Störungen · Schizophrenie

Schizophrenie · Übersicht

Schizophrenie ist in der EA eine endogene Erkrankung, deren verschiedene Ursachen alle in dasselbe zentrale Geschehen münden: den Verlust des Zusammenhalts — das existentielle Thema der Schizophrenie (Längle).

Meta · 60-Sekunden-Take

Schizophrenie ist keine Neurose, sondern eine endogene Erkrankung. Nach Längles Schichtenmodell können in der Pathogenese (neuro-)physiologische Destabilisierung und/oder systemisch-familiäre Lockerungen/Überreizungen und/oder psychische Überlastungen und/oder kognitive Zerfahrenheit und/oder existentielle Überforderungen wirken — schizophrene Symptome entstehen aber nur aus jenen Ursachen oder Auslösern, die zum Verlust des basalen Erlebens des Zusammenhalts von Ich, Welt und Ich-Welt führen. Die EA arbeitet nicht primär (das Ich ist zu fragil für PEA), kann aber als stützende Begleittherapie auf Basis der Pharmakotherapie wesentlich beitragen. Zentraler Störbereich: 1. Grundmotivation. Lebenszeitrisiko: 1 %, bei eineiigen Zwillingen: 45–50 %.

Schizophrenie-Block — vier vertiefende Seiten

Längles geschichtetes Modell — wie die Krankheit aufgebaut ist

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Pathogenese — mehrere mögliche Ursachenebenen

Längles Modell nennt mehrere Ursachen, die einzeln oder zusammen wirken können („u/o"): (neuro-)physiologische Destabilisierung, systemisch-familiäre Lockerungen/Überreizungen, psychische Überlastungen, kognitive Zerfahrenheit, existentielle Überforderungen. Dazu die genetische Disposition (Lebenszeitrisiko allgemein 1 %, bei eineiigen Zwillingen 45–50 % — Genetik begünstigt die Manifestation, kann sie aber nicht allein bedingen) und mögliche somatische Risiken: intrauterine/frühkindliche Infektionen, peripartale Hirnschädigung, Anomalien der Hirnstruktur, Stressereignisse.

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Auswirkung — Verlust des Zusammenhalts (zentrales Moment)

Längles These: Nur jene Ursachen oder Auslöser führen zu schizophrenen Symptomen, die zum Verlust des basalen Erlebens des Zusammenhalts führen. Der Zusammenhalt von Ich, Welt und Ich-Welt gibt nach — gestörtes Erleben, „Ortlosigkeit, nicht sein können", Filterstörung. Längle beschreibt den Zusammenhalt als die „intermolekulare Kraft" der Dinge, die ihnen ihre Festigkeit verleiht und damit die Bedingung für den Boden des Daseins ist.

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Symptomatologie und Subtypen

Aus dem Verlust des Zusammenhalts entstehen die klinischen Bilder: Halluzinationen, Wahn, Denkstörungen, Affektverflachung, Antriebsverlust. Die ICD-10 unterscheidet paranoid (F20.0), hebephren (F20.1), kataton (F20.2), undifferenziert (F20.3), postschizophrene Depression (F20.4), Residuum (F20.5) und Schizophrenia simplex (F20.6).

Diathese-Stress — warum die EA als Auslöser wichtig bleibt

Die Diathese-Stress-Theorie: ein Stressereignis (belastende Lebenssituation) trifft auf eine vorbestehende zerebrale Anomalie. Grund für diese Annahme: Schizophrenie tritt auch bei anderen zerebralen Erkrankungen auf — M. Alzheimer, Epilepsie, HIV-Enzephalitis. Auslöser sind oft existentiell hochbedeutsame Lebensereignisse: Ablösung vom Elternhaus, Examen, erste ernste Beziehung, beruflicher Übergang, Verlusterfahrungen. Genau hier hat die EA ihre Indikation — nicht als Heilung der Erkrankung, sondern als Mitarbeit am Auslöserfeld: existentielle Begleitung in den Lebenssituationen, die destabilisieren können.

