Störungen · Esssucht

Bulimie — die betrogene Verheißung

Esssucht als Spezialfall: Längle und Mitarbeiter (2012) lesen Bulimie als doppeltes existentielles Defizit in 2. und 3. GM — Mangel an Zuwendung zu sich und Schwierigkeit, das Selbst zu finden und zu bewahren.

Meta · 60-Sekunden-Take

Bulimie ist nach Längle der „Borderline-Typus der Essstörungen": Selbstverlust durch fehlende Nähe. Die Essattacke kompensiert ein 2.-GM-Defizit (Zuwendung zu sich), das Erbrechen arbeitet am 3.-GM-Defizit (Grenze setzen, Eigenes bewahren). Im Kern: „als Zuwendung verpackte Abwendung" — die Verheißung, die in der Kindheit gegeben, aber nicht eingelöst wurde.

Symptomatik · Fünf Kernmerkmale

1

Essattacken

Anfallsartige Aufnahme großer Nahrungsmengen in kurzer Zeit, oft heimlich. Kontrollverlust während der Attacke — der Mensch erlebt sich als getrieben, nicht als handelnd. Nahrung ist meist hochkalorisch, schnell verfügbar, ohne Genuss.

2

Schmerzhafte Überfüllung

Körperliches Übermaß bis zum physischen Schmerz. Der Magen ist überdehnt, der Körper signalisiert Überfüllung — und doch wird weitergegessen. Eine Form der somatischen Selbstüberschreitung.

3

Erbrechen oder Laxantien

Gegenregulation durch selbstinduziertes Erbrechen, missbräuchlichen Gebrauch von Laxantien, Diuretika, exzessivem Sport. Das Aufgenommene wird wieder ausgeschieden — eine paradoxe Doppelbewegung von Nähren und Verstoßen.

4

Angst vor Gewichtszunahme

Persistente, oft übermäßige Sorge um das Gewicht. Der Körper wird zum Schauplatz der Selbstwert-Regulation — Schlanksein als Bedingung für Liebenswert-Sein. Im Hintergrund: 3.-GM-Mangel.

5

Anorexie in der Vorgeschichte

Häufig: anorektische Phase vor dem Übergang in die Bulimie. Aus dem Schutz der Anorexie (radikale Grenzziehung) wird der bulimische Wechsel zwischen Befüllung und Entleerung — ein Hinweis auf die zugrunde liegende 3.-GM-Dynamik.

Zwei Funktionen — Befüllung und Entlastung

Befüllung · 2. GM kompensieren

Die Essattacke springt ein, wo Zuwendung zu sich selbst fehlt. Nahrung ersetzt Beziehung, Wärme, Wertberührung. „Ich tue mir etwas zu Gute" — aber ohne den dazugehörigen liebevollen Selbstbezug. Das Defizit der 2. GM (Mögen, Wärme, Wertbeziehung zu sich) wird substanziell aufgefüllt.

Entlastung · 3. GM Grenze setzen

Das Erbrechen ist ein Akt der Grenzziehung, der dem Selbst sonst nicht gelingt. Was hineingelassen wurde, wird wieder hinausgegeben — eine somatische Selbstbehauptung. In der 3. GM, wo Abgrenzung im Beziehungsleben nicht möglich ist, wird sie körperlich vollzogen.

GM-Anbindung

1. GM · meist unauffällig

Im Unterschied zu Anorexie oder Sucht-Typ-IV ist die 1. GM bei Bulimikern oft tragend. Es gibt einen Boden, einen Halt — die Patientinnen sind häufig sozial integriert, beruflich erfolgreich, oberflächlich kompetent. Das macht die Erkrankung auch so lange versteckbar.

2. GM · Beziehung zu sich · zentral

Hauptdefizit Nummer 1: Es fehlt die liebevolle Zuwendung zu sich selbst. Das eigene Leben wird nicht als wertvoll erlebt, der Körper nicht als Heimat. Wo Wertberührung fehlt, springt das Essen ein — als chemisch-physiologischer Wert-Ersatz.

3. GM · Selbst-Sein, Grenze · zentral

Hauptdefizit Nummer 2: Die Grenzen zwischen Ich und Du sind diffus. Was ist mein? Was ist deines? Eigene Bedürfnisse werden nicht gespürt oder nicht ernst genommen. Abgrenzung gelingt nicht im Beziehungsleben — und wird somatisiert.

