Störungen · Existentielle Dynamik

Existentielle Themen der Schizophrenie

„Statt sich mit dem In-der-Welt-Sein auseinandersetzen zu können, setzt sich in der Schizophrenie die Welt selbst aus-einander" (J. Arnold, zit. n. Längle).

Meta · 60-Sekunden-Take

Der Schizophrene erlebt drei existentielle Themen radikal: Was ist Wirklichkeit?Was ist Dasein? Bin ich?Den Tod bereits im Leben leben. Die Wirklichkeit erscheint „lose, zersplittert, unberechenbar, unverläßlich, bizarr". Das Welthafte bricht in das Gedachte ein. Der Kampf in der Psychose: sich überhaupt in einer Realität zu halten, auch wenn sie noch so virtuell ist — „um sich noch einen Rest von Sein zu erhalten" (Längle). Der Schizophrene „erlebt den Tod als Lebender": die psychotische Welt ist eine „eisige, tragische Welt der Nicht-Existenz". Suizid 9–13 % Todesursache, 50 % SMV.

Drei existentielle Grundfragen (Längle)

1

Was ist Wirklichkeit?

Ist es diese Welt — oder ist der Traum vielleicht wirklicher als die Welt? Die Wirklichkeit erscheint nicht mehr konstant, homogen, verläßlich, kohärent, sondern „lose, zersplittert, unberechenbar, unverläßlich, bizarr" — und dadurch bedrohlich, fremd, unerreichbar; ihr ist man ausgeliefert. Längle: das Welthafte bricht in das Gedachte ein, das alles zusammenhält — darum stört diese Realität, verwirrt, macht orientierungslos. Es entsteht das Gefühl, in dieser Welt nicht mehr sein zu können — bis hin zu Suizidversuchen, um „aus ihr herauszukommen". Funktional: dem Schizophrenen zerbrechen Wahrnehmung und Denken (die Repräsentation des Wahrgenommenen).

2

Was ist Dasein? Bin ich?

Die zweite radikale Frage betrifft die Eigenexistenz: Bin ich ich? Bin ich wirklich? Gibt es überhaupt ein Selbstsein, das von der Welt abgegrenzt ist — bei diesem hohen Grad von Abhängigkeit, Verbundenheit und Einflüssen? Grundlage sind Beeinflussungserlebnisse und Fremdheitserleben: Ist die Identität eine Einbildung? In der Affektverflachung geht das Bindeglied zwischen Ich und Welt verloren; es wird durch Denken ersetzt — aber die innere, erlebte Selbstrepräsentanz geht dadurch verloren. Funktional: dem Schizophrenen zerbricht das Ich — das Verbindende, alles Zusammenhaltende.

3

Den Tod bereits im Leben leben

Das dritte und vielleicht erschütterndste Thema. Längle: der Schizophrene „erlebt den Tod als Lebender". Die psychotische Welt ist eine „eisige, tragische Welt der Nicht-Existenz", in der der Kranke nur gerade seinen eigenen inneren Tod überlebt — er fühlt sich zeitweise wie tot. Die Auflösung geht so weit, daß das Nichts schon präsent ist: intensivstes Erleben des Nichts im Sein — es durchlöchert und zerfrißt das Sein „wie eine Eisscholle, die ständig bricht und schmilzt". Der Kampf in der Psychose besteht darin, sich überhaupt in einer Realität zu halten, um sich noch einen Rest von Sein zu erhalten.

Schizophrenie vs. Angstneurose — Längles entscheidender Unterschied

1

Erlebensformel

Was geht in dieser Erfahrung „unter"?

Angstneurose

„Ich gehe unter, aber nicht die Welt." Die Welt bleibt ganz, sie steht. Aber der Angstkranke fällt aus ihr heraus, verliert Halt, verliert Boden. Das Nichts kommt von außen — als Drohung, als Abgrund.

Schizophrenie

„Die Welt geht unter + er geht mit ihr unter, weil sie sich auflöst." Die Welt selbst zerfällt. Es ist kein Fallen mehr — es ist ein Auflösen. Das Nichts kommt nicht von außen, sondern von innen, aus der zerfallenden Struktur des Erlebens selbst.

2

Therapeutische Folge

Was kann der Therapeut anbieten?

Angstneurose

Die Welt ist noch da, der Therapeut kann mit dem Patienten an seinem Bezug zu ihr arbeiten — Halt, Schutz, Raum erschließen, PEA als Auseinandersetzung.

Schizophrenie

Die Welt selbst ist erschüttert. PEA ist nicht möglich — der Therapeut muss erst Welt herstellen: durch Da-sein, Normalisierung, klare Sätze, beziehungsstiftende Konstanz. Die EA arbeitet ich-substitutiv.

„Der Zusammenhalt ist dreifach erschüttert" (Längle)

A

Welt und Dinge

Außenwelt entgleitet

Erkennend: Wie hängt die Welt zusammen, bis in ihre atomaren Strukturen? „Alles wird lose, Atome schwingen als Wolken um die Kerne, dazwischen sind Riesendistanzen…" Praktisch: der Zusammenhalt in Arbeitsabläufen und Automatismen ist gestört, im Geld (manche tragen alles Geld in einer Plastiktasche mit sich), im Eigentum, das nicht zusammengehalten werden kann.

