Themen · Geschlechtliches Leben

Liebe · Sexualität

Längle stuft das geschlechtliche Leben: Geschlechtlichkeit · Erotik · Sexualität — die Geschlechtlichkeit kommt in der erotischen Ausstrahlung zum Ausdruck und wird in der Sexualität körperlich vollzogen. Menschlich wird Sexualität nach Frankl erst als Ausdruck von Liebe.

Meta · 60-Sekunden-Take

Das Geschlecht bindet den Menschen an die naturale Dimension; Sexualität ist darin „inkarnierte Bewusstheit" (Merleau-Ponty). Nach Frankl: der Sexualtrieb erzeugt Lust, die Erotik Freude (psychische Ebene) — erst die Liebe als geistige Kraft führt zum Glück; menschliche Sexualität ist „inkarnierte Liebe". Psychosexuelle Reifung nach Frankl: (blinder) Sexualtrieb → austauschbares Sexualobjekt → respektierter Partner → Erkennen der Einzigartigkeit (Person, Monogamie). Erotik ist Spiel mit drei Grenzen: eigene · des anderen · gemeinsame. Sexuelle Probleme nach Pfizer-Studie 2001 (26.000 Personen, 28 Länder, 40–80 J.): 44% der Frauen, 39% der Männer in 12 Monaten.

Vier Ebenen des geschlechtlichen Lebens

1

Geschlechtlichkeit

Anbindung an die naturale Dimension

Geschlechtszugehörigkeit samt geschlechtstypischer Erlebniswelt: biologisch veranlagt, kulturell überformt, psychisch individuell gelebt — so entsteht das Gender („soziales Geschlecht"). Das Geschlecht bindet an Fortpflanzung und Arterhaltung; die personalen (geistigen) Kräfte sind jedoch nicht geschlechtlich gebunden.

2

Erotik

Vitalisierende Kraft · Freude · Spiel mit Grenzen

Erleben einer vitalisierenden Kraft, die alle Dimensionen ergreift — Leib, Psyche, Geist. Sie lebt aus dem Spannungsfeld von Anziehung und schützender Distanz: ein „sexuelles Probehandeln". Aktivitäten, die nicht genitale Erregung anstreben, gehören zur Erotik. Frankl: Erotik erzeugt Freude.

3

Sexualität

Körper/Psyche · Lust · genitaler Vollzug

Jeder Einsatz der Genitalien bzw. jede Stimulierung, die auf genitale Erregung abzielt — die Bezugnahme auf Geschlechtsorgane und erogene Zonen. Sexualität ist der körperliche Vollzug der Geschlechtlichkeit, nach Merleau-Ponty „inkarnierte Bewusstheit". Frankl: der Sexualtrieb erzeugt Lust.

4

Liebe

Personal · Glück · Einzigartigkeit

Nach Frankl ist Sexualität nicht a priori menschlich — sie wird menschlich, sofern sie Ausdruck von Liebe ist („inkarnierte Liebe") und den Menschen selbsttranszendent macht. Erst die Liebe als geistige Kraft vermag zum Glück in der Sexualität zu führen. Das Erkennen der Einzigartigkeit des Anderen macht ihn unersetzlich.

Reifungsstufen nach Frankl

1

(Blinder) Sexualtrieb

Die unentwickelte Stufe: als echter Trieb drängt der Sexualtrieb primär auf Entspannung (Triebziel) und ist daher wahllos. Das Gegenüber ist Mittel zur Befriedigung, austauschbar.

2

Austauschbares Sexualobjekt

Der andere wird wahrgenommen, aber als Typus, nicht als jemand. Begehrt werden Merkmale, nicht eine Person.

3

Respektierter Partner

Der andere wird als eigenständiges Wesen respektiert, das im Kantschen Sinne nicht Mittel zum Zweck werden darf. Noch nicht ganz als unaustauschbarer Einzelner, aber als Gegenüber.

4

Erkennen der Einzigartigkeit — Person, Monogamie

Die reifste Form: das Erkennen der Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der Person im anderen — das macht sie unersetzlich und die Sexualität monogam. Monogamie nicht als Regel, sondern als Folge des Erkennens.

