Störungen · Leib-Seele-Einheit

Psychosomatik

Psychosomatik ist für Längle nicht Übersetzung von Psyche in Körper, sondern leibhaftiges Sein, in dem sich der Mensch über alle vier Dimensionen hinweg ausdrückt.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle ersetzt Frankls psychophysischen Parallelismus durch ein Modell der wechselseitigen Durchdringung: Körper, Psyche, Person und Existenzvollzug stehen in einem ständigen „Hin und Her" — Weizsäckers Gestaltkreis. Der Körper ist „Ausdrucksfeld der Seele" (Thomas: anima forma corporis). Somatische Symptome sind Sprache des Leibes. Psychosomatosen (Längle 2009): Blockade der 2. und 3. GM bei überschießender Reaktion in 1. und 4. GM → typischer funktionaler Aktivismus.

Drei Formen der Leiblichkeit

1

Leib-Sein

Der unmittelbare, gelebte Leib. Ich bin mein Spüren, mein Atmen, meine Müdigkeit. Die phänomenale Grundform, in der ich mir vor jeder Reflexion gegeben bin.

2

Körper-Haben

Der Körper als Werkzeug, Träger, Objekt. Ich habe einen Körper, der trägt, leistet, gepflegt wird. Reflexionsdistanz, sportliche Selbstoptimierung, medizinische Behandlung.

3

Körper, der mich hat

Der Körper als Macht über mich. Ich werde von ihm gehabt — in Krankheit, Erschöpfung, Sucht, Trieb. Der Leib spricht und ich kann ihn nicht überhören.

Vier Präsenzformen der Psyche (Längle 2019)

1

Körper-Psyche

Körperliche Triebe (Hunger, Durst, Sexualität, Bewegungsdrang), die als Bedürfnisse psychisch in Erscheinung treten; Rhythmen (Tag-Nacht, vegetative Rhythmen). Von großer Regelhaftigkeit geprägt — und darum besonders leicht konditionierbar (deshalb helfen „Rituale" beim Einschlafen).

2

Lebens-Psyche

Affekte, Lust, Instinktansätze — sie geben der Motivation ihre Kraft und den Werten ihren Glanz, sind der „Saft des Lebens". Hierher gehören die Aktual- und Situationsgefühle (Spannung/Entspannung, Belastung/Spaß, Ekel/Gefallen, Widerwillen/„es passt mir"). Noch konditionierbar, aber schwerer.

3

Persönlichkeits-Psyche

Persönlichkeitszüge (z.B. ängstliche, depressive, hysterische Persönlichkeit), typische Reaktionsmuster, Temperament. Kaum mehr konditionierbar, kann aber ein Stück weit „überlernt" werden; gibt dem Verhalten die vitale Färbung.

4

Existentielle Psyche

Vitale Grundstimmung und existentielle Stimmungslage — die Resonanzbereitschaft für den Lebensvollzug; alle Stimmung spiegelt das Erleben des In-der-Welt-Seins. Konditionierung ist hier kaum mehr möglich; Einfluss geschieht über Arbeit an Einstellungen, Haltungen, Werten und Denken.

Frankls Parallelismus vs. Längles Interaktionismus

Frankl · psychophysischer Parallelismus

Psyche und Körper laufen parallel.

Die Person oberhalb beider — sie kann zustimmen oder Widerstand leisten.

Klare hierarchische Schichtung: noetisch · psychisch · physisch.

Modell: trotzdem-Ja-sagen-Können der Person zum kranken Leib.

Längle · Interaktionismus (Gestaltkreis)

Körper, Psyche, Person durchdringen einander.

Wechselseitiges Hin-und-Her — Weizsäckers Gestaltkreis.

Keine reine Schichtung, sondern fortwährende Resonanz.

Modell: der Leib ist Ausdrucksfeld der Seele — er spricht für sie.

Das Störungsmodell · Blockade der 2. + 3. GM

Längle (2009) beschreibt das typische Profil bei Psychosomatosen: 2. und 3. GM gleichzeitig und gleich stark blockiert. In der 2. GM kommt es durch Verletzungen und Mängelerlebnisse in Beziehungen zur Verarmung der Näheerlebnisse und der Gefühle — das subjektiv empfundene Mögen fällt als Orientierungsgröße aus, an seine Stelle treten Normen, Pflichten und Vorgaben. In der 3. GM führen Unberechenbarkeit in Beziehungen und fehlendes Gesehen-Werden als Person zu Selbstunsicherheit und Selbstentfremdung bis zur Dissoziation der Gefühle für sich selbst — das Gespür für das persönlich Richtige fehlt (Alexithymie-Symptomatik). 1. und 4. GM bleiben funktionstüchtig und reagieren kompensatorisch-überschießend: Sachlichkeit, Konkretheit, Anbindung ans Faktische (1. GM) und Funktionalität, Zweckorientierung (4. GM) — der typische funktionale Aktivismus. Der Selbstwert verschiebt sich auf das Können (3.→1. GM), Freude gibt es nur noch in Zielerfüllung und Erfolg (2.→4. GM). Weil das gefühlte Innenleben fehlt, bekommt der Körper mehr Gewicht: er wird — versachlicht, als Objekt behandelt — gemeinsam mit der Leistung zur verbleibenden Ausdrucksfläche. Die „Organwahl" erklärt Längle über das somatische Entgegenkommen (Disposition, Vorschädigung) und die körperlichen Repräsentanzen der GM (Lunge → Raum/Halt, Herz-Kreislauf → Leben/Nähe, Magen-Darm/Immunsystem → Abgrenzung/Aneignung, Muskulatur → Handeln/Kontext).