B

Mitmenschen und Familie

Beziehungs-Zusammenhalt löst sich

Erleben, daß der Zusammenhalt mit den Mitmenschen und in der Familie zurückgeht, sich auflöst, nicht gegeben ist. Zugleich suchen die Kranken Nähe (eine Patientin setzt sich mit starrem Blick neben den Pfleger). Der „unverständliche" erweiterte Suizid — das Mitnehmen von Menschen — wird hier deutbar: als letzter Versuch, Zusammenhang zu erhalten durch den Tod, „der alles für sie macht".

C

Sich selbst — Psyche und Körper

Ich-Spaltung

Auch im Inneren bricht der Zusammenhalt: Sind die Gefühle auch meine? Wie hängen sie mit dem Erlebten zusammen? Kann ich sie zurückhalten? — ambivalente Gefühle. Wie hängen Gefühle und Gedanken zusammen, wie Gedanken/Gefühle und Welt? Das Ich verliert seine Einheit — daher „Schizophrenie": „gespaltener Geist". Aber: nicht in zwei Persönlichkeiten — sondern in zerfallene Erlebensstücke.

Die subjektive Folge — „Ich kann nicht mehr erleben, wie alles zusammenhängt"

Die existentielle Konsequenz dieser dreifachen Erschütterung auf das subjektive Erleben: „Ich kann nicht mehr erleben, wie alles zusammenhängt — in sich und mit mir!" Praktisch-existentiell heißt das: Wie gehen die Dinge zusammen? Wie bringe ich diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammen, sodaß Kohärenz und Konsistenz bleibt? Es zerbröseln die Gestalten — Gestalt heißt: einen Zusammenhang von Elementen schaffen. Der Schizophrene findet keine Gestalten mehr, kann keine Zusammenhänge mehr schaffen: Verlust der Fähigkeit zur Ordnung durch Gestaltenschaffung.

Genau hier liegt der Auftrag der EA in der Begleitung schizophrener Menschen: nicht den Zusammenhang erklären (das würde nicht ankommen), sondern Zusammenhalt erfahrbar machen — durch verläßliche Beziehung, klare Strukturen, normale Welt, Da-sein. Was der Patient innerlich nicht mehr halten kann, kann ihm der Therapeut vorhalten.

Vertiefung · Wahn vs. Zwang vs. überwertige Idee

Drei verwandte, aber wesentlich verschiedene Phänomene: Wahn ist eine objektiv falsche, absolut sichere Überzeugung, die der Korrektur durch Erfahrung nicht zugänglich ist und außerhalb des kulturellen Bezugssystems steht (z.B. „die Nachbarn lesen meine Gedanken"). Der Patient weiß, dass es so ist. Zwang wird vom Betroffenen als unsinnig erlebt — die Zwangsgedanken oder -handlungen drängen sich auf, aber der Patient erkennt sie als fremd und versucht, sie abzuwehren. Überwertige Idee ist eine emotional stark besetzte Überzeugung, die das Denken dominiert, aber nicht jenseits jeder Korrektur steht — sie ist innerhalb des kulturellen Rahmens nachvollziehbar, nur übersteigert.

Vertiefung · Blankenburg „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit"

Wolfgang Blankenburg (1971) hat in einer berühmten Studie über eine junge Schizophrene das Kernphänomen so benannt: Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Die Patientin fragte: „Was ist das eigentlich, das Selbstverständliche? Wie macht man das? Andere Leute wissen es, ich weiß es nicht." Was anderen Menschen einfach gegeben ist — wie man grüßt, wie man eine Tasse hält, wie man einen Tag beginnt — ist beim Schizophrenen reflexiv geworden und damit unmöglich. Diese phänomenologische Bestimmung — älter als Längle und von ihm rezipiert — gibt der EA eine präzise Diagnostik: die natürliche Welt ist verloren, und keine Therapie kann sie zurückgeben. Sie kann nur einen künstlichen, getragenen Ersatz bauen — durch Beziehung, Struktur und Wiederholung.

Fall-Beispiel

Fall· Residuum

Frau M., 41, „Ich bin schon ein bisschen tot"

Frau M., 41, residuelle Schizophrenie (F20.5), seit 12 Jahren bekannt, derzeit medikamentös stabil unter Olanzapin. Im Gespräch erzählt sie: „Ich gehe morgens auf die Straße, und es ist, als ob die Häuser leicht wackeln. Nicht sehr — nur ein bisschen. Manchmal denke ich, ich denke nicht mehr selbst — als ob jemand mit mir denkt, mitliest. Wenn ich mein Kind ansehe, weiß ich, es ist mein Kind, aber ich fühle nichts. Es ist, als wäre ich schon ein bisschen tot." Phänomenologisch dicht: alle drei Erschütterungen sind anwesend — die Welt (Häuser wackeln), die Beziehung (Kind nicht spüren), das Selbst (fremde Gedanken, „schon ein bisschen tot"). Längles dritte Grundfrage in Reinform: den Tod im Leben leben. Therapeutisch entscheidend: nicht erklären, nicht trösten — sondern stützen, bezeugen, da sein.

Quellen
  • Längle, A. · Der existentielle Hintergrund in der Schizophrenie (Handout)
  • Arnold, J. · zit. n. Längle: „die Welt setzt sich aus-einander"
  • Blankenburg, W. (1971) · Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit