Störungen · Erschöpfungssyndrom

Burnout

Burnout ist nach Längle ein anhaltender, arbeitsbedingter Erschöpfungszustand — Folge eines Lebens, das im Tun bleibt, ohne im Erleben verankert zu sein. Symptom einer nicht-existentiellen Haltung zum Leben.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle (1997) versteht Burnout als Sonderform des existentiellen Vakuums, bei der die Erschöpfung das Bild dominiert. Es entsteht aus einer Divergenz zwischen Intention (subjektivem Motiv: Karriere, Pflicht, Anerkennung) und Intentionalität (sachorientierter Hingabe an die Aufgabe). Die Person wendet sich nur scheinbar zu — es bleibt Schein-Zuwendung, und die Erfüllung versiegt. These 1: „Das Burnout ist der Endzustand von langdauerndem Schaffen ohne Erleben." These 2: „Burnout entsteht nicht durch inhaltliche, sondern durch formale Motivation." Die doppelte Beziehungsarmut (nach außen und nach innen) mündet wie alle Störungen der Beziehungs-Ebene in den depressiven Formenkreis: primäres Störfeld ist die 2. GM (Erschöpfungs-Depression); das Sinn-Defizit (4. GM) ist der logotherapeutische Zugang.

Symptomtrias · Maslach/Jackson + Sonneck

1

Emotionale Erschöpfung

Das Leitsymptom: chronische Müdigkeit — allein schon beim Gedanken an die Arbeit. Dazu Schlafstörungen, diffuse körperliche Beschwerden, Krankheitsanfälligkeit.

2

Depersonalisation · Dehumanisierung

Negative, zynische Einstellung zu KollegInnen, negative Gefühle den Hilfesuchenden gegenüber, Schuldgefühle, Rückzug und Vermeidungsverhalten, automatisches, schablonenhaftes „Funktionieren".

3

Reduzierte Leistungsfähigkeit

Subjektives Gefühl der Erfolglosigkeit und Machtlosigkeit, fehlende Anerkennung, dominierende Gefühle von Insuffizienz und permanenter Überforderung — bei Leistungsunzufriedenheit.

4

Vitale Instabilität (Sonneck)

Sonneck fügt der Trias ein Stadium hinzu: Depression, Dysphorie, Erregbarkeit, Gehemmtheit, Ängstlichkeit, Ruhelosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Irritierbarkeit — „in gewisser Weise eine Vorentwicklung eines präsuizidalen Zustandes". Besonderes Risiko: Ärzteschaft.

Stadien der Entwicklung · Maslach (vier Abschnitte)

1

Idealismus und Überforderung

Begeisterte Anfangsphase mit vollem Einsatz — Freudenberger sprach von der „lodernden Begeisterung", in deren Kontrast er das spätere „Abgebrannt-Sein" benannte.

2

Emotionale und physische Erschöpfung

Die Kraft bleibt anhaltend aus; das Befinden ist in allen drei Dimensionen (somatisch, psychisch, noetisch) betroffen.

3

Dehumanisierung als Gegenmittel

Die zynische Distanzierung von den Menschen und der Aufgabe dient als Selbstschutz vor weiterer Verausgabung.

4

Terminales Stadium

Widerwillensyndrom — gegen sich, gegen andere, schließlich gegen alles — und Zusammenbruch (Kündigung, Krankheit).

Freudenberger beschrieb 1992 zwölf feinere Stadien — vom „Zwang, sich zu beweisen" über verstärkten Einsatz, Vernachlässigung eigener Bedürfnisse, Umdeutung von Werten, Rückzug und Depersonalisation bis zu innerer Leere, Depression und völliger Burnout-Erschöpfung. Längle selbst deutet die Endstufe (Inhibition der Aktivität) als Schutz vor weiterer Schädigung — als ganzmenschlichen Anstoß, die Lebenshaltung zu reflektieren.

Existentieller Sinn vs. Schein-Sinn

Existentieller Sinn

Schöpferisch. Aus dem Tun wächst neue Lebenskraft.

Hingabe. Sich-Geben in einer Bewegung des Mehr.

Persönlich. Aus dem eigenen Berührtsein entstanden.