Das Lebenszeitrisiko in der Allgemeinbevölkerung liegt bei etwa 1 %. Bei eineiigen Zwillingen erkrankt der zweite mit 45–50 % Wahrscheinlichkeit, wenn der erste erkrankt ist — eine starke, aber nicht vollständige genetische Determinierung. Die verbleibenden 50 % sind das Feld, in dem psychosoziale Faktoren wirken: ein guter Beleg dafür, dass biologische Disposition und Lebenssituation zusammenspielen müssen.

Abgrenzung — was die EA hier nicht leisten kann

Die Personale Existenzanalyse (PEA) setzt ein stabiles Ich voraus, das sich selbst gegenüberstehen kann (Selbstdistanzierung). Genau dieses Ich ist beim akut Schizophrenen zerbrochen. Eine personale Konfrontation würde überfordern, destabilisieren, möglicherweise die Symptomatik verstärken. Die EA arbeitet hier nicht personal, sondern ich-substitutiv: stützend, klärend, normalisierend, Halt gebend. Sie steht auf der Basis der Pharmakotherapie — Antipsychotika sind unverzichtbar; ihre Annahme ist meist auch die Annahme der Krankheit selbst.

Vertiefung · Zusammenhalt — tiefer als Zusammenhang, tiefer als die Angst

Längle: „Der Zusammen-halt ist eben tiefer als der Zusammen-hang." Der Schizophrene sucht nach dem Gefüge, nach dem Zusammenpassenden, das ineinandergreifen könnte und damit die Voraussetzungen für Halt, Struktur und Vertrauen schafft. Das ist tiefergreifend als in der Angst: Beim Angstkranken ist das Vertrauen in den Halt erschüttert — der Schizophrene sucht noch darunter, nach den Voraussetzungen für den Halt, nach den „atomaren Strukturen" des Halts, nach dem „Wie des Ineinandergreifens des Gefüges". Der Zusammenhalt ist die „intermolekulare Kraft" der Dinge, die ihnen ihre Festigkeit verleiht und damit die Bedingung für den Boden des Daseins ist — erst sie gibt die Möglichkeit, einen Ort zu haben. Beim Angstkranken bleibt die Welt ganz, er fällt aus ihr heraus. Beim Schizophrenen löst sich die Welt selbst auf.

Vertiefung · 1. GM als zentraler Störbereich

Alle vier Grundmotivationen sind betroffen — aber das primäre Defizit liegt in der 1. GM (Sein-Können). Die 1. GM bietet Halt, Schutz, Raum: das, was Dasein überhaupt erst möglich macht. Genau diese Voraussetzungen zerfallen in der Schizophrenie. Der Boden wird unverläßlich, der Schutz löchrig, der Raum unstrukturiert. Wer dem akut Schizophrenen helfen will, arbeitet zuerst an diesen 1.-GM-Fundamenten: Da-sein, Normalisierung, klare Strukturen, verlässliche Beziehung.

Fall-Beispiel

Fall· Erstmanifestation

Herr K., 27, nach dem Examen

Herr K., 27, Student der Physik, kurz vor Studienabschluss. In der intensiven Examenszeit treten erstmals Symptome auf: er hört eine männliche Stimme, die ihn kommentiert; er hat das Gefühl, „die Wand wackelt", die Türen seines Zimmers seien nicht mehr fest in den Angeln. Im Gespräch: „Alles ist plötzlich unzuverlässig. Ich kann nicht mehr darauf vertrauen, dass die Dinge da sind, wo sie sein sollten." Familienanamnese: ein Mutterbruder ist seit dem 30. Lebensjahr in psychiatrischer Behandlung mit derselben Diagnose. Klinischer Befund: paranoide Schizophrenie (F20.0), Diathese-Stress-Modell klar erkennbar — biologische Disposition (Onkel) + Stress (Examensphase als existentielle Übergangssituation). Therapeutisches Vorgehen: stationäre Aufnahme, Risperidon, nach Stabilisierung wöchentliche EA-Begleitung mit Schwerpunkt 1. GM (Halt, Struktur, Vertrauen ins Da-Sein).

Quellen
  • Längle, A. (2008/2013) · Schizophrenie – Diagnostik (Handout)
  • Längle, A. · Der existentielle Hintergrund in der Schizophrenie (Handout)
  • Längle, A. (2005) · Schizophrenie – Therapie (Handout)