Störungen · Querschnitt

Psychodynamik

Psychodynamik ist für Längle keine eigene Theorie neben der EA, sondern das Querschnittsphänomen, in dem sich verfestigte Coping-Reaktionen auf bedrohte Grundmotivationen zeigen.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle versteht Psychodynamik als fixierte Coping-Reaktion: was als situative Schutzbewegung sinnvoll ist (Grundbewegung – Paradoxe Bewegung – Aggression – Totstellreflex), wird durch Wiederholung und fehlende Stellungnahme zur Strukturkraft. Sie wirkt im Hintergrund des Bewusstseins, wird „subjektiv als Realität genommen" und „lässt nicht mit sich reden". Psychopathologie ist Verlust der Einheit: einzelne Kräfte machen sich selbständig und dominieren die Ganzheit. Die PEA ist das Instrument, sie bewusst zu machen.

Vier Coping-Stufen — das Skelett aller PD

1

Grundbewegung

Erstreaktion auf Bedrohung — GM-spezifisch: 1. GM Flucht, 2. GM Rückzug, 3. GM Abgrenzung, 4. GM Provisorium. Gesund, kurzlebig, reversibel.

2

Paradoxe Bewegung

Hinein in das Gefürchtete — 1. GM Aktivismus/Hyperarbeit, 2. GM Leisten/Aufopfern, 3. GM Sich-Anpassen oder Idealisieren, 4. GM Zynisches Funktionieren. Schon hier wird die Fixierung möglich.

3

Aggression

Mobilisierte Kraft gegen das Bedrohende — Form je nach GM: Haß (1.), Wut (2.), Zorn/Trotz (3.), Zynismus (4.). Auch hier kann die Form chronisch werden.

4

Totstellreflex

Letzte Stufe: Erstarrung, Dissoziation, Resignation, depressives Niederlegen. Wenn er chronisch wird, ist man strukturell in einer der schweren Psychopathologien.

Verkettung mit den Hauptpathologien

1

Angst → 1.-GM-Copings

Sein-Können bedroht

Fixierte Flucht (Phobien), fixierter Aktivismus (Zwang, Workaholic), fixierter Haß (paranoide Reaktion), fixierter Totstellreflex (Angststarre).

2

Depression → 2.-GM-Copings

Mögen-Leben bedroht

Fixierter Rückzug (Isolation), fixiertes Leisten (depressive Hyperaktivität), fixierte Wut (gegen sich gerichtet), fixierter Totstellreflex (anhedone Depression).

3

Hysterie → 3.-GM-Copings

Eigen-Sein bedroht

Fixierte Abgrenzung (Spaltung), fixierte Anpassung (Als-ob-Identität), fixierter Zorn (Drama), fixierter Totstellreflex (Konversion, Dissoziation).

4

Sucht → 4.-GM-Copings

Sinn bedroht

Fixiertes Provisorium (Suchtmittel), fixiertes Funktionieren (Pseudo-Sinn), fixierter Zynismus, fixierte Resignation (Spätstadium der Sucht, Verelendung).

PEA als Antagonist der Psychodynamik

Die Personale Existenzanalyse ist Längles methodischer Hebel gegen die fixierte PD. PEA-1 (Eindruck) bricht den Automatismus, indem das Erlebte bewusst wahrgenommen und phänomenologisch beschrieben wird — der Reflex hat keinen Vorrang mehr. PEA-2 (Stellungnahme) prüft: stimme ich dieser Bewegung zu, will ich sie weiter so, oder gibt es Eigenes, das anderes will? Hier wird Freiheit zurückerobert. PEA-3 (Personieren) setzt die neue Bewegung in Welt: handeln, sprechen, anders reagieren. Die PD verschwindet selten ganz — aber sie verliert die alleinige Verfügungsmacht. Längle: Ich-Sein ist mehr als Psyche-Sein; es ist Psyche-Sein plus Psyche-Haben.

Vertiefung · „Ich-Sein heißt Psyche-Sein + Psyche-Haben"

Längles Doppelstruktur des Ichs ist der theoretische Schlüssel: wir sind unsere Psyche (wir denken, fühlen, reagieren) — und wir haben zugleich unsere Psyche (wir können auf sie blicken, mit ihr in Beziehung treten, ihr zustimmen oder widersprechen). Psychodynamik ist die Situation, in der das Psyche-Sein das Psyche-Haben überrollt — die Reaktion läuft, bevor das Ich „dabei" ist. Die EA-Therapie ist die geduldige Wiederherstellung des Psyche-Habens, ohne das Psyche-Sein zu denunzieren.

Vertiefung · Längle 2019 — vier Präsenzformen der Psyche

In „Die Psyche macht's (un)möglich" (2019) differenziert Längle vier Präsenzformen: Körper-Psyche (vegetativ, körperlich), Lebens-Psyche (Stimmung, Affekt), Persönlichkeits-Psyche (Charakter, biographische Prägung), existentielle Psyche (Psyche im personalen Vollzug). Die PD operiert primär auf der zweiten und dritten Ebene — Stimmungs- und Charakterautomatismen. Die existentielle Psyche (die vierte Ebene) ist der Ort, an dem das Ich stellungnehmen kann. Therapeutisch heißt das: die Arbeit beginnt auf Ebene 2/3 und zielt auf Ebene 4.

Fall-Beispiel

Fall· PEA in Aktion

„Reiß dich zusammen — sofort"

Frau, 34, kommt wegen ständiger Erschöpfung. Phänomenologisch sichtbar: Bei jeder Anforderung schaltet sie reflexartig in „Leisten" (paradoxe Bewegung der 2. GM — sie versucht, das Mögen durch Tun zu ersetzen). In der PEA wird dieser Reflex hörbar: Sie spürt zuerst kurzes Sich-Zurückziehen-Wollen, dann sofort das innere „Reiß dich zusammen" der Mutter. PEA-1 bringt diesen Ablauf ins Bewusstsein — sie sieht ihn zum ersten Mal als einen Vollzug, nicht als Realität. PEA-2: Sie hält das Leisten nicht mehr für richtig. PEA-3: erste Absage an einen Mehrarbeits-Wunsch. Die PD wird nicht beseitigt, aber das Ich gewinnt Verfügungsmacht — das Leisten kann jetzt gewählt oder nicht gewählt werden.

Quellen
  • Längle, A. (2009) · Das eingefleischte Selbst — verfestigte Psychodynamik
  • Längle, A. (2019) · Die Psyche macht's (un)möglich — vier Präsenzformen
  • Längle, A. · Coping-Modell — Skelett der Psychodynamik