Frei. Zustimmung aus innerer Wahl.

Schein-Sinn

Erschöpfend. Das Tun zehrt, ohne aufzufüllen.

Hergabe. Sich-Verausgaben ohne Rückbindung.

Sachlich. Funktional, ohne persönliche Resonanz.

Gezwungen. Aus Angst, Pflicht, Erwartung.

Längle (1997, Tab. 2): nicht die Tätigkeit selbst macht den Unterschied — sondern die Art, wie der Mensch in ihr steht. Ein Leben, das nur einem scheinbaren Sinn nachgeht (Karriere, soziale Akzeptanz), geht erlebnismäßig in die Leere und erzeugt Stress. „Statt der Freude am Geschaffenen wird bestenfalls Stolz für die Leistung empfunden. Stolz aber nährt nicht und wärmt nicht." Selbst Erholung und Entspannung ersetzen dann die Leere nicht.

Existenzanalytische Ätiologie · die Kaskade

Die Entstehung des Burnout verläuft nach Längle über mehrere Schritte: eine nicht-existentielle Lebenshaltung (ein Lebensentwurf, der die realen Bedingungen gelingender Existenz verkennt) → existentielles Vakuum (Erfüllungsdefizit) → Fremdmotivation und subjektive Bedürftigkeit („Kein Burnout ohne subjektive Bedürftigkeit", These 3) → utilitaristische, zweckgerichtete Lebenshaltung (These 4) → fehlende innere Zustimmung zum Inhalt der Tätigkeit (These 5: „Burnout und Streß entstehen durch ein Leben ohne innere Zustimmung zum Inhalt der Tätigkeit") → doppelte Beziehungsarmut: nach außen (zu Menschen und Tätigkeit) und nach innen (zu sich selbst und den Emotionen). Diese Beziehungslosigkeit mündet — wie alle Störungen der Beziehungs-Ebene — in den depressiven Formenkreis (Störung der 2. GM). These 7: „Burnout ist die psychische Rechnung für ein schon lange verfremdetes, beziehungsarmes Leben." Die Bedürftigkeit kann dabei in jeder GM wurzeln: Haltmangel macht empfänglich für starr geordnete Tätigkeiten (1. GM), ein Basisgefühl des Verpflichtetseins für helfende Berufe (2. GM), Selbstwertmangel treibt in eine „Sucht nach Anerkennung" (3. GM), fehlende Sinnerfahrung macht anfällig für Schein-Sinn und Ideologien (4. GM).

Abgrenzungen

Zur Depression: Burnout ist eine Art Depression — eine Erschöpfungsdepression (Kielholz), die ohne Traumatisierung und ohne biologische Schwankungen allein durch den langsamen Verlust von Lebens-Werten entsteht. (Umgekehrt gilt im EA-Depressionskapitel: jede Depression hat einen Erschöpfungsanteil.) Zum existentiellen Vakuum (Frankl): Leere- und Sinnlosigkeitsgefühl finden sich in beiden; beim Burnout ist die Apathie aber eher Ursache als Folge des Initiativeverlusts, Langeweile kommt nicht wirklich vor — und die Erschöpfung dominiert das Bild. Daher: Burnout als Sonderform des existentiellen Vakuums.

Vertiefung · Karazman 1994 — die empirische Brücke

Karazman untersuchte 1994 in Österreich 271 Ärztinnen und Ärzte. Ergebnis: Wer gute Sinnfülle im privaten und beruflichen Leben erlebt, zeigt nur geringe bis mittlere Burnout-Anfälligkeit. Ein existentielles Vakuum geht dagegen mit hohem Burnout einher — mit extremer emotionaler Erschöpfung und hoher Depersonalisation; nur die Leistungsfähigkeit ist mittelstark betroffen. Bemerkenswert: Bei der „Privat-Existenz" (Sinn wird nur im Privatleben gesehen, nicht in der Arbeit) bleiben emotionale Erschöpfung und Depersonalisation unverändert hoch — ein sinnvolles Privatleben kompensiert die sinnentleerte Arbeit nicht. Damit hat Längles Deutung des Burnout als Sonderform des existentiellen Vakuums empirische Evidenz.

