Themen · Person und Wesen

Authentizität

Authentizität ist — nach Längle wörtlich — „das Finden des eigenen Wesens durch Bezugnahme auf die innere Stimmigkeit" und Ergebnis einer doppelten 180°-Wende: zur Welt hin (Sinn) und auf sich selbst zurück (Person).

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Im existentiellen Antagonismus zwischen Hingabe an die Welt und Rückbezug auf sich droht der Mensch zwischen Sachzwängen und Selbstsein zu zerreißen. Identität speist sich aus vier Quellen: Körper · Gefühl · Person-Sein (Ja/Nein) · Handeln. Identitätsverlust zeigt sich in drei Reaktionsformen: Explosion · Verhärtung · Pendeln. Heilung über zwei Schritte: PEA1 (sich in Empfang nehmen) und PEA2 (Stellung beziehen: „Stimmt das für mich?"). Paradox: je persönlicher, desto humaner — Anteilhabe am Menschsein.

Definition und existentieller Antagonismus

Längle definiert Authentizität als „das Finden des eigenen Wesens durch Bezugnahme auf die innere Stimmigkeit". Das ist kein psychologisches Konzept der Selbstverwirklichung, sondern ein existenzanalytischer Akt — eine doppelte Wende. Der Mensch lebt im existentiellen Antagonismus: er muss sich der Welt hingeben, um zu existieren, und er muss sich auf sich zurückbeziehen, um Person zu bleiben. Beide Bewegungen sind 180° gegeneinander gerichtet. Wer nur die eine vollzieht, verliert die andere — entweder im Sachzwang oder in selbstreferentieller Leere.

Vier Quellen der Identität

1

Körper

Leibliche Selbstgewissheit

Ich bin dieser Körper, mit dieser Geschichte, dieser Größe, dieser Stimme. Identität beginnt nicht im Denken, sondern in der leiblichen Selbstgewissheit, derselbe zu sein.

2

Gefühl

Was berührt mich?

Meine Gefühle zeigen mir, wer ich bin — was mich freut, was mich kränkt, was mir nahegeht. Wer das eigene Gefühl ausblendet, verliert einen Hauptzugang zur eigenen Identität.

3

Person-Sein

Ja und Nein

Ich bin jemand, der zu etwas Ja und zu etwas Nein sagt. Diese personale Stellungnahme — nicht der Inhalt — konstituiert mich als jemand, der ich bin.

4

Handeln

Sich-Verwirklichen

Identität wird auch im Tun sichtbar: was ich tatsächlich mache, prägt mich. Das Handeln gibt der Person Form in der Welt.

Drei Reaktionen auf Identitätsverlust

1

Explosion

Die häufigste Reaktionsform: Man hat sich zu lange übergangen und gefügt, bis es „zu viel" wurde — dann der Ausbruch: „Jetzt reicht's, das mache ich nicht länger mit!" Das Heilsame: Die Explosion setzt dem selbstschädigenden Verhalten ein Ende. Das Problematische: Die Aggression wird ganz auf den Anderen abgeführt — übersehen wird, dass man selbst die ganze Zeit mitgespielt hat. Ohne diese Einsicht wiederholt sich das Muster.

2

Verhärtung

Die Neigung, sich weniger den Umständen anzupassen, als ihnen stur und starr den eigenen Willen aufzudrücken — trotzig, verweigernd, mit Widerwillen gegen alles, was sich entgegenstellt. Die Kehrseite ist oft ein „übersteigertes Pflichtbewusstsein", in dem man sich streckenweise völlig übergeht. Dahinter liegt Gefühllosigkeit: eingeübte Verhaltensweisen ersetzen die persönliche Stellungnahme. Nach Längles Erfahrung häufiger bei Männern.

3

Pendeln

Das Oszillieren zwischen Extremen: Ehrgeiz und Selbstlosigkeit, eingebildetes Größenselbst und bescheidene Zurückgezogenheit, pflegeleichte Angepasstheit und trotziges Aufbegehren. Beide Pole sind nicht ichhaft — sie liegen im gleichen Abstand von der Mitte, in der das Ich angesiedelt wäre. Verhärtung und Pendeln weisen nach Längles Vermutung bereits einen stärkeren Störungsgrad auf als die Explosion, die jedem Menschen geläufig ist.

Zwei Schritte zur Authentizität

Therapeutisch öffnet Längle den Weg zur Authentizität über zwei PEA-Schritte. PEA1 — Sich in Empfang nehmen: die Person nimmt wahr, was in ihr ist, ohne es sofort zu beurteilen oder wegzuschieben. Was kommt herein an Eindruck, an Gefühl, an Impuls? PEA2 — Stellung beziehen: erst dann, im zweiten Schritt, wird die personale Frage gestellt: „Stimmt das für mich?" Nicht: „Sollte ich das?", sondern: „Stimmt es?" Die Antwort entscheidet, ob das Aufgenommene zum Eigenen wird oder nicht. Authentizität ist nicht ein Zustand, sondern dieser zweischrittige Vollzug — immer wieder.

