1. Grundmotivation · vertieft

Die Coping-Reaktionen der 1. GM

Wenn Sein-Können blockiert ist, springen psychodynamische Schutzmechanismen an – nicht entschieden, sondern automatisch. Sie erhalten das Leben, eröffnen aber keine Welt. Vier Reaktionen, hierarchisch geordnet nach Energieaufwand.

Meta · 60-Sekunden-Take

Coping-Reaktionen sind nicht-entschieden – sie kommen aus der Psychodynamik, nicht aus der Person. In der 1. GM gibt es vier, kaskadenförmig: Flucht/VermeidungAktivismus/AnkämpfenAggression/HassTotstellreflex. Bei Fixierung entstehen Neurosen, bei tieferer Fixierung Persönlichkeitsstörungen und Psychose.

Die vier Coping-Reaktionen als Kaskade · Ökonomie-Prinzip im Hintergrund

Was ist eine Coping-Reaktion eigentlich?

Die Begrifflichkeit stammt aus der Stresstheorie (Lazarus, Folkman 1984). In der EA wird Coping in zwei Klassen geteilt: entschiedenes Coping (= personale Aktivität, frei gewählt) und unentschiedenes Coping (= Coping-Reaktion, automatisch). Nur das letztere ist hier gemeint.

Drei Eigenschaften sind zentral:

Auch Tiere haben Coping-Reaktionen; sie können angeboren, gelernt oder durch Lernen überformt sein. Jeder Mensch ist in der Regel mit allen vier ausgestattet – Vorlieben für bestimmte Reaktionen prägen das Persönlichkeitsbild (und umgekehrt). Der psychoanalytische Begriff „Abwehrmechanismus“ gehört zu den Coping-Reaktionen; „Coping-Reaktion“ ist jedoch schulenneutral und umfasst auch anderes Verhalten wie das Zurechtkommen in einer Situation (z. B. Flucht). Wichtig: Coping-Reaktionen sind kein Versuch einer ursachenbezogenen Bewältigung, sie stellen keine „Aufarbeitung“ der Situation dar.

Die vier Reaktionen der 1. GM

1Flucht / Vermeidung

Das Feld räumen. Wenn das Gefühl auftritt „ich kann hier nicht sein“, ist die einfachste Reaktion: weg. Vermeidung, wenn es ruhig ist – Flucht, wenn es bedrängt. Räumlich (Davonrennen) oder geistig (Ablenken, Alkohol, Verdrängen). Der Wohin-Anteil ist egal; entscheidend ist nur das Weg-Kommen.

Lehrbuch-Bezeichnung: „Grundbewegung“ (Vermeidungsverhalten); ihre Funktion ist Verlustminimierung – die ursprünglichen Bedingungen der GM möglichst erhalten. Die häufigste unwillkürliche Reaktion, wenn eine Angst auftritt. Fixierung: Angstneurose, Phobien.

Phänomen· Vermeidung

„Ich gehe seit zwei Jahren nicht mehr in die U-Bahn.“

Ein Klient mit klaustrophober Panikangst. Er fährt Auto, Taxi, Fahrrad – aber nie wieder U-Bahn. Die Angst sei „weg, solange ich es vermeide“. Genau das macht das Problem aber zur Neurose: die Vermeidung hat sich verselbständigt.

Sichtbar: klassische Fixierung der Flucht-Reaktion. Die Vermeidungslogik schließt sich um sich selbst – jede Vermeidung bestätigt die Bedrohung, statt sie aufzulösen.

2Aktivismus / Ankämpfen

Flucht nach vorn. Wenn Wegrennen nicht geht oder man sich überlegen fühlt: kämpferisch das Hindernis beseitigen. Wichtig: Aktivismus ist nicht aggressiv gegen den Menschen, sondern für die Sache – es geht darum, den Weg freizumachen. Trommeln, agitieren, hektisch herumrennen, Verstärkung holen, Ausprobieren, wie weit man noch gehen kann.

Lehrbuch-Bezeichnung: „paradoxe Bewegung“ (Aktivismus); ihre Funktion ist der Bewältigungsversuch – man traut sich noch ein Können zu, entkommt der Situation aber nicht mehr. Fixierung: Zwangsneurose (das Ankämpfen wird verselbständigt – Rituale, Kontrollzwang).

Phänomen· Aktivismus

„Wenn ich noch ein bisschen mehr mache, kriege ich das hin.“

Eine Klientin mit Burnout-nahem Erschöpfungssyndrom beschreibt: sie habe seit Jahren das Gefühl, „wenn ich nur fleißig genug bin, dann wird's gut“. Aber nichts wird gut – sie macht nur immer mehr. Bei Nachfrage wird deutlich: hinter dem Tun ist eine Bedrohung, die sie nicht spürt, gegen die sie aber unentwegt ankämpft.

