Wille & Freiheit
Wille ist nicht Mache, sondern Antwort. In der EA ist Wille definiert als der Entschluss, sich auf einen gewählten Wert einzulassen — getragen von Können, Mögen, Stimmigkeit und Sinneinbettung. Und ohne das Lassen wird Wollen Zwang.
Was ist Wille?
Die existenzanalytische Definition von Längle und Wicki (2000) lautet: „Der Wille ist ein Entschluss, sich auf einen gewählten Wert einzulassen." Wille ist damit kein Kraftakt, sondern eine personale Antwort: Etwas wird als wert erkannt und gewählt, und die Person setzt sich auf dieses Etwas hin in Bewegung. Wille verlangt vier Konstituenten: Können, Mögen, Stimmigkeit und Sinneinbettung. Fehlt eine, wird Wollen zu Wunsch — und Wunsch ist gerade dadurch charakterisiert, dass er ohne diese Konstituenten auskommt.
Drei Aspekte der Freiheit
Äußere Freiheit · Handlungsfreiheit
Tun können, was man will — die klassische Freiheit der politischen Philosophie (Hobbes, Hume). Sie betrifft die Welt der Möglichkeiten und Hindernisse.
Innere Freiheit · Willensfreiheit
Vor der Entscheidung innehalten und die Gründe selbst bestimmen können (Locke). Hier wird die Person zur Urheberin ihres Entschlusses — nicht von Trieben oder Druck getragen, sondern aus eigener Einsicht.
Intime Freiheit · Einverständnis
Das innere Ja zu dem, was geschieht — unaufhebbar, auch im Nachgeben. Selbst wer äußerlich gezwungen wird, behält die intime Freiheit des inneren Einverständnisses oder Widerstands.
Die vier Formen des Lassens
Wollen ist nicht Festhalten, sondern ein Geschehen, das vom Lassen getragen wird. Längle unterscheidet vier Formen — sie konstituieren das Wollen mit:
Sich berühren / ergreifen lassen
„Etwas an mich heranlassen."
Phänomenologische Offenheit: das Objekt darf etwas an mir tun. Ohne dieses erste Lassen entsteht kein Wert, an dem sich Wille entzünden könnte.
Zurücklassen der anderen Möglichkeiten
„Entscheidung als Trennung."
Jede Wahl ist ein Abschied. Wer alle Türen offenhalten will, wählt nichts. Wollen heißt: ich nehme dieses und lasse jenes.
Das Ergebnis lassen
„Der Weg ist der Bezugspunkt."
Wer das Ergebnis erzwingen will, verliert die innere Freiheit. Wollen heißt: ich tue, was mir entspricht — das Ergebnis bleibt offen.
Das Wollen lassen können
„Loslassen als Reife des Willens."
Wenn der Einsatz nicht mehr angemessen ist, gehört zum Willen, auch das Wollen lassen zu können. Sonst kippt Wille in Zwang.
Wille als Schnittstelle der vier Grundmotivationen
Wollen ist kein isolierter Akt — es ist die Stelle, an der die vier personalen Grundbedingungen zusammenlaufen. Können (1. GM) trägt die Realisierbarkeit, Mögen (2. GM) den Wert, Stimmigkeit (3. GM) das Eigene, Sinn (4. GM) die Einbettung. Längle formuliert: „Das Wollen wird vom Können ermöglicht, vom Gefühl getragen, vom Gespür geleitet und vom Verstand bestätigt — und von der Gesellschaft gezügelt."
Fünf Funktionen des Willens
- Integrationsfunktion — bringt die vier Grundmotivationen zur Konvergenz.
- Initiativfunktion — setzt die Handlung in Gang.
- Kreativfunktion — eröffnet neue Möglichkeiten gegen die Trägheit des Gegebenen.
- Ausführungsfunktion — hält den Prozess durch.
- Abbildungsfunktion — verleiht der Person Gestalt: im Tun wird sichtbar, wer man ist.
Fall-Beispiel
„Ich will es ihr trotzdem lassen."
Eltern einer 28-jährigen Tochter: Drogen, ein haftentlassener Partner, abgebrochene Beziehungen, immer wieder die Kreisbewegung der Krise. Nach Jahren des Kampfes ringen sie sich dazu durch, die Tochter ganz freizulassen — auch für einen möglichen Tod. „Ich will es ihr trotzdem lassen." Das ist kein Verlassen, sondern ein Beziehung-Halten im Modus des Nicht-Festhaltens. Ein halbes Jahr später sucht die Tochter den Kontakt, beginnt Therapie, lässt von den Drogen. Lassen erweist sich hier als Wille — im Modus des Nicht-Festhaltens.
Verbindungen
Wille-und-Freiheit.pdf· Längle 2012 — Wille, Lassen, Aspekte der Freiheit.Längle/Wicki 2000— Definition des Willens als Entschluss zum Wert.