Vertiefung · Larvierte Depression + larvierte Hysterie — die reziproke Inhibition

Psychopathologisch versteht Längle die Psychosomatose als Zusammentreffen zweier Störungsbilder in verdeckter Form: Die blockierte 2. GM müsste in die Depression führen, die blockierte 3. GM in die Hysterie — beide erscheinen aber durch ihre Gegenläufigkeit larviert und hemmen sich wechselseitig. Die Depression wird durch den hysterischen Verarbeitungsmodus an ihrer regressiven Tendenz gehindert und nach außen gewendet — sie „fällt auf den Körper": ein Nicht-Funktionieren des Körpers gilt als Ursache des Leidens. Die Hysterie wird durch das depressive Gewicht gebremst, ihre Dynamik „verharzt" und geht im Funktionalismus auf. Die Gegenläufigkeit erzeugt eine konstante innere Spannung. Nosologisch rückt die Psychosomatose damit in die Nähe der Persönlichkeitsstörungen (zwei GM betroffen — dort dominiert aber je eine); sekundär entsteht über den inneren Haltverlust auch eine nicht gefühlte Verunsicherung (1. GM), die sich als muskuläre Daueranspannung und Stress rein somatisch auswirkt.

Vertiefung · Empirie und Komorbidität

Psychosomatische Krankheiten finden sich vergesellschaftet mit PTSD, Abhängigkeitserkrankungen, Depression, Panikstörung und Borderline (Uexküll, Leweke). Rudolf (2008) fand — in einer kleinen Studie — bei 100 % der Patienten massive frühe biographische Belastungen, dominierend die Nicht-Verfügbarkeit der elterlichen Bezugsperson (86 %), und spricht von „depressiver Somatisierung"; dazu eine starke Leistungsorientierung (95 %), oft schon als vorzeitige Verantwortungsübernahme im Kindesalter. Typisch ist die Alexithymie: Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren und zu beschreiben, Phantasiearmut, external orientierter Denkstil. Sehr frühe, vorsprachliche Schädigungen sind weder erinnerlich noch verbal zugänglich — sie bedürfen der personalen Begegnung mit phänomenologischer Schau und Empathie (Längle 2019).

Therapie

Im PEA-Prozess sind bei Psychosomatose Eindruck (PEA-1) und Stellungnahme (PEA-2) reduziert: die gestörte Gefühlswelt schmälert die Eindrucksfähigkeit, das gestörte Gespür das Sich-abgrenzen-Können — anfangs pathogenetisch, im Verlauf krankheitserhaltend. Die Behandlung berücksichtigt drei Ebenen (Längle 2009): (a) symptomatisch — Schmerzreduktion, Schlafstörungen, psychosoziale Hilfe; (b) körperlich — Modifizierung vegetativer Reaktionen (Entspannungsverfahren, Körpertherapien, ggf. Medikation); (c) psychisch-ursächlich — konflikt- und belastungszentrierte Psychotherapie an den Themen der 2. und 3. GM: Klärung der Mangelerlebnisse und Verletzungen, Einstellung zu Gefühlen und Selbstannahme, Beziehungsklärung — und vor allem Erklären und Üben des Fühlens und Stellungnehmens (z.B. emotionales Durchgehen konkreter erlebter Situationen). Der Zugang zur Psyche führt dabei nicht über die Kognition, sondern über das Erleben und Üben — „die Psyche ist Empfinden" (Längle 2019). Nicht das Symptom wegmachen, sondern dem Leib das Wort geben: sonst wird, bildlich gesprochen, „statt das Feuer zu bekämpfen, der Brandmelder abgeschaltet".

Fall-Beispiel

Fall· Praxis-Anamnese

„Es ist immer zu laut — aber ich bin auch immer zu viel"

Mann, 47, Manager, kommt mit Tinnitus und Reizdarm. Anamnese: 70-Stunden-Wochen, „kein Wehleidiger". Phänomenologisch: er kann nicht sagen, was er mag (2. GM blockiert) und was er von sich hält jenseits der Leistung (3. GM blockiert), funktioniert dafür hochpräzise (1./4. GM überschießend). Im PEA 1 wird das Tinnitus-Geräusch zum Sprecher: „Es ist immer zu laut. Aber ich bin auch immer zu viel." Über Monate lernt er Pausen, Spaziergänge ohne Telefon, kleine Genüsse — die Symptome rücken in den Hintergrund. Nicht weil sie weggemacht wurden, sondern weil das, was sie zu sagen hatten, gehört wurde.

Quellen
  • Längle, A. (2009) · Das eingefleischte Selbst. Existenz und Psychosomatik. Existenzanalyse 26/2, 13-34
  • Längle, A. (2019) · Die Psyche macht's (un)möglich. Existenzanalyse 36/2, 26-40 — vier Präsenzformen
  • Weizsäcker, V. v. (1940) · Der Gestaltkreis · pathische Kategorien
  • Thomas von Aquin · anima forma corporis (über Längle 2009)