Liebe · Sexualität
Längle stuft das geschlechtliche Leben: Geschlechtlichkeit · Erotik · Sexualität — die Geschlechtlichkeit kommt in der erotischen Ausstrahlung zum Ausdruck und wird in der Sexualität körperlich vollzogen. Menschlich wird Sexualität nach Frankl erst als Ausdruck von Liebe.
Vier Ebenen des geschlechtlichen Lebens
Geschlechtlichkeit
Anbindung an die naturale Dimension
Geschlechtszugehörigkeit samt geschlechtstypischer Erlebniswelt: biologisch veranlagt, kulturell überformt, psychisch individuell gelebt — so entsteht das Gender („soziales Geschlecht"). Das Geschlecht bindet an Fortpflanzung und Arterhaltung; die personalen (geistigen) Kräfte sind jedoch nicht geschlechtlich gebunden.
Erotik
Vitalisierende Kraft · Freude · Spiel mit Grenzen
Erleben einer vitalisierenden Kraft, die alle Dimensionen ergreift — Leib, Psyche, Geist. Sie lebt aus dem Spannungsfeld von Anziehung und schützender Distanz: ein „sexuelles Probehandeln". Aktivitäten, die nicht genitale Erregung anstreben, gehören zur Erotik. Frankl: Erotik erzeugt Freude.
Sexualität
Körper/Psyche · Lust · genitaler Vollzug
Jeder Einsatz der Genitalien bzw. jede Stimulierung, die auf genitale Erregung abzielt — die Bezugnahme auf Geschlechtsorgane und erogene Zonen. Sexualität ist der körperliche Vollzug der Geschlechtlichkeit, nach Merleau-Ponty „inkarnierte Bewusstheit". Frankl: der Sexualtrieb erzeugt Lust.
Liebe
Personal · Glück · Einzigartigkeit
Nach Frankl ist Sexualität nicht a priori menschlich — sie wird menschlich, sofern sie Ausdruck von Liebe ist („inkarnierte Liebe") und den Menschen selbsttranszendent macht. Erst die Liebe als geistige Kraft vermag zum Glück in der Sexualität zu führen. Das Erkennen der Einzigartigkeit des Anderen macht ihn unersetzlich.
Reifungsstufen nach Frankl
(Blinder) Sexualtrieb
Die unentwickelte Stufe: als echter Trieb drängt der Sexualtrieb primär auf Entspannung (Triebziel) und ist daher wahllos. Das Gegenüber ist Mittel zur Befriedigung, austauschbar.
Austauschbares Sexualobjekt
Der andere wird wahrgenommen, aber als Typus, nicht als jemand. Begehrt werden Merkmale, nicht eine Person.
Respektierter Partner
Der andere wird als eigenständiges Wesen respektiert, das im Kantschen Sinne nicht Mittel zum Zweck werden darf. Noch nicht ganz als unaustauschbarer Einzelner, aber als Gegenüber.
Erkennen der Einzigartigkeit — Person, Monogamie
Die reifste Form: das Erkennen der Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der Person im anderen — das macht sie unersetzlich und die Sexualität monogam. Monogamie nicht als Regel, sondern als Folge des Erkennens.
Erotik als Spiel mit drei Grenzen
Erotik lebt aus der Antinomie, Nähe über eine schützende Distanz hinweg zu suchen — dadurch wird das erotische Spiel ein Spiel mit Grenzen. Längle unterscheidet drei: die eigene Grenze (wieviel Offenheit und Vitalität traue ich mir zu, wieviel und was darf ich von mir zeigen?), die Grenze des anderen (ein situatives Austesten: wieviel hält der andere aus, was mag und genießt er?) und die gemeinsame Grenze (wie geht es beiden miteinander, welches Schwingen entsteht?). Das Spiel lebt aus dem Wechsel von Sich-Zeigen und Sich-Verstecken, Angebot und Rücknahme. Wenn aber die spielerische Unverbindlichkeit bestehen bleibt und die erotischen Gefühle nicht in persönliche Verantwortung genommen werden — wenn es nur noch um die Durchsetzung der eigenen Lust geht —, wird das Du übergangen: Das erotische Feuer kann zerstörerisch werden (Missbrauch, Verführung, Vergewaltigung).
Klinik — häufige Ursachen sexueller Probleme
Längle nennt vier allgemeine Ursachen sexueller Störungen: Erwartungsangst („muss klappen") — Lust verträgt keinen Druck und stirbt unter Erwartung; Fixierung auf die Lust — die Konzentration auf den Effekt verfehlt den Vollzug; Druck und Zwang mit Verlust von Spontaneität und Improvisation (Zwang von Seiten des Ichs: Vorstellungen, Programm; der Situation: wenn es schnell gehen muss; des Partners: Angst vor Ansprüchen und Temperament); Nicht-Akzeptanz des Körpers, der Sexualität oder der Deviation. Die Pfizer-Studie 2001 beziffert die Häufigkeit: 44% der Frauen und 39% der Männer berichten innerhalb von zwölf Monaten von sexuellen Problemen.
Fall-Beispiel
„Ich muss liefern" — Erektionsstörung ohne Befund
Klient, Anfang 40, kommt nach mehrmonatigen Erektionsstörungen. Urologisch unauffällig. In der Anamnese zeigt sich Versagensangst und eine vollständige Fixierung auf das „Liefern-Müssen". Sexualität ist Leistung, nicht Spiel. Therapie: zunächst Entspannung der Erwartung (paradoxe Intention auf der Symptomebene), dann Wiedergewinn des erotischen Spiels jenseits des Vollzugs — Berührung, Nähe, Erotik ohne Zielvorgabe. Über Monate verschiebt sich das Erleben vom Vollzug-Druck zum gemeinsamen Spüren; die Symptomatik löst sich.
Verbindungen
- Längle 2021 · Geschlechtlichkeit – Erotik – Sexualität (Lexikalische Kurzfassungen, Curriculum 4/19)
- Längle 1999/2009 · Erotik · Geschlechtlichkeit · Sexualität (EA-Lexikon)
- Längle 2021 · Epidemiologie der Störungen sexueller Funktionen (u.a. Pfizer-Studie 2001)
- Frankl 1982 · Ärztliche Seelsorge