Existentielle Themen der Schizophrenie
„Statt sich mit dem In-der-Welt-Sein auseinandersetzen zu können, setzt sich in der Schizophrenie die Welt selbst aus-einander" (J. Arnold, zit. n. Längle).
Drei existentielle Grundfragen (Längle)
Was ist Wirklichkeit?
Die Wirklichkeit ist nicht mehr als Wirklichkeit gegeben — sie erscheint „lose, zersplittert, unberechenbar, unverläßlich, bizarr". Die Verläßlichkeit der Welt — das Fundament jeder 1. GM — bricht weg. Was selbstverständlich war (die Wand steht, der Tisch ist ein Tisch, mein Gedanke ist meiner) wird fragwürdig, oft furchterregend mehrdeutig. Längle: das Welthafte bricht in das Gedachte ein — die Schichten von Wahrnehmung und Bedeutung mischen sich.
Was ist Dasein? Bin ich?
Die zweite radikale Frage betrifft die Eigenexistenz. Der Schizophrene erlebt nicht nur die Welt brüchig — auch sich selbst. Bin ich noch? Sind meine Gedanken meine? Ist mein Wollen meines? Die Antwort ist oft ein verzweifeltes „nein, nicht mehr ganz". Der Wahn ist hier — paradox — ein Versuch der Sinnstiftung: er gibt dem Erleben eine Erklärung („die Strahlen kommen aus der Steckdose"), um wenigstens einen Rest von Welt-Verständnis zu retten.
Wie kann ich den Tod bereits im Leben leben?
Die dritte und vielleicht erschütterndste Frage. Längle: der Schizophrene „erlebt den Tod als Lebender". Die psychotische Welt ist eine „eisige, tragische Welt der Nicht-Existenz". Vieles ist schon zerfallen, was das Leben sonst zum Leben macht — die Bindung zur Welt, die Bindung zum Selbst, die Bindung zu anderen. Das Leben muss in dieser Schwebe weitergeführt werden — eine existentielle Aufgabe, der kaum jemand sonst begegnet.
Schizophrenie vs. Angstneurose — Längles entscheidender Unterschied
Erlebensformel
Was geht in dieser Erfahrung „unter"?
„Ich gehe unter, aber nicht die Welt." Die Welt bleibt ganz, sie steht. Aber der Angstkranke fällt aus ihr heraus, verliert Halt, verliert Boden. Das Nichts kommt von außen — als Drohung, als Abgrund.
„Die Welt geht unter + er geht mit ihr unter, weil sie sich auflöst." Die Welt selbst zerfällt. Es ist kein Fallen mehr — es ist ein Auflösen. Das Nichts kommt nicht von außen, sondern von innen, aus der zerfallenden Struktur des Erlebens selbst.
Therapeutische Folge
Was kann der Therapeut anbieten?
Die Welt ist noch da, der Therapeut kann mit dem Patienten an seinem Bezug zu ihr arbeiten — Halt, Schutz, Raum erschließen, PEA als Auseinandersetzung.
Die Welt selbst ist erschüttert. PEA ist nicht möglich — der Therapeut muss erst Welt herstellen: durch Da-sein, Normalisierung, klare Sätze, beziehungsstiftende Konstanz. Die EA arbeitet ich-substitutiv.
„Der Zusammenhalt ist dreifach erschüttert" (Längle)
Welt und Dinge
Außenwelt entgleitet
Die Dinge verlieren ihre Verläßlichkeit. Die Wand wackelt, der Stuhl ist nicht sicher, die Bedeutung der Dinge wird mehrdeutig. „Alles ist plötzlich unzuverlässig." Die Welt steht nicht mehr — sie schwebt, kippt, löst sich.
Mitmenschen und Familie
Du wird unsicher
Die Beziehungen werden brüchig. Sind das wirklich meine Eltern? Will mein Partner mir helfen oder schaden? Die Mitmenschen werden verdächtig, fremd, von „Mächten" durchdrungen. Selbst die nächsten Beziehungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit.
Sich selbst — Psyche und Körper
Ich-Spaltung
Auch im Inneren bricht der Zusammenhalt. Gedanken werden als fremd, als „gemacht" erlebt. Der Leib wird seltsam, manipuliert. Das Ich verliert seine Einheit — daher „Schizophrenie": „gespaltener Geist". Aber: nicht in zwei Persönlichkeiten — sondern in zerfallene Erlebensstücke.
Die subjektive Folge — „Ich kann nicht mehr erleben, wie alles zusammenhängt"
Die existentielle Konsequenz dieser dreifachen Erschütterung formuliert Längle in einem Patientensatz, der oft im Therapieprozess auftaucht: „Ich kann nicht mehr erleben, wie alles zusammenhängt." Es ist nicht so, dass der Patient keinen Zusammenhang mehr denken könnte — das Denken funktioniert oft sehr genau, manchmal überscharf. Es ist das Erleben des Zusammenhangs, das fehlt — jene tragende Selbstverständlichkeit, die im gesunden Dasein nie reflektiert werden muss, weil sie immer schon da ist.
Genau hier liegt der Auftrag der EA in der Begleitung schizophrener Menschen: nicht den Zusammenhang erklären (das würde nicht ankommen), sondern Zusammenhalt erfahrbar machen — durch verläßliche Beziehung, klare Strukturen, normale Welt, Da-sein. Was der Patient innerlich nicht mehr halten kann, kann ihm der Therapeut vorhalten.
Fall-Beispiel
Frau M., 41, „Ich bin schon ein bisschen tot"
Frau M., 41, residuelle Schizophrenie (F20.5), seit 12 Jahren bekannt, derzeit medikamentös stabil unter Olanzapin. Im Gespräch erzählt sie: „Ich gehe morgens auf die Straße, und es ist, als ob die Häuser leicht wackeln. Nicht sehr — nur ein bisschen. Manchmal denke ich, ich denke nicht mehr selbst — als ob jemand mit mir denkt, mitliest. Wenn ich mein Kind ansehe, weiß ich, es ist mein Kind, aber ich fühle nichts. Es ist, als wäre ich schon ein bisschen tot." Phänomenologisch dicht: alle drei Erschütterungen sind anwesend — die Welt (Häuser wackeln), die Beziehung (Kind nicht spüren), das Selbst (fremde Gedanken, „schon ein bisschen tot"). Längles dritte Grundfrage in Reinform: den Tod im Leben leben. Therapeutisch entscheidend: nicht erklären, nicht trösten — sondern stützen, bezeugen, da sein.
Verbindungen
Längle, A. · Schizophrenie · existentielle ThemenArnold, J. · zit. n. Längle: „die Welt setzt sich aus-einander"Blankenburg, W. (1971) · Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit