Störungen · Psychodynamik

Psychodynamik · Schmerz und Schutzgewebe

Hinter jeder hysterischen Reaktion steht ein zentraler Schmerz — der Schmerz des Nicht-Person-sein-Könnens — und ein affektives Gedächtnis, das auf drei Themen „allergisch" reagiert.

Meta · 60-Sekunden-Take

Längle macht den Schmerz zum Ankerpunkt. Doppelter Schutz: Anästhesie (Schutzwall des Schutzgewebes) und zentrifugale Veräußerlichung. Drei affektive Unverträglichkeiten: Enge/Druck (Pein, Peinlichkeit), Verletztheit (Ekel, Grauen) und verlassene Einsamkeit (Qual). Sensibilisierung führt zu überschießenden Copings: Distanz, Aktivismus, Aggression, Totstellreflex. Chronifizieren sich die Copings → Hysterifizierung.

Drei Schmerztypen — drei Sensibilisierungsachsen

1

Enge und Druck → Pein, Peinlichkeit

Ursprung: von außen (in die Enge treibende Lebensumstände, Rollen, Festschreibungen, Tabus) und von innen (Selbstansprüche, Triebspannungen — vor allem das Nicht-zu-sich-selber-stehen-Können, auch als Entscheidungsunreife). Schmerz: Pein; Peinlichkeit, wenn Enge/Druck mit Selbstwert und Scham verbunden ist. Copingreaktionen: auf Distanz gehen, Aktivismus (Überspielen), Ärger/Zorn, Totstellreflex (Verstecken, Masken-, Scheinverhalten). Starker Druck kann zum hysterischen Anfall führen.

2

Verletztheit → Ekel, Grauen

Ursprung: Verletzungen der persönlichen Grenze — Missbrauch, Verwendet-Werden, Vergewaltigung; häufig im Bereich der Sexualität, aber auch „asexuelle Vergewaltigungen" von Gefühlen, Nähe, Intimität und Eigenständigkeit. Schmerz: Grausen und Ekel als typische Begleitgefühle der verletzten personalen Grenze; die Erinnerung bleibt „grau", leblos, emotionslos.

3

Verlassene Einsamkeit → Qual

Ursprung: äußere Form — schmerzlichst erlebtes Verlassen- und Alleingelassen-Werden (besonders durch die Mutter und ihre Wärme), seelisches Allein-Lassen, fehlendes Einstehen und Schützen. Innere Form — entsteht praktisch ständig als Folge der hysterischen Veräußerlichung und der fehlenden Mitte: Handeln wird „fremdgeleitet", Wünsche ersetzen den Willen (das erklärt zum Teil die Suggestibilität).

Die vier hysterischen Copings

1

Distanz

Ausweichen aus dem Schmerz

Hysterische Spezifik: Distanzierung über Theatralik — die Bühne als Abstand. Man inszeniert, statt zu sein.

2

Aktivismus

Wirbel als Existenz-Beweis

Hysterische Spezifik: zentrifugale Veräußerlichung. „Wenn ich mich bewege, bin ich." Pausen sind unaushaltbar — in ihnen taucht die Leere auf.

3

Aggression

Zorn, Ärger — Groll, Trotz

Hysterische Spezifik: Ärger und Zorn als Aggressionsformen der Abgrenzung; appellativ, Druck machend, fordernd bis erpresserisch. Sie soll nicht zerstören, sie soll zwingen — zur Aufmerksamkeit, zur Reaktion, zum Mit-Spielen.

4

Totstellreflex

Dissoziation · Spaltung · Leugnung

Hysterische Spezifik: Verstecken, Maskenverhalten, Scheinverhalten — bis zur Dissoziation (Spaltung, Leugnung) und zum körperlichen Symptom: Lähmung, Aphonie, Dämmerzustand.

Der hysterische Anfall als „subjektive Vergewaltigung"

Vertiefung · „Wirbel/Tornado" — außen Lärm, innen Leere

Längles Bild: ein Tornado mit viel Bewegung am Rand und einer stillen, leeren Mitte. Das ist die phänomenologische Signatur der Hysterie. Im Außen geschieht alles — Theatralik, Drama, Verführung, Wut, Tränen. Geht man auf die Mitte zu, findet man nichts. Genau dort sitzt der abgewehrte Schmerz; und genau dort sitzt auch das, was therapeutisch entstehen muss: eine personale Mitte, von der aus gelebt werden kann.

Vertiefung · Mentzos · hysterische Konfliktverarbeitung

Stavros Mentzos hat die hysterische Konfliktverarbeitung als einheitlichen Prozess beschrieben, der sich in unterschiedlichen Symptomen kleidet — Konversion, Dissoziation, histrionisches Verhalten. Längle übernimmt die Einheitsidee und verbindet sie mit der personalen EA: der gemeinsame Nenner ist der Schmerz des Nicht-Person-sein-Könnens, die Form der Verarbeitung variiert mit Biographie und Belastung.

Fall-Beispiel

Fall· Therapieverlauf

Tränen-Drama bei Terminverspätung

Die Patientin reagiert auf jede therapeutische Verspätung (5 Minuten) mit weinerlichem Drama — „Sie haben mich vergessen, ich habe gewusst, dass das passiert." Anamnestisch: Mutter emotional unerreichbar, Vater oft auf Geschäftsreise. Sensibilisierung auf die Qual-Achse — verlassene Einsamkeit. Coping: Druckmachen über Tränen ist die Veräußerlichung dieses Qual-Schmerzes. Therapeutische Hypothese: in der Mitte sitzt das Kind, das gewusst hat, dass es nicht ankommt — und nie mehr will, dass das jemand merkt.

Quellen
  • Längle, A. (1999/2002) · Handout: Psychodynamik der Pathogenese (aus: Hysterie, Facultas)
  • Längle, A. (1994/97/01) · EA-Tafel: Psychopathologie — Psychopathogenese
  • Mentzos, S. · Hysterische Konfliktverarbeitung