Existenzanalytische Diagnostik
Diagnose in der EA ist nicht primär Klassifikation. Sie ist ein Pfad vom sichtbaren Symptom über die existentielle Dynamik zur Anbindung an die Grundmotivationen — und damit zur Wahl der passenden Methode. Bartuska (2004) hat dafür ein dreischichtiges Modell vorgeschlagen.
Der Pfad von Symptom zu Therapieindikation · plus die drei Diagnose-Ebenen
Der Diagnose-Pfad
1Symptom
Was zeigt der Klient? Was klagt er? Schlaflosigkeit, Angst, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung. Das ist die Ebene des sichtbaren Leidens. Wichtig — aber nicht ausreichend.
2Existentielle Dynamik
Was geschieht innerlich? Welche Coping-Reaktionen laufen ab? Wird Selbstverlust erlebt? Sinnvakuum? Beziehungsabbruch? Hier wird das Symptom phänomenologisch durchgearbeitet, bis die Bewegung sichtbar wird, in der der Klient steht.
3GM-Anbindung
Welche Grundmotivation ist primär betroffen? Diese Frage ist entscheidend, weil sie die therapeutische Richtung vorgibt. Das gleiche Symptom — z.B. Schlaflosigkeit — kann auf jeder GM-Ebene liegen.
4Therapieansatz
Aus der GM-Anbindung und der phänomenologischen Diagnose folgt die Wahl der Methode: PEA, PP, paradoxe Intention, Dereflexion, Wertearbeit, Biographische EA. Die Diagnostik ist methodisch leitend — sie sagt nicht nur, was ist, sondern auch, was zu tun ist.
Die drei Diagnose-Ebenen (Bartuska)
Erst alle drei zusammen ergeben das vollständige Bild. Eine ICD-Diagnose „Depression" sagt fast nichts darüber, wie therapeutisch zu arbeiten ist — die phänomenologische und die existenzanalytische Ebene tun das.
Fragebogen-Instrumente
Die Existenzskala (ES)
Standardisiertes Instrument zur Erfassung der existentiellen Erfülltheit. Entwickelt von Längle, Orgler & Kundi (Hogrefe-Beltz, 2000). Vier Subskalen, die mit der Sinnerfassungsmethode korrespondieren:
Daraus zwei Hauptscores:
- P (Personalität) = SD + ST. Die personalen Fähigkeiten.
- E (Existentialität) = F + V. Die exekutiven Fähigkeiten.
- GES (Gesamt) = P + E. Der Index existentieller Erfülltheit.
Klinische Anwendung: Verlaufsmessung, Therapie-Evaluation, differentialdiagnostische Orientierung. Die ES ist auch ein guter Spiegel für den Klienten selbst — viele Klienten lernen durch das Ausfüllen, ihr eigenes Erleben präziser zu benennen.
Das TEM (Test zur Existentiellen Motivation)
Spezifischer auf die vier Grundmotivationen abzielendes Instrument. Misst, wie stark jede der vier GMs erlebt wird — und wo Defizite liegen.
Praktischer Nutzen: beim Erstgespräch eine objektive Ergänzung zur phänomenologischen Eindruck-Bildung. Bei manchen Klienten passen subjektiver Eindruck und TEM-Profil — bei anderen klaffen sie auseinander. Beides ist diagnostisch wertvoll.
„Depressiv“ — aber welche Art von Depressiv?
Eine Klientin kommt mit der Selbstdiagnose „ich bin depressiv“. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit. ICD-10 würde recht klar Depression sagen.
Phänomenologisch: die Therapeutin spürt im Gespräch nicht primär Trauer oder Verlust — sondern eine Art innere Wut, einen leise schwelenden Vorwurf nach außen.
Existenzanalytisch: bei näherem Nachfragen wird deutlich, dass die Klientin sich seit Jahren nicht gesehen fühlt vom Partner. Ihre „Depression“ ist im Kern eine 3.-GM-Verletzung mit chronischer Trotz/Distanz-Coping-Fixierung — und sekundär depressive Symptomatik.
Verbindungen
1512855474_Diagnoseprozess_-_Bartuska_2004.pdf· Bartuska H. (2004): Diagnoseprozess in der EADiagnostik-in-der-Existenzanalyse.pdf1549109858_…_12_Existenzskala_Fragebogen.pdf· Existenzskala (ES)1549109911_…_12_EXISTENZSKALA_-_Normen.pdf· ES-Normen1549109816_…_12_TEM-Fragebogen.pdf· TEM- Längle A., Orgler Ch., Kundi M. (2000): Die Existenzskala ESK. Hogrefe-Beltz, Göttingen