Authentizität
Authentizität ist — nach Längle wörtlich — „das Finden des eigenen Wesens durch Bezugnahme auf die innere Stimmigkeit" und Ergebnis einer doppelten 180°-Wende: zur Welt hin (Sinn) und auf sich selbst zurück (Person).
Definition und existentieller Antagonismus
Längle definiert Authentizität als „das Finden des eigenen Wesens durch Bezugnahme auf die innere Stimmigkeit". Das ist kein psychologisches Konzept der Selbstverwirklichung, sondern ein existenzanalytischer Akt — eine doppelte Wende. Der Mensch lebt im existentiellen Antagonismus: er muss sich der Welt hingeben, um zu existieren, und er muss sich auf sich zurückbeziehen, um Person zu bleiben. Beide Bewegungen sind 180° gegeneinander gerichtet. Wer nur die eine vollzieht, verliert die andere — entweder im Sachzwang oder in selbstreferentieller Leere.
Vier Quellen der Identität
Körper
Leibliche Selbstgewissheit
Ich bin dieser Körper, mit dieser Geschichte, dieser Größe, dieser Stimme. Identität beginnt nicht im Denken, sondern in der leiblichen Selbstgewissheit, derselbe zu sein.
Gefühl
Was berührt mich?
Meine Gefühle zeigen mir, wer ich bin — was mich freut, was mich kränkt, was mir nahegeht. Wer das eigene Gefühl ausblendet, verliert einen Hauptzugang zur eigenen Identität.
Person-Sein
Ja und Nein
Ich bin jemand, der zu etwas Ja und zu etwas Nein sagt. Diese personale Stellungnahme — nicht der Inhalt — konstituiert mich als jemand, der ich bin.
Handeln
Sich-Verwirklichen
Identität wird auch im Tun sichtbar: was ich tatsächlich mache, prägt mich. Das Handeln gibt der Person Form in der Welt.
Drei Reaktionen auf Identitätsverlust
Explosion
Die häufigste Reaktionsform: Man hat sich zu lange übergangen und gefügt, bis es „zu viel" wurde — dann der Ausbruch: „Jetzt reicht's, das mache ich nicht länger mit!" Das Heilsame: Die Explosion setzt dem selbstschädigenden Verhalten ein Ende. Das Problematische: Die Aggression wird ganz auf den Anderen abgeführt — übersehen wird, dass man selbst die ganze Zeit mitgespielt hat. Ohne diese Einsicht wiederholt sich das Muster.
Verhärtung
Die Neigung, sich weniger den Umständen anzupassen, als ihnen stur und starr den eigenen Willen aufzudrücken — trotzig, verweigernd, mit Widerwillen gegen alles, was sich entgegenstellt. Die Kehrseite ist oft ein „übersteigertes Pflichtbewusstsein", in dem man sich streckenweise völlig übergeht. Dahinter liegt Gefühllosigkeit: eingeübte Verhaltensweisen ersetzen die persönliche Stellungnahme. Nach Längles Erfahrung häufiger bei Männern.
Pendeln
Das Oszillieren zwischen Extremen: Ehrgeiz und Selbstlosigkeit, eingebildetes Größenselbst und bescheidene Zurückgezogenheit, pflegeleichte Angepasstheit und trotziges Aufbegehren. Beide Pole sind nicht ichhaft — sie liegen im gleichen Abstand von der Mitte, in der das Ich angesiedelt wäre. Verhärtung und Pendeln weisen nach Längles Vermutung bereits einen stärkeren Störungsgrad auf als die Explosion, die jedem Menschen geläufig ist.
Zwei Schritte zur Authentizität
Therapeutisch öffnet Längle den Weg zur Authentizität über zwei PEA-Schritte. PEA1 — Sich in Empfang nehmen: die Person nimmt wahr, was in ihr ist, ohne es sofort zu beurteilen oder wegzuschieben. Was kommt herein an Eindruck, an Gefühl, an Impuls? PEA2 — Stellung beziehen: erst dann, im zweiten Schritt, wird die personale Frage gestellt: „Stimmt das für mich?" Nicht: „Sollte ich das?", sondern: „Stimmt es?" Die Antwort entscheidet, ob das Aufgenommene zum Eigenen wird oder nicht. Authentizität ist nicht ein Zustand, sondern dieser zweischrittige Vollzug — immer wieder.
Fall-Beispiel
Herta, 30 — „Stimmt das eigentlich für mich?"
Herta, Lehrerin, pendelt: zu Schulhaltung hin betont selbstbewusst, übernimmt zusätzliche Aufgaben, leistet Überstunden („Größenselbst") — und zugleich trägt sie Röcke und Frisuren, „weil das von einer Lehrerin erwartet wird" (Anpassung). Therapie: spontane Impulse („das wird mir zu viel", „darin fühle ich mich nicht wohl") werden nicht überspielt, sondern in die Arme geschlossen. Die zentrale Frage wird trainiert: „Stimmt das für mich?" — bei jeder Übernahme, bei jeder Garderobe-Entscheidung. Über Monate entsteht ein eigenes Maß, das weder den Erwartungen noch der Inszenierung folgt.
Authentizität als Wirkfaktor · die Patientensicht
Therapeutische Authentizität ist nicht nur ein anthropologisches Postulat — sie ist nach Aussage von Patientinnen einer der stärksten Wirkfaktoren. Das eindringlichste Zeugnis dafür stammt aus der Borderline-Therapie. Rupert Dinhobl (2016) gibt ein Patientinnen-Wort von „Erik" wieder:
„Wissen Sie, ich glaube, in der Therapie mit uns Borders … ist es total wichtig … dass ihr uns sagt's … es ansprecht … wenn's euch nicht so gut geht … wenn die Belastungsgrenze erreicht ist … verschweigt ihr das … dann wird unsere Phantasie zur katastrophalen Falle … dann donnern wir, ohne dass wir es wollen, drüber … und dann kracht's unnötig zwischen uns … Borderthera ist gestützt auf authentisch sein … es haut uns nicht gleich um … aber wir müssen es wissen … erfahren … sonst sind Fehlinterpretationen von eurem Verhalten vorprogrammiert."
— „Erik", in: R. Dinhobl, Existenzanalyse 33/2 2016, S. 101
Dinhobl leitet daraus ein Grundaxiom ab, das die existenzanalytische Therapeut:innenhaltung präzise fasst: „Radikal in meinem Selbstbezug bleiben!" Die hilfreichste Authentizität ist nicht spektakulär, sondern still — sie zeigt sich darin, dass die Therapeutin weiß und benennt, wie es ihr geht, und nicht hinter einer professionellen Fassade verschwindet. Hinzu Dinhobls These zur therapeutischen Architektur:
„Der Kontroll- und Steuerungsraum bei der Behandlung einer Borderlinestörung ist das Innere des Behandlers."
— R. Dinhobl 2016, S. 101
Die Konsequenz ist nicht „Selbstoffenbarung um jeden Preis", sondern eine arbeitsfähige Authentizität: was den Therapieprozess gerade berührt oder belastet, darf erkennbar sein. Was die Therapeutin innerlich verstellt, wird vom Klienten gespürt — und dann phantasievoll überdeutet.
Verbindungen
- Längle, A. (1999): „Authentisch leben — Menschsein zwischen Sachzwängen und Selbstsein." Vortrag Jahrestagung der GLE, Thun 24.4.1998. Existenzanalyse 16/1, 26–34.
- Dinhobl, R. (2016): „Borderline — Therapie an GrenzgängerInnen." Existenzanalyse 33/2, 96–101 — für das Erik-Zitat zur therapeutischen Authentizität als Wirkfaktor.