Psychodynamik · Schmerz und Schutzgewebe
Hinter jeder hysterischen Reaktion steht ein zentraler Schmerz — der Schmerz des Nicht-Person-sein-Könnens — und ein affektives Gedächtnis, das auf drei Themen „allergisch" reagiert.
Drei Schmerztypen — drei Sensibilisierungsachsen
Enge und Druck → Pein, Peinlichkeit
Ursprung: von außen (in die Enge treibende Lebensumstände, Rollen, Festschreibungen, Tabus) und von innen (Selbstansprüche, Triebspannungen — vor allem das Nicht-zu-sich-selber-stehen-Können, auch als Entscheidungsunreife). Schmerz: Pein; Peinlichkeit, wenn Enge/Druck mit Selbstwert und Scham verbunden ist. Copingreaktionen: auf Distanz gehen, Aktivismus (Überspielen), Ärger/Zorn, Totstellreflex (Verstecken, Masken-, Scheinverhalten). Starker Druck kann zum hysterischen Anfall führen.
Verletztheit → Ekel, Grauen
Ursprung: Verletzungen der persönlichen Grenze — Missbrauch, Verwendet-Werden, Vergewaltigung; häufig im Bereich der Sexualität, aber auch „asexuelle Vergewaltigungen" von Gefühlen, Nähe, Intimität und Eigenständigkeit. Schmerz: Grausen und Ekel als typische Begleitgefühle der verletzten personalen Grenze; die Erinnerung bleibt „grau", leblos, emotionslos.
Verlassene Einsamkeit → Qual
Ursprung: äußere Form — schmerzlichst erlebtes Verlassen- und Alleingelassen-Werden (besonders durch die Mutter und ihre Wärme), seelisches Allein-Lassen, fehlendes Einstehen und Schützen. Innere Form — entsteht praktisch ständig als Folge der hysterischen Veräußerlichung und der fehlenden Mitte: Handeln wird „fremdgeleitet", Wünsche ersetzen den Willen (das erklärt zum Teil die Suggestibilität).
Die vier hysterischen Copings
Distanz
Ausweichen aus dem Schmerz
Hysterische Spezifik: Distanzierung über Theatralik — die Bühne als Abstand. Man inszeniert, statt zu sein.
Aktivismus
Wirbel als Existenz-Beweis
Hysterische Spezifik: zentrifugale Veräußerlichung. „Wenn ich mich bewege, bin ich." Pausen sind unaushaltbar — in ihnen taucht die Leere auf.
Aggression
Zorn, Ärger — Groll, Trotz
Hysterische Spezifik: Ärger und Zorn als Aggressionsformen der Abgrenzung; appellativ, Druck machend, fordernd bis erpresserisch. Sie soll nicht zerstören, sie soll zwingen — zur Aufmerksamkeit, zur Reaktion, zum Mit-Spielen.
Totstellreflex
Dissoziation · Spaltung · Leugnung
Hysterische Spezifik: Verstecken, Maskenverhalten, Scheinverhalten — bis zur Dissoziation (Spaltung, Leugnung) und zum körperlichen Symptom: Lähmung, Aphonie, Dämmerzustand.
Der hysterische Anfall als „subjektive Vergewaltigung"
- Ein starker Druck kann zum bekannten hysterischen Anfall führen — die Person fühlt sich dabei subjektiv wie „vergewaltigt", überschwemmt vom Schmerz.
- Längles Farbsemantik der Verletztheits-Achse: grau → gräulich → grauenhaft → Grausen → Ekel. Die Sprache verfärbt das Empfinden — von der Indifferenz bis zur leiblichen Abwehr.
- „Asexuelle Vergewaltigungen" der Nähe: übergriffige Umarmungen, ungewollte Vertraulichkeit, vereinnahmende Fürsorge. Sie können das Grauen-Erleben genauso einprägen wie sexuelle Übergriffe.
- Wünsche statt Wille: weil keine Mitte da ist, von der aus eine Stellungnahme käme, bleibt nur das Wünschen — diffus, wechselnd, abhängig vom Außen. Wille wäre ein „Ja, weil ich es so will" — der Hysteriker hat nur „Ja, wenn du es willst".
Fall-Beispiel
Tränen-Drama bei Terminverspätung
Die Patientin reagiert auf jede therapeutische Verspätung (5 Minuten) mit weinerlichem Drama — „Sie haben mich vergessen, ich habe gewusst, dass das passiert." Anamnestisch: Mutter emotional unerreichbar, Vater oft auf Geschäftsreise. Sensibilisierung auf die Qual-Achse — verlassene Einsamkeit. Coping: Druckmachen über Tränen ist die Veräußerlichung dieses Qual-Schmerzes. Therapeutische Hypothese: in der Mitte sitzt das Kind, das gewusst hat, dass es nicht ankommt — und nie mehr will, dass das jemand merkt.
Verbindungen
Längle, A. (1999/2002) · Handout: Psychodynamik der Pathogenese (aus: Hysterie, Facultas)Längle, A. (1994/97/01) · EA-Tafel: Psychopathologie — PsychopathogeneseMentzos, S. · Hysterische Konfliktverarbeitung