Störungen · Klinische Fallarbeit

Depression · Übungsfall

Längles Original-Übungsfall: 53-jährige Frau, Major Depression mit neurotischem Schwerpunkt — fünf gegliederte Fragen, fünf Antworten zur diagnostisch-therapeutischen Schulung.

Meta · 60-Sekunden-Take

Der Fall illustriert EA-Diagnostik (Major Depression mit neurotischem Schwerpunkt und somatischer Beteiligung — keine Phasen!), die Therapie-Sequenz (zuerst Beziehung und situative Entlastung, dann Erleben heben, dann PEA an der biographischen Schuldfrage) und das Schicksalsspiel (sie steigt ins Auto der medikamentensüchtigen, alkoholisierten Mutter — „wollte ihr Weiterleben dem Schicksal zuspielen"). Lebensgefühl: „Man verlangt zuviel von mir".

Anamnese

53-jährige Frau, ledig, mit einer 8-jährigen Adoptivtochter lebend; wirkt freudlos, bedrückt, voll von verhaltenem Ärger. Aktuelle Symptome: Unentschlossenheit (fängt vieles an, schließt nichts ab; unfähig, Pläne zu machen), ständige Angst vor Krankheiten, vor dem Schicksal, „eigentlich vor allem", Konzentrationsstörungen, belastendes Grübeln über Erinnerungen, gestörter Schlaf (Erwachen während der ganzen Nacht), unregelmäßiger Appetit. Vor drei Jahren: schwerer Verkehrsunfall im Auto der medikamentensüchtigen, an jenem Abend alkoholisierten Mutter — die Mutter kam ums Leben, die Patientin verlor einen Arm und trug starke Vernarbungen davon. Nach einem halben Jahr Krankenhaus, im Reha-Zentrum, starb ihr Verlobter während eines Besuchs bei ihr an einem Herzinfarkt. Seither das Lebensgefühl: „Man verlangt zuviel von mir." Vor vier Jahren: Gebärmutter-Operation (Dermoid), die sie sehr belastet, weil sie sich wegen ihres ungesunden Essverhaltens selbst schuldig fühlt. Kein phasenhafter Verlauf.

Längles fünf Fragen und Antworten

1

Diagnose

„Major Depression", Schwerpunkt neurotische Depression, mit bedeutender somatischer Beteiligung — aber keine Phasen! Schlafstörungen, Grübeln, Apathie. Für das Neurotische sprechen: Verselbständigung der Symptome, körperliche Symptome, Generalisierung der Angst, Schuldgefühle.

2

Verständnis

Nicht verarbeitete Unglücksfälle, der Schmerz ist nicht gehoben, die Trauer blockiert. Die Patientin konnte nicht trauern: um die Mutter, um den Verlobten, um die eigene körperliche Unversehrtheit (Unfall, OP). Die blockierte Trauer hat sich als Depression niedergeschlagen.

3

Therapie-Einstieg

Beziehungsfördernd („Ich verstehe, wie schwer Sie es haben…"), am Erleben ansetzen, Entlastung. Schildern lassen, was sie belastet und welche Erinnerungen kommen → Entlastung. Evtl. die Diagnose sagen und erklären, dass diese Symptome zusammengehören. Beim Psychiater vorstellen wegen Medikation!

4

Aktuelle Therapiephase

Situative Entlastungen, Realitätsebene erhalten, Terrain bereiten — NICHT Emotionen und Vergangenes aufwühlen. Wäre Kunstfehler. Die Patientin ist nicht stabil genug, um die biographische Schicht jetzt zu öffnen. Zuerst muss das Erleben gestützt und die Tragfähigkeit aufgebaut werden, bevor die Trauer kommen darf.

5

Tieferes Vorgehen (später)

Sie zu sich selbst in Beziehung bringen („Verstehen Sie Ihr Verhalten?") — dann PEA an der biographischen Schuldthematik: PEA 1: „Wie ging es Ihnen dabei — beim Lesen der Index-Bücher, beim Kirche-Schwänzen?" → das Erleben hereinholen; „Woraus ersehen Sie, dass Sie sich schuldig gemacht haben? Von woher wussten Sie das?" PEA 2: „Was halten Sie heute davon? Was können Sie nicht verantworten?" → Abgrenzung zu echter Schuld. PEA 3: „Was möchten Sie dem Vater sagen? — Wie hätten Sie leben wollen?"

Tieferer Therapieabschnitt

In der späteren Phase wiegt die Frage schwer, warum sie in das Auto der Mutter eingestiegen ist, obwohl sie wusste, dass diese medikamentensüchtig und an jenem Abend alkoholisiert war. Wollte sie nicht mehr leben? — Sie wollte ihr Weiterleben dem Schicksal zuspielen (ein Schicksalsspiel); noch heute weiß sie nicht, ob sie eigentlich leben will oder nicht. Hintergrund: Schuldgefühle seit dem 9. Lebensjahr — sie schwänzte die Kirche und wagte aus Angst vor Verdammnis nicht zu beichten (eine „Todsünde"); sie las Vaters Bücher, die auf dem Index standen, und war fasziniert vom Bösen (Längle Kap. 6.2.2); seither stets die Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde. Sie hat das Gefühl, ihr Leben nicht so gelebt zu haben, wie sie gewollt hätte, sehnt sich nach der Kindheit, „als die Welt noch in Ordnung war und sie der Stolz des Vaters war", fühlt sich dem Leben nicht gewachsen und betrachtet sich als „Opfer der Umstände" — eine Haltung, die zuerst gehalten, dann phänomenologisch geklärt, dann zur personalen Antwort gewendet werden muss.

Drei Therapie-Etappen mit GM-Schwerpunkt

1

Erstes Drittel · 1. GM

Halt und Entlastung

Beziehung, Schutzraum, situative Entlastung, Fraktionierung. Sicherheit aufbauen, Suizidalität abklären. Das Sein-Können zuerst stützen.

2

Zweites Drittel · 2. GM

Trauerarbeit

Trauer um Mutter, Verlobten, körperliche Unversehrtheit, verlorene Jugend. PEA. Die abgewendete Lebensbeziehung wieder zulassen, bergen, würdigen.

3

Drittes Drittel · 3.+4. GM

Schuld und Sinnsuche

Schuldfrage personal klären (drei Voraussetzungen echter Verantwortung), eigenes Sein-Dürfen, Sinnperspektive der nächsten Lebensphase mit der Tochter.

Vertiefung · „Faszination des Bösen" (Längle Kap. 6.2.2)

Im Skript-Inhaltsverzeichnis führt Längle die „Faszination des Bösen" als eigenes Beispiel für kognitive Prozesse und die Haltung des Depressiven zum Leben (Kap. 6.2.2, neben Schicksalsspiel und Fallgrube). Im Übungsfall zeigt sie sich biographisch: das Kind las die verbotenen Index-Bücher des Vaters, war „fasziniert vom Bösen" — und lebte seither mit Schuldgefühlen und der Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde. Therapeutisch entscheidend: nicht moralisieren, sondern das Erleben hereinholen (PEA 1) und die depressiven Schuldgefühle von echter Schuld abgrenzen (PEA 2).

Vertiefung · Schicksalsspiel als Diagnosehinweis

Im Schicksalsspiel sucht der Depressive Entlastung und fordert das Schicksal heraus, um Aufschluss über den Wert des Lebens und der Welt zu erhalten — „Ich laß es darauf ankommen" (vgl. Frau M. und die schiefstehende Lampe auf der Seite Entstehung). Es ist eine existentielle Suche in depressiver Verzerrung. Im Übungsfall reicht das Spiel bis zur Lebensfrage selbst: die Patientin spielte ihr Weiterleben dem Schicksal zu, als sie zur fahruntüchtigen Mutter ins Auto stieg — „noch heute weiß sie nicht, ob sie eigentlich leben will oder nicht". Solche Konstellationen sind diagnostisch ein Hinweis auf eine ungeklärte, verdeckte Suizidalität und müssen aktiv erfragt werden.

Fall-Beispiel

Fall· Original-Übungsfall

„Man verlangt zuviel von mir"

Der gesamte oben aufgeschlüsselte Fall ist der Übungsfall — Längles klassisches Lehrbeispiel für die EA-Diagnostik und Therapie der nicht-endogenen Depression. Wichtigste Lehre: die Reihenfolge ist Therapie. Wer am ersten Termin die biographische Trauer aufschließen will, macht einen Kunstfehler. Wer nie zur biographischen Trauer kommt, bleibt im Symptom. Die Kunst liegt im richtigen Moment.

Zweiter Fall · Doris (K. Steinert 2005)

Fall· Der Weg zur inneren Bewegung

„Ich bin am Boden angekommen — von da kann es nur wieder nach oben gehen."

Doris, 21 Jahre, Physiotherapieausbildung, depressiv seit sechs Jahren. Sie wollte ursprünglich an die Schauspielschule, ging aber auf elterlichen Druck in die HBLA. Steinert beschreibt das diagnostische Schlüsselphänomen Doris' so:

„Dieses Vorstellungsgerüst […] ermöglicht keine innere, sondern nur eine äußere Bewegung, die aber immer wieder stecken zu bleiben droht, weil die innere Motivation fehlt."
— K. Steinert 2005, S. 112

Die suizidale Krise und die therapeutische Wendung. Nach einem E-Mail-Kontaktabbruch durch einen wichtigen Menschen bricht Doris zusammen. Stationäre Aufnahme. In dieser Nacht greift Steinert klar führend ein:

„In dieser Situation übernehme ich stark spürbar die Führung und vermittle Doris, dass es jetzt nicht darum geht, dass sie niemandem zur Last fällt, sondern dass es um ihr Leben geht, das jedenfalls geschützt werden muss."
— K. Steinert 2005, S. 115–116

Die Wendung kommt im Krankenhausbett selbst:

„Jetzt bin ich am Boden gelandet. Von da kann es nicht tiefer gehen, von da kann es nur wieder weiter nach oben gehen. […] In dieser Situation der totalen Entmündigung habe ich ganz deutlich gespürt, dass ich mein Leben nicht aufgeben möchte, sondern dass ich leben mag!"
— Doris, in: K. Steinert 2005, S. 116

Das therapeutische Experiment. Nach Stabilisierung schlägt Steinert vor, was Doris ihr ganzes Leben nicht gekonnt hatte: „Einmal nichts vornehmen, einfach schauen, wonach mir ist." Aus der Erstarrung des äußeren Plans entsteht die erste innere Bewegung — die zweite Geburt des depressiv gewordenen Menschen.

Was die Vignette zeigt: Depressive Bewegungslosigkeit ist nicht bloß Antrieblosigkeit. Sie ist Bewegung auf einem Gerüst von Vorstellungen, das keine innere Resonanz mehr findet. Therapie heißt, das Gerüst zu lockern, damit die innere Motivation wieder spürbar wird — und im akuten Suizidfall darf die Therapeutin klar führen, ohne in die Pseudo-Kooperation des „Es geht ja eh wieder" zu verfallen.
Quellen
  • 4_Depression19_-_UEbungsfall.pdf · Längle
  • Steinert, K. (2005): „Der Weg zur inneren Bewegung. Eine existenzanalytische Psychotherapie zur Depression." In: Längle S., Sulz M. (Hg.) Das eigene Leben. Wien: GLE-Verlag, S. 109–118.