Vertiefung · Bedürftigkeit ist nicht immer die Wurzel — Längles Differenzierung

Längle differenziert: Wenn ein Arzt in einer Grippeepidemie aus innerer Überzeugung sein Letztes gibt, wird er erschöpft sein — aber die typischen Burnout-Symptome (Zynismus, Schuldgefühle, Leeregefühle, Leiden an fehlender Anerkennung) nicht entwickeln. Das echte Burnout beginnt typischerweise nicht in äußeren Notzeiten, sondern schleichend in der täglichen Arbeit, auf dem Boden einer initialen Bedürftigkeit. Es gibt auch idealistische Lebenshaltungen ohne subjektives Defizit (übernommen, aus Glaubensüberzeugungen abgeleitet) — wiederholen sich Burnouts aber, stellt sich auch hier die Frage nach psychisch verankerter Bedürftigkeit. Die Prävention hat darum „suchtpräventiven Charakter": Im 4.-GM-Coping des Burnout stehen Sucht und Sinnersatz (Ideologien) als Reaktionen auf die Sinnlosigkeit.

Therapie & Prävention

Therapie und Prävention zielen zunächst auf situative Entlastung: Abbau von Zeitdruck, Delegation und Teilung von Verantwortung, realistische Ziele, Bearbeiten dysfunktionaler Glaubenssätze, Supervision und Teamkonflikt-Arbeit (Sonneck). Die existenzanalytische Behandlung geht zunächst gleich vor, erhellt und behandelt dann aber die Defizite in den Grundmotivationen — sie verlagert die Aufmerksamkeit von den äußeren Bedingungen auf die Haltung zum Leben und die Sinnstruktur. Die Ausbildung authentischer, existentieller Haltungen ist der eigentliche Gewinn eines durchgemachten Burnout. Für die Prävention empfiehlt Rothbucher die Existentialmeditation (Längle 1988; Böschemeyer 1988), mit der die existentielle Lage schon im Frühstadium auf nicht stimmige Lebensbereiche abgetastet wird. Entspannung und Erholung bleiben wichtig — anhaltend wirken sie aber erst, wenn an den existentiellen Haltungen gearbeitet wurde. Drei Präventionsfragen: Wozu mache ich das? — Mag ich das tun, gibt mir die Tätigkeit auch jetzt etwas? — Will ich dafür leben, will ich dafür gelebt haben? Und als Faustregel (These 8): Wer mehr als die Hälfte der Zeit mit Dingen beschäftigt ist, die er nicht gerne tut, bei denen er nicht mit dem Herzen dabei ist oder keine Freude hat, der muss früher oder später mit einem Burnout rechnen.

Fall-Beispiel

Fall· Praxis-Anamnese

„Sonntagsangst nach 15 Jahren"

Ärztin, 42, internistische Oberärztin. Tritt nach 15 Jahren mit Schlafstörungen, Zynismus gegenüber Patienten, Sonntagsangst in Behandlung. Im PEA-1-Eindruck wird sichtbar: ihre Motivation war Vatererwartung und Sicherheit, nicht der Mensch in seiner Krankheit. Arbeit war Leistung ohne Erleben — eine 15-jährige Schein-Zuwendung. In der Wertanalyse wird rekonstruiert, was sie am Heilen je wirklich berührt hat — sie erinnert sich an die ersten Famulaturen in der Palliativmedizin, an das Gefühl, dass „etwas zählt". Sie reduziert Stunden, sucht eine palliativmedizinische Weiterbildung. Die Erschöpfung weicht über 14 Monate; nicht weil sie weniger arbeitet, sondern weil sie wieder in dem steht, was sie tut.

Quellen
  • Längle, A. (1997) · Burnout — existentielle Bedeutung und Möglichkeiten der Prävention. Existenzanalyse 14/2, 11-19
  • Maslach, C. & Jackson, S. (1981) · Symptom-Trias · Maslach Burnout Inventory (MBI)
  • Freudenberger, H. (1974/1992) · Erstbeschreibung · 12 Stadien
  • Sonneck, G. (1994) · vitale Instabilität · präsuizidale Entwicklung
  • Karazman, R. (1994) · Existentielles Vakuum und Burnout bei 271 ÄrztInnen