Vertiefung · „Werde, der du bist"

Der pindarische Imperativ enthält ein Paradox: Werde, der du schon bist. Existenzanalytisch löst sich das auf — die Person ist im Werden. Sie hat ihr Wesen nicht als Vorrat, den sie nur abrufen müsste, sondern sie wird, wer sie ist, indem sie in den existentiellen Vollzug eintritt. „Sein" ist hier nichts Statisches, sondern ein Vollzugsbegriff.

Vertiefung · Authentizität ≠ Selbstausleben

Ein häufiges Missverständnis: Authentisch sei, wer „macht, was er fühlt". Längle hält dagegen: Authentizität ist dialogisch verwurzelt. Das eigene Wesen findet sich nur im Austausch mit der Welt, im Anspruch des Anderen, in der Auseinandersetzung mit Werten. Ein Selbst, das sich nur selbst auslebt, ist nicht authentisch — es ist abgeschnitten. Erst die doppelte Wende (zur Welt und zu sich) konstituiert authentische Existenz. Ebenso wenig ist Authentizität mit dem Über-Ich zu verwechseln — den internalisierten Interaktionsregeln, die eigentlich ein „öffentliches Ich" sind: zu eigen gemachtes Fremdes, das nicht aus mir selbst stammt. Paradox dabei: Je persönlicher wir uns verhalten, desto mehr Anteil haben wir an dem, was allen Menschen gemeinsam ist — „Moralität ist Anteilhabe am Menschsein".

Fall-Beispiel

Fall· Pendeln zwischen Größenselbst und Anpassung

Herta, 30 — „Stimmt das eigentlich für mich?"

Herta, Lehrerin, pendelt: zu Schulhaltung hin betont selbstbewusst, übernimmt zusätzliche Aufgaben, leistet Überstunden („Größenselbst") — und zugleich trägt sie Röcke und Frisuren, „weil das von einer Lehrerin erwartet wird" (Anpassung). Therapie: spontane Impulse („das wird mir zu viel", „darin fühle ich mich nicht wohl") werden nicht überspielt, sondern in die Arme geschlossen. Die zentrale Frage wird trainiert: „Stimmt das für mich?" — bei jeder Übernahme, bei jeder Garderobe-Entscheidung. Über Monate entsteht ein eigenes Maß, das weder den Erwartungen noch der Inszenierung folgt.

Authentizität als Wirkfaktor · die Patientensicht

Therapeutische Authentizität ist nicht nur ein anthropologisches Postulat — sie ist nach Aussage von Patientinnen einer der stärksten Wirkfaktoren. Das eindringlichste Zeugnis dafür stammt aus der Borderline-Therapie. Rupert Dinhobl (2016) gibt ein Patientinnen-Wort von „Erik" wieder:

„Wissen Sie, ich glaube, in der Therapie mit uns Borders … ist es total wichtig … dass ihr uns sagt's … es ansprecht … wenn's euch nicht so gut geht … wenn die Belastungsgrenze erreicht ist … verschweigt ihr das … dann wird unsere Phantasie zur katastrophalen Falle … dann donnern wir, ohne dass wir es wollen, drüber … und dann kracht's unnötig zwischen uns … Borderthera ist gestützt auf authentisch sein … es haut uns nicht gleich um … aber wir müssen es wissen … erfahren … sonst sind Fehlinterpretationen von eurem Verhalten vorprogrammiert."
— „Erik", in: R. Dinhobl, Existenzanalyse 33/2 2016, S. 101

Dinhobl leitet daraus ein Grundaxiom ab, das die existenzanalytische Therapeut:innenhaltung präzise fasst: „Radikal in meinem Selbstbezug bleiben!" Die hilfreichste Authentizität ist nicht spektakulär, sondern still — sie zeigt sich darin, dass die Therapeutin weiß und benennt, wie es ihr geht, und nicht hinter einer professionellen Fassade verschwindet. Hinzu Dinhobls These zur therapeutischen Architektur:

„Der Kontroll- und Steuerungsraum bei der Behandlung einer Borderlinestörung ist das Innere des Behandlers."
— R. Dinhobl 2016, S. 101

Die Konsequenz ist nicht „Selbstoffenbarung um jeden Preis", sondern eine arbeitsfähige Authentizität: was den Therapieprozess gerade berührt oder belastet, darf erkennbar sein. Was die Therapeutin innerlich verstellt, wird vom Klienten gespürt — und dann phantasievoll überdeutet.

Quellen
  • Längle, A. (1999): „Authentisch leben — Menschsein zwischen Sachzwängen und Selbstsein." Vortrag Jahrestagung der GLE, Thun 24.4.1998. Existenzanalyse 16/1, 26–34.
  • Dinhobl, R. (2016): „Borderline — Therapie an GrenzgängerInnen." Existenzanalyse 33/2, 96–101 — für das Erik-Zitat zur therapeutischen Authentizität als Wirkfaktor.