manche Vorgänge laufen nur dann gut, wenn man nicht auf sie achtet. Schlaf, sexuelle Erregung, Spontaneität, kreative Erfahrung. Wer Schlaf erzwingen will, kann nicht schlafen. Wer Erregung herstellen will, hat Funktionsstörung. Wer Spontaneität plant, ist nicht mehr spontan.

Frankl: „Etwas ignorieren … kann ich nur, … indem ich auf etwas anderes hin existiere." (Frankl 1982, 177). Die Dereflexion ist deshalb mehr als bloße Ablenkung — sie ist primär Zuwendung zu lebenswerten Inhalten: die Aufmerksamkeit wird von den hyperreflektierten Vorgängen abgezogen und auf Sinnmöglichkeiten hingelenkt, um neurotisierende Teufelskreise aufzubrechen. Aus der selbstschädigenden Selbstbeobachtung in die Weltoffenheit.

„… daß es in der Psychotherapie nicht selten vielmehr darauf ankommen wird, die Aufmerksamkeit von irgendeinem Symptom abzulösen, um das diese Aufmerksamkeit fokal zentriert war, als darauf, das Symptom selbst aufzulösen."
— V. Frankl 1959a, 732 (zit. n. Längle 1991)

Methodologisch gehört die Dereflexion (wie die Paradoxe Intention) zu den ressourcenprovozierenden Methoden: sie durchbricht den Hyperreflexionszirkel. Sie setzt sich nicht mit den inhaltlichen Ursachen der Hyperreflexion oder der Entstehungsgeschichte der Ängste auseinander, sondern provoziert die Selbsttranszendenz-Fähigkeit der Person — und damit ihre Weltoffenheit und Dialogfähigkeit. Wurde das Ausgeliefertsein an den Circulus vitiosus bei der PI durch die Erfahrung des „Urvertrauens zum Dasein" durchbrochen, so ist es in der Dereflexion eine Werterfahrung (S. Längle 2001). Frankls Kurzformel für den paradoxen Effekt der Hyperintention: „Je mehr es dem Menschen um Lust geht, um so mehr vergeht sie ihm auch schon. Je mehr er nach Glück jagt, um so mehr verjagt er es auch schon."

Anthropologische Wurzel

Die Dereflexion beruht auf zwei Kernfähigkeiten der Person:

Die Methode greift also auf diese Fähigkeiten zurück. Das Lexikon: „Die Vorschaltung der Personalen Positionsfindung kann manchmal hilfreich sein."

Indikationen

Schlafstörungen
Hyperreflexion auf das Einschlafen. Statt: „Ich muss endlich schlafen!“ → Zuwendung zu Werten (lesen, an Schönes denken, Musik hören).
Sexuelle Funktionsstörungen
Beobachtung der eigenen Reaktion zerstört sie. Aufmerksamkeit zum Partner, zum Beziehungs-Wert.
Hyperreflexion bei Ängsten
Wer ständig auf das Herzklopfen achtet, registriert mehr Herzklopfen. Aufmerksamkeit zum Sinn-Inhalt der Situation.
Fixierung auf Erfolg
Hyperreflexion auf Erfolg (Lexikon) — die Hyperintention des Ergebnisses zerstört den Vollzug. Zuwendung zum Inhalt, zur Sache selbst.

In der frühen Systematik (Längle 1991) wird das Indikationsspektrum breit gefasst: Sexualneurosen, Zwangsneurosen, Angstneurosen, Schlafstörungen, neurotische Depression, hysterische Neurose — „kurz: überall dort, wo durch eine erhöhte Aufmerksamkeitszuwendung ‚die Selbstverständlichkeit unbewußter Vollzüge' (Frankl) gestört ist."

Was Dereflexion nicht ist

Wichtige Abgrenzung von Frankl selbst: Dereflexion ist nicht Verdrängung. Sie soll nicht dazu verwendet werden, innere Konflikte, Schuld oder andere belastende Inhalte „in Abrede zu stellen" oder zu übergehen. Wer ein echtes Problem hat, kann es nicht dereflexieren. Die Methode greift dort, wo die Aufmerksamkeit selbst das Problem ist.

Therapie· Schlaflosigkeit

„Hören Sie auf, schlafen zu wollen.“

Ein Klient mit chronischer Einschlafstörung. „Ich liege im Bett und kämpfe um den Schlaf. Je mehr ich will, desto wacher werde ich.“ Der Therapeut: „Hören Sie heute Abend auf, schlafen zu wollen. Liegen Sie wach. Hören Sie Musik, die Sie mögen. Lesen Sie etwas Schönes. Lassen Sie den Schlaf kommen, wenn er kommt. Ohne Auftrag.“

Sichtbar: die Aufmerksamkeit wird vom Symptom weggenommen. Der Schlaf kommt, weil er nicht mehr verlangt wird. Das ist die einfache, aber tiefe Logik der Dereflexion.

Verhältnis zu anderen Methoden

Quellen
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichwort: Dereflexion (Verfasser: B. Wicki 1997, in: Stumm/Pritz, Wörterbuch der Psychotherapie).
  • Frankl, V.E. (1947). Die Psychotherapie in der Praxis. Erstbeschreibung; Neuausgabe Piper, München (5. Aufl. 1986).
  • Frankl, V.E. (1982). Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, 5°.
  • Längle, S. (2001). Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. In: Existenzanalyse 19, 2+3 — Dereflexion als ressourcenprovozierende Methode.
  • Längle, A. (1991). Theoretische Reflexion der EA — Abschnitt d.2: Wirkweise der Dereflexion.