Die Coping-Reaktionen der 1. GM
Wenn Sein-Können blockiert ist, springen psychodynamische Schutzmechanismen an – nicht entschieden, sondern automatisch. Sie erhalten das Leben, eröffnen aber keine Welt. Vier Reaktionen, hierarchisch geordnet nach Energieaufwand.
Die vier Coping-Reaktionen als Kaskade · Ökonomie-Prinzip im Hintergrund
Was ist eine Coping-Reaktion eigentlich?
Die Begrifflichkeit stammt aus der Stresstheorie (Lazarus, Folkman 1984). In der EA wird Coping in zwei Klassen geteilt: entschiedenes Coping (= personale Aktivität, frei gewählt) und unentschiedenes Coping (= Coping-Reaktion, automatisch). Nur das letztere ist hier gemeint.
Drei Eigenschaften sind zentral:
- Automatisch – sie laufen ab, ohne dass die Person eingreift. Sie sind Reflexe der Psychodynamik.
- Schutzfunktion – sie dienen der Überlebenssicherung, nicht der Aufarbeitung.
- Welt-verengend – sie erhalten das Leben, aber sie erschließen keine neue Wirklichkeit. Wer flieht, kommt nicht an. Wer kämpft, nimmt nicht an.
Die vier Reaktionen der 1. GM
1Flucht / Vermeidung
Das Feld räumen. Wenn das Gefühl auftritt „ich kann hier nicht sein“, ist die einfachste Reaktion: weg. Vermeidung, wenn es ruhig ist – Flucht, wenn es bedrängt. Räumlich (Davonrennen) oder geistig (Ablenken, Alkohol, Verdrängen). Der Wohin-Anteil ist egal; entscheidend ist nur das Weg-Kommen.
Energieaufwand: gering. Fixierung: Angstneurose, Phobien.
„Ich gehe seit zwei Jahren nicht mehr in die U-Bahn.“
Ein Klient mit klaustrophober Panikangst. Er fährt Auto, Taxi, Fahrrad – aber nie wieder U-Bahn. Die Angst sei „weg, solange ich es vermeide“. Genau das macht das Problem aber zur Neurose: die Vermeidung hat sich verselbständigt.
2Aktivismus / Ankämpfen
Flucht nach vorn. Wenn Wegrennen nicht geht oder man sich überlegen fühlt: kämpferisch das Hindernis beseitigen. Wichtig: Aktivismus ist nicht aggressiv gegen den Menschen, sondern für die Sache – es geht darum, den Weg freizumachen. Trommeln, agitieren, hektisch herumrennen, Verstärkung holen, Ausprobieren, wie weit man noch gehen kann.
Energieaufwand: mittel. Fixierung: Zwangsneurose (das Ankämpfen wird verselbständigt – Rituale, Kontrollzwang).
„Wenn ich noch ein bisschen mehr mache, kriege ich das hin.“
Eine Klientin mit Burnout-nahem Erschöpfungssyndrom beschreibt: sie habe seit Jahren das Gefühl, „wenn ich nur fleißig genug bin, dann wird's gut“. Aber nichts wird gut – sie macht nur immer mehr. Bei Nachfrage wird deutlich: hinter dem Tun ist eine Bedrohung, die sie nicht spürt, gegen die sie aber unentwegt ankämpft.
3Aggression / Hass
„Du oder ich.“ Wenn weder Flucht noch Ankämpfen reichen und die Bedrohung ein Maximum erreicht: letzte Mobilisierung der Kraft. Aggression vom Typus der Destruktion – Hass. Das Sein des anderen wird als unmittelbare Bedrohung des eigenen Seins erlebt. „Wenn dein Sein mein Sein nicht sein lässt, kann ich dein Sein nicht sein lassen.“
Wichtig: Aggression entsteht aus Ohnmacht, nicht aus Stärke. Sie ist eine Reaktion gegen die als lebensbedrohlich empfundene Angst. Wenn es nicht Hass wird, wird es Angst.
Energieaufwand: hoch. Fixierung: Borderline, Narzissmus, dissoziale Persönlichkeitsstörung (Diskussion offen).
Der Schüler, der immer „aggressiv“ ist
Ein Schüler verhält sich in der Schule destruktiv – attackiert schwächere Mitschüler, fluchwütig, kaum führbar. Schule reagiert mit Strafen. Die Aggression wächst. Im Hintergrund: zuhause kein Raum, kein Schutz, lautes konfliktreiches Umfeld. Der Lehrer ist eine weitere Bedrohung, gegen die der Schüler nichts ausrichten kann.
4Totstellreflex / Erstarrung
Der archaischste Schutz. Wenn nichts mehr hilft: passiv werden, stillhalten, nicht hinschauen, verleugnen, dichtmachen. Phänomenologisch zeigt sich: Atem hält an, Aktivität hört auf, Realität „löst sich auf“ (im psychischen Schock). Im Extremfall: psychoseähnlicher Zustand – die anhaltend nicht mehr lösbare Erstarrung.
Häufig in Verbindung mit Beschwichtigung: Ohnmacht zeigen, weinen, Schwäche demonstrieren (Beißhemmung provozieren – ein evolutionärer Schutz).
Energieaufwand: minimal (Aktionsaufschub). Fixierung: psychotische Entwicklung – die Psychose als „protrahierter psychischer Schock“.
„Ich kann mich nicht mehr bewegen.“
Eine Patientin nach Diagnose einer schweren Erkrankung berichtet, sie sei „wie eingefroren“ gewesen. Drei Tage habe sie nicht mehr richtig essen können, nicht weinen, nicht reden. „Die Wirklichkeit war wie hinter Glas.“
Verbindungen
LB-–-2.-GM-1-–-AUSB-13-–-13.-Aufl-2025.pdf· Kapitel 1.3 Copingreaktionen, S. 13 ff.1549110759_EA-Lexikon-12-2016-10-1.pdf· Stichwort: Copingreaktion, Aggression- Längle A. (1998): Ursachen und Ausbildungsformen von Aggression im Lichte der EA. Existenzanalyse 15, 2, 4–12
- Lazarus & Folkman (1984): Stress, Appraisal, and Coping. Springer NY (Coping-Konzept Ursprung)