4. GM · meist unauffällig

Sinnfragen sind oft nicht das Vordergrundproblem. Die Patientinnen funktionieren in beruflichen oder familiären Rollen, oft sehr aktiv. Das Vakuum ist eher ein 2./3.-GM-Vakuum als ein klassisches Frankl-Sinnvakuum.

Drei diffuse Beziehungsmuster — Längles „umgekehrte Nabelschnur"

1

Unklare Bedeutung der Beziehungen

Fassaden- oder Scheinbeziehungen: Nach außen wird ein sozial erwünschter Schein bewahrt („intakte Familie", in der man sich um die Kinder „kümmert", aber nicht wirklich „sorgt") — nach innen fehlt die wirkliche Nähe. Die Beziehungen sind funktionalisierend, die Kinder benützend; man wird für die Funktion geliebt (im Grunde eine Form des emotionalen Missbrauchs), es herrscht emotionale Verwahrlosung. Nicht selten wiederholt sich dieses Muster später in den Partnerbeziehungen.

2

Unklare Themen in den Beziehungen

Es herrschen Tabubereiche vor, die atmosphärisch zu spüren sind, aber nicht benannt werden dürfen (verdeckte Traumatisierungen, verheimlichte Probleme wie Alkohol, Inzest, Suizid-Drohungen, Straftaten). Die Verlogenheit im Umgang erzeugt ein Gefühl des Ekels — die Patientinnen sagen oft: „Da wird mir schlecht!" Das Milieu erlaubt nicht, authentisch zu sein; man spürt, dass etwas nicht stimmt, bleibt aber allein damit.

3

Unklare Zuständigkeiten

Wer ist verantwortlich für wessen Gefühle? Die „umgekehrte Nabelschnur" — das Kind versorgt die Mutter emotional, die Mutter besetzt das Kind als Verlängerung des eigenen Selbst. Die Grenzen verschwimmen, und das Kind lernt nicht, einen eigenen Raum zu beanspruchen.

Therapie der Bulimie · Sechs Schritte

1

Schilderung und Anamnese des Ess- und Brechverhaltens

Beginn wie bei jeder Suchtbehandlung: Klärung von Verlauf und Modalitäten — Seit wann besteht die Sucht? Wann tritt sie auf, unter welchen Umständen? Was wurde schon versucht, was hat geholfen? Welche eigene Sicht besteht über die Ursachen? Daran schließt eine Reflexion über den Umgang mit Essen an, mit gemeinsamer Planung zur Reduktion der Suchtgefahren; empfohlen wird auch eine psychiatrische Abklärung (evtl. Medikation, stationäre Behandlung).

2

2.-GM-Beziehungsarbeit

Aufbau einer tragenden therapeutischen Beziehung. Erfahrung von echter Zuwendung, die nicht in Übergriff kippt. Der Therapeut zeigt die Möglichkeit eines klaren, wohlwollenden Du — Modell für die innere Selbstzuwendung, die geübt werden muss.

3

Lebensgefühl wiedererlernen

Wertberührung üben, Genuss zulassen, den Körper wieder bewohnen. Bergen des Berührtseins. Das, was die Essattacke ersetzt hat, wird in echter Form schrittweise zugänglich gemacht — kleine Wertbegegnungen, behutsame Sinnenfreuden.

4

3.-GM-Schmerz halten lernen

Schmerz, Ärger, Wut, Enttäuschung dürfen sein — und müssen gehalten werden, statt durch Essen-und-Erbrechen weggemacht zu werden. Aufbau einer inneren Container-Funktion. „Ich kann das aushalten, ohne mich auflösen oder zerstören zu müssen."

5

PEA · Integrations- und Ausdrucksblockade lösen

PEA-Schienung mit besonderem Fokus auf PEA-2 (Stellungnahme) und PEA-3 (Ausdruck). Die Patientin lernt, ihr Erleben personal zu integrieren und zum Ausdruck zu bringen — statt über den Körper zu kommunizieren, was sich nicht sagen lässt.

6

Gezielte Abgrenzung im Beziehungsleben

Konkrete Beziehungsarbeit: Was ist meines, was deines? Wo sage ich Nein? Wo lasse ich nicht zu, was übergriffig ist? Die Grenzziehung wird aus dem Körper zurück ins Beziehungsleben verlagert — wo sie hingehört.

Vertiefung · Integrations- und Ausdrucksblockade als PEA-Spezifika

Im Prozessmodell der PEA liegen bei der Bulimie zwei Blockaden vor. Integrationsblockade (1): Das eigene Gefühl kann nicht gefunden und nicht in ein Verständnis bzw. eine Stellungnahme gebracht werden. Sie entsteht meist durch Erfahrungen, die eine Abwertung der eigenen Gefühle beinhalten („Was du fühlst, ist dumm, ist falsch!") — die Patientinnen haben gelernt, auf ihre Gefühle nicht zu achten. Die Folge ist eine Stase der Gefühle („verstopfte Gefühle"), die nur ein diffuses Missbehagen erzeugt und zu Selbstbeschuldigung und Selbst-Abwertung führt. Ausdrucksblockade (2): Das vage Empfundene kann nicht in einen adäquaten Ausdruck überführt werden — man spürt etwa genau, was in der Familie los ist, kann aber nicht darüber sprechen. Das Verhalten ist nicht mit der Person abgestimmt, liegt auf der Reaktionsebene, ist reizabhängig. In dieser Not verschafft sich der Mensch Luft über das Erbrechen: Es ist nicht simpel Symbol für etwas, das „zum Kotzen" ist, sondern Ausdruck des Erlebens, etwas nicht mehr verarbeiten und nicht zum Ausdruck bringen zu können. Therapeutisch werden die behinderten Prozesse mit der PEA angestoßen — Schmerz und Spannung integriert, Stellungnahmen erarbeitet.

Vertiefung · Anorexie vs. Bulimie — Schutz vs. Rebellion

Die Anorexie ist phänomenologisch primär ein Schutzakt: eine Krankheit, die zum Schutz der eigenen Person vor der bedrohenden Weiblichkeit ausgebildet wird — Schutz vor der Gefahr, Frau zu sein und nicht als Person gesehen zu werden; nicht habhaft, nicht greifbar sein wollen. Die empfundene Angst ist die wahnhaft anmutende Angst, „ekelhaft fett" zu sein. Die Bulimie dagegen wird als Rebellion gegen die innere Entleerung verstanden: ein Aufbäumen der Vitalität gegen die Behinderung, das eigene Gefühl ins Leben bringen zu können — um psychisch einigermaßen überleben zu können. Das Erbrechen bedeutet darin neuerliche Grenzziehung und den Versuch, das Eigene zu bewahren. Beides löst das Grundproblem nicht — beides verschiebt es auf den Körper. Therapieelemente der Anorexie (Prüfungskatalog): Hungerprogramm stoppen, Gewicht anheben (evtl. stationär), Krankheitseinsicht erarbeiten, Psychotherapie an Reifungs- und Pubertätsproblemen, Selbstbild als Frau, Familienproblemen, Perfektionismus und Harmoniesucht.

Fall-Beispiel

Fall· „umgekehrte Nabelschnur"

„Die Schnitzel an der Türklinke"

27-jährige Patientin, beruflich erfolgreich, lebt nahe der Herkunftsfamilie. Die Mutter hängt ungefragt Schnitzel an die Türe, bringt Tüten mit Äpfeln und Nüssen vorbei, ruft mehrmals täglich an „um nachzufragen, ob alles in Ordnung ist". Es ist eine nachstellende, übergriffige „Fürsorge" — gemeint als Liebe, gefühlt als Abwendung vom eigenen Raum. Die Tochter toleriert diese Grenzverletzung; in ihrer Partnerschaft wiederholt sich das Muster — sie kann auch dort nicht abgrenzen. Bulimische Episoden bei abendlicher Einsamkeit oder nach Konflikten. In der Therapie wird zuerst die Beziehungsstruktur sichtbar: die diffuse Mutter-Tochter-Beziehung (unklare Bedeutung, unklare Themen, unklare Zuständigkeiten) ist der Boden, auf dem die Bulimie wächst. Das Symptom ist nicht das Essen — es ist das Unvermögen, sich abzugrenzen. Genau hier setzt die Therapie an.

Quellen
  • Längle, A. et al. (2012) · Bulimie — die betrogene Verheißung · Existenzanalyse 29/1