Existenzanalytische Diagnostik
Diagnose in der EA ist nicht primär Klassifikation. Sie ist ein Pfad vom sichtbaren Symptom über die existentielle Dynamik zur Anbindung an die Grundmotivationen — und damit zur Wahl der passenden Methode. Längle hat dafür einen sechsteiligen Diagnosezirkel beschrieben (Arbeitstext 2004; vgl. Längle 2005 im Diagnostik-Band von Bartuska u. a., Springer).
Der Pfad von Symptom zu Therapieindikation · plus die drei Diagnose-Ebenen
Der Diagnose-Pfad
1Symptom
Was zeigt der Klient? Was klagt er? Schlaflosigkeit, Angst, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung. Das ist die Ebene des sichtbaren Leidens. Wichtig — aber nicht ausreichend.
2Existentielle Dynamik
Was geschieht innerlich? Welche Coping-Reaktionen laufen ab? Wird Selbstverlust erlebt? Sinnvakuum? Beziehungsabbruch? Hier wird das Symptom phänomenologisch durchgearbeitet, bis die Bewegung sichtbar wird, in der der Klient steht.
3GM-Anbindung
Welche Grundmotivation ist primär betroffen? Diese Frage ist entscheidend, weil sie die therapeutische Richtung vorgibt. Das gleiche Symptom — z.B. Schlaflosigkeit — kann auf jeder GM-Ebene liegen.
4Therapieansatz
Aus der GM-Anbindung und der phänomenologischen Diagnose folgt die Wahl der Methode: PEA, PP, paradoxe Intention, Dereflexion, Wertearbeit, Biographische EA. Die Diagnostik ist methodisch leitend — sie sagt nicht nur, was ist, sondern auch, was zu tun ist.
Die drei Diagnose-Ebenen (Längle)
Erst alle drei zusammen ergeben das vollständige Bild. Eine ICD-Diagnose „Depression" sagt fast nichts darüber, wie therapeutisch zu arbeiten ist — die phänomenologische und die existenzanalytische Ebene tun das. Längles Definition: Diagnostik ist der Vorgang, in dem das Phänomen, das sich zeigt, so mit der Theorie in Verbindung gebracht wird, dass eine dem Klienten, dem Phänomen und der psychotherapeutischen Ethik adäquate Behandlung möglich wird.
Der Diagnosezirkel — sechs Bereiche
Die spezifisch existenzanalytische Diagnostik folgt einem Diagnosezirkel aus sechs Bereichen. Die Reihenfolge ist lose — in der Praxis fließen die Schritte ineinander —, aber für ein vollständiges Bild ist jeder Bereich mindestens einmal zu beleuchten:
Die Diagnose wandelt sich dabei im Verlauf: Erstdiagnose am Beginn, Prozessdiagnose im Behandlungsverlauf, Abschlussdiagnose als reflektierende Einschätzung am Ende. Zur klassifikatorischen Ebene gehört außerdem die Einschätzung von Schweregrad bzw. Strukturniveau (psychische Reaktion – Neurose – Persönlichkeitsstörung – Psychose): Dasselbe Phänomen braucht je nach Strukturniveau ein anderes therapeutisches Vorgehen.
Fragebogen-Instrumente
Die Existenzskala (ESK)
Standardisiertes Selbsteinschätzungs-Instrument (46 Items) zur Erfassung der „personalen Dynamik“ — der gelebten Kompetenz der Person, mit sich und der Welt umgehen zu können; das Gesamtmaß bildet die existentielle Erfülltheit ab. Entwickelt von Längle, Orgler & Kundi (Hogrefe-Beltz, 2000), geeicht für 18–70 Jahre. Die Testkonstruktion erfolgte theoriegeleitet auf Basis der Sinnerfassungsmethode — vier Subskalen:
Daraus zwei Hauptscores:
- P (Personalität) = SD + ST. Die personalen Fähigkeiten.
- E (Existentialität) = F + V. Die exekutiven Fähigkeiten.
- GES (Gesamt) = P + E. Der Index existentieller Erfülltheit.
Klinische Anwendung: Verlaufsmessung, Therapie-Evaluation, differentialdiagnostische Orientierung — die ESK kann akute und chronische Krisen sowie das Ausmaß psychischer Belastbarkeit abbilden. Sie ist auch ein guter Spiegel für den Klienten selbst — viele Klienten lernen durch das Ausfüllen, ihr eigenes Erleben präziser zu benennen.
Das TEM (Test zur existentiellen Motivation)
Spezifischer auf die vier Grundmotivationen abzielendes Instrument von Längle & Eckhardt (2001). Misst, wie stark jede der vier GMs erlebt wird — und wo Defizite liegen: 56 Items auf 6-stufiger Skala, vier Subskalen entsprechend den GMs — Grundvertrauen (1. GM), Grundwert (2. GM), Selbstwert (3. GM), Sinn des Lebens (4. GM). Eine Neufassung (TEM-R; Längle, Längle & Osin) ist in Vorbereitung.
Praktischer Nutzen: beim Erstgespräch eine objektive Ergänzung zur phänomenologischen Eindruck-Bildung. Bei manchen Klienten passen subjektiver Eindruck und TEM-Profil — bei anderen klaffen sie auseinander. Beides ist diagnostisch wertvoll.
„Depressiv“ — aber welche Art von Depressiv?
Eine Klientin kommt mit der Selbstdiagnose „ich bin depressiv“. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit. ICD-10 würde recht klar Depression sagen.
Phänomenologisch: die Therapeutin spürt im Gespräch nicht primär Trauer oder Verlust — sondern eine Art innere Wut, einen leise schwelenden Vorwurf nach außen.
Existenzanalytisch: bei näherem Nachfragen wird deutlich, dass die Klientin sich seit Jahren nicht gesehen fühlt vom Partner. Ihre „Depression“ ist im Kern eine 3.-GM-Verletzung mit chronischer Trotz/Distanz-Coping-Fixierung — und sekundär depressive Symptomatik.
Verbindungen
- Längle, A. (2004). Der Diagnoseprozess in der Existenzanalyse. (Erschienen im Umfeld von: Bartuska H. u. a. (Hrsg.) Psychotherapeutische Diagnostik. Leitlinien für den neuen Standard. Wien: Springer.)
- Längle, A. (2022). Diagnostik in der Existenzanalyse. In: Höfner C., Hochgerner M. (Hrsg.) Psychotherapeutische Diagnostik. Wien: Springer, 245–261.
- Längle A., Orgler Ch., Kundi M. (2000). Die Existenz-Skala ESK. Hogrefe-Beltz, Göttingen — Fragebogen & Normen (Eichstichprobe N = 1028, 18–69 Jahre).
- Längle A., Eckhardt P. (2001). Skalen zur Erfassung von existentieller Motivation, Selbstwert und Sinnerleben (TEM). In: Existenzanalyse 18/1, 35–39 — TEM-Fragebogen (56 Items).
- Längle, A. (Hrsg.) (2016). EA-Lexikon. Wien: GLE. Stichworte: Diagnostik (existenzanalytische), Existenz-Skala, Sinnerfassungsmethode.