Themen · Wollen, Lassen, Freiheit

Wille & Freiheit

Wille ist nicht Mache, sondern Antwort. In der EA ist Wille definiert als der Entschluss, sich auf einen gewählten Wert einzulassen — getragen von Können, Mögen, Stimmigkeit und Sinneinbettung. Und ohne das Lassen wird Wollen Zwang.

Meta · 60-Sekunden-Take

Der Wille ist „Ja zu einem gewählten Wert" (Längle/Wicki 2000). Drei Aspekte der Freiheit: äußere Freiheit (tun können), innere Freiheit (vor der Entscheidung innehalten), intime Freiheit (unaufhebbares inneres Einverständnis). Vier Formen des Lassens konstituieren das Wollen: sich berühren lassen, andere Möglichkeiten zurücklassen, das Ergebnis lassen, das Wollen lassen können. Der Wille ist die Integrations-Schnittstelle der vier Grundmotivationen.

Was ist Wille?

Die existenzanalytische Definition von Längle und Wicki (2000) lautet: „Der Wille ist ein Entschluss, sich auf einen gewählten Wert einzulassen." Wille ist damit kein Kraftakt, sondern eine personale Antwort: Etwas wird als wert erkannt und gewählt, und die Person setzt sich auf dieses Etwas hin in Bewegung. Wille verlangt vier Konstituenten: Können, Mögen, Stimmigkeit und Sinneinbettung. Fehlt eine, wird Wollen zu Wunsch — und Wunsch ist gerade dadurch charakterisiert, dass er ohne diese Konstituenten auskommt.

Drei Aspekte der Freiheit

1

Äußere Freiheit · Handlungsfreiheit

Tun können, was man will — die klassische Freiheit der politischen Philosophie (Hobbes, Hume). Sie betrifft die Welt der Möglichkeiten und Hindernisse.

2

Innere Freiheit · Willensfreiheit

Vor der Entscheidung innehalten und die Gründe selbst bestimmen können (Locke). Hier wird die Person zur Urheberin ihres Entschlusses — nicht von Trieben oder Druck getragen, sondern aus eigener Einsicht.

3

Intime Freiheit · Einverständnis

Das innere Ja zu dem, was geschieht — unaufhebbar, auch im Nachgeben. Selbst wer äußerlich gezwungen wird, behält die intime Freiheit des inneren Einverständnisses oder Widerstands.

Die vier Formen des Lassens

Wollen ist nicht Festhalten, sondern ein Geschehen, das vom Lassen getragen wird. Längle unterscheidet vier Formen — sie konstituieren das Wollen mit:

1

Sich berühren / ergreifen lassen

„Etwas an mich heranlassen."

Phänomenologische Offenheit: das Objekt darf etwas an mir tun. Ohne dieses erste Lassen entsteht kein Wert, an dem sich Wille entzünden könnte.

2

Zurücklassen der anderen Möglichkeiten

„Entscheidung als Trennung."

Jede Wahl ist ein Abschied. Wer alle Türen offenhalten will, wählt nichts. Wollen heißt: ich nehme dieses und lasse jenes.

3

Das Ergebnis lassen

„Der Weg ist der Bezugspunkt."

Wer das Ergebnis erzwingen will, verliert die innere Freiheit. Wollen heißt: ich tue, was mir entspricht — das Ergebnis bleibt offen.

4

Das Wollen lassen können

„Loslassen als Reife des Willens."

Wenn der Einsatz nicht mehr angemessen ist, gehört zum Willen, auch das Wollen lassen zu können. Sonst kippt Wille in Zwang.

Wille als Schnittstelle der vier Grundmotivationen

Wollen ist kein isolierter Akt — es ist die Stelle, an der die vier personalen Grundbedingungen zusammenlaufen. Können (1. GM) trägt die Realisierbarkeit, Mögen (2. GM) den Wert, Stimmigkeit (3. GM) das Eigene, Sinn (4. GM) die Einbettung. Längle formuliert: „Das Wollen wird vom Können ermöglicht, vom Gefühl getragen, vom Gespür geleitet und vom Verstand bestätigt — und von der Gesellschaft gezügelt."

Fünf Funktionen des Willens

Vertiefung · Selbstkonfrontation — die Vier-Schritte-Methode bei Willensdilemmata

Wenn Wille und Wunsch auseinanderlaufen — „Ich will eigentlich nicht — und will doch" —, hilft die Methode der Selbstkonfrontation: (1) Beurteilung der Lage, (2) Konfrontation mit dem, was man eigentlich tut, und Suche nach dem Einverständnis darin, (3) Positionierung zu sich selbst, (4) Ergebnis als neuer Entschluss. Anwendungsfelder: Sucht, Selbstverletzung, ambivalente Trennungen.

Vertiefung · Die Schwäche gehört zum Willen

Augustinus: „Ama et fac quod vis" — liebe und tu, was du willst. Leonardo da Vinci: „Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann." Ein tolerantes Willensverständnis erkennt: Schwäche ist nicht das Gegenteil des Willens, sondern Teil seiner menschlichen Verfasstheit. Das schützt vor dem moralisierenden Willensbegriff.

Vertiefung · Gelassenes Wollen versus erzwungenes Lassen

Es gibt zwei Formen des Lassens, die äußerlich ähnlich aussehen, aber existenziell entgegengesetzt sind: das vertrauensvolle Wollen, das offen für das Geschehen bleibt, ohne festzuhalten — und das resignative Lassen, das das unausweichliche Scheitern annimmt. Das erste ist Reife, das zweite Verzweiflung. Diagnostisch zentral.

Fall-Beispiel

Fall· Eltern · Lassen als Wille

„Ich will es ihr trotzdem lassen."

Eltern einer 28-jährigen Tochter: Drogen, ein haftentlassener Partner, abgebrochene Beziehungen, immer wieder die Kreisbewegung der Krise. Nach Jahren des Kampfes ringen sie sich dazu durch, die Tochter ganz freizulassen — auch für einen möglichen Tod. „Ich will es ihr trotzdem lassen." Das ist kein Verlassen, sondern ein Beziehung-Halten im Modus des Nicht-Festhaltens. Ein halbes Jahr später sucht die Tochter den Kontakt, beginnt Therapie, lässt von den Drogen. Lassen erweist sich hier als Wille — im Modus des Nicht-Festhaltens.

Quellen
  • Wille-und-Freiheit.pdf · Längle 2012 — Wille, Lassen, Aspekte der Freiheit.
  • Längle/Wicki 2000 — Definition des Willens als Entschluss zum Wert.