Erotik als Spiel mit drei Grenzen

Erotik lebt aus der Antinomie, Nähe über eine schützende Distanz hinweg zu suchen — dadurch wird das erotische Spiel ein Spiel mit Grenzen. Längle unterscheidet drei: die eigene Grenze (wieviel Offenheit und Vitalität traue ich mir zu, wieviel und was darf ich von mir zeigen?), die Grenze des anderen (ein situatives Austesten: wieviel hält der andere aus, was mag und genießt er?) und die gemeinsame Grenze (wie geht es beiden miteinander, welches Schwingen entsteht?). Das Spiel lebt aus dem Wechsel von Sich-Zeigen und Sich-Verstecken, Angebot und Rücknahme. Wenn aber die spielerische Unverbindlichkeit bestehen bleibt und die erotischen Gefühle nicht in persönliche Verantwortung genommen werden — wenn es nur noch um die Durchsetzung der eigenen Lust geht —, wird das Du übergangen: Das erotische Feuer kann zerstörerisch werden (Missbrauch, Verführung, Vergewaltigung).

Klinik — häufige Ursachen sexueller Probleme

Längle nennt vier allgemeine Ursachen sexueller Störungen: Erwartungsangst („muss klappen") — Lust verträgt keinen Druck und stirbt unter Erwartung; Fixierung auf die Lust — die Konzentration auf den Effekt verfehlt den Vollzug; Druck und Zwang mit Verlust von Spontaneität und Improvisation (Zwang von Seiten des Ichs: Vorstellungen, Programm; der Situation: wenn es schnell gehen muss; des Partners: Angst vor Ansprüchen und Temperament); Nicht-Akzeptanz des Körpers, der Sexualität oder der Deviation. Die Pfizer-Studie 2001 beziffert die Häufigkeit: 44% der Frauen und 39% der Männer berichten innerhalb von zwölf Monaten von sexuellen Problemen.

Vertiefung · Spiel mit den drei Grenzen

Das erotische Spiel um die Grenze entspricht der personalen Dynamik auf der sinnlichen Ebene: Die Person steht wesensmäßig in der Spannung zwischen Offenheit und Innerlichkeit, Begegnen und Sich-Abgrenzen (vgl. 3. GM). Findet die Person ihre eigene Grenze nicht, provoziert das histrionisches Verhalten, das in derselben Antinomie von Sich-Verstecken und Sich-Zeigen besteht und sich der Erotik besonders gerne bedient. Ist die gemeinsame Grenze nicht festgemacht, erhält das erotische Spiel den Charakter des Werbens (analog dem Balzverhalten der Tiere). Die erotische Empfänglichkeit ist an die Sinnlichkeit gekoppelt und daher mit der Ästhetik verwandt; als „sexy" gilt dagegen eine Wirkung, bei der der personale Charakter der Erotik für eine deutliche sexuelle Intention aufgegeben ist — direkter, mit weniger Spiel und Atmosphäre.

Vertiefung · Epidemiologie sexueller Störungen

Die Pfizer-Studie 2001 (28 Länder, 26.000 Personen zwischen 40 und 80 Jahren): 44% der Frauen und 39% der Männer berichten innerhalb der vergangenen zwölf Monate von sexuellen Problemen. Nach Daten von 2003 haben 43% der Frauen zwischen 19 und 59 Jahren Sexualprobleme: Libidoverlust (30%), Orgasmusstörungen (25%), Dyspareunie (20%), Lubrifikationsstörungen (19%). Bei Männern steht der frühzeitige Samenerguss an erster Stelle, gefolgt von Erektionsstörungen, Versagensängsten und Lustlosigkeit. In Österreich ist rund ein Achtel der Bevölkerung direkt oder indirekt (als Partner) betroffen. Diese Häufigkeiten relativieren das in der Praxis oft anzutreffende Schamerleben („nur mich betrifft das") und gehören in die Psychoedukation.

Fall-Beispiel

Fall· Sexualtherapie · Erektionsstörung

„Ich muss liefern" — Erektionsstörung ohne Befund

Klient, Anfang 40, kommt nach mehrmonatigen Erektionsstörungen. Urologisch unauffällig. In der Anamnese zeigt sich Versagensangst und eine vollständige Fixierung auf das „Liefern-Müssen". Sexualität ist Leistung, nicht Spiel. Therapie: zunächst Entspannung der Erwartung (paradoxe Intention auf der Symptomebene), dann Wiedergewinn des erotischen Spiels jenseits des Vollzugs — Berührung, Nähe, Erotik ohne Zielvorgabe. Über Monate verschiebt sich das Erleben vom Vollzug-Druck zum gemeinsamen Spüren; die Symptomatik löst sich.

Quellen
  • Längle 2021 · Geschlechtlichkeit – Erotik – Sexualität (Lexikalische Kurzfassungen, Curriculum 4/19)
  • Längle 1999/2009 · Erotik · Geschlechtlichkeit · Sexualität (EA-Lexikon)
  • Längle 2021 · Epidemiologie der Störungen sexueller Funktionen (u.a. Pfizer-Studie 2001)
  • Frankl 1982 · Ärztliche Seelsorge