Psychosomatik
Psychosomatik ist für Längle nicht Übersetzung von Psyche in Körper, sondern leibhaftiges Sein, in dem sich der Mensch über alle vier Dimensionen hinweg ausdrückt.
Drei Formen der Leiblichkeit
Leib-Sein
Der unmittelbare, gelebte Leib. Ich bin mein Spüren, mein Atmen, meine Müdigkeit. Die phänomenale Grundform, in der ich mir vor jeder Reflexion gegeben bin.
Körper-Haben
Der Körper als Werkzeug, Träger, Objekt. Ich habe einen Körper, der trägt, leistet, gepflegt wird. Reflexionsdistanz, sportliche Selbstoptimierung, medizinische Behandlung.
Körper, der mich hat
Der Körper als Macht über mich. Ich werde von ihm gehabt — in Krankheit, Erschöpfung, Sucht, Trieb. Der Leib spricht und ich kann ihn nicht überhören.
Vier Präsenzformen der Psyche (Längle 2019)
Körper-Psyche
Körperliche Triebe (Hunger, Durst, Sexualität, Bewegungsdrang), die als Bedürfnisse psychisch in Erscheinung treten; Rhythmen (Tag-Nacht, vegetative Rhythmen). Von großer Regelhaftigkeit geprägt — und darum besonders leicht konditionierbar (deshalb helfen „Rituale" beim Einschlafen).
Lebens-Psyche
Affekte, Lust, Instinktansätze — sie geben der Motivation ihre Kraft und den Werten ihren Glanz, sind der „Saft des Lebens". Hierher gehören die Aktual- und Situationsgefühle (Spannung/Entspannung, Belastung/Spaß, Ekel/Gefallen, Widerwillen/„es passt mir"). Noch konditionierbar, aber schwerer.
Persönlichkeits-Psyche
Persönlichkeitszüge (z.B. ängstliche, depressive, hysterische Persönlichkeit), typische Reaktionsmuster, Temperament. Kaum mehr konditionierbar, kann aber ein Stück weit „überlernt" werden; gibt dem Verhalten die vitale Färbung.
Existentielle Psyche
Vitale Grundstimmung und existentielle Stimmungslage — die Resonanzbereitschaft für den Lebensvollzug; alle Stimmung spiegelt das Erleben des In-der-Welt-Seins. Konditionierung ist hier kaum mehr möglich; Einfluss geschieht über Arbeit an Einstellungen, Haltungen, Werten und Denken.
Frankls Parallelismus vs. Längles Interaktionismus
Psyche und Körper laufen parallel.
Die Person oberhalb beider — sie kann zustimmen oder Widerstand leisten.
Klare hierarchische Schichtung: noetisch · psychisch · physisch.
Modell: trotzdem-Ja-sagen-Können der Person zum kranken Leib.
Körper, Psyche, Person durchdringen einander.
Wechselseitiges Hin-und-Her — Weizsäckers Gestaltkreis.
Keine reine Schichtung, sondern fortwährende Resonanz.
Modell: der Leib ist Ausdrucksfeld der Seele — er spricht für sie.
Das Störungsmodell · Blockade der 2. + 3. GM
Längle (2009) beschreibt das typische Profil bei Psychosomatosen: 2. und 3. GM gleichzeitig und gleich stark blockiert. In der 2. GM kommt es durch Verletzungen und Mängelerlebnisse in Beziehungen zur Verarmung der Näheerlebnisse und der Gefühle — das subjektiv empfundene Mögen fällt als Orientierungsgröße aus, an seine Stelle treten Normen, Pflichten und Vorgaben. In der 3. GM führen Unberechenbarkeit in Beziehungen und fehlendes Gesehen-Werden als Person zu Selbstunsicherheit und Selbstentfremdung bis zur Dissoziation der Gefühle für sich selbst — das Gespür für das persönlich Richtige fehlt (Alexithymie-Symptomatik). 1. und 4. GM bleiben funktionstüchtig und reagieren kompensatorisch-überschießend: Sachlichkeit, Konkretheit, Anbindung ans Faktische (1. GM) und Funktionalität, Zweckorientierung (4. GM) — der typische funktionale Aktivismus. Der Selbstwert verschiebt sich auf das Können (3.→1. GM), Freude gibt es nur noch in Zielerfüllung und Erfolg (2.→4. GM). Weil das gefühlte Innenleben fehlt, bekommt der Körper mehr Gewicht: er wird — versachlicht, als Objekt behandelt — gemeinsam mit der Leistung zur verbleibenden Ausdrucksfläche. Die „Organwahl" erklärt Längle über das somatische Entgegenkommen (Disposition, Vorschädigung) und die körperlichen Repräsentanzen der GM (Lunge → Raum/Halt, Herz-Kreislauf → Leben/Nähe, Magen-Darm/Immunsystem → Abgrenzung/Aneignung, Muskulatur → Handeln/Kontext).
Therapie
Im PEA-Prozess sind bei Psychosomatose Eindruck (PEA-1) und Stellungnahme (PEA-2) reduziert: die gestörte Gefühlswelt schmälert die Eindrucksfähigkeit, das gestörte Gespür das Sich-abgrenzen-Können — anfangs pathogenetisch, im Verlauf krankheitserhaltend. Die Behandlung berücksichtigt drei Ebenen (Längle 2009): (a) symptomatisch — Schmerzreduktion, Schlafstörungen, psychosoziale Hilfe; (b) körperlich — Modifizierung vegetativer Reaktionen (Entspannungsverfahren, Körpertherapien, ggf. Medikation); (c) psychisch-ursächlich — konflikt- und belastungszentrierte Psychotherapie an den Themen der 2. und 3. GM: Klärung der Mangelerlebnisse und Verletzungen, Einstellung zu Gefühlen und Selbstannahme, Beziehungsklärung — und vor allem Erklären und Üben des Fühlens und Stellungnehmens (z.B. emotionales Durchgehen konkreter erlebter Situationen). Der Zugang zur Psyche führt dabei nicht über die Kognition, sondern über das Erleben und Üben — „die Psyche ist Empfinden" (Längle 2019). Nicht das Symptom wegmachen, sondern dem Leib das Wort geben: sonst wird, bildlich gesprochen, „statt das Feuer zu bekämpfen, der Brandmelder abgeschaltet".
Fall-Beispiel
„Es ist immer zu laut — aber ich bin auch immer zu viel"
Mann, 47, Manager, kommt mit Tinnitus und Reizdarm. Anamnese: 70-Stunden-Wochen, „kein Wehleidiger". Phänomenologisch: er kann nicht sagen, was er mag (2. GM blockiert) und was er von sich hält jenseits der Leistung (3. GM blockiert), funktioniert dafür hochpräzise (1./4. GM überschießend). Im PEA 1 wird das Tinnitus-Geräusch zum Sprecher: „Es ist immer zu laut. Aber ich bin auch immer zu viel." Über Monate lernt er Pausen, Spaziergänge ohne Telefon, kleine Genüsse — die Symptome rücken in den Hintergrund. Nicht weil sie weggemacht wurden, sondern weil das, was sie zu sagen hatten, gehört wurde.
Verbindungen
Längle, A. (2009) · Das eingefleischte Selbst. Existenz und Psychosomatik. Existenzanalyse 26/2, 13-34Längle, A. (2019) · Die Psyche macht's (un)möglich. Existenzanalyse 36/2, 26-40 — vier PräsenzformenWeizsäcker, V. v. (1940) · Der Gestaltkreis · pathische KategorienThomas von Aquin · anima forma corporis (über Längle 2009)