Sichtbar: Aktivismus als blinder Selbstantrieb. In der EA ist Burnout oft als chronisch fixierter Aktivismus der 1. GM zu lesen.

3Aggression / Hass

„Du oder ich.“ Wenn weder Flucht noch Ankämpfen reichen und die Bedrohung ein Maximum erreicht: letzte Mobilisierung der Kraft. Aggression vom Typus der Destruktion – Hass. Das Sein des anderen wird als unmittelbare Bedrohung des eigenen Seins erlebt. „Wenn dein Sein mein Sein nicht sein lässt, kann ich dein Sein nicht sein lassen.“

Wichtig: Aggression entsteht aus Ohnmacht, nicht aus Stärke. Sie ist eine Reaktion gegen die als lebensbedrohlich empfundene Angst. Wenn es nicht Hass wird, wird es Angst.

Lehrbuch-Bezeichnung: „stärkste Abwehrbewegung“; ihre Funktion ist die Abwehr – maximale Mobilisierung der Kraft in subjektiv unausweichlich empfundenen Situationen, die „Explosion“ als „Dynamit der Existenz“. Fixierung: Borderline, Narzissmus, (antisoziale) Persönlichkeitsstörung (Diskussion offen).

Phänomen· Aggression aus Ohnmacht

Der Schüler, der immer „aggressiv“ ist

Ein Schüler verhält sich in der Schule destruktiv – attackiert schwächere Mitschüler, fluchwütig, kaum führbar. Schule reagiert mit Strafen. Die Aggression wächst. Im Hintergrund: zuhause kein Raum, kein Schutz, lautes konfliktreiches Umfeld. Der Lehrer ist eine weitere Bedrohung, gegen die der Schüler nichts ausrichten kann.

Sichtbar: Hass / Aggression entspringt der Bedrohung des Sein-Könnens. Strafe verstärkt die Bedrohung und damit die Aggression. Therapeutisch heißt das: nicht die Aggression bekämpfen, sondern dem Schüler Sein-Können zurückgeben.

4Totstellreflex / Erstarrung

Der archaischste Schutz. Wenn nichts mehr hilft: passiv werden, stillhalten, nicht hinschauen, verleugnen, dichtmachen. Phänomenologisch zeigt sich: Atem hält an, Aktivität hört auf, Realität „löst sich auf“ (im psychischen Schock). Im Extremfall: psychoseähnlicher Zustand – die anhaltend nicht mehr lösbare Erstarrung.

Häufig in Verbindung mit Beschwichtigung: Ohnmacht zeigen, weinen, Schwäche demonstrieren (Beißhemmung provozieren – ein evolutionärer Schutz).

Lehrbuch-Bezeichnung: basaler und unreifster (= archaischer) Schutzmechanismus, letzter Schutz im teilweisen Überwältigt-Sein; seine Funktion ist Zeitgewinn (Aktionsaufschub). Fixierung: psychotische Entwicklung – die Psychose als „protrahierter psychischer Schock“.

Phänomen· Totstellreflex

„Ich kann mich nicht mehr bewegen.“

Eine Patientin nach Diagnose einer schweren Erkrankung berichtet, sie sei „wie eingefroren“ gewesen. Drei Tage habe sie nicht mehr richtig essen können, nicht weinen, nicht reden. „Die Wirklichkeit war wie hinter Glas.“

Sichtbar: der psychische Schock als Totstellreflex. Aus Sicht der EA ist das kein Versagen, sondern ein letzter Schutz – das Nervensystem zieht für einen Moment die Wirklichkeit ab, weil sie nicht aufzunehmen ist. Heilung beginnt damit, die Realität wieder in Maßen einlassen zu können.
Vertiefung
Das Ökonomie-Prinzip

Der hierarchische Einsatz von Coping-Reaktionen (1 → 2 → 3 → 4) folgt dem organismischen Grundprinzip der Ökonomie: die energie-aufwendigere Reaktion wird erst eingesetzt, wenn die einfachere nicht ausreicht. Es ist „billiger“, zu fliehen, als zu hassen.

Ausnahmen entstehen durch:

  • Lernerfahrung / Überlernen: Hat sich eine Reaktion oft bewährt, wird sie bevorzugt – auch wenn theoretisch eine einfachere ginge.
  • Traumatisierung: Besondere Verletztheiten können zu überschießenden Reaktionen führen. Ein traumatisierter Mensch kann direkt in Aggression oder Erstarrung gehen, ohne die ersten Stufen.
Was sich bei Fixierung pathologisch entwickelt

Wird eine Coping-Reaktion ständig eingesetzt, verliert sie ihre Flexibilität und wird zu einem starren Verhaltensmuster. Dann entsteht Pathologie:

Flucht fixiert
Angstneurosen, phobische Vermeidung
Aktivismus fixiert
Zwangsneurosen – das Ankämpfen wird Ritual
Aggression fixiert
eher antisoziale, Borderline-, Narzissmus-Strukturen (Diskussion in der EA offen)
Totstellreflex fixiert
psychotische Entwicklung – die Schizophrenie als anhaltender Totstellreflex
Mehrfach-Fixierung
Wenn zwei Coping-Reaktionen gleichzeitig fixieren, liegt meist stärkere Bedrohung vor → Persönlichkeitsstörung (oft mit erblicher Disposition).
Coping versagt
→ Somatisierung. Wenn die Schutzreaktionen „durchbrennen“, springt der Körper ein: Migräne, Bluthochdruck, funktionelle Störungen, hysterische Anfälle.
Auch die anderen GMs haben Coping-Reaktionen

Die Vierfach-Struktur (Vermeidung → Aktivismus → Aggression → Totstellreflex) findet sich analog in allen GMs, jeweils mit anderen Inhalten:

2. GM
Rückzug · Aktivismus (Leisten/Entwerten) · (rote) Wut · Totstellreflex (Apathie/Erschöpfung)
3. GM
Distanznahme · Aktivismus („Flucht nach vorne“) · Trotz/Zorn/Ärger · Totstellreflex (Spaltung/Dissoziation)
4. GM
Provisorische Daseinshaltung · Idealisierung/Fanatismus · Zynismus/Sarkasmus · Totstellreflex (Betäubung/Nihilismus)

Die Reaktionsformen werden in den späteren Sprints pro GM ausführlich behandelt.

Therapeutischer Umgang mit Aggression: „dreifach sehend“

Aggression abreagieren reicht nicht – sie verbleibt dann auf der Ebene der Psychodynamik. Längle schlägt vor, sie dreifach sehend zu machen:

  1. Nach außen: Worauf richtet sich die Aggression eigentlich? Wem gilt sie wirklich (Adressat)? Was hat mich getroffen?
  2. Nach innen: Welcher Wert soll mit dieser Aggression geschützt werden? Aggression hat immer ein Anliegen.
  3. Auf das Wie: Wie kann sie zielführend gelebt werden? Wie kommt sie zum Adressaten, an die Quelle des Übels?

Das Vorgehen entspricht der Personalen Positionsfindung (PP) – ein Verfahren, das im klinischen Teil der Ausbildung ausgearbeitet wird.

Therapeutisch kann es dennoch wichtig sein, ein Übermaß an Aggression abzureagieren oder aus ohnmächtiger Aggression durch Übung in eine Aktivierung zu kommen (z. B. auf ein Kissen schlagen): um den Affekt fassen zu können, als stellvertretendes Üben – und um wieder frei und zugänglich zu sein. Ziel ist, den ohnmächtigen Hass ins Fließen zu bringen und in eine Mächtigkeit zu verwandeln, die zielführend genutzt werden kann. Bloßes Abreagieren ist „zu schade“ für die Aggression – sie will ja immer etwas Spezifisches schützen.

Aggression · Macht · Gewalt – Begriffsklärung
Aggression
Gewaltsames Behandeln eines Objektes. Auch versteckte Aggressionen sind daran erkennbar, dass sie wehtun – dass eine (un)bewusste Absicht dahinter spürbar ist, Schmerz zuzufügen.
Macht
„Durchsetzungsvermögen“: Kraft, die eine gezielte Wirkung ermöglicht. Strukturierend und notwendig in allen Bereichen – Körper (Körperkraft), Psyche (Macht der Copingreaktionen), Geist (Macht des Willens), Gesellschaft (Macht des Staates).
Gewalt
Macht, die einen Widerstand allein mit ihrer Kraft zu überwinden versucht – ohne Rücksicht auf Wert und Bedeutung des Widerstands. Das Eigeninteresse wird über das Fremdinteresse gestellt.

Ein verantwortlicher Umgang mit Macht verlangt ein adäquates, respektierendes Behandeln des Widerstands: Er soll verstanden, „behandelt“ und respektiert werden. Gewalt ist Ultima Ratio.

Quellen
  • Längle, A. (2025). Lehrbuch 2: Die 1. Grundmotivation (13. Aufl.). Wien: GLE — Kap. 1.3 (Copingreaktionen der Unsicherheit, S. 13 ff.).
  • GLE: Prüfungsfragen zur 1. GM (Sammlung der bisher ausgegebenen Fragen).
  • Längle, A. (Hrsg.) (2016). Lexikon der Existenzanalyse und Logotherapie (4., erw. Aufl.). Wien: GLE. Stichworte: Copingreaktion, Aggression.
  • Längle, A. (1998). Ursachen und Ausbildungsformen von Aggression im Lichte der EA. Existenzanalyse 15, 2, 4–12.
  • Lazarus & Folkman (1984): Stress, Appraisal, and Coping. Springer NY (Coping-Konzept Ursprung)