Störungen · PS-Anthropologie

PS · Anthropologie

Die existenzanalytische Diagnostik der PS lebt von einer scharfen Unterscheidung: Wo ist welche Dimension des Menschen tonangebend? Daraus die Trias Neurose – PS – Psychose.

Meta · 60-Sekunden-Take

In allen psychischen Störungen ist die Psychodynamik tonangebend; der Unterschied liegt im dimensionalen Schwerpunkt. Neurose = Haltung mit Stellungnahme (noetisch mitbeteiligt). PS = haltloses Reagieren, „die schützende Haut fehlt, die Knochenhaut der vital gelebten Persönlichkeit ist direkt betroffen". Psychose = primär körperlich. Anbindung an GMs: die Coping-Reaktion der betroffenen GM wird zur Persönlichkeitsform.

Neurose · PS · Psychose — dimensionaler Schwerpunkt

1

Distanz

Steht die Person zu ihrem Symptom?

Neurose · Distanz vorhanden. Der Mensch leidet an seinem Symptom, nimmt Stellung („Ich habe Angst, aber ich bin nicht die Angst").
PS · Distanz fehlt oder ist sehr klein. Der Mensch reagiert haltlos. Symptom und Selbstverständnis sind verschmolzen („Ich bin halt so").
2

Dimension

Welche Schicht ist tonangebend?

Neurose · Noetische Mitbeteiligung — die Person ringt mit der Psychodynamik. Psychose · Primär körperlich-vitale Dimension, ichfern.
PS · Psychische Dimension steht im Vordergrund. „Die schützende Haut fehlt, die Knochenhaut der vital gelebten Persönlichkeit ist direkt betroffen" (Längle).
3

Therapieweg

Was muss aufgebaut werden?

Neurose · Bearbeitung der Stellungnahme, Bearbeitung der Symptom-Bedeutung. Psychose · Stabilisierung, oft pharmakologische Mitbehandlung.
PS · Personalisierung — der Mensch soll erst zur Person werden, die mit ihrer Psychodynamik in Beziehung treten kann.

Grundgefühle bei Störung der jeweiligen GM (Längle 2008)

1

1. GM gestört · „zu schwach"

Bedrohung des Sein-Könnens. Halt, Schutz, Raum fehlen. Ängstliche PS-Gruppe (vermeidend, zwanghaft, paranoid).

2

2. GM gestört · „zu schlecht"

Bedrohung des Mögen-Lebens. Beziehung, Wert, Zeit fehlen. Depressive PS-Gruppe (dependent, depressiv-passiv).

3

3. GM gestört · „falsch"

Bedrohung des Eigen-Sein-Dürfens. Beachtung, Gerechtigkeit, Wertschätzung fehlen. Hysterische / soziopathische Gruppe (hysterisch, Borderline, narzisstisch, paranoid).

4

4. GM gestört · „tauge zu nichts"

Bedrohung des Sinn-Wollens. Wirkfeld, Wertaussicht, Sinn fehlen. Existentielle Gruppe (dependent, fraglich klassifizierbar).

Die 3. GM als Spaltungs-Epizentrum

Längle differenziert die 3. GM nach vier Verletzungs-Modalitäten und vier korrespondierenden Gegenreaktionen:

Aus dieser Vierteilung ergeben sich die häufigsten PS-Bilder (Cluster B), die alle eine Wurzel im verletzten Selbstwert teilen.

Vertiefung · Dimensionalontologie nach Frankl

Frankls dimensionalontologisches Modell: ein Phänomen kann auf verschiedene Dimensionen projiziert werden und zeigt dort jeweils andere Aspekte (Beispiel Zylinder → Kreis von oben, Rechteck von der Seite). Bei psychischen Störungen heißt das: jedes Symptom hat eine somatische, eine psychische und eine noetische Dimension. PS sind nicht „nur psychisch" — sie haben somatische Anteile (Temperament, Vulnerabilität) und noetische Anteile (Person bleibt ansprechbar). Aber der Schwerpunkt liegt in der psychischen Dimension. Therapie muss diesen Schwerpunkt treffen, ohne die anderen Dimensionen zu übergehen.

Vertiefung · Personalisierung als Hauptweg bei PS

Wo die Coping-Reaktion zur Persönlichkeitsform geworden ist, kann nicht primär an der Reaktion gearbeitet werden — sie ist ja die Person selbst (in ihrem Selbstverständnis). Erst wenn die Person hinter der Reaktion gerufen, gesehen und in Beziehung genommen wird, entsteht jene Distanz, in der dann auch die Reaktion bearbeitbar wird. Längles Formel: „erst Person, dann Persönlichkeit". Praktisch heißt das: PEA-Schritte, Wertberührung, Begegnung — nicht Verhaltensmodifikation.

Fall-Beispiel

Fall· Diagnostische DD

Reinigungsritual — Neurose oder PS?

Patient A entwickelt Reinigungsrituale, leidet darunter, kann zwischen den Ritualen eine Haltung dazu einnehmen („Das ist Unsinn, ich weiß"). Klar: Zwangsneurose. — Patientin B reagiert auf jede körperliche Berührung mit Affektüberflutung, Dissoziation, anschließendem Wut-Ausbruch. Keine Stellungnahme während oder unmittelbar danach möglich. Klar: PS mit zwängelnden und Borderline-Zügen. Beide Bilder können Reinigungs-Verhalten zeigen — der dimensionale Schwerpunkt entscheidet über die Diagnose und damit über den Therapieweg.

Quellen
  • Längle, A. (1996) · Psychopathologie der Persönlichkeit — Anbindung an die Anthropologie
  • Frankl, V. (1990) · Der leidende Mensch
  • Längle, A. (2008) · Grundgefühle bei Störung der GMs